Max ermittelt

Selina hatte wohl recht. Sie hatte sich wirklich jedes Wort gemerkt. Es war für mich eine sehr schmerzhafte Erfahrung gewesen, dass der Junge mich für einen Verräter hielt. Dabei hatte ich ihn geliebt, wie ein eigenes Kind. Ich hätte die beiden niemals verlassen und ich wollte Tommy nachdem ich von Silvies Tod erfahren hatte, eigentlich zu mir nehmen. So gesehen, war Silvies Entscheidung, mich zu verlassen, aber zu behaupten ich hätte sie verlassen, zweimal verkehrt. Hätte er die Wahrheit gekannt und noch zu mir gewollt, Selina und ich hätten ihn gerne zu uns genommen. So aber, hatten wir uns geeinigt, seine Großmutter finanziell zu unterstützen, damit der Junge bei ihr aufwachsen konnte und nicht in ein Heim musste. Mir war nicht bekannt, ob er wusste, dass wir zum Großteil für seinen Unterhalt aufkamen, damit sein Erbe, Silvias Wohnung, nicht draufging.
"Michael, was tun wir, wenn sich herausstellt, dass er dich bedroht?" - "Ich weiß es nicht, Schatz! Ich möchte die Polizei vorerst nicht einschalten. Solange er nicht weiter geht. Wenn so etwas angezeigt ist, verbaut er sich die Zukunft. Falls er es ist..." - "Das ist auch kein Streich mehr. Das braucht schon kriminelle Energie, jemanden zu bedrohen!" - "Ja, Sel, aber wenn wir das bald genug erfahren, können wir vielleicht noch verhindern, dass er einen Blödsinn macht! Er hatte eben keinen Vater..."
Georg führte Max herein. Selina und ich gingen mit ihm ins Arbeitszimmer und händigten ihm den Brief aus. Dann erzählten wir ihm von Selinas Verdacht. "Es tut mir leid, Michael, aber das hört sich sehr danach an, das Selina richtig liegt. Dem müssen wir das Handwerk legen, bevor meine Ex-Kollegen Wind von der Sache kriegen. Eine Vorstrafe wäre hier Programm..."
"Wie willst du vorgehen, Max?" - "Ich lasse die beiden Briefe auf Fingerprints untersuchen und wenn wir welche finden, versucht ihr, von seiner Oma einen Becher oder ein Trinkglas zu bekommen, aus dem er getrunken hat. Ich werde dann versuchen, einen Vergleich machen zu lassen. dann wissen wir, ob er beteiligt ist. Immer vorausgesetzt, allerdings, dass überhaupt Vergleichsabdrücke genommen werden können." - "Bitte versuch das Problem diskret zu behandeln, Max! Ich wäre zwar stinksauer, wenn er der Übeltäter sein sollte, aber er wäre wirklich in die Sache reingerutscht, durch die jahrelange Fehlinformation und den Tod seiner Mutter... Ich wäre ihm dann noch eine Chance schuldig!
Selina sah starr auf einen imaginären Fleck. "Michael, du bist einfach zu gut für diese Welt." murmelte sie. Ich erinnerte mich gut an diese Worte. Sie hatte genau diese Worte gesagt, als ich ihr nicht erlaubt hatte, Tommy Silvies Brief zukommen zu lassen. "Sel... Du weißt, warum ich es nicht wollte." sagte ich kleinlaut. "Ja, ich weiß es! Und ich verstehe es sogar! Du, der du nie auf deine Mutter bauen konntest, wolltest sein Bild von seiner Mutter nicht zerstören! Darf es sein, dass du für deine Großherzigkeit auch noch bestraft wirst? Kann es das wirklich sein?! Ich habe keine Worte für das, was ich jetzt fühle! Ehrlich, Michael! Ich hab die Schnauze dermaßen voll! Ich will dir nicht vorwerfen, dass du damals edelmütig gehandelt hast, aber ich kann und will nicht verstehen, dass du immer draufzahlst! Du bist so ein lieber, edelmütiger Mensch, aber deine Umsicht wird dir immer nur als Schwäche ausgelegt. Du willst niemandem wehtun und was passiert? Du bist der, der auf der Strecke bleibt! Du! Muss man auf dieser Welt ein Arschloch sein, um zu gewinnen? Ich pack das nicht!" Sie schüttelte den Kopf und verließ den Raum.
Max war die ganze Sache peinlich. "Ich seh dann mal zu, dass ich was rausfinde." - "Max, das braucht dir nicht peinlich zu sein! Sie hat ja Recht! Ich selbst habe verhindert, dass der Junge die Wahrheit erfährt, weil ich weiß, wie wichtig ein gutes Bild von der eigenen Mutter ist. Ein Bild, das ich niemals hatte... Selina steht immer hinter mir, aber sie hat mich damals mehrfach gebeten, das zu berichtigen und ich wollte dem Jungen die Wahrheit ersparen, wo er mich doch sowieso schon hasste! Ich konnte ja nicht ahnen, dass mich das irgendwann auf diese Weise einholt..." Max legte mir die Hand auf die Schulter. "Michael, es ist ja noch gar nicht gesagt, dass er überhaupt was damit zu tun hat!" - "Ich weiß, Max! Aber ich fürchte, dass es so ist! Weißt du, Sel ist böse auf mich und ärgert sich darüber, weil sie nicht böse sein mag, weil sie mich versteht. Es ist... Ja... Scheiße halt!" - "Michael, ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um dir zu helfen! Du weißt das. Ich sage das nicht als dein Sicherheitschef. Ich sage dir das als Freund!" - "Ich weiß, Max! Danke!"
Während Max losfuhr um Spuren auszuwerten ging ich traurig in den Salon. Er war leer. Ich goß mir einen kleinen Whiskey ein und wartete,  bis das Eis aufhörte zu knacken. Dann genoss ich den herrlichen Geschmack dieses feinen Tröpfchens und ging duschen. Danach stellte ich fest, dass Selina gerade Mel ins Bett gebracht hatte und noch ein Wenig bei ihr blieb. Also ging ich nochmal in mein Arbeitszimmer und legte mich im  Bademantel auf die Couch. Irgendwann schlief ich ein.
Gegen Mitternacht spürte ich, dass sich jemand zu mir setzte. Ich tat so, als schliefe ich immer noch und hätte nichts bemerkt, denn ich wusste einfach nicht, was ich jetzt tun sollte. Ich spürte, wie Selina meinen Nacken streichelte. "Du lernst es nie! Mein lieber, kluger, dummer Michael..." murmelte sie. "Ich würde dir so gerne helfen, aber ich weiß nicht wie...!" Sie beugte sich zu mir herunter und küsste mich auf die Schläfe. "Michael!" flüsterte sie, um mich sanft zu wecken, "Komm ins Bett! Ich kann nicht einschlafen, wenn du nicht bei mir bist. Komm jetzt!" Wortlos folgte ich ihr ins Schlafzimmer und legte mich in unser großes, gemütliches Bett. Ich wollte jetzt nichts sagen und ich tat es auch nicht. Selina kuschelte sich an meine Seite, legte ihren Kopf auf meine Schulter und ihren Arm auf meine Brust. Liebevoll streichelte sie mich mit den Fingerkuppen. "Du  brauchst nichts zu sagen, Liebling. Ich höre dich denken..."

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