Kapitel 33

Sebastian schlich in der Sicherheit der Dunkelheit wieder in den Geheimgang, in dem er das arme Mädchen abgelegt hatte. Er untersuchte sie kurz und gründlich, um sicherzugehen, dass sein Herr sie nicht versehentlich auch mit dem Fluch belegt hatte, der ihn nun peinigte. Der Diener wusste nicht, ob er sie so ohne weiteres würde verbrennen können, wenn er wusste, dass sie eigentlich noch lebte.

Rüde schob er diesen Gedanken beiseite. Es durfte nicht sein. Sie war tot. Sie zeigte, im Gegensatz zu seinem Herrn, keine Zeichen von Fieber, sie war eiskalt und begann auch bereits, steif zu werden, was das Tragen nicht gerade leichter machen würde. Ihre Lippen waren blau und auch unter den Augen bildeten sich bereits die ersten violetten Schatten. Sebastian hatte das bei den vielen Toten während der Typhusepidemie zur Genüge gesehen.

»Armes Ding«, murmelte er, »und ich hatte dich noch gewarnt, aus dem Turm wegzubleiben. Warum konntest du nicht hören. Wärst du in deinem Bett geblieben ...« Sebastian seufzte und hob sie auf seine Arme. Zielsicher bewegte er sich durch die vertrauten Geheimgänge, die eine oder andere Treppe hinunter. Diese waren ihm vertraut und er musste sich keine Sorgen machen, sich zu verirren. Er war die verborgenen Korridore im Turm bereits durchschritten, als er noch ein Halbwüchsiger war und war froh darüber, dass der alte Graf das nie erfahren hatte, denn diesem hätte das sicher nicht gefallen. So wenig Interesse Viktor an den Geheimgängen hatte, umso mehr hatte es Sebastian gehabt und so war er auch eines Tages auf das Magiezimmer gestoßen. Es gab noch viele andere solcher geheimen Räume in den Gängen. Die meisten waren Speicher, aber einige waren auch ganz offensichtlich als Geheimverliese angelegt worden und der Mann war äußerst froh darüber, dass diese offenbar niemals benutzt worden waren. Bis auf Skelette von Mäusen, Ungeziefer und einem gewaltigen Rattenkönig, den er einmal gefunden hatte, war in den Kammern nichts.

Wenn er es leichter haben wollen würde, könnte er den Körper des Mädchens einfach in eines dieser Verliese legen. Die Nager des Schlosses würden es ihm danken und das neugierige Ding wäre in wenigen Tagen nur noch Knochen. Doch er wusste, dass sein Herr, der sehr gläubig war, dies nicht gutheißen würde. Er wollte, wenn sie schon gewaltsam hatte sterben müssen, wenigstens, dass sie ordentlich überführt wurde. So ordentlich, wie es unter Geheimhaltung eben möglich war.

Unbequem mit der Laterne seinen Weg leuchtend, hatte Sebastian das unterste Geschoss des Ganges erreicht und trabte durch die Stille weiter. Es wurde kälter und er konnte an den feuchten Wänden Eiskristalle glitzern sehen, was bedeutete, dass er die Mauern des Schlosses über sich hinter sich gelassen hatte und nun unter dem Waldboden war. Er keuchte allmählich, denn das Gewicht des Mädchens, inzwischen noch steifer, weil es so kalt war, drückte ihm ziemlich auf den Armen. Schweiß perlte von seinen Schläfen und ließ ihn die Eiseskälte um sich herum kaum mehr spüren. Einzig seine Füße waren kalt.

In der winterlichen Luft förmlich dampfend, stieg er eine weitere Treppe nach oben, darauf bedacht, nicht auszurutschen, und stieß mit einiger Kraftanstrengung eine Falltür auf, die von dichten, immergrünen Büschen und Steinen verborgen wurde und nicht auszumachen war, wenn man nicht wusste, dass sie da war. Keuchend schob er den Körper Agneskas in den Schnee und atmete erst einmal einen Moment durch, sich mit einem Taschentuch den Schweiß abwischend.

»Mein Gott, ich hätte nicht gedacht, dass du so schwer bist, Mädchen«, murmelte er und verbarg die Luke in der Erde, bevor er die Tote wieder anhob, um sie weiter in den Wald zu tragen. Er musste eine Lichtung finden, weit genug vom Schloss weg, damit man den Feuerschein nicht sehen konnte.

Sebastian wandte den Kopf zum Himmel und musste feststellen, dass hinter den Bergen bereits der erste Hauch des neuen Morgens zu sehen war. Das war vielleicht gar nicht so schlecht. In der gleißenden Sonne, die sie sicher zu sehen bekommen würden, denn es war wolkenlos und sternenklar, würden Flammen erst recht nicht auszumachen sein. Er musste nicht lange gehen, bis er einen geeigneten Ort gefunden hatte, von Geröll umgeben und trocken. Er legte das Mädchen vorsichtig auf den Boden und machte sich daran, einen Scheiterhaufen aufzuschichten. Es war nicht leicht, in der verschneiten Landschaft Holz zu finden, das nicht feucht war, doch das musste nun einmal reichen. Wieder lief ihm der Schweiß trotz der eisigen Temperaturen und das Krachen der Bäume, die er seiner Äste beraubte, schien man hinter den Bergen noch hören zu können.

Als der Haufen hoch genug war und er ausreichend brennbares Material gesammelt hatte, um das Mädchen auch damit zu bedecken, bettete er sie sanft darauf, putzte etwas Erde von ihrem Gesicht und platzierte die Zweige auf ihr, bis sie nicht mehr zu sehen war.

Er seufzte und zog sein Leinentaschentuch aus der Manteltasche.

»Ich hoffe, du kannst dem Herrn verzeihen«, murmelte er, zerknüllte den Stoff in seiner Hand und schob diese zwischen die aufgeschichteten Zweige. Langsam begann das Feuer, im Inneren des Haufens zu knistern und breitete sich schnell, viel schneller als gewöhnlich, über das ganze Holz aus. Jemand anderem wäre aufgefallen, dass die Flammen nicht wie üblich orange, sondern rot waren und mit einer immensen Hitze über das feuchte Brennmaterial leckten, ohne jedoch stark zu rauchen. Sebastian jedoch überraschte es nicht mehr, er rieb sich die leicht verrußte Hand, und lehnte sich an einen Findling, die Wärme genießend, die aus dieser Entfernung sehr angenehm war. Er bedauerte, dass er sein Taschentuch als Anzünder hatte opfern müssen, da er nun nichts mehr hatte, um den von der Arbeit feuchten Nacken abzutrocknen. Doch so hatte es ihn weniger Kraft gekostet, den Scheiterhaufen zu entzünden. Schließlich hatte er einen langen Weg zurück ins Schloss vor sich.

Es dauerte nur einige Minuten, bis von dem Holz und auch der jungen Frau darauf nur noch ein verkohlter Haufen Asche übrig war. Sebastian nahm sich einen Stecken und zerschlug die zerbrechlichen Überreste des Holzberges in alle Winde. Er grinste, denn das immens heiße Feuer hatte zwar keine Brandflecken hinterlassen, doch der Stein, auf dem die Bestattungsstätte gestanden hatte, war leicht geschmolzen. Der Diener zuckte nur mit den Schultern und machte sich daran, ins Schloss zurückzukommen. Die Sonne kroch bereits über die obersten Spitzen der Karpaten, die tief verschneit dalagen, und der Himmel hatte ein zartes Rosa angenommen. Es wurde Zeit für ihn, zurückzukehren und nach seinem Herrn zu sehen.

_

Viktor war, nachdem er das Tablett bis auf den letzten Krümel geleert hatte, mit dem Kater auf dem Schoß eingeschlafen. Sebastian hatte Recht gehabt, er war erschöpft und fühlte sich tatsächlich, als hätte er gerade eine schwere Krankheit überstanden.

Es war warm im Zimmer, eine Seltenheit im Winter, und durch den wunderbar gefüllten Magen wurden seine Augenlider immer schwerer. Er dachte noch daran, dass es womöglich daher rührte, dass er nun zu einem Strigoi geworden war und der Morgen nahte. War es nicht so, dass diese blutsaugenden Gespenster tagsüber verborgen lagen und schliefen? Sollte das also nicht völlig natürlich für ihn sein? Bevor er sich selbst diese Frage beantworten konnte, war er in einen tiefen, traumlosen und schmerzfreien Schlaf gesunken, der ihn in Watte eintauchen ließ.

So bemerkte er nicht, wie die Sonne aufging und ihre Strahlen durch die Lücken in den Vorhängen langsam auf das Bett zukrochen, über seinen Körper wanderten und schließlich an der Tür des Gemaches hängen bleiben würden, bis sich die Sonne gegen Mittag gedreht haben würde und das Zimmer im Schatten lag.

Erst Sebastian riss ihn aus seinem komaähnlichen Schlaf, weil der ein überraschtes Japsen vernehmen ließ und mit großen Augen vor dem Bett des Grafen stand, gerötet im Gesicht und mit Schnee an der Kleidung, noch immer etwas Ruß auf den Händen und durchdringend nach Feuer riechend.

»Was ist?«, murmelte Viktor verschlafen, öffnete leicht die Augen und schloss sie augenblicklich unter Keuchen wieder.

»Mein Herr, die Sonne ... sie ...«

Der Graf wandte sich von der Lichtquelle ab und hob schließlich mühsam ein Lid. »Es ist so verdammt hell. Mach die Vorhänge zu, bitte ...«

Der Diener tat wie geheißen und wandte sich dann noch immer überrascht guckend seinem Herrn zu, der sich aufsetzte und sich über das Gesicht rieb. »Was schaust du denn so, du Tropf? Ist alles erledigt? Du riechst wie die Hölle.«

Sebastians Kopf ruckte einen Moment, als er an das rote Feuer dachte, sagte aber nichts, sondern betrachtete den Adligen weiter.

»Die Sonne ... scheint Euch nicht zu schaden? Ihr Schein muss mindestens eine halbe Stunde direkt auf Euch gelegen haben und Ihr ... habt nichts gespürt?«

Viktor rieb sich den Nacken. »Nein. Es war warm. Und ich war so fürchterlich erschöpft. Doch sie brennt in den Augen.« Der Graf blickte sich um und zog die Stirn kraus.

»Was ist mit Euch?«

»Meine ... meine Augen sind ... sie sind viel besser. Ich kann das Gesicht auf dem Gemälde dahinten so klar erkennen, als stünde ich direkt davor.«

Beide Männer wussten, dass Viktor bereits seit früher Kindheit ein wenig kurzsichtig gewesen war und immer, wenn nötig, Augengläser getragen hatte, die ihm einige Dinge erleichtert hatten. Doch er mochte sie nicht. Sie waren ihm peinlich.

»Nun ... das ist doch ein Pluspunkt, meint Ihr nicht?« Sebastian hatte sich von seinem ersten Schrecken erholt, nun da er die Gewissheit hatte, dass der Graf nicht zu Staub verbrannt war.

»Meinst du? Teufelswerk ...«, murmelte Viktor und schwang seine Beine aus dem Bett. »Lief alles glatt?«

»Ja, Herr. Zu Asche verbrannt.«

»Man merkt‘s. Du solltest die Kleider wechseln. Du riechst wie ein Brandstifter.«

»Das werde ich tun. Ich bin so frei, ein Bad zu nehmen. Agneska war doch schwerer als ich vermutet hatte.«

Viktor nickte. »Tu das. Lass dir Zeit. Ich bin so erschöpft, ich werde im Bett bleiben, bis der Abend hereinbricht. Würdest du mir dann ein reichliches Abendessen bringen?« Der Graf legte einen intensiven Blick auf, den sein Diener richtig zu erraten vermochte. Es sollte auch wieder ein Becher mit Blut dabei sein, wenn möglich nicht in einem silbernen Kelch.

»Und Sandringham, Herr?«

»Mit dem werde ich mich befassen, wenn ich meine Kräfte wieder beisammen habe. Was könnte ich jetzt schon für einen Anblick bieten als einen schwächlichen, von einer Krankheit genesenen Mann, der seinen eigenen Beinen nicht vertraut.«

Sebastian nickte und während Viktor seine Kleider gegen ein Nachthemd tauschte, legte der Diener noch einen Scheit Holz nach, versicherte sich, dass die Helligkeit des Tages aus dem Zimmer fernblieb und schüttelte Kissen und Bettdecke aus, letzteres unter empörtem Fauchen des großen Katers, der sich gerade wieder hatte hinlegen wollen.

»Ich lass Euch Rasputin drin. Bitte, wenn ihr hungrig werdet, klingelt nach mir und nehmt nicht ihn.« Sebastian gluckste leise, worauf Viktor ihn irritiert ansah.

»Dieses Tier ist ebenso wenig normal, wie du es bist. Seit ich ... nun, ich kann jetzt besser riechen und weiß das einfach ...«

Der Diener nickte leicht. »Und dennoch wäre es mir lieber, Ihr würdet mein Blut nehmen. Wenn Ihr es gar nicht aushalten könnt. Einverstanden? Rasputin ist mir ein bisschen zu lieb, um als Häppchen herzuhalten.«

Viktor presste die Lippen aufeinander, stimmte aber schließlich zu. »Ich glaube, der Kerl würde sich bis aufs Blut wehren. Sollten Katzen nicht vor der Präsenz des Bösen fliehen?« Er funkelte den schwarzen Kater an, der sich zu seiner vollen Länge auf der Bettdecke ausgestreckt hatte und schnurrte, weil er mitbekam, dass über ihn gesprochen wurde.

»Nun, sollte Euch das nicht etwas sagen? Dass er noch hier ist und nicht vor Euch davon läuft? Tiere sind viel feinfühliger und intelligenter als die meisten Menschen. Sie sehen das Gute, was andere nicht sehen können. Und wenn er Eure Nähe sucht, dann sieht er etwas in Euch, das Euch verborgen geblieben ist. Ihr seid nicht schlecht. Auch wenn Ihr das immer wieder behauptet. Ihr seid ein guter Mensch, der rein oberflächlich betrachtet sehr viel Glück gehabt hat, obwohl Euch mehr Leid widerfahren ist als den meisten anderen. Und nun meint Ihr, mit dieser neuen Sache seid Ihr endgültig im Fegefeuer gelandet, doch ich sage Euch, es ist eine Chance, etwas Neues anzufangen. Ich kenne die Hölle, Herr. Das hier ist sie nicht.«

Der junge Adlige blickte seinem Diener, der ein Stück größer war als er selbst, in das ernste Gesicht mit den dunklen Augen. Obwohl er an die vierzig Jahre alt war, sah er aus wie dreißig - eine Tatsache, die Viktor immer verwundert hatte, bis er als Strigoi wieder aufgewacht war. Er wusste nicht, ob Sebastian nur so daher redete, wenn er von der Hölle sprach oder ob er sich auf seine Kindheit bezog, die sicher elend gewesen war. Der Graf wusste, dass eines Tages der Moment gekommen sein würde, dass er ihn all diese Sachen fragen und dieser ihm die Dinge erzählen würde, von denen er momentan immer noch sagte, dass er, Viktor, sie doch eigentlich gar nicht wissen wollte.

»Du solltest aufhören, die Bücher über Philosophie zu lesen«, murmelte der junge Adlige und wandte das Gesicht wieder von seinem Diener ab. Sebastian lächelte leicht und neigte den Kopf.

»Ich werde jetzt mein Bad nehmen. Braucht Ihr vorher noch etwas? Vielleicht ein Buch oder eine frische Kanne Tee?«

»Nein, danke, Sebastian. Mein Kopf ist immer noch schwer wie ein Kürbis. Ich werde schlafen. Umso schneller bin ich wieder auf dem Damm, um Sandringham sein Rückgrat durch den Mund herauszureißen.«

»Ich kann es kaum erwarten, mein Herr.« Der Leibdiener verließ, leise lachend, das Zimmer und kehrte in seine eigene Kammer zurück.

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