Heimat ist...

 

Heimat, so sagt es Wikipedia, sei ein Raum der in Beziehung zu einem Menschen stünde, in welchen man hineingeboren würde und sich dort die ersten Sozialisationserlebnisse prägen würden. Soviel dazu.

 

Für mich selbst ist der Begriff Heimat schwer zu fassen. Ich wohnte bis zu meinem elften Lebensjahr in Mainz-Kostheim, was wie Mainz-Kastel trotz des Namens zu Wiesbaden gehört. Meine Mutter, mein Bruder und ich zogen um, als mein Vater uns sprichwörtlich vor die Tür setzte um seiner Geliebten Platz zu machen. Ich muss dazu sagen, dass mir die Erinnerungen im Haus viel bedeuteten. Einiges Schönes und lehrreiches hatte ich dort erlebt, doch mit der Zeit und den ewigen Rechtsstreitereien begann ich das Haus zu fürchten und verdrängen. Doch war es nicht das Haus, es waren die Menschen, die dazu führten. Das Resultat: diese Heimat ist für mich verloren.

In Mainz-Kastel fanden wir drei eine neue Bleibe. Wo ich neun Jahre verweilte. Kastel ist für mich wirklich eine Heimat geworden, auch wenn ich das nicht an der Wohnung fest machen will. Ich brauche nur die Augen zu schließen um den Rhein an den Rheinwiesen vorbei ziehen zu sehen. Mit meinem besten Freund am Ufer genüsslich einen Döner zu verspeisen. Oder mit meinem Patenonkel unser Marathon-Training zu absolvieren. Immer wieder schlängelt sich der schwarzblaue Strom durch meine Gehirnwindungen. Immer wieder steigt mir sein würzig, frisches Aroma in die Nase und immer wieder falle ich unter seinen hypnotischen Bann. Der Rhein ist ein Stück (Heimat) von mir. Auch meine geliebte Stadtteilbibliothek in der ich so viele Stunden zwischen netten Menschen und Massen von Büchern verbracht habe ist Heimat. Und wenn ich bei Menschen bin, so will ich auch die vielen anderen Freunde und ganz besonders meine Mutter und meinen Bruder erwähnt haben. Da Heimat, ohne geliebte Menschen und ganz besonders so einzigartige wie diese, nicht möglich wäre.

Es sind die Erinnerungen und die Erlebnisse mit Mensch und Natur die mich stets in Kastel beflügeln. So sehr, dass ich Geschichten über die Stadt am Rhein schreibe, damit sie auch andere kennen lernen können.

Heute im Alter von zwanzig Jahren eröffnet sich ein neues Kapitel, fern ab von meiner Heimat.

Zwar mag Halle an der Saale mit seinem Fluss auch ganz ansehnlich sein, doch würde ich sie nicht mit "meinem" Rhein gleichsetzen wollen. Nie sind die Windungen so lieblich, dass Wasser so schnell und schon gar nicht so aromatisch im Geruch. Doch hat auch Halle in den wenigen Monaten meines Daseins, einen Platz in meinem Herzen verdient. Und wieder ist es nicht der Ort, sondern die Menschen mit denen ich meine Zeit teile. Zwei sind mir so ans Herz gewachsen, dass wir eine Studenten-WG gründen werden um dem aktuellen Wohnhaus zu entfliehen. Denn glücklich sind wir in diesen Mauern nicht mehr...

 

Heimat, das ist ganz kurz gesagt, ein Gefühl der Geborgenheit und Vertrautheit. Ein mehr als schönes Gefühl. Heimat ist dort wo mir Leben Spaß macht.

 

Doch was ist mit anderen Menschen? Unwahrscheinlich dass sie alle einen gleichen oder gar ähnlichen Heimatbegriff besitzen und doch scheint er ihnen allen sehr wichtig zu sein.

 

Es ist kaum möglich von der Flüchtlingsproblematik noch nichts erfahren zu haben. Und doch gibt es einige die sie klein reden oder ihr fast schon verschwörerische Züge verleihen. PEGIDA, AFD und wer noch seine "Besorgnis" Kund tun will, tut es in diesen Tagen und überschreitet dabei gerne mal das Maß der Meinungsfreiheit. Das sollte Grund zur Sorge sein, denn in diesem Sumpf des braunen Gedankengutes, gehen unsere Werte, aber auch der Blick für das Wesentliche verloren.

 

60 Millionen Menschen flüchten auf der ganzen Welt, die meisten innerstaatlich, doch das soll es nicht besser machen. Flucht ist nie freiwillig, sie ist den Umständen geschuldet, die ein Leben an einem (geliebten) Ort untragbar machen. Viel zu oft und lange verschließt die Welt in Gleichgültigkeit ihre Augen vor Krieg, Krankheit und Hungertod. Und mit der Welt ist auch Deutschland gemeint, der Staat dieser Erde, der Plätze besitzt, welche ich Heimat nenne. Waffen werden zahllos in Krisengebiete geliefert, Freihandelsabkommen zur Volksversklavung geschmiedet und vieles mehr. Der ein oder andere bezeichnet, das vielleicht als zivilisiertes wirtschaften. Ich als Barbarei. Aber es ist nicht nur Deutschland, alle Industriemächte mischen im Einklang mit. Die soziale Ungerechtigkeit und der Druck auf die Menschen in der dritten Welt werden immer stärker. Wer nicht daran zerbricht, geht in der Hoffnung wo anders Geborgenheit und eine Zukunft zu finden.

Und manche von ihnen geraten in das Land, dass ihnen mit Waffenlieferungen vielleicht die Tante, den Bruder oder die Mutter genommen hat. Doch sind diese Menschen nicht in einem Vernichtungswahn gekommen. Sie sind einen Vernichtungswahn entkommen. Viele von ihnen fühlen sich in Deutschland zum ersten Mal sicher, zum ersten Mal seit Monaten, Jahren der Angst, des Terrors. Doch leider findet sich die hässliche Fratze der Anschläge auch in unserem Land ein. Über hundert Flüchtlingswohnheime brannten, in nur einem Jahr. Das ist keine Besorgnis, dass ist unmenschlich. Anderen Menschen die ihre Heimat verloren haben, dem Tod täglich begegnet sind, weiterhin eine Gefahr zu bedeuten, ist das letzte was ein fühlendes, aber auch ein vernunftbegabtes Wesen tun würde. Doch woher kommt all der Hass? Manche haben eine ideologische Motivation, die viel zu komplex und düster erscheint, als sie in wenigen Worten darstellbar wäre. Andere haben einfach Angst. Angst die eigene Heimat zu verlieren oder das sie so verändert wird, dass sie nicht mehr "die Heimat" seien kann. Doch ist diese Angst keine Rechtfertigung Brandstiftung zu betreiben, gegen Menschen anderer Kultur/anderem Aussehen zu hetzen oder sein rechtes Gedankengut als eine Form der Besorgnis zu äußern und damit die Werte unserer Gesellschaft zu untergraben.  

 

Heimat das ist ein Juwel, das ist ein Schatz den man nicht verlieren will. Deshalb sollte es jeden angehen, die Heimat aller zu schützen und gemeinsam die Probleme von Vertreibung, Gewalt und Hass zu lösen.  

Umso bezeichnender, man kann Heimat teilen und anderen näher bringen. Ein Austausch der für beide Seiten nur von Vorteil ist und jemandem der seine Heimat verloren hat, tröstender Balsam sein kann.

 

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15.01.2015 © Felix Hartmann

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