Kapitel 3

Rieke hätte nicht geglaubt, dass es so einfach sein würde, den Mann zu einem Bad zu überreden. Die meisten Männer, die sie kannte, taten immer so als seien sie wasserscheu. Auch Lorenz war da keine Ausnahme gewesen. Umso erfreuter war sie, dass der Musketier gleich eingewilligt hatte. Er stank zum Himmel und wenn sie ehrlich war, sehnte auch sie sich nach einem warmen Bad. Da es für sie allein unsäglich beschwerlich war, den schweren Zuber von draußen hereinzuschaffen und die zum Baden nötigen Unmengen von Wasser zu erwärmen, hatte sie schon lange Zeit darauf verzichtet.

Nun war also unverhofft ein Mann im Haus, und dies wollte sie ausnutzen, zumal dieses Exemplar auch noch besonders kräftig zu sein schien. Es bereitete ihm nicht die geringste Mühe, den riesigen Zuber ins Haus zu tragen, und nachdem er unzählige Eimer voll Wasser hereingeschleppt und ihr geholfen hatte, es zu erwärmen, begab er sich nach draußen in die Herbstnacht, um ihr das Feld zu überlassen. Immerhin so viel Anstand hatte er. Es war schon schlimm genug, wie er sie unverhohlen von oben bis unten gemustert hatte, als sie versucht hatte, das Kind zu stillen.

Sie legte das Mädchen auf den Tisch, um es vom gröbsten Schmutz zu säubern. Das bedauernswerte kleine Wesen war ganz mager und eingefallen und seine Flanken waren von kleinen, verschorften Wunden übersät. Mochte Gott wissen, wo sie herstammten. Sicher hatte es sich im eigenen Schmutz wundgelegen. „Männer“, schnaubte sie, ließ dann ihr Hemd fallen und stieg einfach mitsamt dem Kind in die Wanne.

Sie musste lächeln über die großen Augen und die Grimassen, die das Mädchen machte, als es zum wahrscheinlich ersten Mal in seinem Leben ein warmes Bad erfuhr. Aber die Kleine genoss es sichtlich und ließ sich zufrieden strampelnd im Wasser hin und herwiegen. Rieke unterdrückte den heißen Stich der Erinnerungen. Auch Johannes hatte es geliebt, gebadet zu werden. Doch schluckte sie ihre Tränen tapfer herunter. Sie hatte jetzt keine Zeit, sich ihrer Trauer hinzugeben. Es gab nun wieder jemanden, der sie brauchte.

„Du bist wirklich ein süßes, kleines Ding“, raunte sie dem Mädchen zärtlich zu. „Es ist ein Jammer, dass dein Vater so ein herzloser Klotz ist. Noch nicht einmal einen Namen hat er dir gegeben, ist das zu glauben.“

„Ihr könnt ihr von mir aus einen geben, wenn es Euch so viel ausmacht!“, klang es aus Richtung der Tür.

Oh, dieser Mann hatte offensichtlich ein äußerst gutes Gehör! Und was machte er eigentlich noch da?

„Heda! Wenn Ihr Euch einfallen lasst, mich zu beobachten …“ „Ich sitze lediglich vor der Tür“, unterbrach er sie. „Irgendjemand muss ja auf euch aufpassen. Es treiben sich viele Halunken herum.“

„Ach? Ihr meint diese Art Halunken, die unbescholtenen Bürgern die Tür eintreten?“

Es kam keine Antwort.

Sie schüttelte den Kopf und lächelte dem Kind zu.

Als es für die Kleine genug war, stieg Rieke wieder aus der Wanne, hüllte das Kind in ein sauberes Tuch und legte es in den leeren Korb, der ihr sonst als Erntekorb im Garten diente.

Dann ließ sie sich zurück ins Wasser gleiten und wusch sich ausgiebig von Kopf bis Fuß mit einem Stück grober Seife. Nach dem Bad verhüllte sie ihr noch nasses Haar sorgfältig mit einer sauberen Haube und zog sich vollständig an. Es musste nicht sein, dass sie sich diesem Söldner weiterhin im Hemd zeigte. Womöglich brachte ihn das noch auf gefährliche Gedanken.

Schließlich rief sie ihn herein.

Kopf und Schultern einziehend trat er durch die Tür, blieb dicht vor ihr stehen und musterte sie abschätzig mit seinen seltsamen Augen.

„Und?“, fragte er.

„Was meint Ihr?“, gab sie verwirrt zurück.

„Wie wird sie heißen?“

„Ach, das… Nun, ich dachte … Ich habe mir überlegt … Vielleicht ‚Helena‘?“

„Élena?“
Natürlich, er bevorzugte die spanische Aussprache des Namens. „Ja.“, bestätigte sie unsicher. „Man könnte sie ‚Ella‘ rufen.“

Er neigte den Kopf und brummte, sie war sich nicht sicher, ob dies eine Zustimmung oder Ablehnung sein sollte. Doch dann nickte er. „So sei es.“

Sie beschloss seine wohlwollende Laune auszunutzen und wagte sich weiter vor. „Und … Euer Name?“

Er verzog keine Miene, und einige pochende Herzschläge lang hatte sie das Gefühl, von seinem stechenden Blick durchbohrt zu werden. Langsam beugte er sich zu ihrem Ohr, sein Atem streifte heiß ihren Hals und ließ sie erschauern bis in die Zehenspitzen.

„Ohne diese Haube habt Ihr mir weitaus besser gefallen“, raunte er. Damit ließ er sie einfach stehen, ging zum Zuber und begann ungerührt, sich auszuziehen.

Als er beim Hemd angelangte, drehte sie sich um und wartete, bis sie glaubte, dass er ins Wasser gestiegen war.

Erst dann wagte sie, seine Kleidungsstücke vom Boden aufzuheben. Ein verstohlener Seitenblick sagte ihr, dass der Mann zu groß für die Wanne war. Er musste die Beine anziehen, so dass seine Knie aus dem Wasser ragten.

„Wams und Hose kann ich für Euch reinigen und ausbessern, wenn Ihr es wünscht. Aber Euer Hemd ist völlig durchlöchert“, sagte sie und vermied es, etwas anderes anzusehen als sein Gesicht. „Da ist jedes Flickwerk vergebens. Ich könnte Euch ein anderes geben. Von meinem Gatten.“

„Das nehme ich gern an, gute Frau“, erwiderte er, während er etwas unbeholfen versuchte, sich den Nacken und die Schultern einzuseifen. Sie erkannte schnell den Grund für seine Schwierigkeiten. An seinem Rücken, in Höhe des linken Schulterblattes prangte eine übel aussehende Wunde, die ihm ziemliche Schmerzen zu bereiten schien.

Sie fasste sich ein Herz. „Soll ich Euch helfen?“

Er hob die Augenbrauen. „Wenn Ihr Euch nicht beherrschen könnt“, meinte er, sichtlich amüsiert.

„Was soll das? Wir sind schließlich erwachsene Christenmenschen, oder?“, erwiderte sie, und bemühte sich, ihrer Stimme einen entschlossenen Klang zu geben.

Er lachte kehlig. „Sprecht nur für Euch selbst.“

Riekes Magen zog sich zusammen. Ihre Glieder schienen plötzlich gelähmt vor Angst. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, diesen Mann in ihr Haus zu lassen?

Sie brauchte eine Waffe. Irgendetwas um sich zu schützen, falls er doch noch zudringlich wurde. Ihr Speisemesser fiel ihr ein, doch das war auf dem Tisch hinter ihr.

Langsam, ihn nicht aus den Augen lassend, ging sie rückwärts. Als sie die Tischkante an ihren Hüften spürte, tastete sie verstohlen mit einer Hand hinter ihrem Rücken und schickte ein kurzes Dankgebet zum Himmel, als die kalte Klinge sich tröstlich in ihre Handfläche fügte. Sie schloss die Faust darum und verbarg das Messer blitzschnell in ihrem Mieder.

Er schien von all dem nichts bemerkt zu haben, nach wie vor lag er mit geschlossenen Augen zurückgelehnt im Zuber.

Rieke unterdrückte ein erleichtertes Seufzen und kniete sich hinter ihn. Mit einem Tuch und Seife wusch sie zögerlich seinen Oberkörper und nutzte dabei die Gelegenheit, ihn etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Wobei sie die tieferen Regionen geflissentlich vermied.

Er war schlank, wie wohl jeder in diesen Zeiten, aber dabei auffallend muskulös, mit breiten Schultern und kräftigen Armen. Um seinen Hals lag eine feine Silberkette. Ein Anhänger in Form eines Kreuzes hing daran, eine filigrane Arbeit mit einem dunkelblauen, kleinen Stein in der Mitte. Ohne Zweifel das Schmuckstück einer Frau.

Sein Alter war schwer zu bestimmen. Etwa dreißig Lenze, schätzte Rieke. Meist sahen die Söldner, gezeichnet von Krieg und Entbehrungen, älter aus als sie tatsächlich waren. Auch an ihm hatte der Krieg seine Spuren hinterlassen. Seine Haut war übersät von Narben. Auf Rücken und Brust mussten einige davon von sehr schweren Verletzungen stammen, nach ihren Ausmaßen zu urteilen. An seinen Flanken zogen sich zahlreiche kleinere Vernarbungen herab. Als sie diese mit dem Tuch berührte, schnellte seine Hand plötzlich vor und hielt ihre fest, während er ihr einen blitzenden Blick zuwarf. Rieke erstarrte. Doch sofort ließ er sie wieder los.

„Bleischrot“, murmelte er heiser.

Sie nickte verständnisvoll. Dieser Krieg war einfach die Hölle auf Erden, egal für welche Seite die Männer kämpften. Ihr fiel etwas ein, was sie ihm schon die ganze Zeit hatte sagen wollen.

„Eure Tochter hat auch Wunden, wisst Ihr?“
„Was?“, fragte er.

„Ja. An ganz ähnlichen Stellen.“ Sie zeigte auf seine Seite. „Ich dachte erst, sie hätte sich wundgelegen, aber es sieht irgendwie anders aus. Es ist seltsam. Ein so kleines Kind … Wisst Ihr wie das passiert ist?“

„Ich weiß nicht“, sagte er. „Vielleicht bei ihrer Mutter.“

„Aber eine Mutter …“, setzte sie an.

„Hört zu“, unterbrach er sie harsch. „Ihre Mutter hat sie in einem Keller geboren. Als sie sich vor Marodeuren versteckte. Wahrscheinlich waren das Ratten.“

Rieke schrak zusammen. „Das ist ja schrecklich! Es tut mir sehr, sehr leid.“

Er antwortete nicht darauf.

Sie fuhr fort, ihn zaghaft zu waschen. Seine Wunde wagte sie nicht zu berühren. Aus der Nähe betrachtet, wirkte sie noch verheerender.

„Eure Verletzung“, sie musste sich räuspern. „Sie sieht nicht gut aus.“

Er nickte. „Ich weiß. Wahrscheinlich ist noch eine Kugel darin.“

Rieke schnappte erschrocken nach Luft. Er war tage-, vielleicht schon wochenlang mit einer Musketenkugel in der Schulter unterwegs? Ein Wunder, dass er nicht längst am Wundfieber gestorben war! Und sie ließ ihn Holz hacken und schwere Zuber schleppen!

„Ihr solltet einen Wundarzt aufsuchen!“, rief sie.

Er lachte auf. „Ein protestantischer Wundarzt? Der würde sicherlich mehr aus mir herausschneiden als nur diese Kugel!“

Rieke schluckte. „Aber … sie muss entfernt werden!“

„Das weiß ich selbst!“, fuhr er sie an. Doch dann atmete er tief ein und sagte. „Verzeiht. Ihr könnt ja nichts dafür.“

„Soll ich es versuchen?“, fragte sie und hätte sich im selben Moment lieber auf die Zunge gebissen. War sie von Sinnen? Welcher Teufel hatte sie geritten, sich dafür anzubieten, diesem wildfremden Mann eine Kugel aus dem Leib zu schneiden?

Er blickte sie über seine Schulter hinweg an, feiner Spott auf seinen Zügen. „Ihr? Nun, wenn Ihr den Schneid dazu habt …“ Er kniff nachdenklich die Augen zusammen. „Hm. Nein. Ich glaube den habt Ihr nicht“, sagte er dann und blickte wieder nach vorn.

Nun fühlte Rieke sich bei ihrer Ehre gepackt. „Natürlich habe ich den Mut dazu!“, sagte sie. „Das macht mir überhaupt nichts aus.“

Er schnaubte verächtlich, doch dann sagte er: „Gut. Ihr könnt dazu ja das Messer nehmen, das Ihr unter Eurem Gewand verbergt.“

 

*

 

„Seid Ihr Euch sicher?“

Der Musketier stöhnte ungeduldig und nahm noch einen Schluck aus dem Weinschlauch. „Das fragt Ihr mich jetzt bereits zum fünften Mal, Frau! Ja, ich bin mir sicher, also fangt endlich an!“

Er saß vor ihr, den nackten Oberkörper über den Tisch gelehnt, auf dem sämtliche Talglichter standen, die sie besaß. Rieke starrte auf seinen breiten Rücken. Langsam hob sie das Messer und ließ es gleich darauf wieder sinken.

Sie war weiß Gott nicht zimperlich. Als einzige Schwester von vier Brüdern hatte sie mehr als einmal deren Blessuren versorgt. Sie hatte Lämmer, Kälber und Ferkel auf die Welt geholt und so manches Huhn geschlachtet. Aber noch niemals im Leben hatte sie in einen menschlichen Körper geschnitten. Noch dazu in einen, der zu solch einem unberechenbaren Geist gehörte, wie dieser direkt vor ihr. Was, wenn der Mann unzufrieden mit ihr war? Was, wenn er sie angriff in seinem Schmerz, sie schlug, oder gar tötete, wie ein waidwundes Raubtier?

Sie schluckte und rief sich zur Vernunft. Sie hatte das Messer, oder nicht? Es konnte nicht schaden, ihm dies nochmals in Erinnerung zu rufen.

„Habt Ihr keine Angst, dass ich Euch einfach die Kehle durchschneide?“, fragte sie, beherzter als ihr zumute war.

Er schnaubte. „Das würdet Ihr nicht schaffen, glaubt mir.“

„Aber es wird weh tun!“, versuchte sie ein letztes Mal ihn umzustimmen.

Er fing an zu lachen, ein bitteres, raues, aber herzhaftes Lachen. „Ja“, brachte er mühsam hervor. „Das wird es, ziemlich sicher sogar.“

Rieke biss sich auf die Lippen. „Seid Ihr jetzt fertig damit, mich zu verhöhnen?“

Er wandte sich um. „Schon gut.“ Er atmete aus und lachte nicht mehr. „Das hat nichts mit Euch zu tun. Nun verzagt nicht weiter, fangt endlich an!“

„Also gut. Wie Ihr wollt.“

Sie hob die Hand, die plötzlich wie Espenlaub zitterte, und wollte zum Schnitt ansetzen, da packte er sie hart am Handgelenk. Rieke schnappte erschrocken nach Luft. Hatte er es sich doch anders überlegt? Doch er hielt sie nur fest und fixierte ihren Blick.

„Mir scheint, Ihr habt den Wein nötiger als ich“, bemerkte er mit einem spöttischen Zucken um die Mundwinkel.

„Ich … trinke nicht“, stieß sie hervor. Ein Wunder, dass ihr überhaupt noch Worte über die Lippen kamen. Ihr Mund fühlte sich an wie ausgedörrt.

Ohne den Blick von ihren Augen zu nehmen hielt er weiter ihre Hand fest und sagte. „Beruhigt Euch, Rieke. Atmet langsam, ein und aus … ein und aus …“

Rieke versuchte, im Rhythmus zu atmen, den er ihr vorgab und tatsächlich ließ das Zittern etwas nach.

„Ja, so ist es besser“, meinte er und ließ sie langsam los. „Habt keine Angst. Ihr könnt das sehr wohl. Wenn ich dessen nicht gewiss wäre, hätte ich es Euch nicht angetragen.“

Sie nickte angespannt und setzte das Messer an.

Der erste Schnitt in das gerötete, geschwollene Fleisch kostete sie unermessliche Überwindung, und so war er nur winzig. Blut und Eiter quollen daraus hervor und sogleich nahm sie ein Tuch um alles wegzuwischen. Sie hob kurz den Blick, der Söldner atmete angestrengt, doch zeigte ansonsten keine Regung.

„Weiter“, trieb er sie an.

Etwas mutiger geworden bemühte sie sich, den Schnitt zu vergrößern. Das Messer war scharf, gottlob, und dennoch war mehr Kraft nötig, als sie geglaubt hatte.

Mehr Blut kam, mehr Eiter, viel davon, es stank erbärmlich, und sie musste husten, um ihren Würgereiz zu unterdrücken.

Sie ging nun tiefer mit dem Messer und die geballten Fäuste und das verhaltene Stöhnen des Mannes verrieten ihr, dass sie ihm nun erhebliche Schmerzen zufügte.

Ihr wurde heiß und sie merkte, wie Schweißtropfen auf ihre Stirn traten und ihren Nacken herabliefen. Gleich darauf erschauerte sie, ihre Füße wurden taub, als stünde sie in eiskaltem Wasser.

Wieder wischte sie die Wunde ab und zog die Wundränder etwas auseinander. Sie konnte keine Kugel erkennen.

„Ich sehe nichts“, wisperte sie nervös. „Vielleicht ist ja auch gar nichts darin …“

„Doch“, presste er hervor. „Macht weiter. Macht einen kreuzförmigen Schnitt und dann geht mit der Klinge hinein. Tief hinein. Ihr werdet einen Widerstand spüren.“

Rieke schluckte.

„Zögert nicht“, befahl er ihr. „Ich kann das ertragen. Nun macht schon!“

Also hielt sie die Klinge fast senkrecht und ließ sie durch die Wunde fahren. Sie sah nichts mehr, das Blut lief in stetigen, dunkelroten Strömen aus der Öffnung heraus. Nur auf ihren Tastsinn konnte sie sich jetzt noch verlassen.

Der Söldner atmete stoßweise und presste seine Fäuste so hart zusammen, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.

Da! Rieke glaubte ein leichtes Schaben gespürt zu haben, doch es war vorüber. Vorsichtig führte sie die Klinge an die Stelle zurück. Da war er, der Widerstand. Doch war dies die Kugel oder gar ein Knochen?

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden, und so ersetzte sie das Messer durch ihre suchenden Finger.

Der Mann ächzte.

„Está … bien …“, stieß er hervor „Ihr macht … das gut … Weiter …“

Rieke hielt angespannt den Atem an. Nach ein, zwei Fehlversuchen bekam sie das Geschoss endlich zwischen Daumen und Zeigefinger zu fassen, und sie zog es heraus. Ein Schwall dunkles Blut folgte, auf den sie rasch das Tuch presste.

„Habt ihr sie?“, fragte der Söldner, immer noch schwer atmend.

„Ja!“, rief sie, und fast hätte sie vor Erleichterung und Stolz aufgelacht, als sie ihm das blutige Stück Blei vor die Nase hielt.

 

In dieser Nacht tat Rieke fast kein Auge zu. Das Kind weckte sie oft, es war unruhig und sie musste es immer wieder stillen. Kein Wunder, das arme Ding hatte eine Menge nachzuholen.

Nachdem sie den Musketier von der Kugel befreit hatte, hatte sie ihn so gut verbunden wie sie konnte und dann seine verdreckte Kleidung gereinigt, während er den Weinschlauch komplett geleert hatte. Danach hatte er sich einfach auf dem Boden vor dem Herd ausgestreckt und war eingeschlafen. Er hatte stark geblutet, so dass ihr Zweifel gekommen waren, ob er diese Verletzung überhaupt überstehen würde. Noch etwas, das sie wachhielt. Angestrengt lauschte sie in der Dunkelheit nach seinen Atemzügen. Nicht, dass er ihr so wichtig gewesen wäre. Aber sie sehnte sich keineswegs danach, am nächsten Morgen seine schwere Leiche fortschaffen zu müssen. Geschweige denn, für ein Kind zu sorgen, das nicht ihres war. Sie seufzte. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen? Eine Frau mit Verstand hätte besser das Weite gesucht.

Irgendwann musste sie doch die Müdigkeit übermannt haben und erst im Morgengrauen erwachte sie, wie zerschlagen. In ihrer Stube war es still. Sie fuhr hoch, wappnete sich gegen den Anblick eines toten Söldners in einer Blutlache – doch als sie zum Herd hinübersah, war der Mann fort.

Noch während sie sich ankleidete, hörte sie den Hufschlag. Stimmen wurden laut. Wiehern. Riekes Herz begann wie wild gegen ihr Brustbein zu hämmern. Wer auch immer das war, er durfte das Kind nicht finden! Die Menschen waren nervös in diesen Zeiten und ihr Aberglaube, der als Erklärung für alles Mögliche herhalten musste, fraß sie förmlich auf. Womöglich dichtete man ihr noch eine Buhlschaft mit dem Teufel an!

Kurzerhand verbarg sie das Weidenkörbchen mit dem schlafenden Säugling unter ihrem Bett, eilte zur Tür und spähte hinaus.

Kommentare

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    :-D Wehe, wenn du jetzt nicht brav weiterschreibst :-D

beta
Feenstaub

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