Mit zunehmender Anzahl von Bereitschaftsdiensten steigt auch die Abneigung meines unwilligen Körpers, die möglichen Schlafzeiten zu akzeptieren. Das ist eine Tatsache, an die ich mich in den letzten fünfzehn Jahren gewöhnt haben sollte. Doch das habe ich nicht und so wächst mit dem zunehmenden Schlafmangel auch die Höhe des Stress- und Frustlevels.

Inzwischen ist es 2.30 Uhr. Ich warte mit dem Kopf auf der Schreibtischplatte in der Notaufnahme darauf, dass der Radiologe ENDLICH mit den Ergebnissen des letzten Notfall-CT´s rausrückt, kann dabei kaum noch meine Augen aufhalten und frage mich zum wiederholten Mal, was ich hier eigentlich mache. Das Wartezimmer scheint inzwischen leer zu sein, denn irgendjemand dreht am Dimmer das Licht auf „schummrig“ - Herrgott nochmal!

Die Unklarheit, warum ich gerade hier sitzen muss, bleibt. Nur die Beleuchtung ist eine andere. Der Raum rückt ein wenig näher, die Krankenaktenstapel auf der Tischplatte werden deutlich höher und dann sitzt da dieser alte Herr auf meiner Schreibtischecke und betrachtet aufmerksam seine ordentlich manikürten Fingernägel.

„Du siehst nicht mehr richtig hin!“, verkündet er mit einem Mal zusammenhanglos.

Wie bitte? Ich rappele mich ein wenig auf. Der Alte sitzt so kunstvoll gerade, dass mir mit meiner zusammengerutschten Haltung gerade unwohl wird. Also drücke ich meinen Rücken ein wenig mehr in die Senkrechte und ruckele unauffällig – wie ich hoffe – meine müden Knochen zurecht. Wo sind wir hier eigentlich?

„So sieht zur Zeit der Raum deiner Wahrnehmung aus“, verkündet… ja wer? Ein bisschen erinnert mich der Mann an Sir Ian McKellen mit seinen vielen Falten und dem verschmitzten Gandalfgrinsen. Dann vielleicht auch wieder nicht? Der “Raum der Wahrnehmung“ allerdings ist inzwischen ein enges Kämmerlein mit verstaubten Regalen voller Verpflichtungen und Regeln, voller Zwänge und Notwendigkeiten. Die Aktenstapel reichen bis an die Decke.

Neugierig sehe ich mich um. Das soll ein Abbild dessen sein, was ich noch mitbekomme? Unmöglich, denke ich. Und doch, in einem kleinen versteckten Winkel ganz hinten in meinem Verstand stimme ich Sir Ian zu.

„Du hast nicht einmal ein Fenster gelassen, um über das Alltägliche hinauszublicken“, setzt dieser noch Einen obendrauf. Und wirklich, nun, da er es sagt, sehe ich es auch: Ich bin vollkommen von meinem Alltag eingeschlossen. Wie, bei allen guten Geistern hat es nur dazu kommen können? Hatte ich denn nicht vor langer Zeit so viele gute Vorsätze, mich von Stress und Routine NIEMALS einfangen zu lassen? Und nicht nur ich hatte diese perfekten Pläne gemacht. Alle meine Freunde in der Jugend wollten damals etwas bewegen, alles anders und besser machen. Nun aber gibt es keine Fenster mehr, die den Blick über das Offensichtliche hinaus ermöglichen, oder doch?

Gandalf lacht und stößt mit seinem knorrigen Zauberstab auf den Boden – der Stab ist toll, so richtig gekrümmt und wurzelig wie im Film – ich schaue zweimal hin, um sicher zu sein, dass mich meine Sinne nicht trügen. Der Maya lacht und winkt zu den überfüllten Regalen. „Du musst nur ein bisschen Platz machen. Wo eine Wand ist, kann auch ein Fenster sein. Räume hier ein wenig auf, schaff ein paar Freiräume, wirf weg, was überflüssiger Ballast ist. Dann kannst du sicher auch wieder ein Fenster finden.“

Der Zauberstab klopft auf den Boden, die Zahl der Regale wird ein wenig kleiner, die Wände rücken ein wenig weiter weg und der Alte ist verschwunden. Dort, wo gerade noch ein Aktenstapel bis zur Decke reichte, sehe ich nun ein winziges Fenster mit matten, nie geputzten Scheiben. Der Blick hinaus ist von dicht an dicht gezogenen Schlieren verstellt - und dennoch! Hier ist ein Fenster.

Ich trete näher und wische mit dem Ärmel meines Kittels über das Glas. Kaum ein Effekt ist zu sehen. Als ich mich nach meiner halbherzigen Putzaktion erneut umwende, ist der Platz auf meiner Schreibtischkante erneut besetzt. Schon möchte ich "Oh, Captain! My Captain!" ausrufen, so perfekt ist die Illusion des John Keating aus dem Club der toten Dichter. Bis hin zur locker sitzenden Krawatte in rot mit weißen Streifen und dem leicht angeknitterten Hemd stimmt alles. Keating lächelt still und schweigt, während ich ihn mustere.

Szenen des Films fallen mir wieder ein, Shakespeare und endlich das, worum es hier offenbar geht, die verschiedenen Formen der Wahrnehmung. Im Film ist es Thoreaus Walden, das zitiert wird: „Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben. Intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, .. “

Damals, nachdem ich als junger Mensch den "Club der toten Dichter" zu dritten Mal gesehen hatte, trug ich Thoreau und den guten Walt Whitman jeden Tag in meinen Gedanken mit mir herum. Wohin sind sie verschwunden? Warum haben mich jene früheren Ideale nicht längst erneut inspiriert, aufgemuntert?

Mr. Keating lächelt. "Sie sind nicht weg, nicht vergessen", lässt er mich wissen. "Sie sind ein wenig nach hinten gerückt wie ein lang nicht mehr gelesenes Buch. Dennoch weißt du, was sie zu sagen haben. Du musst dich nur daran erinnern." Er schnippt mit den Fingern und erneut verändert sich der Raum. Das Fenster wird klarer.

Draußen scheint die Sonne und ich gestehe mir ein, dass ich deren Wärme lange nicht mehr bewusst genossen habe. Ist der Duft des Frühlings etwa auch schon verschwunden? Ich sehe ein wenig hinaus in die treibenden Wolken und als ich mich umwende, hat der Nutzer meiner Schreibtischecke erneut gewechselt. Ein Kind sitzt dort, ein Mädchen mit knubbeligen Knien unter dem halblangen Rock und Pippi Langstrumpf-Zöpfen. Um es ganz ehrlich zu sagen, dort sitzt mein viel jüngeres Ich und hält eine Pusteblume in der Hand. Neckend bläst die Kleine viele Dutzend Schirmchen in den Raum und lacht. Ihr Lachen ist so fröhlich und ansteckend, dass ich zurücklachen muss.

"Ich bin immer noch da", kichert sie. "Klar bin ich da!" Sie zeigt mit dem Zeigefinger auf meine Brust und dann auf meinen Kopf. "Da drin bin ich. Du musst nur genau hinschauen!" Sie springt vom Tisch und hopst aus dem Raum. Die Tür, die vorhin noch nicht dagewesen war, steht weit auf. Dahinter sehe ich Sonne, Wolken und weites Land. Der Duft des Frühlings dringt bis zu mir herein und ich kann nicht anders. Ich muss diesem Duft folgen. Weit offen steht die Tür der Wahrnehmung und ich gehe hindurch, beschwingt, mutig, neugierig.

Eine Stimme ruft von ferne meinen Namen und plötzlich rüttelt eine Hand an meiner Schulter. "Hey! Du bist doch nicht etwa eingeschlafen?" Das Rütteln nimmt zu und widerwillig kehre ich ins Hier und Jetzt zurück. Was für ein merkwürdiger Traum! Eine Tasse Kaffee erscheint vor meiner Nase samt einer winzigen Tüte Gummibärchen. "Tut mir leid", verkündet meine Coffein-Fee Caro lächelnd. "Die Kinderriegel sind alle. Den letzten hat der Kleine mit der Kopfplatzwunde aufgegessen."

Ich rapple mich auf und murmele einen Dank.

"Kein Problem!" Caro lächelt. "Mit dem CT wird es noch dauern. Georg hat noch einen Schädel dazwischen bekommen." Sie und ich wissen, dass da noch gut 40 Minuten draufgehen können - mit dem Verdacht auf eine Hirnblutung ist nicht zu spaßen!

Schon will ich losbrummen und mich über dieses Pech beschweren, als mir der Duft des Kaffees in die Nase steigt. Wie lecker! Ich nehme einen ersten Schluck, lasse das Aroma ganz bewusst wirken und winke ab. Mit so einem Kaffee geht das bisschen Wartezeit schnell herum! Caro geht und ich weiß, sie wird sich um alles kümmern.

Ich koste ein erstes Gummibärchen, befinde das Apfelaroma als schmackhaft und beginne, über meinen unmöglichen Traum nachzudenken. Ja, eigentlich war es nur dieses Bild von Cutler(1), was mich heute Nacht in meinem Unterbewusstsein herumgeschubst hat, diese Tür ins Nichts, aus einem dunklen Gewölbe ins Helle hinaus führend. Welche Wege so ein Gehirn doch manchmal geht!

Ich lasse den Geschmack des Kaffees auf mich wirken und träume den verschwommenen Bildern noch ein bisschen länger hinterher. Ein Zitat fällt mir ein, ein treffender Satz von William Blake. In Gedanken stelle ich mir vor, wie der gesetzte Herr aus dem 18. Jahrhundert diesen Sinnspruch in bestem Oxford-Englisch mit leicht näselnder Stimme vorträgt: „If the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it is, infinite.“

Ich koste noch ein Gummibärchen und stelle fest, dass die Roten auch sehr lecker sind. Wann habe ich so etwas derartig bewusst genossen? Vielleicht ist es das, was meinem Leben derzeit ein wenig fehlt - das Bewusste? Sind die Türen meiner Wahrnehmung tatsächlich nicht mehr richtig durchsichtig?

Ich nehme mir vor, den heutigen Tag einmal ganz bewusst zu betrachten und zu genießen. Gleich nachher werde ich beim Bäcker vorbeigehen und schon jetzt lässt mich der Gedanke an den Duft von frischem Brot lächeln. Vielleicht kann ich meine Kinder zu einem Spaziergang ins Freie locken oder mit meiner kleinen Tochter unser angefangenes Bild zu Ende malen? Vorfreude macht sich breit.

Doch noch etwas anderes verändert sich. Plötzlich weiß ich auch wieder, was ich hier mache, warum ich gerade an diesem Schreibtisch in der Notaufnahme sitze: Es ist das, was ich schon immer tun wollte. Und es ist das, was ich kann. Es ist der Beruf, für dessen Erlangung ich lange arbeiten musste. Und nun sollte ich auch das Erreichte genießen, sollte mich freuen, so nette Kollegen wie Caro zu haben, auf deren Unterstützung ich zählen kann, soll zufrieden sein, etwas Nützliches tun zu dürfen.

Es ist nicht so, dass mich der neue Elan sofort vom Stuhl reißt. Doch als ich mich erneut an die Arbeit mit Caro mache, sage ich ihr ein ehrlicheres Dankeschön für den starken Kaffee, der nicht nur tote Tanten wecken würde - auch müde Nachteulen macht er fit. Ich entschließe mich, einen Abstecher zu meinem Radiologen zu machen und lasse mir neben den Befunden eine kurze Anekdote erzählen. Und dann irgendwann, vier Patienten und drei Stunden später, gehe ich recht zufrieden nach Hause.

Jemand hat mal wieder über die Scheiben meiner Tür gewischt. Für diesen Moment nehme ich meine Umwelt bewusster, deutlicher wahr. Nicht, dass das nun von selbst so bliebe. Man muss daran arbeiten. So, wie man am Glücklichsein auch arbeiten muss. Doch sich des Schönen bewusst zu werden, schafft Zufriedenheit. Und von dort ist es zum Glücklichsein nicht sehr weit. Anfangen muss man wohl bei den kleinen Dingen … und die Türen seiner Wahrnehmung im Auge behalten. Sonst werden sie matt und undurchsichtig. Das gleicht einer endlosen Sisyphosarbeit. Heute aber soll keiner sagen, meine Türen seien nicht wirklich ganz frisch geputzt!

Diese Mal war es ein Bild, das den letzten Denkanstoß gegeben hat - ein Bild, Gandalf und Mr. Keating. Ich bin schon sehr gespannt, was mich beim nächsten Mal aus meinem Alltagstrott weckt!

 

 (1) Norman Alden Cutler "Tür ins Freie"

Kommentare

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    Wow, das ist wirklich toll geschrieben...Ja, es gibt eben nicht nur eine Sicht.

  • Author Portrait

    Sophie, diese Geschichte aus dem (Alltags-) Leben begeistert mich hell! Ich weiß so genau, was du meinst! Toll, wie du die Wahrnehmung beschreibst!

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