Kapitel 5

Dimitri, der Botenjunge, trieb das tüchtige Pferd geschwind über die Bergstraße, die zum Jagdschloss des Fürsten Lugosy führte. Der Weg war verschneit und noch immer trudelten dicke Flocken aus dem grauer werdenden Himmel. Seine waldgrüne Kapuze, die er über den Kopf gezogen hatte, war bereits weiß geworden und auch auf seinen Schultern hatte sich der Schnee gesammelt. Die Nüstern des Pferdes trieben den Atem sichtbar vor sich her, ebenso wie Dimitris Lippen.

Erleichtert hob der Junge den Kopf, als das auf einem Hang inmitten von Bäumen gelegene Schlösschen auftauchte. Es war mit dem seines Herrn, Graf Draganesti, nicht zu vergleichen. Dieses wirkte mehr wie ein großes Haus denn wie ein Schloss. Doch was wusste Dimitri schon davon. Er war nur ein einfacher Knecht und würde niemals selbst als Herr in einem solchen Heim leben.

Er zügelte den Galopp des Tieres und ließ es langsamer auf das Portal zulaufen, welches den Zugang zum Schlosshof bildete. Es war geöffnet und Dimitri konnte es unbehelligt passieren.

Fackeln waren auf dem Hof entzündet worden, doch es waren keine Menschen zu sehen. Lebte der Herr hier etwa gänzlich ohne Gesinde? Das tat er sicher nicht. Er hatte garantiert die Leuchtfeuer nicht selbst angezündet.

Allerdings, war er im Besitz eines Dieners wie Sebastian, der über übermenschliche Energie und Ausdauer zu verfügen schien, konnte auch ein Bediensteter allein ein Schloss auf Vordermann halten.

Mit dem mulmigen Gefühl, beobachtet zu werden, sprang der Bursche vom Rücken des Hengstes und sah sich um. Das Pferd war ruhig und stieß in gleichmäßigen Schüben kleine Wölkchen Atemluft aus seinen Nüstern aus. Dimitri sah das als gutes Zeichen an.

Würde etwas Merkwürdiges vonstattengehen an diesem Ort, würde sein treuer Gaul ihn dies schon wissen lassen. Solange der ruhig blieb, war wohl alles in Ordnung.

Er band das Tier an einen Pfosten in einiger Entfernung zu einer der Fackeln, damit ein bisschen der Wärme zu dem Hengst gelangen konnte, wenn er ihn schon draußen stehen lassen musste, da es hier niemanden zu geben schien, dem er das Pferd so lange anvertrauen konnte. Erneut blickte er sich verwundert um.

Auf Schloss Draganesti war immer mindestens eine Person auf dem Schlosshof zu sehen, selbst in der finstersten Nacht. Entweder eilte jemand zu einem Abort oder die Wachen machten ihre nächtliche Runde.

Dimitri straffte seine Schultern.

Der Herr, der hier residierte, war nur zu Gast in diesem Land. Vielleicht hatte er noch kein geeignetes Gesinde für die Zeit seines Aufenthaltes finden können. Es ging ihn nichts an, wie der Lord, wie Sebastian ihn betitelt hatte, hier seinen Haushalt führte.

Energisch stieg er die Stufen zu dem massiven, eichenen Schlossportal hoch und ließ den Türklopfer kraftvoll ertönen.

 

Wie ertappt ruckte der Kopf des Mannes hoch und ein dumpfes Geräusch, wie das eines zusammensackenden Leibes, erklang leise in der Dunkelheit. Knurren, als Reaktion auf die unliebsame Störung durch den Türklopfer, ertönte und mit einem Rascheln näherte sich der blonde Mann, dessen außerordentlich definierte Gesichtszüge ihn bemerkenswert aussehen ließen, aus dem Schatten einem eleganten Kerzenleuchter, der einen Tisch und ein paar Bücher erhellte. Mit einem blütenweißen Seidentaschentuch tupfte er sich die Lippen ab, als hätte er soeben eine köstliche Mahlzeit genossen, und warf es dann gleichgültig auf den Tisch. Einige hellrote Flecken schimmerten im matten Licht auf dem feinen Stoff.

»Nun, wer stört da zu dieser späten Stunde«, murmelte er zu sich selbst, ergriff den Kerzenleuchter und verließ das Kaminzimmer, dessen Duft ihm besonders zusagte.

Missmutig die Lippen verziehend ermahnte er sich, dass er es hasste, selbst die Tür zu öffnen, doch es tun musste, wenn er seine frisch eingestellten Dienstboten allzu schnell verbrauchte. Er musste sich etwas zügeln, denn sonst würde sein Ball anstehen und er würde niemanden mehr haben, der ihm das Haus versorgte.

Er stellte den versilberten Kerzenständer auf einem Tischchen ab und rieb sich mit der unangenehm kribbelnden Hand über seinen Gehrock, bevor er energisch nach dem Griff des Portals griff und dieses fast geräuschlos aufzog.

»Sie wünschen?«, knurrte er und blickte einem Jüngling in die dunklen Augen, der ihn erschrocken ansah, offenbar überrascht von der plötzlichen Bewegung der Tür und der Dunkelheit im Inneren des Hauses. Er brauchte eine Sekunde; unfassbar lang für den blonden Mann; um sich zu sammeln, zu räuspern und sich dann artig zu verneigen.

»Guten Abend, mein Herr. Ich bin Dimitri Iakov vom Schloss des Grafen Draganesti von Bistrien. Ich habe eine Botschaft für Euch!« Der Junge sprach schnell, war es augenscheinlich nicht gewöhnt, dass ihm ein Höhergestellter eigenhändig öffnete, als wäre er ein gemeiner Diener. Außerdem sprach er einen sonderbaren Dialekt dieser harschen Sprache Rumänisch, der ihn bäuerlich klingen ließ. Doch was konnte er anderes erwarten, wenn ein Bote, vermutlich ein einfacher Stallbursche, zu ihm geschickt wurde.

In England hätte sich niemand gewagt, einen einfachen Dienstboten zu schicken. Doch er war weit weg von der Insel. Der blonde Mann seufzte leise und setzte sein gewinnendstes Lächeln auf.

»Wie freundlich von deinem Herrn, so rasch auf meine Einladung zu antworten, denn das ist es doch sicherlich, was du mir überbringen sollst, richtig? Komm einen Moment herein und wärme dich auf. Ich bin Lord Hiram Sandringham aus Wickham in England.«

Der Jüngling trat zögerlich in das dunkle Schloss und zuckte zusammen, als die Tür hinter ihm zu fiel.

»Nun, wo ist die Botschaft, die du überbringen solltest?«

»Ah, natürlich, mein Herr. Verzeiht!« Dimitri fasste sich in die Brusttasche und zog eine kleine Schriftrolle heraus, deren Siegel so rot wie Blut war und das Wappen eines Drachen zeigte. Hiram schmunzelte. Eine mächtige und alte Familie. Interessant.

Er übernahm das gereichte Dokument, brach das Siegel auf und las im Schein der Kerze die kurzen, freundlichen Worte. So, so, die Spannung trieb also den Grafen.

Hiram fragte sich, ob es sich wohl um einen jungen Mann handelte oder um einen alten Greis. Er hatte in England bei seinen Recherchen über die Fürstenhäuser Siebenbürgens zwar natürlich etwas über das Haus Draganesti gelesen, doch wusste er nicht, mit wem er es beim amtierenden Titelinhaber zu tun hatte.

»Sag Junge, dein Herr, der Graf... ist er jung an Jahren oder nähert er sich dem Ende?«

Dimitri blickte den fremd aussehenden Lord mit der hellen Haut und den blonden, im Nacken zu einem kurzen Zopf gebundenen Haaren verwundert an. War es von Interesse, ob sein Herr jung oder alt war? Warum kümmerte es diesen merkwürdigen Adligen, der so gestelzt sprach? War er vielleicht etwas verquer im Kopf? Der Junge beschloss, dass es ihn nichts anging, dass er aber auch aus Loyalität zu Graf Draganesti nicht tratschen durfte. So neigte er nur leicht den Kopf.

»Der Graf hat die 30 noch nicht überschritten.«

»Ach, wie erfreulich, einen Gesprächspartner im selben Alter zu erhalten. Ich hatte schon die Sorge, auf meinem Ball nur greise Herren zugegen zu haben.«

Dimitri schüttelte leicht den Kopf, richtete sich die Jacke und verneigte sich dann.

»Mein Herr, es war mir eine Freude, Euch kennenzulernen. Meine Pflicht ist getan und ich habe nicht das Recht, Euch länger zu belästigen. Ich wünsche Euch eine gute Nacht.«

Hiram nickte gönnerhaft und sah dabei zu, wie der Junge die Tür wieder aufzog und in die Dunkelheit nach draußen trat. Er hatte sein Pferd an einem der Pfosten angebunden, die Decke des Tieres war zugeschneit, und es war nahezu dunkel. Das Schloss des ominösen Grafen lag nicht weit entfernt, er hatte es auf einer Landkarte eingezeichnet gesehen.

Er schmunzelte. Graf Draganesti war der Erste, der eine Antwort auf seine Einladung geschickt hatte. Ob aus Neugier oder Geltungssucht, das würde sich dann zeigen, wenn sie einander gegenüber standen. Hiram hoffte inständig, es mit einem ansehnlichen Gegenüber zu tun zu haben.

Diese einfachen, nach billiger Seife riechenden Menschen war er leid, mehr noch verabscheute er all die dreckigen Individuen, die seinen Weg auf der Reise in die Karpaten gekreuzt hatten. Er war es über, dieses einfache Volk und diese erbärmlichen Bettler.

Er wollte etwas Exklusives, etwas Schönes, Duftendes und in Seide gehülltes, mit dem er spielen konnte, bis er auch diesem überdrüssig war. Doch wer sagte, dass dies geschehen musste? Schon so lange war er auf der Suche, vielleicht fand er ihn hier, in den rauen, verschneiten Bergen Siebenbürgens, den Gefährten, den er in England so lange vergeblich gesucht hatte?

Mit dem Kerzenständer kehrte er zurück in das Kaminzimmer, wo das Feuer heruntergebrannt war. Er stellte das Licht wieder auf den Tisch und seine Augen durchdrangen die wattige Dunkelheit bis zu der Stelle, an der er zuvor gestanden hatte, bevor der Junge ihn gestört hatte. Nur seine Augen konnten sehen, was die Düsternis verbarg, die winzigen Lichtpunkte, die die Kerzen in den erloschenen Augen des Mannes widerspiegelten, den er ursprünglich als Hofmeister eingestellt hatte.

Wenn er doch nur nicht so schrecklich undiszipliniert wäre. Er konnte es sich nicht leisten, immer neues Personal anzustellen und er konnte es sich auch nicht leisten, die Überreste immer wieder verschwinden zu lassen.

Wobei sich die zerklüfteten Gebirgsspalten allerdings vorzüglich anboten. Missmutig warf er sich den Leichnam über die Schulter, als wöge er nichts, und verließ das Schloss durch den Küchentrakt in Richtung Berge.

Die dichten, rumänischen Wälder verbargen seine Untat ebenso wie die samtene Finsternis, während er durch den frisch gefallenen Schnee stapfte, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Er spürte auch nicht die Kälte der Flocken auf seiner bleichen Haut oder den beißenden Wind, der aus Osten kam und ihm ins Gesicht schneiden wollte.

An einer Klippe angekommen, ließ er den Mann zu Boden gleiten und schloss ihm mit gerümpfter Nase die Augen. So viel christlichen Anstand hatte er noch in sich. Immerhin hatte dieser Kerl dafür gesorgt, dass es ihm, Hiram, wieder für einige Tage gut gehen würde. Lange genug, bis der Ball vor der Tür stand. Vorher würde er allerdings unbedingt frischen Nachschub brauchen, sonst würde er am Ende womöglich die Kontrolle verlieren. Das konnte er nicht riskieren.

Niemand, nur der einzig Richtige, durfte erfahren, was er war und durfte nach dieser Kenntnis weiterleben.

Hiram seufzte und wandte den Blick gen Sternenhimmel. Er hoffte so sehr, dass die Suche ein Ende haben würde. Er war müde und hatte keine Kraft mehr, sich noch länger damit aufzuhalten. Wesen wie er waren nicht gemacht für die Ewigkeit allein. Waren nicht gemacht für ein Leben ohne Rettungsanker, der sie festhielt und ihnen die Gewissheit gab, dass sie, trotz allem, lebten.

Er blickte wieder auf den Leichnam herunter, der zu seinen Füßen am Rand des Abhangs hockte.

»Du hast es hinter dir, mein Freund. Danke für die Gabe.« Der blonde Mann tappte ihm noch einmal auf den Kopf und versetzte dem Körper dann einen Stoß, worauf er in die Schlucht kullerte. Hiram konnte hören, wie die spitzen Felsen beinahe jeden Knochen im Leib des armen Hundes brachen, und musste unwillkürlich grinsen. Ein leises Glucksen in seiner Brust schwoll zu einem Lachen an, das in der düsteren Mondnacht über die Berge hallte und in einem Geräusch abbrach, das wie ein Schluchzen klang.

Der einsame, blonde Mann beugte sein Haupt vom silbernen Licht des Mondes weg und ging langsamen Schrittes zu seinem Domizil zurück.

Diesen einen letzten Versuch würde er noch wagen. Einen verzweifelten Schritt, jemanden zu finden, der die langen, kalten Nächte seines Daseins mit ihm teilte. Ansonsten würde er schon einen Weg finden, um sich dem ganzen Elend zu entziehen!

Doch zuvor musste er es versuchen.

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