Markus

Völlig durchnässt gelangte sie zum Parkplatz, der hinter dem Nebengebäude des Heimes lag.
Sie schob ihr Rad in den Keller und stapfte die Treppe nach oben. Ihre Beine waren schwer und das nicht nur vom Reiten und Fahrradfahren. In der Küche nahm sie sich einen Becher Kaffee aus dem Automaten und verschwand danach in ihrem Zimmer, duschte und zog die Dienstkleidung vom Morgen wieder über. Im Wohnbereich war es erstaunlich ruhig. Herr Baier, der Dienst hatte, trug einen dicken Verband um den Arm. Er war am Morgen bei seinem Hausarzt gewesen und hatte zwei Tollwutspritzen erhalten.
Von der Kleinen, die ihn gebissen hatte, wusste er nur, dass ihre Eltern für die Verlegung in eine Privatklinik gesorgt hatten. Der Pfleger war anders als sonst. Sie konnte nicht genau sagen warum. Er war nicht unfreundlich, arbeitete konzentriert und schien körperlich in Höchstform zu sein. Selbst als er ohne Lifter einen schweren Bewohner in einen Rollstuhl setzte, klagte er nicht, wie sonst, über seinen Rücken. Jana fiel auf, dass selbst die anstrengendsten Bewohner heute eher Distanz zu ihm hielten. Sie war froh, als er sie, noch bevor der Nachtdienst eintraf, aus dem Dienst entließ.
Vor dem Personaltrakt fiel ihr ein roter Wagen auf. Frankfurter Kennzeichen. Sie kannte das Fahrzeug. Sie war dabei gewesen, als Markus es gekauft hatte.

Aus der Küche ertönte Gelächter. Sylvia. Dann hörte sie seine Stimme. Er war es, eindeutig! Sie schlich sich zu ihrem Zimmer. Froh, dass ihr Raum am Anfang des Korridors lag. Schloss leise die Tür auf und huschte hinein. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Was hatte er hier zu suchen, warum war er hier? Sie verriegelte die Tür, bevor sie ins Bad ging. Während das heiße Wasser ihren Rücken herunterfloss, versuchte sie sich zu beruhigen. Sie hatten sich vor fast vier Monaten getrennt. Und es tat immer noch weh. Es war nicht einmal ihre erste Trennung gewesen. Genau deshalb war sie weggezogen, damit sie nicht schwach wurde, wenn Markus wieder vor ihr stand und mit seinem schiefen Lächeln um eine neue Chance bat.

Verdammt, so würde es diesmal nicht laufen. Er änderte sich nicht. Treue war einfach nicht sein Ding. Sie atmete tief durch, trocknete sich ab und zog einen Jogginganzug über.
Es klopfte. »Jana? Bist du da? Du hast Besuch!«
»Weißt du, wie spät es ist, Sylvia?«
»Du hast doch morgen Spätdienst, hab dich nicht so. Er wartet schon seit Stunden auf dich. Komm!«
»Ok, ich komme gleich, aber nur kurz, ich bin echt müde!«

Bloß nicht hübsch machen für ihn. Nach einem Blick in den Spiegel schminkte sie schnell ihre Augen. Sie atmete tief durch und ging dann in die Küche. Er saß am Tisch und grinste sie an. Seine Haut war blass, die Haare verstrubbelt. Sonst eher schlank und athletisch wirkte er jetzt fast hager. Der Dreitagebart war ungepflegt.
»Jana! Ich bin so froh dich zu sehen! Du hast es richtig gemacht. Bist weg. Du glaubst nicht, was jetzt in Frankfurt los ist. Die halbe Stadt krank. Die Gänge in der Klinik voller Betten. Und dann ...«, er schluckte. »Diese neue Tollwut. Leute, die durchdrehen, jeden beißen! Die Psychiatrie platzt aus allen Nähten. Ich wusste, dass sie den Notstand ausrufen wollen, also hab ich schnell mein Zeug gepackt und gekündigt. Per Mail. Ich bin ein paar Tage in der Gegend rumgefahren, hab Freunde besucht, doch ich hatte solche Sehnsucht nach dir. Ohne dich kann ich das alles nicht durchstehen. Keine Frau reicht an dich ran. Wenn du mich nicht mehr willst, okay, ich kann warten, aber lass uns wenigstens Freunde sein. Bitte.« Er schaute sie mit seinem Dackelblick an.
»Ich habe dich bei Facebook blockiert und bei whatsapp, das hat dich nicht gestört, du hast gemailt, gesimst und mir den Anrufbeantworter vollgequatscht. Was muss ich noch machen, um dir zu sagen, dass ich kein Interesse habe? Schön, dass du gekündigt hast, aber hier will ich dich nicht.«
»Sorry. Ich hab schon mit deiner Chefin geredet«, unterbrach sie Markus. »Sie hat mich als Aushilfe eingestellt und ich habe ein Zimmer auf diesem Gang bekommen. Bei euch sind ziemlich viele ausgefallen, doch zumindest gibt es diese Tollwutseuche hier nicht.«

Jana dachte an das Mädchen und den Jungen im Wald. Und an die Bewohner, die das Kind gebissen hatte. Doch wo sollte es sich infiziert haben? Sie sollte es Markus erzählen. Vielleicht ging er dann wieder, wenn er erkannte, dass es hier auch nicht sicher war.
»Ich bin müde, wir können morgen weiter reden«, verabschiedete sie sich.
»Schlaf gut und träum was Schönes! «
Er wollte ihr doch tatsächlich einen Kuss geben, sie schob ihn weg und ging zu ihrem Zimmer. Ihre Beine fühlten sich an wie Pudding.
Markus wandte sich an Sylvia. »Bist du so lieb und zeigst mir, wie ich meinen Duschboiler anstelle?«
Jana verdrehte die Augen, während sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete. Flirtete er jetzt ernsthaft mit ihrer älteren Kollegin? Na gut, sie durfte ihn haben.

Sie zog sich in ihr Zimmer zurück. Markus folgte Sylvia.
Ich werde nicht wieder schwach, nahm sich Jana vor, während sie sich im Trainingsanzug ins Bett legte.

Es gab so viele Orte, an denen er neu anfangen konnte, warum war er hier hergekommen? Ihr Kopf schmerzte. Sie nahm eine Tablette. Es war fast elf, sie konnte nicht schlafen und schaltete den kleinen Fernseher ein. Nachrichten. Immer mehr Afrikaner flüchteten aus ihren Heimatländern. Die einen wegen der ewigen Bürgerkriege, andere vor der neuen Seuche, die schon ganze Landstriche befallen hatte und sich rasend schnell ausbreitete. In Italien gab es schnell errichtete provisorische Auffanglager der UNO. Doch die meisten versuchten die Lager, die mit Stacheldraht gesichert waren, zu umgehen.
Man sah eine Menschenmenge auf einer leeren Autobahn dahinziehen, viele Kinder darunter. Auf dem Seitenstreifen lagen die, die zusammengebrochen waren. Futter für Aasfresser, hingehäuft wie Abfall. Eine Kamera zoomte auf eine Krähe, die auf einem nahen Leichenberg in ein Gesicht pickte.
Einzelne Schreie ertönten, als sich einige der vermeintlich Toten erhoben und langsam auf die Filmenden zu schlurften. Die Kamera erfasste Gesichter, die keine Augen mehr hatten, bevor die Crew sich immer weiter filmend in einen Jeep zurückzog. Inzwischen war hektische Bewegung in die Masse der Menschen auf dem Weg gekommen. Die Leute, die lethargisch in der Masse mitgelaufen waren, hatten die Gefahr bemerkt und stießen sich gegenseitig beiseite, in dem Versuch, vor den Auferstandenen zu flüchten. Kinder und Schwache wurden niedergetrampelt, Schreie ertönten. Das Fahrzeug des Senders geriet ins Schwanken durch Verzweifelte, die jetzt versuchten, sich auf den startenden Jeep zu retten. Der Wagen schwankte, dann brach der Film ab. Werbung wurde eingeblendet.
Jana starrte auf den Fernseher. Ihr Kopf tat dröhnte. Es klopfte und gleich darauf öffnete sich die Tür. Jana nahm sich vor, in Zukunft abzuschließen.
»Hast du das eben auch gesehen?« Sylvia kicherte nervös. »Das war jetzt nicht echt, oder?«
Es lief immer noch Werbung.
»Keine Ahnung. Ob die es geschafft haben? Das kann nicht echt gewesen sein!«
»Doch ist echt. Ich hab es euch erzählt. Das ist keine Tollwut, es ist eine Zombieseuche. Und der Ursprung ist nicht natürlich. Da ist mit Sicherheit irgendetwas in einem Labor schiefgelaufen.« Markus, der Sylvia gefolgt war, drängte sich durch die Tür und setzte sich auf Janas Bett.
»Jetzt können sie es nicht mehr vertuschen. Es wird sich überall ausbreiten. Der Vorteil hier ist, dass diese Gegend relativ dünn besiedelt ist.«
»Es hat vielleicht schon hier«, unterbrach ihn Jana und erzählte von ihrem Erlebnis im Wald.
»Bist du ihm nahegekommen? Ihm oder dem Mädchen?«, wollte Markus wissen. Jana schüttelte den Kopf. »Allerdings hatten wir ein Kind im Heim, das um sich gebissen hat. Aber das wirkte sonst nicht krank und woher sollte es diese Infektion haben? Das könnte auch einfach was anderes sein. Manche Kinder haben Beißphasen in dem Alter. Heutzutage ist das natürlich fatal.«
»Hat es dich verletzt?«
»Nein, nur ein paar Bewohner und einen Kollegen. Herrn Baier.«

»Das bedeutet, du musst jetzt bei allen Bewohnern aufpassen, vorsichtshalber mit einer Infektion rechnen«, überlegte Markus. »In sechs Stunden beginnt mein Dienst, eine Natascha soll mich einführen. Wohnbereich Zwei.«
»Dann solltest du schauen, dass du noch etwas Schlaf bekommst. Aber bitte in deinem Bett.« Jana drehte sich zur Seite und schloss die Augen, während sich Markus und Sylvia leise zurückzogen.
Sie konnte nicht einschlafen, immer wieder sah sie die Bilder der Kameracrew vor sich. Sie schaltete den Fernseher wieder ein. Leise, damit keiner sich bemüßigt fühlte, mit ihr zu schauen. In den Nachrichten stritten sich zwei Berichterstatter um die Authentizität des gesendeten Materials. Immer wieder wurde eine Meldung eingeblendet, dass es den Reportern gelungen sei, zum Basislager zurückzukehren.
Und was war mit den anderen? Den Flüchtlingen? Den Frauen und Kindern auf der Autobahn? Das schien keinen zu interessieren. Jana versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken.

Sie dachte an Markus. Wieso war er gekommen? Er war ein Intensivpfleger. Altenheim war das Letzte, was ihn jemals als Arbeitsstelle interessiert hatte. Dass er ausgerechnet hierherkam, dahin, wo sie arbeitete, war kein Zufall. Um sich vor der Seuche in Sicherheit zu bringen gab es bessere Orte.
Sie dachte an seine Nachrichten, seine Anrufe. Er konnte einfach nicht damit umgehen, dass sie ihn verlassen hatte. Als sie schlussendlich einschlief, träumte sie von ihm. Sie küssten sich, liebten sich am Strand und plötzlich verwandelte er sich. Mit einem Schrei schreckte sie hoch. Es war dunkel. Sie war allein. Ihr Schlafanzug war nass. Sie wollte aufstehen, um sich umzuziehen, doch ihre Beine knickten ein. Sie brauchte Ewigkeiten, bis sie es schaffte, in ihr kleines Bad zu gelangen. Erschöpft ließ sie sich auf die Toilette fallen. Griff zu dem Waschbecken und nahm den Zahnputzbecher, um sich etwas Wasser zu nehmen, das sie in kleinen Schlucken trank. Ihr Hals brannte. Sie zog das durchgeschwitzte Oberteil aus und warf es in den Eimer neben der Dusche, griff nach dem Handtuch und legte es sich um die Schulter. Sie wartete ein paar Minuten, bis sie genug Kraft gesammelt hatte, um aufzustehen. Bevor sie den Schlafanzug wechselte, trank sie noch ein Glas lauwarmes Wasser aus dem Wasserhahn. Dann nahm sie das Saunatuch aus dem Schrank und legte es auf das feuchte Laken, bevor sie sich wieder in das Bett fallen lies. Die Bettdecke und das Kopfkissen hatte sie einfach umgedreht. Ihr Kopf schmerzte und sie hatte das Gefühl auf einem Schiff zu sein, mit hohem Seegang. Und dann klopfte es. Ständig und fordernd. Fratzen beugten sich über sie und sie war zu schwach, um sich zu rühren. Zu schwach, um Angst zu haben.


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