Im Herzen der Erinnerung

Vergangenheit:

Ich schreckte auf, als ich das Klingeln hörte. Auf diesen Anruf hatte ich schon lange gewartet, doch nun war ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich bereit dazu war. Mit zitternden Händen umgriff ich den Hörer und nahm ab. Noch bevor die Stimme am anderen Ende der Leitung anfing zu reden, tigerte ich in meinem Zimmer auf und ab, unfähig, still zu stehen. Mit klopfendem Herzen wartete ich darauf, was diese Stimme verkündete...

"Wir freuen uns, ihnen mitteilen zu könne, dass Sie am Sweet Amoris Gymnasium angenommen wurden. Wir möchten ihnen, trotz ihrer nicht allzu guten Noten, eine Chance geben."

Ich konnte erst mal gar nicht reagieren. Ich hatte es tatsächlich geschafft.

"Ähm... ja danke... vielen Dank!" stotterte ich.

"Bitte finden Sie sich in zwei Tagen, um 17:00 Uhr, im Gymnasium ein! Dort erhalten Sie, im Sekretariat, alle weiteren Anweisungen! Wir wünschen ihnen viel Glück. Guten Tag!"

"Auf wiedersehen... u-und danke noch mal!"

Es wurde aufgelegt.

Immer noch mit dem Hörer in der Hand, stand ich mitten in meinem Zimmer. Nach
wie vor konnte ich nicht glauben, was man mir gerade mitgeteilt hatte. Nicht zu fassen.

Ich blinzelte ein paar Mal und erwachte aus meiner scheinbaren Trance. Schnell begab ich mich in die Küche, in der meine Mutter saß, gemächlich ihren Kaffee trank und ihre Zeitung las. Ich konnte nicht verstehen, was sie an diesen Tratsch Blättern fand. Reporter schreiben eh nur das, was sie für Quoten-treibend hielten.

"Mama!" schrei ich halb.

Sie war gerade dabei, an ihrem Kaffee zu nippen. Doch durch meinen lauten Ausruf verschluckte sie sich und verschüttete etwas auf den Tisch.

"Ach du liebe Güte, Iris! Was schreist du den hier so rum?"

Sie war aufgestanden und ging zur Küchenzeile. Am Waschbecken schnappte sie sich ihren roten Waschlappen und machte ihn, unterm Wasserhahn, nass. Sie schrubbte kurz über den Kaffeefleck auf ihrer weißen Hose, doch der verschwand bestimmt nicht, wenn man nur kaltes Wasser benutzte. Sichtbar genervt wandte sie sich an den Tisch und wischte dort die Pfütze weg.

"Ich wurde angenommen!" Beim beobachten meiner Mutter hatte ich glatt vergessen, was ich sagen wollte.

Sie sah auf. "Aber, dass ist ja wunderbar. Ich wusste, dass du den Probeunterricht bestehen würdest."

Stolz lehnte ich mich an die Tür. Natürlich wusste ich, dass ich mich nicht auf den jetzigen Lorbeeren ausruhen konnte, aber für den Moment fühlte ich mich wie die Königin der Welt.

"Ich muss mich am Freitag in der Schule einfinden. Kommst du mit? Es ist auch erst Abends!"

Mein kleiner Bruder Thomas war zur Zeit bei meinem Vater, deshalb könnte meine Mutter ohne Bedenken Abends rausgehen.

Meine Mutter hatte sich inzwischen wieder gesetzt.

"Sicher, aber mach das nie wieder! Erschreck mich nie wieder so!" Sie versuchte ernst zu bleiben, doch in ihren Augen konnte ich deutlich den Schelm sehen.

Ich wandte mich zum gehen und endschied kurzer Hand, dass ich mich noch ein Mal an der Schule umsehen würde, bevor ich am Freitag dort auflief.

OoOoOoOoOoOoO

Mit einem unwohlen Gefühl in der Magengegend hatte ich mich auf den Weg zu meiner neuen Schule gemacht.

Wegen meiner schlechteren Noten konnte ich nicht einfach so auf ein solches Gymnasium, aber ich wollte so dringend dort hin, dass ich es auf mich genommen hatte, am Probeunterricht teilzunehmen und eine Vorprüfung zu schreiben. Jedes Schuljahr konnten sich fünf schwächere Schüler dort bewerben, um eine Aufnahmeprüfung zu absolvieren. Leider konnte nur einer dieser fünf an der Sweet Amoris angenommen werden. Ich hatte nie zu hoffen gewagt, dass ich das sein würde, denn schließlich war ich wirklich nicht gut in der Schule. Ich konnte mich schon glücklich schätzen, wenn ich eine 3 schrieb.

Und doch wusste ich, dass mein, zur Zeit, größter Traum wahr geworden war. Das Sweet Amoris Gymnasium hatte einen sehr guten Ruf und nur Spitzenschüler fanden ihren Weg hinein.

Als ich meinen Weg durch den Park fand, stellte ich fest, dass dieser Menschenleer war. Vermutlich, weil alle noch in der Schule ihre Zeit absaßen. Sonst würde es hier vor Schülern wimmeln, die einen angenehmeren Weg nach Hause suchten oder im Licht der Nachmittagssonne chillten und ihre Hausaufgaben machten.

Nicht mal eine Katze oder ein paar Vögel kamen mir zu Gesicht. Vielleicht würde es bald regnen? Sagt man nicht, Tiere spüren, wenn ein Unwetter naht? Natürlich hatte ich heute keinen Schirm eingepackt.

"So ein Mist!" knurrte ich vor mich hin.

Am Ende des Parks konnte ich bereits das Café, dass vor meiner neuen Schule lag. Eine junge Frau mit rabenschwarzen Haaren bediente einen alten Mann, der aber offensichtlich der einzige Gast war. Ich lächelte ihm höflich zu, bevor ich meinen Blick wieder zur, vor mir liegenden, Schule richtete.

OoOoOoOoOoOoO

"DING - DANG - DONG"

Das laute klingeln der Schulglocke durchdrang mein Ohr. Inzwischen saß ich schon eine halbe Stunde an der Bushaltestelle vor der Schule. Jetzt musste ich mich aber fortbewegen, denn die 5. Stunde war zu Ende. Gleich würden Horden von Schülern nach Draußen strömen und ich wollte auf keinen Fall im Weg stehen.

Gleichgültig begab ich mich zum Eingang der Schule und beobachtete die verschiedenen Gesichter, die allesamt erfreut wirkten.

Klar, wenn die Schule aus ist, freut sich jeder.

Etwa bei der Hälfte des Menschenauflaufs, fing es plötzlich und ohne Vorwarnung an zu regnen.

"Na super"

Schützend hielt ich mir die Hand über die Augen. Binnen Sekunden hatte es Angefangen wie aus Kübeln zu gießen. Viele der Schüler schauten jetzt nicht mehr so fröhlich, mehr verärgert. Die meisten kramten in ihren Taschen und zogen Regenschirme hervor.

Niemand bemerkte mich, wie ich langsam, aber sicher, im Regen weggewaschen wurde. Meine roten Haare würden garantiert am Kopf kleben, was immer ziemlich dämlich aussah.

Frustriert drehte ich mich um und machte mich auf den Weg nach Hause, doch durch den dichten Regen konnte man kaum was sehen. Noch dazu kam, dass dicker Nebel aufstieg und die Sicht, wortwörtlich, vernebelte.

"Hey, warte Mal! Du wirst ja ganz nass!!!"

Ich schaute über die Schulter und sah zwei Mädchen auf mich zu kommen. Beide hatte einen Schirm bei sich.

Eines hatte braunes langes Haar, trug eine hellblaue Bluse und einen strammen Rock. Alles in Allem, sah sie sehr pflichtbewusst aus. Das andere Mädchen hatte dunkle Haut und schulterlange schwarze Haare. Mit ihren Sportklamotten musste ihr gerade etwas kühler werden.

"Hey, ich bin Kim und das ist Melody." Sie zeigte auf das Mädchen neben sich.

Kim hielt ihren Regenschirm schützend über meinen Kopf.

"Danke," sagte ich mit einem Blick auf ihn, "freut mich euch kennenzulernen. Ich heiße Iris!"

Melody beäugte mich misstrauisch: "Bist du neu hier?"

Ich nickte. "Ja, ich habe an dem Eignungstest teilgenommen und werde nach den Herbstferien mit euch hier her gehen."

Ich hatte das Gefühl Melody wirkte leicht verächtlich, aber sie besann sich offenbar schnell wieder eines Besseren und lächelte mich freundlich an.

Klar, jemand wie sie war bestimmt eine absolute Spitzenreiterin im Unterricht. Da konnte ich nicht mithalten. Für meinen Teil, war ich immer froh gewesen eine 3 zu schreiben.

"Sag mal wo wohnst du denn?" fragte Kim, um vom Thema abzulenken.

"Ziegelleigasse 3!"

Kim grinste: "So ein Zufall. Ich wohne nur 2 Straßen weiter. Es liegt also auf meinem Weg. So wirst du wenigstens nicht noch nässer."

Ich lächelte sie Dankbar an.

Melody räusperte sich diskret. "Ich muss dann auch mal weg. Meine Mutter wartet da vorne mit dem Auto. Bis morgen Kim... Und dich sehe ich in 2 Wochen." Sie lächelte uns zu und lief dann auf die andere Straßenseite.

"Tja... Dann sorgen wir mal dafür, dass du nicht wie ein begossener Pudel zu Hause ankommst. Deine Haare sind jetzt schon klitschnass!"

Ich musste lachen. Kim schien nicht in Verlegenheit zu kommen, wenn sie die Wahrheit aussprach. Fand ich gut, denn wie sagt man so schön: "Besser mit der Wahrheit verletzt, als mit einer Lüge glücklich gemacht." Nicht das Kim mich beleidigt hatte, aber ich schätzte Ehrlichkeit sehr.

Auf dem Weg nach Hause quatschten wir noch über alles Mögliche. Sie versicherte mir, dass ich mich an der Sweet Amoris bestimmt wohl fühlen würde und ich glaubte ihr.

Bei mir vor der Haustür angekommen, blieb sie so lange stehen, bis ich aufgeschlossen hatte.

"Hey ähm... Ich geb dir jetzt einfach meine Nummer. Wenn du also noch mal in ein Gewitter ohne Schirm läufst, kannst'e anrufen." Sie lachte. "Ne Spaß, wenn du sonst noch Hilfe brauchst!"

Ich nickte, verabschiedete mich und ging nach drinnen.

OoOoOoOoOoOoO

Nach einer langen, warmen und erholsamen Dusche, legte ich mich auf mein Bett und überlegte, ob wohl alle so nett wie Kim waren.

Vielleicht sollte ich mich am Freitag wirklich mal weiter umschauen und schon mal ein paar Bekanntschaften schließen. Aber bis dahin war leider noch viel zu viel Zeit.

OoOoOoOOOoOoO

Okay... Ich hatte mich geirrt. Die 2 Tage waren wie im Flug vergangen und schwupp die wupp war es schon 16:45 Uhr.

Ich hatte mich schon eine Stunde vorher fertig gemacht, genauso, wie ich meine Tasche gepackt hatte, in der ich etwas zum schreiben führte. Konnte ja sein, dass ich noch mehr wichtige Termine bekam.

Auf dem Weg, von meinem Zimmer zur Küche, wo bestimmt meine Mutter saß reif ich ihr schon zu, dass wir jetzt gehen musste.

"Ja, ist ja gut. Kein Grund zur Eile!"

"Kein Grund zur Eile? Wir haben nur noch eine viertel Stunde!"

Ich trieb meine Mutter aus dem Haus und von da in's Auto.

Gut, dass hätten wir schon mal.

"Fahr!"

Sie schüttelte nur den Kopf, drückte aber trotzdem ordentlich in die Pedale.

Nach 10 Minuten waren wir an der Schule angekommen. Am Himmel dämmerte es bereits und wir sprinteten förmlich in das Schulgebäude.

Vor dem Direktorat hielten wir kurz inne, bevor ich leise klopfte. Von der anderen Seite der Tür kam ein gedämpftes "Herein!", also öffnete ich die Tür.

Hinter einem viel zu großen Schreibtisch saß eine etwas ältere Frau. Sie hatte ihre Brille auf die Nasenspitze geschoben und wühlte eilig in ein paar Unterlagen, die überall verstreut lagen. Zu ihren Füßen schlummerte selig ein kleiner brauner Hund. Vielleicht eine Mischung aus Spitz und Beagle? Er schmatze im  Schlaf und regelte sich genüsslich, bevor er sich wieder zusammenrollte.

"Ah, du musst Iris sein. Mein Name ist Shermansky und ich bin die Direktorin hier!"

Meine Mutter und ich setzten uns auf die beiden Stühle, die vor ihrem Schreibtisch standen.

"Normalerweise veranstalten wir solche Treffen nicht, weil wir mehr davon halten die Schüler erst am ersten Schultag kennenzulernen, damit wir uns kein vorschnelles Urteil bilden können. Frag mich nicht wieso, dass hat mein Vorgänger so eingefädelt."

Ich nickte: "Ist in Ordnung."

"Jedenfalls geht es jetzt lediglich darum, dass wir deine Noten etwas auf Vordermann bekommen." Sie zog eine rote Akte aus einer Ecke des Schreibtisch und blätterte darin herum. "Wie ich sehe hast du große Probleme in Mathe. Eine 5 auf dem letzten Zeugnis tut sich nicht allzu gut, aber in allen anderen Fächern scheinst du auf einer stabilen 3 zu stehen. Das heißt... In Musik hast du eine 1."

Ich nickte abermals. Dies war das einzige Fach, in dem ich stolz auf meine Noten sein konnte.

"Schön, schön," sie klappte die Akte wieder zu, "dann nehme ich an, du möchtest in unserer Musik-AG tätig werden?"

"Oh, ja das wäre prima." Ich wusste gar nicht, dass einem in der Oberstufe noch AG's angeboten werden.

"Gut, gut. Und was Mathe betrifft, da werden wir schon eine Lösung finden. Wenn du und deine Mutter einverstanden sind, dann würde ich eine Nachhilfe empfehlen!"

"Ich bin sicher, dass wird ihr gut tun!" schaltete sich jetzt meine Mutter ein.

"Schön, schön. Dann werde ich schauen, ob sich ein Schüler findet, der sich der Herausforderung stelle möchte. Ich bräuchte dann von ihnen," sie schaute meine Mutter an und reichte ihr einen Stift, sowie ein Formular, "eine Unterschrift, dass diese s Gespräch stattgefunden hat. Nur damit es auch in der Schülerakte zu finden ist."

Meine Mutter tat, wie ihr geheißen.

"Gut, gut. Dann freut es mich, dich nach den Ferien hier begrüßen zu dürfen. Da das Schuljahr schon angefangen hat, müssen wir schauen, wie weit du schon mit dem Stoff bist, aber das bekommen wir hin. Ich bin sicher, dir schwebt hier eine glänzende Schulzeit zu."

Sie stand auf und wir taten es ihr gleich. Frau Shermansky gab uns beiden die Hand und verabschiedete uns.

OoOoOoOoOoOoO

Auf dem Weg nach Draußen lächelte ich in einer Tour. Jetzt war ich ganz sicher hier angekommen, konnte in der Musik-AG tätig werden und meine Mathe Noten würde ich auch noch in den Griff bekommen. Vielleicht würde mir ja Kim helfen?

"Hey Grinsebacke!" Meine Mutter stupste mich in die Seite. "Was hältst du davon, wenn wir jetzt ein bisschen feiern gehen? Wir können zu dem Italiener gehen, den du so gerne magst."

"Ja, das wäre toll."

Inzwischen war es dunkel geworden.

Ich hackte mich bei meiner Mutter unter und wir schlenderten im Lichte der Straßenlaternen durch die Stadt.

Das war der glücklichste Tag, den ich bis jetzt je erlebt hatte.

OoOoOoOoOoOoO

Gegenwart:

Ich saß auf dem Sofa und starrte gedankenverloren an die gegenüberliegende Wand.

"Schätzchen? Ist alles in Ordnung? Du sitzt sein fast einer Stunde hier und sagst kein Wort!"

Meine Mutter saß auf einem der zwei roten Sesseln und blätterte wie üblich in einem Tratsch Blatt.

Ich musste ein paar Mal Blinzeln, um wieder eine klare Sicht zu bekommen.

"Ich habe nur gerade dran gedacht, wie ich an der Schule angenommen wurde."

Meine Mutter lächelte. "Ja und jetzt beginnst du bereits dein drittes und letztes Schuljahr."

Da hatte sie recht. In der Zwischenzeit hatte sich eine Menge verändert. Ich hatte über die zwei Jahr hinweg gut Freunde gefunden. Kim war nur eine von ihnen, aber sie hatte stets zu mir gehalten. Auch Melody und Viola hatte ich lieb gewonnen.

Inzwischen war ich nicht mehr die Neue, sondern ein fester Bestandteil. Jemand anderes hatte meinen Platz eingenommen und auch mit ihr verstand ich mich blendend.

Das einzige was sich nicht verändert hatte, waren meine Mathe Noten. Nathaniel hatte sich immer viel Mühe gegeben und Geduld bewiesen, aber es wollte und wollte einfach nicht in meinen Kopf gehen.

 

Jetzt saß ich hier und wartete bereits darauf, dass der morgige Tag anbrechen würde. Die Sommerferien waren um und morgen würde die Schule wieder beginnen.

Früher war ich nie so begeisterte gewesen zur Schule zu gehen, aber jetzt...

Freute ich mich regelrecht darauf.

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