Kapitel 22

Der Tag war noch nicht angebrochen, als der junge Graf auf leisen Sohlen das Schloss verließ. Dick eingepackt in einen dunklen Mantel aus Kaninchenfell eilte er über die Treppe nach draußen in den Hof. Der Schnee lag so hoch, dass Viktor bis zu den Waden in diesem versank. Leise fluchend watete er durch die weiße Masse. Er spürte den belebenden Effekt, den die Kälte auf ihn hatte und begrüßte diesen. Denn er hatte die ganze Nacht kein Auge zubekommen. Stattdessen hatte er aus dem Fenster gestarrt, die fallenden Schneeflocken gezählt, einen ganzen Krug Wein geleert und trübsinnige Gedanken verfolgt.

Sebastian hatte natürlich Recht. Viktor vergaß über seine Angst vor dem, was ihn nach dem Tode erwartete, völlig, dass vor dem Sterben das Leben kam. Und doch, waren es nicht des Priesters Worte, dass das Leben nur die Reise, der Weg war, der einen Menschen entweder in den Himmel oder in die Hölle führen würde? Und dass es darauf ankäme, möglichst redlich zu bleiben, um am Ende nicht im Fegefeuer zu schmoren?

Wie konnte jemand wie er, Viktor, gottgefällig bleiben, wenn er den sündigen Gedanken auch Taten folgen lassen würde? Und wie konnte Sandringham glauben, dass all das keine Rolle spielen würde. Was war dieser Mann doch für ein himmelschreiender Ketzer.

Der junge Adlige konnte sich beim besten Willen nicht erklären, woher der blonde Fremde diesen Hochmut gegen Gott besaß. Der Lord predigte ihm, Viktor, ein Leben, als würde die Aussicht auf den Tod gar nicht bestehen. Doch wie konnte das sein? Wie konnte ein Sterblicher seine Tage verbringen, ohne an das unweigerliche Ende und das darauffolgende Schicksal zu denken?

Der Graf zuckte missbilligend mit den Lippen und zog mit all seinem Gewicht an den schweren Türen, die die Kapelle verschlossen. Einen Schwall Schnee mit in das kleine Gebetshaus tragend, betrat er dieses. Es war dunkel. Nur wenige der Ölfunzeln auf dem Altar hatten noch genügend Brennstoff übrig. Es roch angesengt, nach heißem Metall und Lampenöl. Und es war bitterkalt.

Doch das war dem jungen Mann nur recht. Je kälter, desto wacher würde er werden. Gemessenen Schrittes, sich der Anwesenheit der heiligen Ikonen bewusst, ging er durch den Gang, ignorierte die bizarren Schatten, die sein Körper im Schein der flackernden Lampen an die reich verzierten Wände warf, beachtete die finsteren Masken nicht, die sich auf den Gesichtern der Heiligenbilder abzeichneten und mehr den Anschein von Dämonen machten, die nach der Reinheit einer jeden Seele trachteten. All das waren Trugbilder, Spielereien aus Licht und Dunkel, nichts vor dem man sich fürchten musste. Welche Gefahr sollte ihm in einer Kapelle schon drohen?

Vor dem Altar und der kostbaren Ikone der Mutter Gottes mit dem Jesuskind fiel der Graf auf die Knie, das Haupt in Buße gesenkt. Die Eiseskälte des nackten Steins drang durch den Stoff seiner einfachen Hosen und kroch von dort aus in jede Zelle seines Körpers.

Er bat um Vergebung, dass er den frevelhaften Reden des exotischen Engländers überhaupt Gehör geschenkt hatte, dass er über dessen Worte nachgedacht, ja sogar in Erwägung gezogen hatte, diese für bare Münze zu nehmen, auf sein eigenes Leben anzuwenden und den Verheißungen nachzugeben, die der fremde Teufel ihm offeriert hatte.

Wie lächerlich erschien ihm dies nun, da er in einem ruhigen Moment, in der Klarheit und der Anwesenheit von Gott, darüber nachdachte. Viktor und Lord Sandringham kamen aus verschiedenen Welten, ja sie teilten nicht einmal denselben Glauben. Wie konnte der junge Adlige da annehmen, dass der Engländer dessen Beweggründe verstehen konnte? Die Kirche des Westens war dekadent, überfressen und prunksüchtig, der Glaube ihrer Anhänger war getrübt, geschwächt, erschüttert durch die scheinheiligen Werte, die ihre Priester vertraten. Es war nur natürlich, dass Menschen wie Sandringham sich der Sünde hingaben, wenn es niemanden mehr gab, der wirklich ein Auge darauf hatte. Während die einfachen Bauern unter der Macht der Kirche beinahe zerquetscht wurden, lebte der Adel in verschwenderischer Fülle, gab sich dem Genuss hin, der Trunksucht und der Hurerei. Die Geistlichkeit kümmerte dies wenig, hatte sie doch damit zu tun, möglichst viel Kapital aus den derzeit zwischen England und den Franzosen tobenden Konflikten zu schlagen. Die Feuer der Inquisition brannten täglich. So zumindest berichteten es fahrende Händler, die ihren Weg aus den umkämpften Gebieten lebendig hatten bestreiten können.

Krieg und eine selbstsüchtige Kirche hatten dazu geführt, dass Sandringham den rechten Glauben verloren hatte und deswegen vielleicht auch die Angst vor dem Tod. Anders vermochte es sich Viktor nicht zu erklären. Denn entweder hatte der Lord noch zu wenige Menschen sterben sehen oder bereits zu viele, als dass ihm dies noch Sorgen bereiten könnte. Auch der Graf selbst sorgte sich nicht wegen des Todes an sich. Er war Transsylvanier und die hatten ihre ganz eigene Art, mit dem Sterben umzugehen. Ihn sorgte einzig und allein das Leben, das er haben würde, wenn er diese Welt verlassen würde. Der Ort, an den es ihn dann verschlagen würde.

Übermüdet lehnte der junge Graf seine Stirn an den Stein des Altars. Das samtene Tuch, das diesen bedeckte, vermochte nicht die Kälte zu fernzuhalten. Der Mann seufzte und schloss die Augen.

Er fragte sich, ob er den Lord wohl verärgert hatte mit seinem brüsken Rauswurf. Obgleich ihm dies als Hausherr natürlich zugestanden hatte, war es dennoch kein Zeichen von guten Manieren gewesen. Wiedergutmachung, die würde er zu leisten haben, wenn er verhindern wollte, dass sich sein rüdes Verhalten in der Gesellschaft herumsprach. Auch wenn es dem jungen Adligen eigentlich herzlich egal war, was die anderen Bojaren von ihm oder seinem Gebaren hielten, konnte er es sich als regierender Fürst Bistriens nicht leisten, in Verruf zu kommen. Sein Leumund musste untadelig bleiben, ob es nun sein Verhalten Fremden gegenüber betraf oder sein Liebes- und Eheleben.

Er würde wohl oder übel in den sauren Apfel beißen und sich bei Lord Sandringham für sein rüdes Benehmen entschuldigen müssen.


»Eure Durchlaucht, geht es Euch gut?« Die besorgte Stimme eines Mannes, die Viktor bekannt vorkam, drang in sein Ohr. Erschrocken öffnete der junge Graf die Augen und sah sich gehetzt um, um dann mit dem Blick an dem Redner hängen zu bleiben.

Offensichtlich war Viktor über der Grübelei mitten in der Nacht in der Kapelle eingeschlafen. Er saß noch immer vor dem Altar, hatte sich fest in den Kaninchenfellmantel eingewickelt und dennoch glaubte er, nicht einen Muskel vor Kälte rühren zu können.

Der besorgte Mann vor ihm, der wohl geglaubt hatte, er, Viktor, wäre hier auf den Stufen vor der Mutter Gottes erfroren, war Pater Ademus, ein junger Priester, der für die kleine Kapelle und das Seelenheil der Menschen an Graf Draganestis Hof zu sorgen hatte.

»Ah, ja, Pater. Bitte seid unbesorgt. Ich muss eingeschlafen sein ...« Verlegen lächelnd erhob sich Viktor.

»Da bin ich in der Tat beruhigt. Ich hatte schon befürchtet, Ihr wäret in dieser furchtbar kalten Nacht hier zu Tode gekommen. Nicht auszudenken ...«

»Offenbar hat der Herr seine Hände über mich gehalten«, murmelte der Graf und rieb sich die eiskalten Finger, während der junge Priester begann, die erloschenen Öllampen auf dem Altar wieder zu entzünden.

»Ihr solltet besser zusehen, dass Ihr hinein geht und etwas Heißes in den Magen bekommt, Eure Durchlaucht. Sonst kommt Euch der Tod durch diese unchristliche Kälte doch noch holen.«

»Ja, Pater.« Viktor nickte und verneigte sich vor dem Geistlichen, während dieser seinen Segen über den jungen Adligen gab. Ohne ein weiteres Wort verließ der Graf die Kapelle und ließ den Priester seine tägliche Arbeit verrichten.

Mit steifen Gliedern ging Viktor über den Hof und stellte fest, dass es noch immer nicht richtig hell war. Es konnte kaum später als sieben Uhr sein, denn nur wenige Dienstboten waren bereits auf dem Hof unterwegs, die Wäscherei war noch unbesetzt, im Stall herrschte Stille und nicht ein einziges der Kinder, die sonst die Burg mit Leben füllten, war zu sehen. Das Schloss war erst langsam dabei, aufzuwachen und in den neuen Tag zu starten.

Seufzend betrat der Graf das Gebäude durch dieselbe Tür, durch die er es wenige Stunden zuvor verlassen hatte. Wenn es in der Tat noch so früh war, konnte es möglich sein, dass Sebastian noch gar nicht auf den Beinen war. Ihm, Viktor, jedoch, beliebte es nicht, die Mägde selbst darum zu bitten, ihm heißes Wasser zu bereiten, damit er würde baden können. Sofern überhaupt schon das eine oder andere Mädchen bei der Arbeit wäre.

Als er noch ein Junge war, hatte er - in den Augen seiner Eltern - viel zu viel Zeit in den Gesinderäumen und in der Küche verbracht. Die immerwährende, leise aber stetige Unzufriedenheit, die sein Vater deswegen gehegt hatte, hatte über die Jahre dazu geführt, dass Viktor nun, wo er selbst erwachsen war, diese Räume nur noch betrat, wenn es wirklich notwendig war. Es schickte sich nicht, als Schlossherr die Arbeitsräume der Dienerschaft zu betreten, so hatte er es gelernt. Für alle diese nur allzu menschlichen Bedürfnisse wie Essen, Wasser zum Baden oder einen sauberen Nachttopf hatte er schließlich Sebastian gehabt. Der war eigens dafür ausgebildet worden, Viktor alle diese lästigen Dinge abzunehmen.

Und auch wenn der junge Adlige es heute etwas anders sah als sein Vater seinerzeit, was die Distanz zwischen Herr und Gesinde betraf und seine Dienstboten ihm sehr zugetan waren, war es ihm dennoch bis heute unangenehm, allein und ohne die Anwesenheit von Sebastian die Küche zu betreten. Viktor fühlte sich dort fehl am Platz, empfand sich als störend und nicht zugehörig, auch wenn alles, was sich dort in dem Raum befand, mitsamt den Dienern, sein Eigentum war.

Frierend verwarf er deswegen den Gedanken, dort heißes Wasser zu bestellen, und eilte stattdessen zügig in den Turm hinauf, um in seinem Bett nach etwas Wärme zu suchen.

Zu seiner Überraschung stieß er im Flur allerdings beinahe mit seinem Leibdiener zusammen, der gerade aus einem der leerstehenden Räume kam und einen Putzlappen in der Hosentasche hatte.

»Mein Herr, Ihr seid schon auf ...«, setzte Sebastian an, sah dem Grafen ins Gesicht und verzog anschließend halb schmunzelnd, halb missbilligend den Mund.

»Was habt Ihr getrieben, mein Herr? Eure Lippen sind blau wie Veilchen und«, der Mann ergriff die Hände des Adligen, »Eure Finger kalt wie Eis.«

Viktor entzog diese dem Butler. »Ich war beim Morgengebet ...«

»Ihr braucht ein Bad gegen die Kälte. Morgengebet ... Ihr seid kaum angemessen gekleidet, also erzählt mir nichts.« Sebastian lächelte seinen Herrn an wie jemand, der ein bockiges Kind ansah. Nur der Tatsache, dass sie einander seit mehr als zwei Jahrzehnten kannten und praktisch miteinander aufgewachsen waren, war es geschuldet, dass Viktor seinem Leibdiener einen solchen Blick durchgehen ließ, ohne ihn dafür zu bestrafen.

»Kehrt in Euer Bett zurück, Master. Ich werde Wasser aufsetzen lassen und Euch Tee und etwas zum Frühstücken bringen. Wie ich Euch kenne, wart Ihr die halbe Nacht draußen, mit kaum mehr bekleidet als einem Nachthemd. Was denkt Ihr Euch immer ... wollt Ihr krank werden?«

»Vielleicht fordere ich Gott heraus, wer weiß das schon ...«, murmelte Viktor und Sebastian zog die Augenbraue hoch.

»Na dann bin ich ja froh, dass dieser Euch weniger zu hassen scheint als Ihr immer glaubt, Ari. Denn andere wären schon längst an einer Lungenentzündung gestorben, wenn sie so leichtsinnig wären wie Ihr.«

»Vermutlich hast du Recht ...« Der Adlige folgte seinem Diener, der ihm die Tür zu seinem Gemach öffnete, ihm aus dem Mantel half und das Bett zurückschlug, während der Graf sich seiner Stiefel entledigte. Sebastian brachte das Feuer im Kamin zum Brennen, damit es warm sein würde, wenn das Badewasser fertig war und Viktor beobachtete ihn dabei.

»Ich hatte angenommen, du würdest noch nicht auf sein«, sprach er leise.

»Ich stehe mit den Hühnern auf, mein Herr. Ich denke manchmal, ich bin der erste hier, der wach wird, gleich gefolgt von diesem übereifrigen jungen Priester.«

Viktor musste schmunzeln. Er wusste, dass Sebastian keine sehr hohe Meinung von Geistlichen hatte. Doch wen sollte das auch verwundern, immerhin kam der Diener aus den einfachsten Verhältnissen, eben diesen, die vom Klerus nur zu gern ausgepresst und klein gehalten wurden.

»Er versucht, sich hier hervorzutun. Allerdings frage ich mich, ob dieser abgelegene Ort dafür der richtige ist«, murmelte der Graf und ließ sich nach hinten auf das Bett fallen.

Vor niemandem sonst würde er es wagen, so sehr seine Haltung zu verlieren. Kein anderer Dienstbote hatte ihn jemals so formlos, so salopp gesehen, seit er ein Knabe gewesen war. Selbst im Krankheitsfalle war es stets Sebastian gewesen, der sich um ihn gekümmert hatte. Es gehörte sich nicht, dass das Gesinde seinen Herrn in Zeiten der Schwäche zu Gesicht bekam, damit es nicht auf den Gedanken kommen könnte, diese temporäre Unpässlichkeit auszunutzen, um aufzubegehren. Ein Herr hatte für seine Dienerschaft immer stark, gesund und kraftvoll zu erscheinen. Nur der engste Leibdiener durfte diese Regelung übergehen.

Ausnahmen waren freilich die Damen des Hauses. Als seine iubita vor annähernd vier Jahren mit Gabriel niedergekommen war, hatte es eine Hebamme, einen Medicus und drei Zofen gebraucht, um dies zu überstehen. Nicht, weil die Geburt an sich so schwerwiegend gewesen wäre, doch man hatte um jeden Preis zu garantieren gehabt, dass weder die Mutter noch das Kind zu Schaden kämen, dass beide die Niederkunft gut überstehen.

Viktor erinnerte sich noch gut daran, wie er im Korridor vor dem Zimmer hatte warten müssen, weil es sich nicht gehörte, dass der Vater bei diesem Ereignis anwesend war. Und er wusste auch noch, dass die Hebamme nach etwa zwei Stunden, die Julieta in den Wehen gelegen hatte, den Medicus aus dem Gemach geworfen hatte, weil sie »seine klugen Anmerkungen satt gehabt hatte«.

Seine iubita war stark gewesen an diesem Tag. Als es nach annähernd sieben langen Stunden geschafft war, war sie zwar erschöpft, schweißnass und müde gewesen, doch sie hatte gelächelt und hielt ein wunderschönes Kind in den Armen, das Viktor von der ersten Sekunde an geliebt hatte.

Der Graf zweifelte nicht daran, dass auch Sebastian in der Lage gewesen wäre, einer Frau bei der Geburt zu helfen, doch er war froh, dass diese Regelung im Krankheitsfalle auf die Damen nicht zutraf.

»Wollt Ihr noch ein paar Stunden ruhen, bevor ich das Bad einlasse, mein Herr? Ihr macht einen sehr nachdenklichen Eindruck.«

»Nein. Mir geht es gut. Ich habe mich nur an etwas erinnert. Und ich würde es sehr gern jetzt schon tun.«

»Gut, dann werde ich das Wasser aufsetzen lassen und Euch Euren Morgentee zubereiten.«

Viktor nickte nur und blickte aus dem zur Hälfte zugeschneiten Fenster, während der Leibdiener die Tür hinter sich schloss.

Kommentare

  • Author Portrait

    Ich liebe die Harmonie zwischen Viktor und Sebastian <3

  • Author Portrait

    Ein schönes Zwischenkapitel. Ich bin schon gespannt, wie es weiter geht

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media