Kapitel 1

Ich denke, viele unterschätzen den Reiz daran, zu früh an einem Treffpunkt zu erscheinen. Für mich ist es eine der wenigen alltäglichen Freuden, die mir mein Leben momentan zu bieten hat.
Seitdem ich denken kann, befindet sich in mir eine Rastlosigkeit, die kaum gestillt werden kann. Nur, wenn ich es schaffe, mir selbst kurzzeitig das Gefühl zu verleihen, angekommen zu sein, löst das in mir einen nahezu meditativen Zustand aus und ich komme endlich zu mir.
Diese halbe Stunde, die ich habe, wenn ich mal wieder zu früh losgegangen bin, ist an Tagen wie diesen wie mein Fels in der Brandung für mich.
Aber leider ist mir selbst dieser kleine Friedensmoment heute nicht vergönnt:
Hier am Schottentor, der U-Bahn Station der Wiener Universität, wimmelt es heute so stark vor Leuten, dass man meinen könnte, es gäbe etwas umsonst. Gratis gibt es hier aber nur jede Menge Stimmengewirr und aufdringliche Umweltaktivisten. Nein danke, würde ich gerne sagen, aber immerhin warte ich ja hier auf jemanden. 
Ich stehe oben bei den Straßenbahnen. Die vielen Leute treiben meinen Stresspegel in die Höhe und ich würde mich gerne auf eine Bank zurückziehen. Aber anscheinend gibt es mehrere Leute, die viel zu früh dran sind, denn die Straßenbahnen kommen und gehen aber die Leute bleiben stur sitzen. 
Mein Frust darüber lässt sich schnell vertreiben, indem ich an den Abend denke, der mir bevorsteht. 
So ziehe ich gedankenverloren meine kleinen Kreise. Mein Blick huscht dabei immer wieder zur Votivkirche, die sich über den sich verdunkelnden Himmel erstreckt. Diese Kirche hat es mir ganz klar angetan, sie ist mit Sicherheit eine der schönsten in Wien. Ich gebe zu, dass ich nicht gläubig bin, und mich auch nicht viel mit Architektur beschäftige - aber manche Gebäude, darunter die Votivkirche, sind etwas ganz Besonderes. Sollte ich mich also irgendwo herunterstürzen, würde womöglich dieser Kirche die Ehre gebühren. Aber wer weiß, ob ich bei meinem Tod überhaupt das letzte Wort habe.
Ich mache nach etlichen kleinen Spaziergängen über die Station Halt vor den Straßenbahngleisen. Das wäre zum Beispiel eine Alternative. Einfach mal nicht Halt zu machen.
"Guten Tag. Haben Sie zufällig eine Minute, um mit mir über unseren Herrn und Erlöser zu sprechen?"
Die Stimme erklingt direkt neben meinem Ohr, und obwohl sie sanft ist, mache ich vor Schreck einen kleinen Luftsprung. 
Ich fahre herum und stelle fest, dass das Mädchen, das mich angesprochen hat, nicht viel älter sein kann als ich. Was mich aber weitaus mehr überrascht, ist ihr Aufzug. Sie ist nicht gerade gekleidet, als würde sie irgendeine Gottheit verehren, die nicht mit Flammen, umgedrehten Pentagrammen und Tieropfern zu tun hat.
Ein schwarzer Beanie verdeckt gänzlich ihre Haare, doch ihr Gesicht ist umso auffälliger geschminkt. Ihre Augenbrauen sind ausdrucksvoll und dick nachgemalt, ihre großen Rehaugen sind mit rauchigen Schwarztönen umrandet und ihre vollen Lippen haben die Farbe von getrocknetem, dunklem Blut. 
Sie trägt schwarz, ausschließlich. Einen lässigen Hoodie, Leggins in Lederoptik, darüber einen kurzen Tuberock und klobige, schwarze Plateauschuhe bei denen meine Füße schon beim Hinsehen schmerzerfüllt aufschreien.
Sie ist dick, schön, und wirkt sehr weiblich auf mich. Ein Mädchen, das ich wegen ihrer düsteren Stilsicherheit und ihrer faszinierenden Ausstrahlung unter Umständen sicher bewundert hätte, aber im Moment bleibt mir nichts anderes übrig, als sie verwirrt anzusehen.
Verarscht sie mich? Sie lacht, als sie meinen Gesichtsausdruck mustert, und ich werde wütend. Ich kann solche Leute nicht leiden. Leute mit seltsamem Humor, die sich über andere Leute lustig machen und sich dadurch überlegen fühlen... zum Kotzen. Ich nehme mir vor, sie keines Blickes mehr zu würdigen und drehe mich wieder um.
"Ich bin Sun.", stellt sie sich unbekümmert vor. Natürlich bist du das., denke ich mir und verdrehe die Augen. Zugegeben, ihre Stimme klingt wie die eines Engels. Das macht sie allerdings nicht weniger bekloppt.
Ich starre unentwegt weiter auf die Gleise. 
"Bist du eigentlich ein Mädchen oder ein Junge?", fragt sie, "Oder beides? Oder irgendwas dazwischen?"
Was ist das bitte für eine beschissene Frage? Sowas fragt man doch nicht einfach so. Was zur Hölle.
"Ich warte hier auf jemanden.", sage ich nur kühl, erhoffe mir, dass sie merkt, wie sehr sie mich nervt, und endlich verschwindet.
"Dachte ich mir schon, du steigst ja in keine Straßenbahn.", ich sehe Rauch über meine linke Schulter ziehen. Sun hat sich eine Zigarette angezündet.
Ich antworte ihr nicht und zu meinem großen Erstaunen bleibt auch sie stumm. So stehen wir da. Sie qualmt hinter mir und ich beobachte den Rauch, welcher zugegeben ziemlich hypnotisierend auf mich wirkt. Nach ein paar Minuten bin ich wieder ganz in meine eigene Welt verschwunden.
Dann erklingt ihre Stimme wieder: "Scheint nicht zu kommen, dein Date."
"Ich komme immer zu früh.", erwidere ich monoton.
Sun lacht. "Also biste dochn Kerl."
Ich muss lachen. Wieso lache ich? Das ist nicht witzig. Was soll der Scheiß.
Dann stehen wir weiter herum, schweigend.
Wir stehen so lange herum, bis sogar ein Platz auf einer Bank frei wird. Die Gelegenheit nutze ich, um von Sun wegzukommen, doch schon bald steht die Omi neben mir auf und Sun ergreift ihre Chance.
Und so langsam wird es auch wirklich spät.
"Du kommst immer eineinhalb Stunden zu früh?"
Scheiße. Ich habe die Zeit ganz übersehen. Sieht aus, als wäre ich versetzt worden. Das darf nicht sein, ich muss weiter warten. Vielleicht gab es ein Missverständnis?
Es wird ruhiger um die Station herum
Ich bleibe sitzen, und Sun auch. Hin und wieder ziehen Rauchschwaden an mir vorbei.
"Hast du kein Leben?" frage ich sie schließlich angepisst.
Sie grinst und schüttelt den Kopf. Sie ist wirklich schön. "Seh ich so aus?"
Ich mustere sie skeptisch. "Nein, du siehst aus wie ein Zombie."
Sie lacht und legt einen Arm um mich. "Ach, du bist echt witzig".
Mein ganzer Körper spannt sich an und sie nimmt den Arm sofort wieder weg. "Entschuldige."
Ich schüttle den Kopf. Merke, dass ich nur noch nach Hause in mein Bett will, gestehe mir endlich ein, dass ich versetzt wurde. 
Tränen bilden sich in meinen Augen und werden sich bald ihren Weg über meine Wangen bahnen.
Scheiße. Wie soll ich das alleine schaffen? Wie soll ich weitermachen?
Ich glaube nicht, dass ich die Kraft und das Vertrauen aufbringen kann, es mit jemand Neues zu versuchen.
Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie Sun mich betrachtet. Ich möchte sie anschreien, mich in Ruhe zu lassen, aber ich habe Angst, dass meine Einsamkeit mich ohne einen Anker verschluckt.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media