Kapitel 1


»Verdammt, seht euch diese Sauerei an!« Archibald, ein Werwolf, der vor über fünfhundert Jahren in London gewandelt worden war, starrte angewidert auf die Lache aus grünem Schleim und braunem Morast, die sich zu seinen Füßen ausbreitete. Sie hatten gerade erst von dem weiteren Mord erfahren und waren sofort herbeigeeilt. Mit zusammengebissenen Zähnen blickte er auf das, was einst ein Sumpfmonster gewesen war.

In seiner menschlichen Gestalt war Archie eine imposante Erscheinung, er maß einen Meter neunzig, hatte dunkles Haar und braune Augen, welche die Farbe von flüssigem Karamell annahmen, wenn er wütend war. Er trug stets eigens für ihn angefertigte Maßanzüge, die ihm das noble Aussehen eines Lords aus längst vergangen Tagen verliehen.

Nervös rieb er sich das Kinn, während sein Blick durch den Raum schweifte, in der Hoffnung, endlich Hinweise auf den Bastard zu finden, der ihnen das Leben hier zur Hölle machte. Das Zimmer sah jedoch genauso aus, wie das der anderen Getöteten – tadellos. Nicht die geringste Unordnung herrschte, nichts fehlte und alle Gegenstände standen dort, wo sie sein sollten. Das Sumpfmonster war bereits das fünfte Opfer in den letzten drei Wochen gewesen und Archie war in der Zwischenzeit zu dem Schluss gekommen, dass es sich nicht um Raubmord handelte. Vielmehr schien es jemand auf sie persönlich abgesehen zu haben. Er brachte seine Opfer kaltblütig um, ohne großes Aufheben, und verschwand genauso schnell, wie er gekommen war.

»Er hat dem armen Garry einfach die Rübe abgerissen«, sinnierte Belial neben ihm. Archie warf ihm einen genervten Blick zu. Belial machte ihn wahnsinnig. Der blonde Schönling war einer der sieben Höllenfürsten, ein mächtiger Dämon in Gestalt eines Engels mit umwerfendem Aussehen, welches ihm jedoch nur gegeben worden war, um sein hässliches Inneres zu verbergen. Vor langer Zeit war Belial aus der Hölle geflohen, weil es ihm dort unten zu heiß geworden war und nach einem kurzen Abstecher nach Schweden, hatte er sich zu ihnen ins Castle gesellt.

»Von Taktgefühl hast du noch nie gehört, was?«

»So wenig wahrscheinlich, wie du von aktueller Mode.« Belial schob sich den Rest seines Brötchens in den Mund, welches er seelenruhig weiter aß, als ob sie nicht gerade eine neue Leiche entdeckt hätten.

»Macht dir das nicht auch langsam Sorgen?« Archie hatte genug gesehen und bugsierte den Dämon aus dem Raum, bevor die sich stetig ausbreitende grüne Schleimlache seine teuren Schuhe erreichen konnte.

»Weswegen?«

»Weil es jemand auf uns abgesehen hat?« Archie verspürte das wohlbekannte Prickeln, das ihn immer dann durchfuhr, wenn er sich wandelte. Belial hatte ihn mal wieder derart zur Weißglut gebracht, dass das Tier in ihm bereits mit den Zähnen schnappte.

Der Höllenfürst zuckte mit den Schultern. »Was soll dieser jemand davon haben, uns zu töten? Dein Fell taugt ja noch nicht mal mehr als Bettvorleger, bei all den Löchern darin.«

»B, ich schwöre dir, eines Tages werde ich dich –«

»Habt ihr das von Garry gehört?«, unterbrach sie Vlad Tepes, der einst bekannteste aller Vampire, der sie auf dem Flur ihrer Etage abpasste.

»Gehört und gesehen«, murmelte Archie, ging in sein Zimmer voraus und deutete den beiden anderen an, einzutreten, bevor er sich aufs Bett fallen ließ. »Leute, wir haben ein Problem!«, sagte er knurrend.

»Meine Rede, dieser miese Fraß, den die uns hier auftischen, ist unterirdisch«, erwiderte Belial, während er sich auf das alte Sofa gegenüber des Bettes setzte und mit angewidertem Gesichtsausdruck kleine haarige Büschel von dessen abgewetztem Stoff zupfte. »Ich weiß, wo dein Fell hinwandert«, murmelte er und zog eine Grimasse.

»Nur ein Problem?« Vlad reckte scheinbar angesäuert das Kinn. »Diese Institution ist eine einzige Ansammlung von Problemen!«, sagte er näselnd, ohne sich jedoch zu setzen. Stattdessen starrte er die Couch an, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. »Hier herrscht eine unzumutbare Respektlosigkeit, die ich nicht länger hinnehmen kann! Ich bin Vlad Tepes, Sohn des Teufels, der Schlächter und grausame Pfähler, die Geisel des Osmanischen Reiches und der Fürst der Vampire. Seit beinahe sechshundert Jahren lehre ich die Menschen das Fürchten und – was gibt es da zu lachen?«

»Der Sohn des Teufels«, gluckste Belial, der sich grinsend zurücklehnte. »Sorry, Fürst Schneidezahn, aber das wüsste ich.«

»Seht ihr, genau das meine ich.« Sichtlich verstimmt warf Vlad die Arme in die Luft und schüttelte den Kopf. »Kein Respekt mehr.«

»Womit habe ich euch nur verdient«, sagte Archibald seufzend. »Ich rede weder von dem Essen, noch von dir, Vlad. Ob du es glaubst oder nicht, die Welt dreht sich weiter, auch ohne, dass dem bösen Vampir der rote Teppich ausgelegt wird!«

Vlad funkelte Archie mit zusammengekniffenen Augen an. »Früher war alles besser. Niemand fürchtet sich heute mehr vor mir. Daran hat allein die Filmindustrie Schuld, die dafür gesorgt hat, dass verweichlichte Vampire in Mode gekommen sind!«

»Nicht schon wieder, nein!«, stöhnten Archie und Belial gleichzeitig auf.

»Bitte verschone uns mit deinen Phrasen, meine Ohren sind nach all den Jahren deines Jammerns inzwischen suizidgefährdet!« Archie atmete tief durch und massierte sich die pochenden Schläfen.

»Nicht nur die«, erwiderte Belial schnaubend.

»Solltest du auf den kleinen Zwischenfall an Halloween anspielen, so möchte ich noch einmal betonen, dass ich mich seinerzeit in einer schlechten Verfassung befand. Ihr müsst das nicht ständig aufbauschen.« Verstimmt verschränkte der Vampir die Arme vor der Brust.

»Komm endlich drüber weg, Vlad!«, sagte Belial eher beiläufig, während er grinsend auf sein Smartphone sah.

»Unmöglich!«, antwortete dieser verstimmt. »Vegetarische Vampire, die glitzern. Ist es zu fassen?« Vlad klang, als finge er jeden Augenblick zu weinen an.

»Scheiß doch auf die halbe Portion, du bist Manns genug, das wegzustecken.«

»Das sagt sich so einfach, wenn man …, Belial? Natürlich, dein blödes Telefon ist mal wieder wichtiger.«

Archie schloss die Augen und holte tief Luft. Jetzt fehlte nur noch, dass Vlad wie ein kleines Mädchen trotzig aufstampfte.

»Sorry, aber die scharfe Nymphe von der Samhainfeier ist einfach interessanter. Wenn sie noch ein weiteres Nacktbild schickt, bin ich weg.«

»Welche davon? Du bist an dem Abend mit vier Nymphen verschwunden?«

Der Höllenfürst blickte auf und lächelte verzückt. »Man, das war ein Spaß. Diese unersättlichen Nymphen können –«

»Schluss jetzt! Das reicht!« Archie sprang genervt auf. »Wir haben wichtigere Probleme als einen sexsüchtigen Höllenfürsten und einen depressiven Vampir!«

»Ich bin nicht depressiv!«, erwiderte Vlad entrüstet.

»Ich bin gerne sexsüchtig«, sagte Belial grinsend.

»Jemand im Castle hat es auf uns abgesehen«, überging Archie die beiden, während er unruhig im Raum umherlief.

»Sagte ich doch, keinen Respekt mehr vor den Unsterblichen.« Vlad schnalzte mit der Zunge und strich sich seinen Anzug glatt.

»Nicht alle hier sind unsterblich, Vlad.«

»Mit ein bisschen Gewalt kriegt man die meisten ewigen Leben zum Erlöschen.«

»Äh, danke, B für diese plastische Ausführung, die leider ziemlich zutreffend ist, wie man an den fünf Opfern des unbekannten Täters deutlich sehen konnte«, sagte Archie nachdenklich.

Der blonde Schönling verzog den Mund, während er Archie beim Umherlaufen zusah. »Der unbekannte Täter? Das klingt viel zu langweilig. Wir sollten uns einen coolen Namen überlegen.«

Nun blieb Archie stehen und blickte mit gerunzelter Stirn auf Belial hinab. »Bitte?«

»Naja, wir sind hier ein großer Haufen übernatürlicher Wesen in einem vor Menschenaugen verborgenen Altersruhesitz, in dem es vor seltsamen Kreaturen nur so wimmelt. Wir sind alles, aber nicht normal. Warum also dem Mörder eine langweilige Bezeichnung geben?«

»Meint er das ernst?«, fragte Archie ziemlich verzweifelt klingend Vlad.

»Ich nehme an. Gutes Aussehen und Intelligenz scheinen sich nicht zwingend die Hand reichen zu müssen«, erwiderte der Vampir schulterzuckend.

»Stellt euch nicht so an, ihr müsst lernen, cooler zu werden, dann habt ihr auch Erfolg bei den Frauen.«

»B!«

»Was denn?« Der Höllenfürst grinste Archie unverblümt an. »Also, wie wäre es mit Der Schlächter oder Das Phantom

»Das fänden der Ripper und dieser seltsame, schwarze Geist sicherlich sehr sympathisch«, merkte Vlad an.

»Verdammt.« Belial zog eine Grimasse.

»Kein Wort mehr über den Ripper!«, sagte Archie hörbar angesäuert. Seit seiner unschönen Begegnung mit diesem Irren vor etwa hundertdreißig Jahren in London stellten sich ihm allein bei dem Namen die Nackenhaare auf.

»Was ist dieses Ding eigentlich genau?«, fragte Vlad.

»Der Ripper?«

»Ich weiß, was er ist. Nein, ich meinte den dunklen Geist. Der ist irgendwie unheimlich.«

»Hast du ihm mal beim Essen zugesehen?« Belial verzog erneut das Gesicht und schüttelte sich.« Man kann jedem Bissen dabei zusehen, wie er langsam in den Magen rutscht, bis er sich irgendwann in Luft auflöst. Total abartig.«

»Ich weiß, warum ich mir die Speisen aufs Zimmer bringen lasse.« Nun schüttelte sich auch Vlad.

»Okay Leute, könnten wir uns vielleicht irgendwie darauf konzentrieren, dass jemand im Castle versucht, uns umzubringen?«

»Naja, eigentlich versucht er es ja nicht, er ist sogar recht erfolgreich damit.«

»Ja Belial, so ist es. Was auch der Grund wäre, weshalb wir anfangen sollten, uns Sorgen zu machen!«

»Und was hast du vor? Einen auf Superschnüffler machen und uns unnötig in Gefahr bringen?«

»Was wäre denn die Alternative? Einfach dabei zusehen, wie immer mehr Bewohner gnadenlos abgeschlachtet werden?«

»Solange es uns nicht trifft?«

»Manchmal widerst du mich echt an.« Archie schnaubte hörbar.

»Weil ich sage, was ich denke und niemandem den Bauch pinsele? Ihr hasst mich nur, weil ich so hübsch bin!«

»Gib nicht so an, du Möchtegernfürst. Ich hatte mehr Frauen, als du zählen kannst. Damals, als die holde Weiblichkeit noch auf raue, echte Kerle stand und –«

»Aufhören!«, riefen Belial und Archibald gleichzeitig, bevor Vlad erneut dem Selbstmitleid verfallen konnte.

»Wir brauchen einen Plan.« Archie rieb sich das Kinn und begann wieder umherzulaufen.

»Für was?«

»Um wem auch immer das Handwerk zu legen!«

»Du hast wohl zu viel CSI geschaut?«

»Nein B, ich habe es einfach nur so satt, mich ständig fragen zu müssen, ob ich womöglich derjenige bin, dessen Blut als Nächstes durch die Hallen des Castle fließt.« Er hielt inne und taxierte Belials Blick. »Ist es dir denn wirklich egal, dass unsere Freunde ermordet werden?«

»Diese armseligen Irren hier sehe ich weniger als Freunde, denn als Freizeitunterhaltung.«

»Wie meinst du das?«

»Naja, immer wenn mir langweilig ist, setze ich mich in den Gemeinschaftsraum oder in den Speisesaal und beobachte die Witzfiguren. Es findet sich jedes Mal ein Ding, über das ich mich köstlich amüsiere.«

»Du bist noch kranker als ich dachte.« Angewidert wendete Archibald sich ab. »Wenn es dir so egal ist, ob wir hier alle sterben werden, dann weiß ich nicht, was du hier zu suchen hast.«

»Jetzt sei doch nicht gleich eingeschnappt, Bello. Ich habe nicht gesagt, dass ich dir nicht helfen werde, ich habe nur nicht sonderlich Lust dazu.«

»Und wie steht es mit dir?« Archie sah Vlad skeptisch an, der noch immer mit vor der Brust verschränkten Armen und gelangweiltem Gesichtsausdruck ihrem Diskurs folgte.

»Nun«, räusperte dieser sich und nahm Haltung an. »Da ich meine Burg in absehbarer Zeit zu meinem Leidwesen nicht zurückbekommen werde, bin ich auf das Castle angewiesen. Daher ist es selbstverständlich in meinem Interesse, dass derjenige aufgespürt wird, der uns nach dem Leben trachtet.« Das prächtige Schloss des ehemaligen Vampirfürsten war vor einigen Jahren von dessen Staat beschlagnahmt worden. Nachdem Vlad auf Grund fehlender Touristeneinnahmen die Steuern nicht mehr begleichen konnte. Was er wiederum ebenfalls der ihm so verhassten Filmindustrie zuschrieb, die seiner Meinung nach Schuld daran war, dass die Menschen keine Lust mehr auf echte Vampire hatten.

»Ich kann also mit deiner Hilfe rechnen?«

»Sicher. Zwar sind auch mir einige der Kreaturen hier äußerst suspekt, und andere gar widerlich, aber ohne das Castle bin ich obdachlos. Welch schauriger Gedanke.« Vlad schüttelte sich schnaubend.

»Hey ho, was geht?« Ohne anzuklopfen, platzte Fred, ein Zombie, in Archies Zimmer. Genau genommen war er der einzige Zombie auf der Welt, was er einer alten Voodoo-Priesterin in New Orleans und einer missglückten Beschwörung vor langer Zeit zu verdanken hatte.

»Na bitte, wenn man von suspekten Kreaturen redet, drängen sie sich auch schon auf.« Vlad, der Fred wegen seiner einzigartigen Unnatürlichkeit nicht ausstehen konnte – und wegen des Nebeneffekts der Verwesung und der dadurch immer wieder abfallenden Körperteile – verzog angewidert den Mund.

»Störe ich irgendwie?« Verlegen kratzte Fred sich am Kopf, wobei sich einige Hautfetzen lösten und zu Boden fielen, während Vlad seltsame Würgegeräusche von sich gab.

»Nein, wir stellen gerade einen Plan auf, wie wir diesem feigen Mörder das Handwerk legen können«, überging Archie Vlads geräuschvollen Einwand.

»Hui toll, darf ich mit euch abhängen?« Leider hatte Fred mit seiner Menschlichkeit auch ein paar Gehirnzellen zu viel eingebüßt. Freudig klatschte er in die Hände, die anderen schüttelten entsetzt den Kopf, doch es war bereits zu spät. Freds Zeigefinger löste sich mit einem ploppenden Geräusch und flog quer durchs Zimmer. »Entschuldigung«, murmelte er verlegen, während er seinem Körperteil hinterherhastete.

»Es ist abartig Archie. Wieso muss es hier sein?« Vlad schien noch bleicher als ohnehin zu sein.

»Er kann uns helfen, eure Empfindlichkeit.«

»Ach ja? Indem er den Mörder mit totem Fleisch bewirft?«

»Das wäre zu lustig, davon muss ich Bilder machen«, sagte Belial kichernd, wofür er jedoch nur strenge Blicke von Archie und Vlad erntete, während Fred ihn freudig anstrahlte.

»Genug! Es reicht! Wir gehen!« Sichtlich verstimmt stapfte Archie aus dem Zimmer, blieb jedoch im Flur stehen und forderte die anderen genervt auf, ihm zu folgen. »Heute noch, wenn ich bitten darf.«

»Wo gehen wir hin?« Belial schälte sich seufzend aus seinem bequemen Untersatz.

»In die Bibliothek. Dort sollten wir ungestört sein und ihr sitzt mir nicht so auf der Pelle wie hier.«

»Ich verstehe. Lesen ist nur den intelligenten Lebewesen vorbehalten«, sagte der Höllenfürst grinsend, während er sich an Archie vorbeischob.

»Aber, wenn ich über die Kreaturen in diesem Haus urteile, werde ich gerügt. Bitte lassen wir eben den blonden Angeber die Lorbeeren ernten.« Vlad stolzierte mit erhobenem Kinn an den anderen vorbei und eilte voraus.

»Hey Vlad, was ist denn jetzt schon wieder – Vlad, so warte doch.« Belial holte mit großen Schritten auf.

»Womit habe ich das nur verdient.« Kopfschüttelnd folgte Archie ihnen.

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