Kapitel 5 - Dieb meines Herzens

Die Sonne schickte ihre letzten Strahlen über den Horizont und tauchte die eine Hälfte des Himmels in ihr goldrotes Licht, während die andere bereits von der dunklen Decke der sternhellen Nacht zugedeckt wurde.
Die Wache vor der Tür gähnte. Das Los der Nachtschicht hatte ihn getroffen und schwor sich, nie wieder gegen seinen Kollegen zu Würfeln. Er zog doch jedes Mal den Kürzeren. Während sein Freund sich nun im Bordell der kleinen Stadt vergnügte, stand er am Fußes des Hauses, in dem die Botschafterin ihre Juwellen untergebracht hatte. Es war ein großes Haus mit vorspringenden Seiten und zwei hohen Türmen. In einem der Türme lag das Gemach der Botschafterin, vor dem ebenfalls Wachposten standen.
Sie war eine hohe Persönlichkeit und wichtig für die Stadt, weswegen ihr deutlich mehr Schutz zu kam in der Zeit, in der sie hier war.
Ihr Schmuck ruhte des Nachts in einer Schattulle in ihrem Ankleidezimmer, das sich über dem Gemach befand. Darüber gab es nur mehr einen Raum, der eine Leiter zum Dach aufwies.
Auf eben diesem Dach duckte sich eine dunkel gewandete Gestalt in den Schatten. Es war Neumond, doch die Sterne schienen heute doppelt so hell zu leuchten, dachte er bei sich und überprüfte das Fenster zum Dachzimmer.
Aufgrund der vielen Wachen, hatte sich niemand die Mühe gemacht, besondere Sorge dafür zu tragen, dass das Fenster repariert wurde. Es ließ sich leicht öffnen. Leise wie eine Katze schlüpfte er hindurch und tauchte in die Dunkelheit des Raumes ein. Hier waren keine Wachen. Er hörte jedoch ein Gähnen aus dem Raum darunter. Kein Wunder, denn hier war der kostbare Schmuck aufbewahrt.

Der andere Turm war besser bewacht. Er hatte kein spitzes Dach, sondern ein flacher Aussichtsposten und auf dem ein Wachmann abgestellt war. Von hier aus konnte er die ganze Umgebung überblicken, dennoch war ihm das Treiben auf dem gegenüberliegenden Turm entgangen. Er hatte zwar einen Schatten gesehen, der über das Hausdach gehuscht war und könnte schwören, dass dieser Schatten die Mauer hinaufgeklettert war, doch schob er es auf seine fortgeschrittene Müdigkeit.
Fred war bereits den ganzen Tag hier. Erst eine Stunde vor Sonnenuntergang hatte er erfahren, dass er auch nachts hier sein würde, statt Zuhause bei seiner Frau und ihrem jungen Sohn. Mit einer Hand nahm er den schweren Helm ab und fuhr sich durchs verschwitzte Haar. Morgen würde er zu müde sein, um mit seinem Sohn angeln zu gehen, wie er es versprochen hatte. Am liebsten wäre er dem Kollegen, der es ihm mitgeteilt hätte an die Gurgel gegangen, doch Fred hatte sich dagegen entschieden. Zu wichtig war es ihm, zu seiner Familie heimkehren zu können.

Unterdessen tat sich auch etwas vor der Tür des Hauses. Eine schwarz gekleidete Gestalt, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, schlich sich an die Wache heran und presste blitzschnell ein Tuch an Mund und Nase des Mannes, der daraufhin zu Boden sank. Es war mit einem betäubenden Mittel getränkt.
Lad lächelte zufrieden. Von allen Vorbereitungen hatte die Beschaffung des Mittels am Längsten gedauert, denn es war wichtig, dass die Betäubten nur für eine gewisse Zeit außer Gefecht gesetzt waren und nicht durch eine Überdosis starben. Sie wollte schließlich kein Leben, sondern nur ein paar Wertgegenstände stehlen.
Ihre Finger lösten den Schlüsselbund vom Gürtel der Wache. Sie sperrte die Tür auf und glitt ins Innere. Auf leisen Sohlen durchgequerte sie die Räume, betäubte jede Wache, die ihr unterkam und, um ganz sicher zu gehen, fesselte Arme und Beine dieser. Spätestens morgen würde ja jemand kommen, der ihnen den Knebel rausnehmen konnte. Bis dahin würde sie selbst längst über alle Berge sein.
Ihre silbernen Augen blitzten und sie schlug die Kapuze ihres Umhangs zurück. Ihr langes Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten und sie trug Kleidung aus leichtem, dunklen Leder. Allein ihre Stiefel hätte sie besser wählen können, dachte sie verärgert, denn sie klangen doch relativ laut auf den Steinböden des Erdgeschosses.
Nichtsdestotrotz machte sie ihren Weg hinauf in den Turm, stahl sich selbst in das Gemach der Botschafterin, die ihre Augen aufschlug und in die Dunkelheit starrte. Sie spürte, dass jemand hereingekommen war. Im nächsten Moment sank sie zurück in den Schlaf, als eine behandschuhte Hand ihr ein weißes Tuch ins Gesicht drückte. "Ruhig, ruhig. Keine Sorge. Deine Sachen sind bei mir in guten Händen.", flüsterte Lad und zog sich lächelnd zurück.
Als sie in den Ankleideraum kam, blieb sie verdutzt stehen. Die Wache des Zimmers lag, mit Händen und Füßen aneinandergefesselt und offensichtlich bewusstlos, am Boden. Hastig durchquerte sie den Raum und suchte nach der Schatulle. Sie war nicht hier.
"Jemand ist uns zuvor gekommen.", fluchte sie leise. Sie inspizierte noch die Gewänder, als sie ein verdächtiges Geräusch hörte und eilte zur Treppe, zurück ins Haupthaus.

Furias war zufrieden mit sich. Er hatte die Wache K.O. geschlagen und die Schatulle erbeutet. Allerdings hatte er wenig Lust gehabt, mit dem klobigen Ding den gleichen Weg hinauszunehmen. Es war ein Risiko, doch er hatte sich auf die Suche nach einem Sack gemacht, in den er den Schmuck umladen konnte und hatte in der Nähe der Küche einen gefunden.
Gerade warf er einen Ring in den Sack und wollte ihn verschnüren, als er eine Klinge an seiner Halsseite spürte.
"Wie lang waren wohl deine Vorbereitungen? Wäre ich nicht schon überall gewesen, wärst du Hackfleisch.", zischte eine vertraute Stimme an sein Ohr.
Er drehte den Kopf und seine roten Augen trafen die ihren. "Lad!", japste er erstaunt und raffte den Sack an sich, "Was machst du hier? Warte! Dumme Frage. Wir können teilen!"
Sie ließ den Dolch sinken und steckte ihn wieder weg. Stemmte gespielt beleidigt die Arme in die Seite und fauchte: "Monate! Monatelang habe ich hier alles geplant, organisiert und für was? Dafür, dass ich in ein leeres Zimmer komme und dann dich hier vorfinde, um jetzt mit dir teilen zu müssen? Das ist unfair."
"An eurer Stelle würde ich mich ergeben, statt übers Teilen zu diskutieren!", erklang eine dritte, tiefe Stimme im Raum, die beide zusammenzucken ließ.
Furias sprang auf die Beine und entdeckte einen bulligen Mann mit vernarbtem Gesicht und Stoppelbart.
"Dein kleines Schlafmittel hat nicht wirklich lang gewirkt. Jedenfalls nicht bei mir.", knurrte er und seine Finger schlossen sich um den Knauf eines Langschwertes.
Lad zögerte nicht lange, packte Furias beim Arm und rannte los. Sie rempelten den Mann so hart, dass dieser für einen Moment verblüfft stolperte und die beiden durch die Tür fliehen konnten.
"Wir müssen zum anderen Turm!", rief sie dem Dunkelelf zu, als dieser die Führung übernahm, "Von dort können wir fliehen."
"Zum Turm? Bist du wahnsinnig? Da oben sitzen wir erst Recht in der Falle!"
"Vertrau mir."
Ihre Füße trugen sie schnell durch die Gänge, doch der Wachmann war ihnen bereits hinterher und heftete sich an ihre Fersen.
Der untere Zugang zum Turm war mit einer Tür aus Eisengitter vom restlichen Haus abgetrennt. Furias stürmte hindurch und Lad folgte ihm, zog mit einer Hand die Tür hinter sich zu und verriegelte sie von Innen, während der Mann heranstürmte und sich gegen das Gitter warf.
Gerade, als sie sich umdrehte, um weiterzulaufen, spürte sie ein schmerzhaftes Ziehen an ihren Haaren.
Er hatte ihren Zopf gepackt und zog sie so an die Eisenstäbe heran. Schon konnte sie das Schwert spüren, dessen Spitze sich in ihren Umhang und ihr Wams bohrte.
"Schön brav sein. Mach die Tür auf.", flüsterte er an ihr Ohr. Sie verzog die Nase, als sie seinen widerlichen Geruch wahrnahm.

Furias, schon eine Biegung weiter auf der Wendeltreppe nach oben, machte kehrt und rannte zurück.
Er erfasste die Situation mit einem Blick, zückte seinen Dolch. Mit der freien Hand drückte er Lad den Sack in die Hände, schob sie danach vor, was ihr ein schmerzhaftes Stöhnen entlockte, denn die Wache hatte ihr Haar fest im Griff.
Der Dunkelelf nutzte diese Spannung ihres Zopfes und durchtrennte die Haare in ihrem Nacken als einzige Lösung, schnell loszukommen. Perplex darüber, dass die Spannung plötzlich verschwand, stolperte die Wache zurück und Lad nach vor. Sie fing sich mit einer Hand auf der Treppe ab, rappelte sich auf und lief nach oben. Sie hatte keine Zeit nachzudenken, was gerade passiert war.
Furias heftete sich an ihre Fersen. Hinter ihnen hörten sie das wütende Brüllen der Wache.
"Oben ist doch sicher noch eine Wache. Was machen wir dann?", fragte er sie und stellte sich stumm die Frage, wie sie überhaupt vom Turm wegkommen sollten.
"Hast du all deine Habe?", fragte sie dagegen.
"Ja?", verdutzt hob er eine Braue und sah ein vergnügtes Funkeln in ihren Augen, als sie entgegnete: "Das ist gut."
Ein jaulender Aufschrei von oben, ließ ihn seine nächste Frage vergessen. Sie hörten, wie eine Tür gegen die Wand schlug und wurden fast umgerannt.
Freds Augen tränten und er hielt sich seine schmerzende, feuerrote Hand, die er weit von sich gestreckt hatte, während er die Treppen nach unten polterte, in der Hoffnung, etwas Kühles zu finden.
Verdattert sah Furias ihm nach und hörte Lad kichern.
Sie erreichten die Spitze des Turms und Lad verriegelte die Tür hinter ihm. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Fred das Gitter unten geöffnet hatte und der andere ihnen nachkommen würde.
"Hier, bind den gut an dir fest.", lächelte Lad und verschnürte den Sack ordentlich, bevor sie ihn Furias zuwarf und sich dem Grund für Freds schmerzende Hand näherte.
Er traute seinen Augen kaum, als er den schwarzen Drachen sah, der den Kopf hob und die Flügel ausfächerte. Das Tier hob den Kopf und betrachtete ihn ruhig aus silbernen Augen, ebenso silbern wie Lads.
Die näherte sich dem Drachen und kletterte auf dessen Rücken, direkt vor die Flügel. Für Furias war nur mehr Platz hinter ihr. Etwas unsicher ließ er sich dort nieder und suchte eine Stelle, wo er sich festhalten konnte. Lads Hände ergriffen seine und führten sie an ihre Taille.
Sie sah über die Schulter und lächelte ihn an, "Halt dich gut fest, du Dieb. Ich will dich nicht verlieren."
Er konnte sich täuschen, aber er konnte schwören, dass er einen Anflug von Röte auf ihren Wangen gesehen hatte.
Der Drache breitete die Schwingen aus und stieß sich ab und in die Lüfte. Drei kräfte Schläge und das Haus der Botschafterin wurde immer kleiner.
Es krachte unter ihnen, als die Tür aufgebrochen wurde und die Wache sich umsah und zu schreien begann, als er niemanden erblickte.
Furias blickte hinab und dann eilig nach vorn, da ihm schwindlig wurde angesichts der Höhe.
Er konnte Lads Lachen, das der Wind forttrug, vor sich vernehmen und spürte ihren weichen Körper unter seinen Händen.
Sie stiegen noch höher hinauf und die Welt veränderte sich. Die Häuser wirkten so fern und die kleine Stadt lag schon bald hinter ihnen. Er wusste nicht, wohin sie flogen. Er wusste nur, dass er es nicht bereuen würde an ihrer Seite zu sein.
Lad lehnte sich vor und streichelte über die kühlen Schuppen des großen Tieres. Sie war glücklich in diesem Moment. Fliegen war etwas, das sie über alle Maßen liebte und noch mehr freute es sie, dass sie diesen Dunkelelf hinter sich sitzen hatte. Er war also nun ein Dieb wie sie selbst, dachte sie, das passte dann ja. Sie begann zu lachen. Ein befreites Lachen.

Kommentare

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    Allein schon für die Kapitelüberschrift hast du 5 volle Sterne verdient, ich finde sie einfach klasse. Und das dein Text mir eine wahre Lesefreude gewesen ist, hat sich sich ja fast schon zur allgemeinen Erwartungshaltung etabliert. ;) Großartig. :) *in Favoriten-Liste aufnehm*

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    Oh wie schön! Toll und sehr spannend geschrieben! 5/5 :-)

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