Kapitel 16

Matt streckte sich Viktor in dem Badezuber aus, so weit dieser es zuließ.

Das heiße Wasser brannte auf seiner Haut und trieb die winterliche Kälte, die in den Korridoren und Gängen des Schlosses hing, aus seinem Körper. Das üppige Abendessen und der viele heiße Wein hatten ihn schläfrig werden lassen. Lord Sandringham, der als Gast über Nacht blieb, hatte sich nach dem Essen entschuldigt. Er hatte einen ebenso müden und beschwipsten Eindruck wie Viktor gemacht.

Noch immer erheitert durch den vielen Alkohol kicherte der Graf in seinem Badewasser vor sich hin. Wein konnte ein ganz schöner Kuppler sein und Sandringham war ebenso gepolt wie er. War das nun gut oder schlecht? Immerhin konnte er sich unmöglich auf ihn einlassen. Und er war nur zu Gast. Er würde nach England zurückkehren.

Viktors Heiterkeit schlug in Resignation um und murrend tauchte er zur Gänze in dem Zuber unter.

»Mir gefällt dieser Engländer nicht ...«, hörte der junge Mann beim Auftauchen die Stimme Sebastians, der mit Handtüchern in das Ankleidezimmer kam, in dem sein Herr zu baden pflegte.

Der Graf schäumte sich den Kopf ein, als er sich umwandte.

»Erklärst du dich noch genauer?«

Sebastian ging seinem Herrn beim Waschen seiner langen Haare zur Hand. »Erinnert Ihr Euch an damals, vor etwa zehn Jahren, als Ihr meintet, ich hätte etwas Düsteres an mir, was vorher nicht da war?«

»Wie könnte ich nicht? Du bist seither keinen Tag gealtert ...«

»Dieser Engländer ist anders ...«

»Natürlich. Er kommt aus England«, lachte Viktor noch leicht beschwipst.

»Das meine ich nicht. Vom ersten Moment an, als er Euch sah, ist etwas in seinem Blick, was mich nicht zur Ruhe kommen lässt.«

»Vielleicht ist es nur ... Begehren ...?«

Sebastian bemerkte, dass Viktor rote Ohren bekam, weil er diese vage Hoffnung auf etwas Nähe ausgesprochen hatte. »Er ... ist wie ich, weißt du?«

Der Diener seufzte. »Wenn, dann würde ich es als Hunger beschreiben.«

»Bezeichne ihn noch als Strigoi und ich weiß, du hast am Wein genascht.«

Sebastian seufzte erneut. »Das tue ich nicht. Und trotzdem bin ich besorgt. Er hätte so viel Gelegenheit, hier Freunde zu machen und kommt ausgerechnet zu Euch, der Ihr noch Trauer tragt?«

»Willst du mir sagen, ich sei nicht unterhaltsam?« Viktor klang pikiert, aber auch besorgt.

»Aber nein! Doch ein frisch verwitweter Trauernder ist doch nicht das Erste, wenn man an Zerstreuung denkt, oder?«

Viktor lehnte sich bedröppelt an den Zuber. »Du kannst einem auch jedes Kribbeln kaputt machen.« Die Stimme des Grafen klang belegt und auch etwas weinerlich. Sebastian kannte das bereits. Wenn sein Herr angetrunken war, schwankte seine Stimmung wie die einer schwangeren Frau.

»Hilf' mir ausspülen. Ich will schlafen gehen«, maulte Viktor und rutschte in die Wanne, um die Seife aus seinem Haar zu waschen.

Mit hängenden Schultern stand er schließlich auf, ließ sich abtrocknen und in das blütenweiße Nachtgewand helfen. Der Wein hatte ihn müde und matt werden lassen. Sebastian leerte den Zuber aus dem Fenster des Raumes. Er hob ihn einfach an und schüttete ihn aus.

Viktor hatte nie gefragt, wie das möglich sein konnte. Die immense Kraft seines Dieners, die Tatsache, dass er seit fast zehn Jahren um keinen Tag gealtert war ... vermutlich hatte er Sorge, dass eine ehrliche Antwort ihn beunruhigen würde. Seine Sicht auf Sebastian ändern, den er liebte und verehrte wie den engsten Freund und Bruder, den er nicht hatte.

Und genaugenommen interessierte es ihn auch nicht. Sebastian hatte ein Recht auf seine Geheimnisse und er war zu gut, um jemandem zu schaden.

»Wollt Ihr noch einen Krug Milch gegen die Kopfschmerzen morgen früh haben, Herr?«

Viktor trottete mit einer Kerze in der Hand barfuß in sein Schlafgemach hinüber. Flammen tanzten im Kamin, aber wirklich warm war es nicht. Einen hitzeähnlichen Zustand zu erreichen, war im transsylvanischen Winter in den Bergen ein verschwenderischer Luxus. Es bräuchte zu viel Holz. Also heizte man so, dass die Fenster nicht zufroren und man als Mensch sicher sein konnte, nicht im Schlaf zu erfrieren. Doch die Schlossbewohner waren Kühle gewöhnt. Die Dienerschaft aus Küche und Stall, wo es immer fast etwas zu warm war, begrüßte die Kälte sogar als willkommene Abwechslung. Und im Hochsommer war sie ebenso überaus angenehm.

Viktor nahm auf der Bettstatt Platz und flocht sich die Haare locker, während Sebastian Feuerholz für die Nacht nachlegte und seinem Herrn die Milch gegen den Kopfschmerz brachte.

Ein leises Mauzen kündigte dem Grafen einen Besucher an, der auf samtenen Pfoten daher kam. Der schwarze Kater, dem Sebastian den Namen Rasputin gegeben hatte, hatte sich auf Viktors Decke niedergelassen und blickte ihn aus seinen gelbgrünen Augen wissend an. Der junge Mann musterte ihn. Er war ein schönes Tier, fast zu schön und eindeutig zu groß für eine gemeine Hauskatze. Er hatte die Größe eines Terriers. Der Graf erinnerte sich, dass der Stallmeister vor etwa zwölf Jahren einen Wurf Katzenjungen samt Mutter in den Fluss werfen wollte, weil er meinte, dass die Tiere alles verdrecken würden. Sebastian war damals dazwischen gegangen und hatte eine ordentliche Tracht Prügel bezogen, bis sich sein, Viktors, Vater eingemischt hatte. Er hatte dem Diener Recht gegeben und den Stallvorsteher, der zur damaligen Zeit das Vieh betreut und versorgt hatte, entlassen.

Der junge Sebastian hatte sich von diesem Tag an liebevoll um den Wurf gekümmert, denn er liebte nichts mehr als Katzen. Von diesen lebte nur Rasputin noch und war das einzige Tier, das ins Schloss durfte. Er schlief normalerweise in der Küche, wo es immer Futter für ihn gab, oder bei Sebastian.

Viktor und der Kater beobachteten einander. Das Tier sah nicht aus, als wäre es bereits zwölf Jahre alt.

Noch immer benommen, müde und irgendwie leer innerlich, legte der Graf dem Kater die Hand auf den massigen Körper und kraulte ihn. Lautes Schnurren, das tief beruhigte, war sein Lohn.

»Ihr solltet Euch hinlegen, bevor Ihr aus dem Bett kippt.« Der hochgewachsene Leibdiener stellte den Krug ab und drückte seinen Herrn in die Kissen.

Dieser sah unglücklich aus und älter, als er war, obwohl seine Haut vom Schrubben mit der Bürste noch immer rosig war. Rasputin machte keine Anstalten, das Bett zu verlassen, und so ließ der Diener ihn liegen.

»Schlaft, nachdem Ihr die Milch getrunken habt, Ari. Und besser kein Wein mehr vor dem Zubettgehen. Der macht Euch schwermütig.«

»Als ließe ich mir etwas verbieten«, murmelte der Angesprochene und war schon halb im Schlaf.

»Gute Nacht.« Sebastian zog schmunzelnd die Tür hinter sich zu.

 

Ein lautes Geräusch ließ Viktor mitten in der Nacht aus der Nachtruhe hochfahren. Benommen blickte der junge Mann sich im Schein des matten Feuers um.

Die wie Glaskugeln funkelnden Augen des Katers Rasputin leuchteten von der Tür seines Gemachs zu ihm herüber. Offenbar war das Tier auf die Klinke gesprungen in der Hoffnung, die Tür würde sich öffnen. Ein jammerndes Mauzen ertönte. Der Kater hatte offensichtlich das dringende Bedürfnis, sich zu erleichtern und wusste, dass er das in den Gemächern nicht durfte und dafür betraft werden würde.

Viktor erhob sich und entließ das große Tier in die Korridore des Schlosses. Er wusste, dass Sebastian Kisten mit Sand aufgestellt hatte, damit Rasputin seine Pfützen und Haufen nicht einfach irgendwo machte. Und offenbar funktionierte es, denn er, Viktor, hatte noch nie irgendeine Hinterlassenschaft gefunden.

Müde trank der junge Graf die restliche, inzwischen erkaltete Milch aus, die auf seinem Nachttisch stand, warf einen neuen Scheit ins Feuer und schürte die Glut auf.

Er würde wohl dem Beispiel des Katers folgen und den Abort aufsuchen müssen, denn das gute Essen und der viele Wein verlangte danach, abgegeben zu werden. Innerlich wappnete er sich gegen die Eiseskälte, die in diesen isoliert an den Schlossmauern angebauten Kammern herrschte. Doch sicherlich würde er nicht den Nachttopf dafür hernehmen!

Er schüttelte sich und schlüpfte in seine Stiefel, bevor er den Mantel umlegte. Wie lächerlich es doch war, sich anzukleiden, wenn man doch mit dem nackten Hintern in der Kälte hing, dachte Viktor beiläufig, entzündete eine Kerze an der Glut im Kamin und verließ das Gemach.

 

Erleichtert und dank der geölten Tücher, die Sebastian in den Abort gelegt hatte, auch mit dem Gefühl, rein zu sein, begab sich der junge Graf auf den Weg zurück in sein Bett. Ihm fröstelte, da er unter dem Mantel nur das leichte Nachthemd aus Leinen trug. Seine Schritte waren, der Kälte geschuldet, ziemlich eilig, als er einen leichten Lichtschein aus einem der Gemächer ausmachte.

Diese Zimmer waren unbewohnt, also musste es das sein, das Sebastian für Lord Sandringham hergerichtet hatte. Nun, dieser würde es nicht so weit haben, wenn er das Bedürfnis nach Erleichterung verspüren würde, so viel stand schon einmal fest, dachte Viktor frierend.

Er bedauerte fast, dass der Turm, in dem sein Gemach lag, nicht an die Außenmauer grenzte und deswegen keinen eigenen Abort hatte. Badewasser konnte über die Rinnen abfließen, aber menschliche Hinterlassenschaften würden alles verdrecken.

Der Graf bemerkte, dass die Tür nur angelehnt war und wagte einen Blick. Sandringham hockte auf dem Teppich von dem Bett, eine einzelne Kerze gab spärliches Licht und doch war Viktor überdeutlich bewusst, dass sein Gast dort mit bloßer, muskulöser Brust Leibesübungen machte. Mitten in der Nacht.

Der junge Adlige hatte beim Anblick des schönen Engländers beinahe die Kälte vergessen, die mit spitzen Fingern über die Haut unter seinem lächerlich dünnen Nachthemd kratzte. Unangenehm und peinlich berührt spürte er die Hitze und das sündige Ziehen in seiner Leistengegend. Er wollte sich abwenden, um seinen Gast nicht in dessen Privatsphäre zu stören. Und um zu verhindern, dass die Anspannung in seinem Körper sichtbare Folgen hatte. Doch Sandringham schien den matten Feuerschein von Viktors Kerze durch den Spalt bemerkt zu haben und erhob sich. Zu rasch, als das dieser hätte Reißaus nehmen können ... wie hätte das auch gewirkt? Ein erwachsener Mann, ein Fürst, läuft vor einem anderen davon wie ein Mädchen.

»Graf! Plagt Euch auch die Schlaflosigkeit?«, lächelte Hiram, als er die Tür aufgezogen hatte. Viktor fühlte sich merkwürdig ertappt.

»Nein ... ich ... also, es war nötig, mich zu erleichtern ...«, stammelte der junge Mann und hoffte, der Lord würde sich etwas anziehen, um seine schimmernde Haut zu bedecken.

»Seid Ihr in der Stimmung für einen Absacker oder wollt Ihr sofort ins Bett zurück?«

Der Graf trat, sich seiner desolaten Garderobe bewusst, in das Zimmer. Der Geruch nach Holz erfüllte es, doch der kam nicht vom Kamin. Mit einem Seitenblick auf den halbnackten Engländer wusste Viktor, dass es vollkommen egal war, ob er ging oder blieb, er würde sich so oder so in sündigen Gedanken ergehen, sobald er wieder im Bett lag.

»Helfen die Leibesübungen, wenn man nicht schlafen kann?«

Lord Sandringham goss etwas echten englischen Brandy aus einem Flachmann in eines der Gläser, die eigentlich zur Zierde auf dem kleinen Tisch standen, und reichte es seinem Besucher.

»Sie helfen nur bedingt. Bestes Mittel dagegen ist ein langer, sinnlicher und kräftezehrender Liebesakt.«

Der junge Graf nickte wie aus Gewohnheit. Denn er wusste nicht, inwieweit ein Akt erschöpfend war, schon gar nicht ein sinnlicher, einer, der echtes Vergnügen statt reine körperliche Reaktion hervorbrachte. Mit Julieta hatte es solche Situationen nicht gegeben und das eine und einzige Mal, dass es lustvoll hätte sein können, war viel zu viel Aufregung im Spiel gewesen und viel zu wenig Erfahrung.

Er seufzte innerlich. Er hatte ja noch immer keine. Vierzehn Jahre waren vergangen seit dieser Nacht im Stall mit Andrej. Vierzehn Jahre, in denen er sich gequält und gemartert hatte. Und in denen er nie wieder den Körper eines Mannes, außer seinem eigenen, berührt hatte.

Auch wenn Julieta ihm ihren Segen dazu gegeben hatte. Die Last, dieser Sünde nachzugeben, wog einfach zu schwer.

»Ihr macht den Eindruck, nicht meiner Meinung zu sein?«

Viktors Kopf zuckte leicht. »Vermutlich wäre ich es, wenn ich jemals einen erschöpfenden Liebesakt erlebt hätte ...« Als er lächelte, wirkte es müde und unglücklich.

»Ich kann Euch den Gefallen tun, wenn Ihr mich lasst.« Lord Sandringham lächelte zart und hielt dem Grafen seine Hand hin, der sie anstarrte und dessen Gesicht nur zu deutlich den Kampf widerspiegelte, der just in diesem Moment in ihm tobte.

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