III. Gesichter

Sie hatte auf dem Weg nachhause in der Straßenbahn mehrere Male mit der Zunge geschnalzt und wusste nicht einmal genau wieso.
Gelangweilt blickte sie im Wagon hin und her. Hin und her. Hin und her.
Nicht sehr auffällig, aber so, dass ihre Augen ständig in Bewegung waren. Etwa wie das Pendel einer Uhr.
Hin und her. Tick und her. Tick und Tock.
Eigenartig, dachte sie sich, und raschelte unbedacht mit ihrer Plastiktüte, in welcher sich ihr neues Medikament befand.
In dieser Bahn hielten sich deutlich mehr Personen auf als bei der Hinfahrt. Zehn, Elf, vielleicht auch zwölf Personen mussten es gewesen sein.
Natürlich waren sie alle beschäftigt, lasen Zeitung, bedienten ihr Smartphone, unterhielten sich mit ihrem Sitznachbarn oder starrten affektlos aus den Fenstern und beobachteten die vorbeirauschende Stadtkulisse.
Anouk sah wie sich jene Augenpaare ihrer Mitfahrer im selben Takt bewegten wie ihre eigenen. Tick und Tock, Tick und Tock. Als würden ihre eigenen Augen die der anderen Menschen kontrollieren.
Es war ein unheimliches Gefühl für die junge Frau und so richtete sie ihren Blick stur nach unten, auf den Boden des Straßenbahnwagons.
Doch auch dieser schien sie an der Nase - oder eher an den Augen - herumzuführen.
Durch den massiven Grund, sie vermutete, dass er aus mehreren Schichten Metall und Kunststoff bestand, waren deutlich die Schienen der Zugstrecke erkennbar.
Nun ja, vielleicht nicht so deutlich. Das Bild, welches sich ihr offenbarte, wirkte mehr wie ein Blick durch ein verschmiertes Fenster mit milchigem Glas, aber die Schienen zogen unter ihren Füßen vorbei, so wie sie es wohl tatsächlich taten.
Wieder schoss ihr die Frage durch den Kopf: 'Sehe das nur ich?'
Sie hob den Kopf, drehte ihn zur Seite und sah nun das Ende das Wagons.
In der Mitte, auf einem der gepolsterten Sitzplätze, hatte es sich ein junger Mann, etwa in ihrem Alter, bequem gemacht.
Etwas an ihm gefiel Anouk überhaupt nicht.
Er lächelte sie unentwegt an, zwinkerte nicht einmal mit den Augen und saß da, wie eine starre Wachsfigur.
Nur seine Pupillen blitzten unnatürlich auf, als hätte jemand Strom durch seinen Kopf geleitet.
Anouk seufzte beunruhigt. 'Ich wette, der schaut in Wirklichkeit in eine ganz andere Richtung', redete sie sich innerlich ein. Dann blickte sie geradeaus aus dem Fenster, hinweg über die Köpfe einiger anderer Passanten.
Wäre da ...
nicht etwas Nerviges in ihrem Augenwinkel gewesen.
Nein, sie wollte sich nicht noch einmal von ihrem makaberen Geist täuschen lassen.
Doch keine fünf Minuten vergingen, da zitterte ihr rechtes Auge, als wollte es ihr mitteilen, dass sie dem Mann einen Blick zuwerfen solle.
Anouk stolperte. Sie fiel, genau auf den Schoß eines Mannes neben dem sie zuvor gestanden hatte.
Der Schock hatte sie von den Füßen gerissen.
Am Ende des Wagons saß der junge Mann mit entblößtem Gebiss, herausstehenden Augen und einer abgehakten Nase. Trotzdem lächelte er weiterhin in ihre Richtung, als wäre nichts passiert.
Dieser Anblick, er verschreckte Anouk nicht nur, sondern versetzte sie auch ins blanke Staunen. Es sah so künstlich aus, wie er dort saß.
Man musste erwähnen, dass er nicht den Anschein eines Verletzten machte, eher den eines ... Verzerrten?
'Wie ein Grafikfehler', kam es ihr in den Sinn.
"Ist alles in Ordnung? Sie sehen so entgeistert aus", fragte sie der Mann, auf dessen Schoß sie gelandet war.
"Verzeihung", stieß sie nur zurückhaltend hervor und richtete sich peinlich berührt auf.
Keiner, der übrigen Fahrgäste hatte ihre peinliche Aktion beobachtet, noch hatte jemand den Jungen am anderen Ende des Wagons, auf dem gepolsterten Sitz, wahrgenommen.
Anouk raschelte mit der Plastiktüte, in der sich ihre Medikamente befanden.
Der jugendliche Fahrgast am anderen Ende des Wagons, auf dem gepolsterten Sitz, schielte fürchterlich gelangweilt aus dem großen Fenster heraus und nichts an seinem Gesicht sah mehr komisch aus.
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Es war viertel vor Zwölf als Anouk die Treppen zu ihrer kleinen 2-Zimmer-Wohnung hinaufstieg und in ihrer Manteltasche nach den Schlüsseln suchte.
Voller Entsetzen musste sie jedoch feststellen, dass ihr Wohnungsschlüssel bereits in der Tür steckte.
Misstrauisch wanderten ihre Augen durch den Flur, aber niemand war zu sehen, bevor sie die Haustür öffnete.
Kurz darauf glitt ihr bereits die Plastiktüte mit den Medikamenten aus der Hand, die sie eben so fest umschlossen gehalten hatte.
Im schmalen Gang, in dem nur ein ausgeblichener Karoteppich lag und eine ziemlich verdorrte Chrysantheme stand, stand ihr auf hochhackigen Schuhen eine hagere Frau gegenüber.
"Du bist zuhause, Cherie", säuselte die blasse Person.
Mit offenem Mund und aufgerissenen Augen blieb Anouk wie angewurzelt auf dem Teppich stehen.
"Ich dachte, ich statte dir einen kleinen Besuch hab, so lange wie wir uns nicht mehr gesehen haben", die Frau zog besorgt und zugleich verheißungsvoll die Augenbrauen hoch.
Anouks Augenbrauen verzerrten sich dagegen in Unverständnis und Unsicherheit.
"Wie ...", stammelte sie.
"Ich weiß schon, du willst deine alte Dame eigentlich nicht in deiner flippigen Studentenbehausung haben", die Frau lachte über ihre eigene flapsige Formulierung, "aber ich bin eigentlich aus einem anderen Grund hier."
Den letzten Teil sprach sie leise und monoton aus, als wollte sie verhindern, dass sie irgendjemand hörte.
"Du bist nicht hier", entgegnete Anouk, mit einer zittrigen, zornigen Stimme.
"Hör mir zu, mein Schatz.
Du musst endlich deine Augen öffnen", versuchte sich die Frau zu erklären, aber das Mädchen wollte ihr keine Chance lassen und hob die Plastiktüte auf.
"Tu das nicht, Anouk. Das ist doch, was sie wollen! Wenn du ihnen gehorchst, wirst du nie die Wahrheit herausfinden", warnte sie die Frau.
Anouk schüttelte entschieden den Kopf. "Wie kannst du mir etwas sagen?", schrie sie ihr entgegen.
"Dein Therapeut ist ein Heuchler, ein Ja-Sager des Systems und ...", verzweifelte Worte der älteren Dame drangen nicht zu Anouk durch und so stockte sie mitten im Satz, während sie entgeistert beobachtete, wie sich das brünette, ausgezehrte Mädchen gleich mehrere Tabletten auf einmal in den Mund warf.
"Nein, wieso hörst du denn nicht auf deine eigene Mutter?", jammerte die Frau, die von Sekunde zu Sekunde vor Anouks Augen mehr und mehr verblasste, bis sie sich gänzlich in Luft aufgelöst hatte.
Nur noch das Ticken der Uhr erfüllte den stillen Raum, bevor Anouk, das Gesicht zu einem alten Familienfoto gerichtet, eine kurze, aber deutliche Antwort von sich gab.
"Weil ich nicht auf Geister höre."

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