Unzählige Körbe, randvoll mit goldenen Maiskolben, füllten die Lager der Inokté(1), als sie sich am Abend nach der ersten Ernte zu einem Fest des Dankes und der Freude versammelten. Doch nicht nur Menschen und Magier aus dem Volk waren gekommen, um das Ende des Hungers zu feiern. Auch die Dämonenkrieger mit ihren Anführern Darius und Atreus, mit den Wasserdämonen und Seren, der jungen Sirene, ließen sich diesen Abend der Freude nicht entgehen. Lange Zeit sangen, tanzten und lachten die Gäste ob der gelungenen Ernte.
Dann, als sich im Osten schon ein feiner Saum neuen Lichts zeigte, erhob sich Cheveyo, der Medizinmann der Graslandmenschen, um eine letzte Geschichte zu erzählen - die Legende des Trickstergottes Kokopelli. Und wann, wenn nicht zur Zeit der Ernte, wäre ein besserer Moment gewesen, um dem Gott des Wassers und der Fruchtbarkeit die Ehre zu geben?
Vielleicht war die alte Sage nur eine harmlose Unterhaltung für die Kinder, vielleicht steckte viel mehr dahinter und Cheveyo berichtete von den längst untergegangenen Vorfahren der Inokté - wer wusste das schon so genau? Wahr ist, dass sie alle - Frauen, Männer, Kinder - dem Bericht des Schamanen aufmerksam folgten.
"Dies ist die Geschichte von Kokopelli, wie sie mir von meiner Mutter erzählt wurde", begann der Weise. "Sie aber hatte sie von ihrer Mutter gehört, diese von deren Mutter und so weiter zurück bis zu jenem unvergessenen Tag im Sommer, als jene Vorfahren, die damals zu Füßen der Feuerberge im Süden lebten, vor lauter Dürre und Durst nicht mehr ein noch aus wussten. Kein Lied erklang mehr und kein Kinderlachen durchbrach die Stille an den abendlichen Feuern. Staubtrocken war das Land rings um die Pueblos des Volkes und kein noch so kleiner Halm ließ sich in der rissigen Erde erblicken. Hunger und Durst drohten, das Volk zu zerstören."
Ernst lauschten die Erwachsenen dem Beginn der Geschichte, hatten doch auch sie im vergangenen Jahr gelernt, was es hieß, Hunger zu leiden. Wären nicht die hilfreichen Wasserdämonen gewesen, wer weiß, ob sie heute noch alle gemeinsam an den Feuern sitzen würden? So schlug Cheveyo unbewusst ein Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und die Konzentration seiner Zuhörer war ihm sicher.
"Manch einer sagt heute, wenn er die Zeit von damals betrachtet, dass unsere Vorfahren  ihr Leid selbst mit verursacht hatten. Gewiss ist, dass sie für den Bau ihrer Lehmhäuser und für ihr Wohlbefinden in den kalten Nächten der Steppe viel mehr Holz nahmen, als sie gedurft hätten und so der Erde ihren Schutz vor Wind und Erosion nahmen. Doch keiner von uns, ja nicht einmal einer der ältesten Magier war zu jener Zeit schon geboren und da wir nicht dabei waren, bleiben uns nur Mutmaßungen …"
Der Schamane schaute in die Runde und es gab manches, das zu betrachten ihn mit Freude erfüllte. Tahatan, der jüngere Minági saß bei seinen Kindern und schien im Kreise seiner Familie zur Ruhe gefunden zu haben, Darius und Nashoba hatten sich dicht bei ihrer hochschwangeren Gefährtin niedergelassen und Cheveyo beobachtete vergnügt, wie der ältere Minági gedankenverloren deren Bauch streichelte, Atreus hatte mit Sirigan inmitten der Wasserdämonen einen Platz gefunden, ja, selbst Utina war entgegen ihrer schüchternen Art nahe ans Feuer und zu ihm, Cheveyo, gerückt. Was gab es also Besseres, als diesen Freunden weiter von Kokopelli zu erzählen?

"An einem Abend aber, als schon alle Hoffnung verlorengegangen schien, kam er. Zunächst war es nur ein leichter Wind, der den mächtigen Trickstergott ankündigte, ein feines Lüftchen, das die Flammen heller scheinen ließ. Mag sein, dass auch die Sterne ein wenig kräftiger leuchteten, denn auch die Lichtwesen waren wach in jener Nacht. Doch Lichtwesen und Windwesen machten noch keinen Regen. Die Wasserwesen aber zürnten dem Volk und es gab nur einen, der sie befrieden konnte - Kokopelli, den buckligen Flötenspieler.
Er war es, der, seine Flöte spielend, den Canyon heruntergeschritten kam. Unglaubliche Töne, nie gehörte Melodien entlockte der Bucklige seinem Instrument. Leuchtend rot waren die Federn auf seinem Kopf, so dass sie sein Gesicht wie Feuer umspielten, hell war auch das Leder seines Gewandes, dass im Schein der Flammen schimmerte. In einem wilden Tanz umrundete er die Feuer des Stammes und ließ unsere Vorfahren in Ehrfurcht erstarren.
Dann, als er sein Flötenspiel beendet hatte, wickelte er seine Flöte in ein weißes Fuchsfell und bot sie allen Sternen des Himmels(2)  zur Opfer dar. Laut hallten seine Worte dabei bis in den hintersten Winkel des Pueblos. 'Diese Flöte ruft die Mutter Erde auf, sich mit den Wind- und Blitzwesen zu vereinigen', lehrte Kokopelli. 'Aus dieser Vereinigung aber wird der Stamm seine Fruchtbarkeit ziehen und es wird ein Kind geboren werden, das das Volk eines Tages zu den Sternen zurückbringen wird, von wo sie auch kamen.(3)'
Ein kraftvoller Wind fegte nun von den Bergen herab und wirbelte die Lagerfeuer auf. Mehr und mehr wuchs der Sturm, bis eine gewaltige Windhose über dem Pueblo frei wurde. Blitze zuckten über den Himmel und Donner grollte. Stumm vor Angst sahen unsere Vorfahren zum Himmel, wo die entfesselten Elemente tobten. Doch der Trickstergott war noch nicht fertig. Bald erblickten alle, die in die Höhe starrten, wie sich dicke Wolken über der trockenen, staubigen Ebene zusammenballten. Jubel setzte ein, der so laut war, dass er das Gewitter übertönte und selbst die Säuglinge in ihren Wiegenbrettern weckte.
Nun wandte sich Kokopelli direkt an das Volk: 'Tragt alle Tongefäße zusammen, derer ihr habhaft werden könnt', wies er die staunende Menge an. 'Sammelt den Regen und den Tau, auf dass ihr nie mehr dürsten oder hungern müsst.'
Unzählige Füße trappelten nun geschäftig hin und her, um den Wunsch des Tricksters zu erfüllen, Schüsseln, Schalen, ja selbst kleine Becher wurden nach draußen gebracht, um den wertvollen Regen zu sammeln.
Mitten in diesem Durcheinander an ruhelosen Geschöpfen stand eine junge Frau nahe dem Feuer und beobachtete so verzaubert die Lichter des nächtlichen Himmels, dass Kokopelli auf sie aufmerksam wurde. Fasziniert betrachtete er die stille Person inmitten der allgegenwärtigen Eile."

Cheveyo machte eine Pause und ließ sich nun auch eine Trinkschale reichen. Manch einer am Feuer folgte seinem Tun und der Schamane sah, dass sie nachdenklich das wertvolle Nass betrachteten, bevor sie tranken. Hier, am Ufer des Falkenflusses kannte man keine Dürre. Dennoch waren seine Zuhörer in diesem Moment gedanklich sicher weit draußen auf der Mesa und konnten nachempfinden, was Durst bedeutete.

"Kokopelli aber näherte sich dem Mädchen", fuhr Cheveyo fort. "Zu groß war die Anziehung, die von ihrem schönen, unschuldigen Gesicht ausging. 'Willst du nicht wie alle anderen deine Tontöpfe holen?', forschte der Trickster nach.
Das Mädchen lächelte. 'Sie stehen schon längst weit oben auf dem Berg.'
Kokopelli war erstaunt und fragte die junge Frau nach ihrem Namen.
'Ich werde Eisblume genannt', antwortete sie bereitwillig. 'Ich gehöre zum Winterclan des Maises(4).'
Noch immer strahlte sie eine Ruhe aus, die den Trickstergott faszinierte. Nachdenklich strich er über seine Flöte, die er, eingeschlagen in das Fuchsfell, wie ein Neugeborenes im Arm hielt.
'Wie kommt es, dass du deine Töpfe schon aufgestellt hast?', forschte er weiter nach.
'Ich wusste, dass der Regen heute kommen würde. Dein Flötenspiel hat es mir verraten, als du den Canyon herabgekommen bist. Es hat mich gerufen.'
Nun wusste Kokopelli, wer da vor ihm stand und lächelte Eisblume wissend und gleichzeitig zärtlich an.
"Dann bist du die Eine!"
Eisblume aber erwiderte sein Lächeln.
Inzwischen hatte sich das Volk zu einem Dankgebet am Feuer versammelt. Schon graute im Osten der neue Morgen, als Kokopelli zusammen mit Eisblume den Kreis der Lagernden betrat. Aller Augen folgten dem Paar, als der Trickster seine Flöte an die junge Frau überreichte, zum Zeichen, dass sie es war, die seine Musik und seine Leidenschaft mit ihm teilen würde. Aus ihrer Vereinigung aber würde ein Kind hervorgehen, das das Volk zurück zu den Sternen führen würde.
Bis aber der Keim dazu gelegt war, blieb Kokopelli bei seinem Volk und lehrte sie, ihren Platz im großen Kreis der Schöpfung zu finden. Das längst Vergessene wurde neu erweckt und so lernten sie, dass jedes Lebewesen vorzeiten einen Funken jener mythischen Flamme in sich getragen hatte, die auf die Erde gefallen war, um dem Land Fruchtbarkeit und Leben zu geben. Eins waren sie mit der Mutter Erde und eins waren sie auch mit den Sternen, zu denen sie nach ihrem großen Lauf des Lebens zurückkehren würden.
Der Sohn Kokopellis und Eisblumes aber wurde ein großer Schamane, der unser Volk gerecht und weitsichtig führte und es lehrte, sich selbst im Einklang mit Land und Natur zu sehen."
Als Cheveyo seine Erzählung beendet hatte, war im Osten die Sonne über den Horizont gestiegen. Nur langsam löste sich die letzte Gruppe, die ihm gelauscht hatte, auf und es fiel allen sichtlich schwer, nach dieser Nacht der Dankbarkeit und der Freundschaft zum Alltäglichen zurückzukehren. Dennoch waren sie alle auch durch das Erlebte näher zueinander gekommen. Ja, vielleicht nahmen sie sogar aus der Sage des buckligen Trickstergottes etwas mit hinein in den neuen Tag. Und wenn es so war, dann auch deshalb, weil es Cheveyo am Herzen lag, die alten Mythen und Legenden am Leben zu erhalten.
Pilamayaye wakan tanka nici un ake u wo, ahoe! (5)


(1) Eigentlich handelt es sich bei dem Volk um die Anazasi, doch außer, dass ich den Pueblostamm zu Inokté gemacht habe, ist die Mythe unverändert, wie auch die Mutmaßungen um den historischen Grund für den Untergang dieser frühen Kultur.
(2) Die heutigen Natives bezeichnen z.T. den Sternenhimmel als Great Star Nation, ein schönes Wort, finde ich.
(3) So soll es überliefert sein. Ob hier nicht eher der Untergang der Anazasi in die Geschichte eingeflossen ist, kann sicher nur ein Indianistik-Kenner wissen. Ich gebe es aber mal so weiter.
(4) Auch hier kann ich leider keine befriedigende Erklärung finden, in welchem Zusammenhang der Mais mit dem Winter steht und welche Bedeutung es für das Folgende hat. Mag sein, dass die Clanzeit das Keimen und evt. im übertragenen Sinn die menschliche Fruchtbarkeit symbolisiert. Sicher bin ich mir da aber leider nicht!
(5) Lakota: Auf Wiedersehen und möge der Große Geist mit dir sein und dich führen!

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Liebe Leser,
mit "Kokopellis Lied" stelle ich euch nun die nächste fertige Nebengeschichte aus meiner magischen Welt Art-Arien vor. Angefangen hat alles vor vielen Jahren mit einer kleinen Romanze zwischen einem Wolfsmagier von indianischem Aussehen und einer Heilerin von den Frühlingsinseln Dakoros. Inzwischen ist bereits der dritte Band des Romans abgeschlossen.
Durch meine Recherchen bin ich auf viele spannende Details gestoßen, die leider nicht immer in der Geschichte Platz finden. Manche Fantasie betrifft das ebenso. Also habe ich dies und das in kleine Nebenerzählungen gepackt.
Übrigens: Die Landkarte zum Roman findet ihr großformatig auf meiner HP:
http://www.sophie-andrae.de/intro.html

Viel Spaß beim Schmökern wünscht euch Sophie.
Habt immer eine Portion Magie im Ärmel!

Kommentare

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    Eine sehr schöne Geschichte, die mich sogleich in ihren Bann schlug. Du schreibst wirklich wundervoll! 5/5

  • Author Portrait

    Oh ja, liebe Sophie, ich habe die Flöte und ihren Spieler gefunden! :-) Wunderschön, diese Geschichte! Sie weckt in mir vertraute Gefühle...

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