Kapitel 11

Viktor erwachte noch vor Sonnenaufgang aus einem unruhigen Schlaf. Gehetzt blickte er sich um, tastete um sich, doch er fand sich allein.

Dieser Umstand, der ihn eigentlich beruhigen sollte, traf ihn wie der Tritt eines Pferdes. Er ließ sich wieder ins Kissen sinken, wischte sich die schweißfeuchten Haare aus dem Gesicht und drückte sich die Hände auf die Augen.

»Warum tust du mir das an, Gott? Was habe ich getan, um das zu verdienen? Warum quälst du mich so?«, flüsterte er in die Dunkelheit und versuchte krampfhaft, den Schmerz in seiner Kehle hinunterzuschlucken, ebenso wie die Tränen der Scham, die in seinen Augen brannten.

Er hatte diesem sündigen Verlangen nur ein einziges Mal nachgegeben, das war Jahre her, er war damals noch fast ein Kind, ein dummer, sorgloser Bursche. Hatte er nicht schon genug dafür gesühnt? Oder strafte ihn Gott noch immer dafür, dass er lebte, während Anton gestorben war? War dieses widernatürliche Verlangen die Strafe dafür, dass er nur eine Sekunde nicht aufgepasst hatte und deswegen sein jüngerer Bruder starb? Und war der Tod seiner Eltern und der seiner Familie wiederum die Strafe für seine unreinen und unkeuschen Gedanken?

Er stand auf und öffnete das Fenster zu seinem Balkon. Draußen lag der Schnee knöchelhoch und das auch nur, weil Sebastian die Schneemassen jeden Tag hinunter fegte. Sonst könnte man ihn wohl nicht mehr betreten. Barfuß und ohne die Kälte zu spüren, schritt er hinaus. Der kalte Wind war lebhaft und riss an den dunklen Haaren des jungen Mannes, als wären es feine Zweige. Das Nachthemd, das feucht an seinem Körper geklebt hatte, löste sich von diesem und umflatterte ihn. Er dachte beiläufig daran, dass er wie ein Wahnsinniger aussehen musste, so wie er dastand, mitten in der Nacht, im Wind, ohne Schuhe im Schnee.

Er fror nicht einmal, sondern machte nur einen weiteren Schritt nach vorn und legte seine Hände auf die steinerne Balustrade. Mit müden Augen blickte er nach unten. Es ging sehr tief hinab und man konnte den Boden wegen der Dunkelheit und dem Wald nicht erkennen. Wenn er springen würde, würde er sicher nicht überleben.

Vielleicht sollte er es einfach hinter sich bringen. Sebastian würde sich um alles kümmern, wenn er fort wäre. Seine Leute wären versorgt, bis sie neue Arbeitgeber hätten und die Welt wäre einen weiteren Sünder los, der gar nicht mehr leben dürfte, so oft, wie das Schicksal ihm schon deutlich gemacht hatte, dass sein Tod längst vorgesehen war.

Er war ein Produkt des Teufels. Schon die Umstände in der Nacht seiner Geburt waren ein einziges dunkles Omen. Es hatte so schwer gewittert wie seit Jahren nicht mehr. Blitze hatten Häuserdächer zerschlagen, ein Feuer hatte ein ganzes Dorf niedergebrannt und ein Blitzschlag auf dem Schlossgelände hatte einen Baum brechen lassen, der einen Arbeiter erschlug, just in der Sekunde, in der er, Viktor, das Licht der Welt erblickt und das erste Mal geschrien hatte.

Wie konnte man da noch ernsthaft glauben, er wäre nicht schlecht und verdorben? Er lebte nur, weil seine Schwester gestorben war. Er hatte zugelassen, dass Anton, der kleine, überaktive Anton, sich in einer Kiesgrube beim Spielen das Genick gebrochen hatte. Er hatte unkeusche Gedanken seinem eigenen Vetter gegenüber gehabt. Und er hatte zugelassen, dass dieses widernatürliche Verlangen so stark wurde, dass er diesem schließlich nachgegeben hatte.

Der Tod hatte ihn schon einmal an der Hand und er hätte ihn mitnehmen sollen. Es konnte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, dass er diese schwere Verletzung, die ihm als Jüngling zugefügt worden war, überlebt hatte mit nichts weiter als einer sichtbaren Narbe auf der Brust. Er war verdorben, er konnte unmöglich so viel von Gottes Gnade erhalten haben, um dies zu überleben. Doch wenn Gott ihn nicht errettet hatte, dann konnte es nur der Teufel gewesen sein, der seinen leidigen Sünder nicht hatte aufgeben wollen.

Er hatte nicht mehr die Kraft, weiterhin daran zu glauben, dass alles gut werden würde. Er tat es, solange er iubita und Gabriel hatte. Sie waren sein Anker und auch wenn er immer gewusst hatte, dass er Julieta niemals so lieben konnte, wie sie es verdient hätte, nicht nur als Seelenverwandte, sondern als Frau, so stand sie doch immer an seiner Seite und kühlte die Wunden des Selbsthasses, die er sich körperlich und emotional selbst zugefügt hatte.

Sie war ihm eine gute Frau. Sie wusste um seine Verderbtheit, doch hatte ihm niemals Vorhaltungen gemacht, ihn immer kritisiert, wenn er von 'seiner Sünde' gesprochen hatte und versucht, ihm bewusst zu machen, dass diese Seite nun einmal zu ihm gehörte, genauso wie seine braunen Augen es taten.

Und doch konnte er ihr nicht glauben. Es konnte nicht Gottes Plan gewesen sein, dass es Männer wie ihn gab, die sich von der natürlichen Ordnung abwandten und sich ihresgleichen zuwendeten. Die Kirche und jeder Priester verurteilte solches Verhalten zutiefst und predigte von Hölle und Feuer für die, die es dennoch taten.

Und nun hatte Gott, mit seinem letzten Schlag gegen ihn, bewiesen, dass Julieta im Unrecht war. Dass es zwar womöglich zu ihm gehörte, doch dass es das nicht sollte und dass Gott das nicht hinnehmen würde. Dass er ihn strafen würde, solange er lebte dafür, dass er so fühlte, wie er es eben tat.

Er konnte nicht noch mehr ertragen. Es gab nur noch eine Person, die ihm etwas bedeutete und die man ihm wegnehmen könnte und auch wenn diese immer behauptete, dass man ihr nicht anhaben könne, glaubte Viktor dennoch, dass Gott einen Weg finden würde, es doch zu tun. Und er konnte nicht auch noch Sebastian verlieren!

Lieber wollte er selbst gehen und endlich Ruhe haben. Er lebte bereits in der Hölle. Des Teufels Tiefen konnten unmöglich schlimmer sein als dieses Leben voller Selbsthass, Entsagung und Scham über jedes noch so kleine positive Gefühl, das er einem anderen Mann entgegen brachte. Die Scham über den kurz aufgeflammten, unkeuschen Gedanken, wie es wäre, diesen exotischen Engländer in der Kleiderkammer zu küssen oder das Herzrasen, das er hatte, als dieser für einen Moment zu lange seine Hand gehalten hatte.

Er wusste, dass, solange dieser Lord hier war, diese unreinen Gedanken und die Faszination über ihn nicht nachlassen würden und er wusste auch, dass das lange Nächte voller Schuldgefühle bedeutete.

Und Angst. Vor Entdeckung, vor Verachtung, vor Verfolgung. Vor der öffentlichen Brandmarkung als Sodomit. Vor einer Festnahme vielleicht sogar. Die Kirche duldete solche Männer nicht, ob es nun Adelige waren oder nicht.

Viktor setzte dazu an, das rechte Bein auf die Balustrade des Balkons zu heben. Er spürte den kalten Wind noch immer nicht, aber seine Gesichtshaut spannte, da sich die gesammelten Tränen einen Weg gebahnt hatten. Es kümmerte ihn nicht mehr. Warum sollte es das auch? In wenigen Minuten war alles vorüber.

»Wenn Ihr springt, Master Ari, werdet Ihr Eure Familie niemals wieder sehen«, drang eine Stimme aus der Dunkelheit an sein Ohr. Sie kam von der Balkontür und Viktor, der durch den Klang zur Besinnung kam, brach in Tränen aus und sank vor der Balustrade auf die Knie.

Sebastian ging zu ihm und hob ihn auf, als wäre er noch immer das Kind von früher. Er trug Viktor in das warme Zimmer zurück und legte ihn ins Bett. Behutsam putzte er den Schnee vom Nachtgewand seines Herrn, bevor er diesen zudeckte. Leise seufzend befüllte er die Heizpfanne mit etwas von der noch heißen Glut und schob sie am Fußende unter die Bettdecke.

»Warum muss ich mir immer Sorgen um Euch machen?« Der Butler zog einen Stuhl an das Bett heran und setzte sich.

»Was machst du hier?«

»Ihr wart bei Eurer Ankunft so schlaftrunken, dass ich Euch ins Bett brachte. Ich habe das Feuer entzündet und habe nur warten wollen, bis es gut durchgebrannt war, um neue Scheite aufzulegen. Und dabei muss ich eingeschlafen sein. Zum Glück, muss ich sagen! Was habt Ihr Euch dabei gedacht?«

Viktor wandte sich von dem nur schemenhaft durch die matte Glut des Feuers beleuchteten Gesichts ab und schniefte.

»Ich kann das nicht mehr. Ich kann so nicht leben. Mit diesem... Gefühl...«

»Selbstmord, mein Herr, wird Eure Probleme nicht lindern. Ihr wisst, was mit Selbstmördern nach ihrem Tod passiert. Und ich bin sicher, Ihr werdet weder die Herrin noch den kleinen Gabriel noch Eure Eltern in der Hölle antreffen.«

»Dann sag mir, wie ich leben soll mit dieser widernatürlichen Sehnsucht? Mit diesem Gefühl der Schande und der Scham und der Angst, dass das kleinste Wort, der kleinste Hinweis mich als das verrät, was ich bin.«

Sebastian lehnte sich zurück und seufzte leise.

»Wer sagt Euch denn, dass es unnatürlich ist, was Ihr empfindet? Ich glaube daran, dass alles, was auf der Welt existiert, auch eine Berechtigung hat, da zu sein. Sonst wäre es nicht da. Ganz einfach. Gott liebt die Vielfalt, so heißt es doch in den Religionen der Welt. Vielleicht ist das, was Ihr empfindet, nur eine weitere seiner Spielereien. Denn ihr seid nicht der Einzige, der so fühlt. Wenn es so wäre, wäre ich eher geneigt zu glauben, dass es ein persönlicher Fluch ist.«

Viktor befingerte den Stoff seiner Bettdecke und starrte in die Glut des Feuers. Der kalte Wind vom Balkon strich über seine Haut und er schob sich weiter unter die Decke.

»Was soll ich also tun? Zulassen, was ich empfinde? Und riskieren, dass Gott mich noch mehr straft?«

»Die Entscheidung kann ich nicht für Euch treffen, Master, aber ich glaube einfach nicht daran, dass Gott die Ursache für alle Eure Schicksalsschläge ist. Manchmal ebnet viel Leid nur den Weg zu großem Glück. Wer viel ertragen kann, verdient auch viel Gutes.«

»Hast du wieder von meinem Schnaps getrunken?«, knurrte Viktor unter der Decke hervor und Sebastian lachte leise.

»Nein, Herr. Ich glaube, alles, was geschehen ist, ist nichts weiter als eine große Aneinanderkettung von Zufällen. Was Ihr bezüglich Eurer Gefühle anstellt und ob Ihr dem unverschämten Werben des britischen Dandys nachgeben wollt... schaut nicht so, ich bin doch nicht blind! ... bleibt Euch überlassen. Ihr habt solche Angst, irgendetwas falsch zu machen, dass ihr gar nichts Freudiges zulasst. Und Freude, die habt Ihr euch nach den letzten Monaten wirklich verdient.«

»Ich hasse es, wenn du mich belehrst.«

Sebastian erhob sich und schloss die Balkontür fest, bevor er die Vorhänge zuzog. Er wandte sich zu seinem Herrn um, der wie ein ungehorsames Kind in seinem Bett lag und über die Decke linste.

»Und ich hasse es, wenn Ihr unvernünftige Dinge tut. Ich habe Eurem Vater nicht versprochen, auf Euch Acht zu geben, damit Ihr dann vom Balkon hüpft. Bei allem Verständnis für Euren Schmerz, aber das lasse ich nicht zu.«

Der Butler warf einen letzten Scheit Holz auf die Glut, die wieder aufflammte, und bewegte sich dann zur Tür.

»Danke, Sebastian.«

»Immer, mein Herr. Für Euch immer.«

Kommentare

  • Author Portrait

    Wenn es in all den schweren vergangenen Jahrhunderten - und bis heute! - nur mehr solche Männer wie Sebastian gegeben hätte! Nur was die Folgen eines Suizids anbelangt, stimme ich nicht mit ihm über ein.

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    "Manchmal ebnet viel Leid nur den Weg zu großem Glück. Wer viel ertragen kann, verdient auch viel Gutes." Diese zwei Sätze hallen auch jetzt noch in meinem Kopf, weil sie so viel Wahrheit mit sich führen. Hat mich wirklich beeindruckt.

  • Author Portrait

    Wahre Worte von Sebastian. :-) Wenn Viktor ihn nicht hätte.

beta
Feenstaub

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