Freitag Morgen

So war also der Freitag Morgen gekommen. Geplant war, vormittags noch in der Klinik present zu sein und nachmittags nach München zu fahren. Das Hotelzimmer war gebucht, die Vortragsreihe bis auf den letzten Platz ausgebucht.  Max Schmeisser und Josef Brandmayr waren für die Sicherheit von Selina und meiner Tochter verantwortlich und würden auch die Nacht im Palais verbringen. Die beiden hatte ich persönlich bei der Polizei abgeworben und mit ihnen unsere Security aufgebaut. Beiden verdankte ich mit an Sicherheit  grenzender Wahrscheinlichkeit mein Leben, zumindest aber, dass ich nach mehreren Attentaten durch Viktor Lejbosch wieder völlig hergestellt werden konnte. Ich hatte ihnen ein Angebot gemacht, dass sie nicht ablehnen konnten. Die Beiden waren jeden Cent wert und wir haben bis heute auch ein sehr gutes persönliches Vertrauensverhältnis.  Für mich war noch immer nicht wirklich entschieden , wie wir in München meine Sicherheit gewährleisten konnten. Selina griff die Frage am Frühstückstisch auf und war nicht begeistert, dass ich ausgerechnet die Besten bei ihr ließe und für mir mich noch keine Vorkehrungen getroffen hatte. Ich redete mich damit hinaus, dass ich diesen Karmann von der Polizei festsetzen lassen wollte. Man würde sehr schnell feststellen, dass er die Briefe nicht nur in der Hand gehabt, sondern auch geschrieben hatte. Sollten sie wirklich auf Tommys Drucker verfasst worden sein, erübrigte sich eine weitere Schonung seiner Person. Ich war nicht bereit einem kriminellen Jugendlichen weiterhin den Lebensunterhalt zu finanzieren, hoffte allerdings, dass sich seine Unschuld herausstellen würde. Ein Übergriff auf mich bei der Vortragsreihe war daher ziemlich unwahrscheinlich, ebenso wie Einer auf die Beiden, aber ich hielt die Gefahr für Sel und Mel für größer.

Max hatte seine Ex-Kollegen davon informiert und die Beweise an sie weitergegeben um Alex Karmann einzuvernehmen und vorläufig zu inhaftieren. Ob und inwiefern Tommy in die Drohbriefaktion verwickelt war, würde sich herausstellen. Karmann musste die Idee irgendwoher haben. Dem Text der Briefe zufolge ging es um eine erlebte Enttäuschung durch Michael und ich hätte nicht gewusst, wann und wodurch ich Karmann eine solche zugefügt haben sollte.

In der Klinik kam plötzlich Selina in mein Büro. "Michael, für deine Mutter sieht es gut aus. Ich kann es natürlich nicht versprechen, aber wir haben schon weiter Fortgeschrittene  erfolgreich behandelt." - "Das ist erfreulich!" - " Ich möchte, dass du mich kurz begleitest, wenn ich zu ihr gehe. Was hältst du davon?" - "Wenn du das möchtest. Wann wäre das?" - "Kannst du jetzt gleich?" - "Ich wusste es. Ich kenne deine Überrasschungsangriffe." Ich stand auf, ging um den Schreibtisch und nahm ihre Hand. "Aber du hast Recht, Liebes. Es tut nicht weh, mich wieder mal bei ihr sehen zu lassen." Wir gingen zu ihr. Sie freute sich sichtlich, dass wir beide zu ihr kamen. "Hallo Mutter! Wie gehts dir denn heute?" Ich küsste sie auf die Wange. Ich wollte mir vor Selina nicht die Blöße geben, wieder unbeholfen und verlegen rumzustehn. Mutter freute sich offenbar sehr über diese Geste, auf die sie früher nicht den geringsten Wert gelegt hatte und sie ließ auch meine Hand nicht mehr los. "Wie schön, dass du heute mit Selina gekommen bist, Michael! Ich bin so froh, dass du mir vergeben hast..." - "Es ist schon gut, Mutter. Mein Schatz hat gute Nachrichten für dich. Selina, würdest du..." Selina hatte mir einen Stuhl herangebracht, so dass ich keine Chance hatte, von Mutter meine Hand zurückzubekommen. Sie lächelte triumphierend. Selina hatte mir oft erklärt, dass gerade diese Kleinigkeiten einem Kranken großen Auftrieb geben und meinen guten Start heute mit Mutter sofort ausgenutzt. Auch sie holte sich nun einen Stuhl und setzte sich neben mich. "Ja, Renate, ich habe die Ergebnisse der letzten Untersuchungen bekommen. Dr. Glimpf ist zuversichtlich und auch ich glaube, dass wir gute Chancen haben dich wieder gesund zu kriegen. Ich muss dir aber auch sagen, dass es nicht immer funktioniert. Eine Garantie gibt es nie, aber es sieht so aus, als könnte man deinen Krebs noch einkreisen. Dann könntest du sehr bald wieder ein sorgenfreies Leben führen!" - "Ach Selina, sorgenfrei werd ich nie mehr leben, selbst wenn wir den Krebs besiegen sollten. Ich bin hoch verschuldet und wahrscheinlich verliere ich gerade alles, was ich noch habe." - "Aber Renate, dein Sohn ist nicht arm! Er wird dich sicher nicht im Stich lassen! Außerdem würde ich ihm das nie erlauben! Ich bin schließlich seine Frau, aber er würde es von sich aus nicht zulassen, dass du dahinvegetieren musst! Nicht wahr, Liebling?" Dieses kleine Biest hatte wieder einmal alle Register gezogen...

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