Kapitel Eins Teil B

Das Vorhaben war allerdings nicht leicht umzusetzen. Den ganzen Tag über blickte Raine auf diesen Briefumschlag. Magisch zog er ihren Blick auf sich, als würde er wollen, dass man ihn öffnete. Wenn Raine ehrlich zu sich selbst war, war sie schon kurz davor gewesen, den Brief zu öffnen. Die Neugierde, wo der Brief herkam und vor allem, weshalb er so lange gebraucht hatte, brachte Raine fast um den Verstand. Von Natur aus, war sie neugierig und fragte die meisten Leute beim ersten Aufeinandertreffen viele persönliche Fragen. Von sich selbst erzählte sie jedoch kaum etwas. Dafür war sie zu vorsichtig. Die Angst jemanden zu verlieren, den man zu sehr an sich herangelassen hatte, brachte sie fast um. Dieses Trauma hatte sie einmal durchgemacht. Erneut würde sie das nicht durchstehen. Um sich von den Gedanken abzulenken, die sich wieder einmal selbstständig zu machen schienen, nahm Raine den Brief erneut in ihre Hände. Vorsichtig strich sie über den Umschlag, da sie fürchtete er würde sonst in ihren Händen zu Staub zerfallen. Sachte pustete sie über den Umschlag und fegte so das letzte Stück Staub und Sand vom Umschlag. Dieser sah sehr mitgenommen aus. Wie lange er wohl unterwegs gewesen war, bis er bei ihr ankam? Und dabei war seine Reise noch nicht beendet, da Raine nicht als Empfängerin angedacht war. Sondern Sophia Chesterville. Dieser Brief war bestimmt mehrere Monate in den unterschiedlichsten Ländern unterwegs gewesen. Viele verschiedene Poststempel zierten ihn. Leider war Raines Liebe zu Briefmarken und Ähnlichem immer sehr klein gewesen, sodass sie damit nichts anfangen konnte. Wieder einmal fragte sie sich, weshalb wohl kein Absender darauf geschrieben wurde. Dadurch hätte sie wenigstens einen Anhaltspunkt gehabt und den Brief wieder an den Absender schicken können. Raine selbst schrieb immer ihren Namen als Absender auf den Umschlag. Sie ist überzeugt, dass es keinen Sinn hat keinen Absender draufzuschreiben, wenn der Brief nicht genug Porto hat oder der Postbote den Empfänger nicht lesen kann. Sie persönlich würde niemals Briefe ohne Absender öffnen. Heutzutage wusste ja keiner mehr was sich in einem Brief ohne Absender befindet. Man hört ja praktisch nur noch von Paketbomben… warum nicht also auch Briefbomben? Aber wenn sie ehrlich zu sich selbst sein würde, dann wüsste sie, dass sie einfach nur Angst hatte mit ihrem alten Leben konfrontiert zu werden. Sie hatte Angst, dass einer von Liams ehemaligen Arbeitspartnern sie bedrohen würde. Die Polizei hatte damals angeführt, dass Liam ihnen bestimmt noch Geld schulden würde. Nach seinem Tod hatte Raine einige Briefe erhalten, welche diese Annahme unterstützten. In vielen stand geschrieben, dass sie Raine für Liams Tod verantwortlich machten. Warum konnte sich Raine beim besten Willen nicht vorstellen. Sie wusste nicht einmal, was Liam auf seiner sogenannten Arbeit trieb und war am Boden zerstört, als sie die Meldung von seinem Tod erreichte. Hätte sie es gewusst, dann hätte sie versucht Liam vom falschen Weg abzubringen. Eher hätte sie ihn der Polizei ausgeliefert, wenn dies dazu geführt hätte, dass er nicht gestorben wäre.

Ohne es zu bemerken klammerte sich Raine an den schmutzigen Brief und drückte ihn an ihre Brust. Tränen liefen ihr über die Wangen als ihr Blick auf das Foto von Liam über den Kamin fiel. Selbst nach allem, was er ihr angetan hatte, so hatte sie ihn dennoch geliebt. Mehr als alles andere.

„Warum nur?“, schluchzte sie in das leere Haus hinein. „Warum nur hast du mich in dieser Welt alleingelassen? Du weißt doch, dass ich ohne dich nicht kann! Warum also?“ Raine spürte, wie ihr Herz entzweibrach – erneut. Täglich weinte sie um Liam und täglich brach dabei ihr Herz. Wochen und Monate nach seinem Tod bekam Raine damals die Nachricht, dass sein Leichnam nun freigegeben werden würde. Dieser Moment war der Schlimmste für die damals junge Studentin. Sie dachte, sie würde mit seinem Tod klarkommen, er war ja schließlich schon Wochen tot. Aber das Gegenteil trat ein. Dieser Moment riss Raine den Boden unter den Füßen weg und ließ sie fallen. Ein Fall, von dem sie sich bis heute nicht erholt hatte.

Mit wackligen Beinen ging Raine ins Schlafzimmer und öffnete den Bettkasten. Fotos fielen heraus, ausgeblichen und geknickt vom vielen Anschauen, Auspacken und Wiederwegpacken. Hinter all diesen Fotos kam eine kleine Urne zum Vorschein. Den Brief an Sophia in der einen Hand, holte Raine die Urne heraus. Sie an ihre Brust drückend ließ sie sich zu Boden sinken und weinte hemmungslos. Es war schon ein paar Tage her, dass sie die Urne herausgeholt hatte. Diese war kalt und strahlte den Tod förmlich aus. So wie Liam. Die Urne war schwarz gehalten und hatte nur ein kleines Band drumgebunden. Schlicht und einfach. So wie Liam. Oder auch nicht. Der Liam, den Raine kannte war einfach gestrickt. Aber es brauchte doch ein verkorkstes Leben, um die Taten zu begehen, die er begannen hatte, oder? Raine hatte nach seinem Tod das Gefühl Liam gar nicht zu kennen. Er wurde ihr so brutal entrissen und gleichermaßen wurde sein Bild zerstört. Bis heute begriff sie nicht, warum sie die Zeichen nie bemerkt hatte. Er wollte nie über seine Arbeit reden, hatte nie erzählt, was passiert war, als er mal mit einem blauen Auge oder Blut am Arm zurückkam. Raine hatte sich nie etwas dabei gedacht. Stattdessen war sie überzeugt, dass er zu ihr kommen würde, wenn er reden wollte. Außerdem hatte sie mit dem Studium generell schon so viel um die Ohren, da war sie abends für jede ruhige Minute dankbar. Diese Ruhe, welche Raine so gerne willkommen hieß, war damals der Grund, weshalb sie ihre Facharztausbildung zur Chirurgin machen wollte. In einem Operationssaal war es stets still und nur dann konnte sich Raine am besten konzentrieren. Liam hatte sie stets dabei unterstützt, obwohl er sie manchmal dafür ausgelacht hatte. Eine Ärztin, die Lärm nicht leiden konnte? Und dann wollte sie in einem Krankenhaus arbeiten? Für Liam passte das damals nicht zusammen, aber dennoch hätte er alles getan, um Raine ihren Traum zu erfüllen.

 „Es reicht jetzt, Raine. Reiß dich verdammt nochmal zusammen. Es ist nun vier Jahre her! Du kannst ihm nicht ewig nachweinen, das hätte er auch nicht gewollt. Also los jetzt, versuch diese Sophia Chesterville zu finden.“ Raine spornte sich selbst an, tagtäglich. Nur dadurch schaffte sie es jeden Tag durchzustehen.

Entschlossen stellte sie die Urne zurück in den Bettkasten und stopfte die Fotos davor. Den Brief legte sie in ihr Schmuckkästchen und schloss es ab. Im Nachhinein wusste sie selbst nicht genau wieso sie es tat. Es schien, als habe ihr irgendetwas gesagt, dass der Brief nichts Gutes bedeuten wird. Ein komisches Gefühl überkam sie und am liebsten würde sie den Brief morgen James in die Hand drücken und ihm erklären, dass sie keine Sophia Chesterville kennen würde. Dennoch, der neugierige Teil von ihr möchte das Rätsel lösen, möchte Sophia und den Absender, wer auch immer er sein möchte wieder zusammenbringen. Raine wollte das Lächeln auf dem Gesicht von Sophia Chesterville sehen, wenn sie ihr den Brief in die Hand drückte. Wer weiß wie lange sie darauf schon gewartet hatte? Wer weiß, was sie und den Absender miteinander verband? Vielleicht gehörten sie zusammen? Raine spielte in ihrem Kopf verschiedene Szenarien durch, aber alle endeten damit, dass Sophia Chesterville und der Absender des Briefes heiraten würden. Irgendetwas sagte ihr, dass diese beiden Personen füreinander bestimmt waren. Sollte also derjenige wirklich am anderen Ende der Welt wohnen, wie der Zustand des Briefes es andeutet, dann wird es wirklich Zeit die beiden zu vereinen, dachte sich die junge Konditorin. Normalerweise mischte sie sich nicht in die Leben anderer Leute ein, aber an diesem kleinen Örtchen an der britischen Küste passierte sonst nichts. Außerdem war sie überzeugt, dass diese kleine Abwechslung ihr guttun würde. Neben dem Café und ihrem Garten hätte sie so eine neue Aufgabe.  

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media