Kapitel 1

Es war noch früh am Morgen, die Dämmerung hatte gerade eingesetzt, als Mary Lancaster durch die Straßen Londons eilte. Immer wieder sah sie sich nervös um. Sie mied alle großen Wege, zu groß war die Gefahr entdeckt zu werden. Mary schlängelte sich durch die Gassen der Stadt.
Sie achtete darauf, dass sie die Themse immer im Blickfeld hatte, der Fluss würde sie aus der Stadt führen. Ihre Stadt. Niemals hatte sie gedacht, jemals aus ihrer Heimat zu fliehen. Sie war hier aufgewachsen und hatte nie einen Gedanken an eine anderen Wohnort verschwendet, immerhin hatte sie sich immer in Sicherheit gewogen.
Doch nun hatte Edward die Truppen ihres Vaters zerschlagen und er und die Königin hatten vor, nach Schottland zu flüchten, noch bevor Edward zum König gekrönt werden konnte.
Sie presste das Bündel mit den Sachen, die sie in ihrer Eile noch hatte greifen können, an ihre Brust. Ein Mann kam ihr entgegen, der sich beim Laufen immer wieder an der Hauswand entlang drückte. Er war sturzbetrunken und ignorierte Mary, sie war sich sicher, dass er sie überhaupt nicht bemerkt hatte.
Sie wich ihm aus und hob mit ihrer Hand den Rock ihres dunkelroten Samtkleides an, um ihn vor dem Dreck der Straße zu schützen.
Im Osten sah man bereits die Sonne über dem Horizont hervorkommen.
Plötzlich, nachdem sie in eine andere Gasse eingebogen war, hörte sie Pferdehufen mit aller Wucht auf die Pflastersteine aufschlagen. Hektisch presste sie ihren schmalen Körper in eine dunkle Nische. Das schwarze Tuch, das ihr Haar verdeckte, war ihr über das Gesicht gerutscht. Die Reiter kamen näher. Beinahe ein Dutzend, schätzte Mary. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, sie hatte Angst, dass ihr Herzschlag sie verraten würde. Suchten sie nach ihr?
Sie sah die Schatten der Reiter, als diese um die Ecke bogen. Verzweifelt suchte sie deren Kleidung nach einer weißen Rose ab, das Wappen des Hauses York. Erleichtert atmete sie auf.
Auf dem Wappen prangte eine schwarze Rose auf eisweißem Hintergrund. Es war ein groteskes Bild, doch auf der anderen Seite fand Mary es faszinierend und glanzvoll. Wo kamen diese Reiter her? Sie kannte alle Adelshäuser des Königreiches, dafür hatte ihr Vater gesorgt. Außerdem war sie sich sicher, dass es keine Familie gab, die außer den verfeindeten Häusern noch eine Rose auf ihrem Wappen hatte.
Mary hielt ihren Atem an.
Die Reiter waren nun lediglich eine Pferdelänge von ihr entfernt, als sie ihren Schritt verlangsamten und jevor einem unbedeutend aussehenden Haus hielten. Zwei der Männer steigen ab und führten ihre Pferde in einen schmalen Weg, der so unscheinbar war, dass Mary ihn in ihrer Eile gar nicht wahrgenommen hatte.
Sie konnte jetzt nicht mehr weiterlaufen, zu groß war die Gefahr, von den restlichen Reitern gesehen zu werden. Ihr blieb nichts Anderes übrig, als in der Nische darauf zu warten, dass sich die Reiter wieder entfernten.
Sie wagte einen Blick zu den Männern. Es waren neun, die starr auf ihren Pferden saßen und von denen keine Regung ausging. Ihr lief es kalt den Rücken herunter. Diese Männer schienen so mysteriös, dass Mary sie nicht einschätzen konnte. Waren sie Verbündete von Edward? Waren sie überhaupt von hier? Tausende Fragen schossen ihr durch den Kopf, die aber unbeantwortet bleiben sollten, denn Mary war sich sicher, dass sie diese Männer in ihrem Leben nie wiedersehen würde.
Sie fragte sich nur, was um alle Welt solch eine Wichtigkeit hat, dass zwei nicht hilflos aussehende Männer von weiteren neun durch eine menschenverlassene Gasse geführt und geschützt werden mussten.
Wenig später kamen die beiden Männer wieder aus dem Weg gebogen und setzten sich auf ihre Pferde. Mary atmete erleichtert aus. Niemand hatte sie entdeckt. Das Allerletzte, was sie auf ihrer Flucht gebraucht hätte, wäre ein Zusammentreffen mit unbekannten Rittern, von denen eine nicht einschätzbare Gefahr ausging.
Die Reiter machten kehrt und warfen durch die aufgehende Sonne einen langen Schatten auf die dreckige Straße.
Mary huschte aus ihrem Versteck und lief in die entgegengesetzte Richtung weiter.
Weit kam sie nicht, als eine Männerstimme hinter ihr rief: „Mylady, bitte warten Sie einen Moment.“
Sie blieb wie erstarrt stehen. Hinter ihr waren Hufen zu hören. Mary drehte sich langsam um. Vor ihr stand einer der beiden Männer, die vorher in der Gasse verschwanden. Er stieg erneut von seinem Pferd und schaute ihr in die Augen. Der Mann hatte braune Haare, die zwischen Ohren und Schultern endeten und trug einen schwarzen Umhang aus dunklem Samt, dessen Kapuze er gerade locker von seinem Kopf herunterstrich.
An seinem Gürtel hing, wie bei Kriegern üblich, ein Schwert, eingebettet in schwarzes Leder. Ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus. Das konnte nicht wahr sein. Nur am Rande ihres Bewusstseins bemerkte sie, dass der Mann sie etwas fragte.
„Wie ist Ihr Name, gnädiges Fräulein?“ Mary schluckte und drehte ihren Kopf weg, damit niemand der Männer die Chance hatte, ihr Gesicht zu erkennen.
Ihr Gegenüber seufzte und drehte sich zu seinen Männern um. „Wir müssen sie mitnehmen. Sie hat uns gesehen.“
Mary riss die Augen auf. Nein, nein, nein. Sie war auf der Flucht, um nicht gefangen oder sogar getötet zu werden. Und nun sollte es bereits wegen so einem dummen Fehler ihrerseits scheitern. „Nein“ hauchte sie leise, aber bestimmt. Sie wich einige Schritte zurück und spürte die Hausfassade in ihrem Rücken. Sie drehte sich um und begann zu laufen. Doch der Mann hatte kein Problem mit ihrer Gegenwehr und hob sie einige Sekunden später ohne Mühe auf sein Pferd. Sie war unfähig sich zu wehren, zumal sie in dieser anstrengenden Position ohnehin fast aus dem Sattel gefallen wäre.
„Wie heißen Sie?“, fragte der Mann sie einen Moment, nachdem der ganze Trupp sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, erneut.
„Victoria.“, antwortete sie knapp.

Kommentare

  • Author Portrait

    Ein spannender Anfang : ) Was die schwarze Rose auf weissem Grund wohl zu bedeuten hat? (und ob Frauen zu dieser Zeit wirklich genug Macht hatten, um jemandem militärische Unterstützung zu geben? XD) Aber bis jetzt spannend ^.^

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media