Hand
Sie war vor längerer Zeit eingeschlafen, doch nun musste er sie wecken. Langsam und behutsam.

Allmählich, noch ganz betäubt, begann sie zu erwachen.

Als er sah, wie sie sich regte, erfuhr ihn ein Kribbeln, ein Kribbeln das seinen ganzen Körper einnahm, ihn vollständig ausfüllte. Die Körperteile, die ihr am nächsten waren, ihre Wärme spürten, waren von diesem unsagbar schönen Gefühl am meisten betroffen.

Noch etwas Schlaf trunken, begann sie sich weiter zu regen, leicht zuckten ihre Glieder. Ihre Bewegungen waren noch vom Schlaf betäubt und daher ruckhaft. Sie formte einen Ring, dann streckte sie sich in ganzer Länge. Rhythmisch ließ sie ihre Glieder tanzen um dem Schlaf zu entkommen.

Doch der Schlaf ließ sich nicht so leicht abschütteln, trotz all ihrer Bewegungen entging ihm ihre Schlaftrunkheit nicht.

Er hätte sie nur allzu gerne weiterschlafen lassen, erholen von den Strapazen der letzten Tage.

Aber er wollte sicher gehen, dass niemand sie ihm genommen hatte. Er liebte sie einfach, so wie sie war. Den Rumpf breit, die Glieder lang und alles in allem etwas zu klein um vollkommen zu sein. Sie war nicht perfekt, aber diesen Anspruch hätte er nie erhoben. Denn nur sein Glück und das Unglück eines anderen hatte sie ihm in die Hände gespielt. Nie hätte er erwartet noch ein Mal, dieses magische Kribbeln zu spüren. Nun durfte er es ein ganzes Leben lang mit ihr spüren. Es war ein Glück, dass er nicht begreifen konnte und doch wusste er wie viel wert es war. Unbezahlbar war dieses eine Gefühl, genau wie sie in unbezahlbares Gut war, dass er nie, nie mehr missen wollte.

Die Taubheit lies nach und mit zunehmender Wachheit zierte sie sich ihre Bewegungen so stürmisch und kraftvoll auszuführen. Die Bewegungen wurden graziler, feiner, anmutiger und bestimmbarer.

Das Kribbeln ebbte ab, je mehr sie erwachte. Das Gefühl des Glücks und der Freude blieb. Er sah sie mit forschendem Blick an. Ruhig lag sie vor ihm, doch ihre Wachheit war unverkennbar. Sie signalisierte ihm, dass sie nun wieder für ihn da sei. Der Schlummer, der so tief gewesen war, hatte geendet. Sie liebte ihn ebenso, er hatte sie vor dem sicheren Tod bewahrt und ihr das Leben geschenkt. Das größte Unglück war ihr widerfahren, doch er hatte daraus Glück gemacht. Dieses Glück hatte sich jeder Zelle angelagert und das spürte sie.

Er war so wunderbar.

Sie war so wunderbar, seine neue transplantierte Hand.

Nun, das sie ganz wach geworden, ballte er sie, mit aller Kraft und streckte sie empor.

"Von der Hand zur Faust, möge mein neues Glück, auch morgen noch bestehen."

Kommentare

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    so cool! den text mag ich sehr gern

beta
Feenstaub

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