Mein Freund, die Depression, das Motorrad und Ich

Ich dachte eigentlich immer, Liebe kann nur mit Glück und Freude in Verbindung gebracht werden. Liebeskummer, schlaflose Nächte und ein gebrochenes Herz, damals kannte ich diese Begrifflichkeiten noch nicht. Niemals hätte ich geglaubt, dass eine Depression die Liebe zerstören kann. Aber ich wusste zu diesem Zeitpunkt auch nicht, dass depressive Menschen keine Freude mehr verspüren, keine Hoffnung, keine Energie, keine Lust, keinen Mut-eigentlich spüren ist gar nichts mehr. Sie haben oft nur noch ein einziges Gefühl. Das Gefühl der Gefühllosigkeit.


Alles begann im März. Die Sonne schien und in der Stadt wehte eine sanfte Frühlingsbrise durch die Gassen. Es war das perfekte Wetter, daran erinnere ich mich noch genau, für einen Einkaufsbummel. Ich war damals knackige 16 Jahre alt, schlank und gross. Meine Mundwinkeln waren stehst zu einem Lachen geformt. Die braune Löwenmähne und die Sommersprossen waren durchaus keine Merkmale, die ich nicht ausstehen konnte. Ganz im Gegenteil. Ich liebte sie, weil sie mich von der Masse des Durchschnittes ablenkten.


Mit meiner besten Freundin Anya ging es nach dem Einkaufsbummel auf dem direkten Wege zur Eisdiele. Sie wählte Pistazieneis, während ich mich für das Vanilleeis entschied. Wir setzten uns in der Altstadt zu einem Brunnen und liessen uns die Eiscreme schmecken. "Sobald die Sonne scheint, kriechen alle Menschen aus ihren Löchern und überfluten immer den Kasimirplatz", grunzte Anya, weil sie schon wieder rücken musste, damit eine alte Dame neben ihr Platzen nehmen konnte. "Wir gehören auch zu diesen Menschen, die aus den Löchern kommen", erinnerte ich sie. Anya zuckte mit den Achseln, als ein Motorradknattern aufheulte und im nächsten Augenblick fuhren bogen drei Motorradfahren um die Ecke. Sie trugen alle Lederkombis und ihre Maschinen waren der reinste Blickfang. "Dieser Platz sollte der Stadtrat einfach verkehrsfrei machen", murrte Anya weiter und verdrehte die Augen. "Die sind aber gut", bemerkte ich. Während Anya weiter fluchte, zog sich meine Aufmerksamkeit auf die Motorradfahrer, so dass Anyas Laute wie Schallwellen an mir abprallten und wieder zurückschallten, ohne dass ich ein Wort verstanden habe. Mit einem Knattern rasten sie quer über den Platz. Die Passanten drehten sich erschrocken und schüttelten die Köpfe. Zwei der Motorräder waren schwarz und verschalt, aber das Dritte war Rot mit schwarzen Streifen und gefiel mir sehr. Wie aus dem Nichts lenkte der Fahrer des roten Motorrades seine Maschine ins Wheeling und hielt seinen Reifen einige Minuten in der Luft. Ich hielt den Atem an und fragte mich, was wohl passieren würde, wenn er das Gleichgewicht verlieren würde. Glücklicherweise setzte er sein Vorderrad wieder auf den Asphalt und fuhr ganz normal weiter. Als sie den Brunnen erreichten bremste der Vorderste so stark ab, dass sein Hinterrad sich abhob und im nächsten Moment stand er schon neben schon neben seiner Maschine und streifte seinen Helm ab. Er fuhr sich mit der Hand durch seine braunen verschwitzten Haare und Anya erkannte ihn gleich an den giftgrünen Augen und wegen der Narbe auf der Stirn." Das ist doch dieser Tim, der zwei Stufen über uns ist und sich fühlt als wäre er des Beste", bemerkte Anya. Ich musterte ihn von Kopf bis Fuss. Am rechten Ohr trug er ein Ohrenring, das die Initialen 327 hatte. Irgendwie schien er von Nahem gar nicht mehr so arrogant, wie ich immer dachte. "Alter, das war so richtig geil!" Einer seiner Kumpel, ich glaube, er hiess Ben, hüpfte Tim hinterher. "Das nächste Mal machen wir es alle zusammen", erwiderte Tim und lief zum Brunnen. Wir rückten auf die Seite, damit wir ihnen Platz machen konnten und während Tim seine Hände wusch, merkte ich, wie er mich von der Seite anguckte. Er begann zu grinsen und lächelte seine beiden Freunde an. Mir wurde es unangenehm und gerade als ich Anya fragen wollte, ob wir nicht weitergehen wollte, tippte er mich auf die Schulter. "Wie kann es sein, dass ich dich bis jetzt übersehen habe." Er zuckte mit den Augenbrauen und grinste frech. "Das weiss ich auch nicht", sagte ich. Als ich meinen Körper erhob und ihn anblickte, merkte ich, dass er kaum grösser war als ich. "Mach dir keine Hoffnung", stichelte mich Ben, als er bemerkte, wie ich verlegen mein Haar aus dem Gesicht wischte. "Er sieht keinen Frauen hinterher, sondern Motorräder, weil nur die einen richtig geilen Arsch haben." Ich schüttelte den Kopf. Diese Bemerkung war einfach zu unreif für meinen Geschmack. "Wiedersehen", grunzte ich und schleifte Anya hinter mir her. Während ich mich wutschnaubend von dem Brunnen entfernte, hörte ich wie Ben grölte und sich über mich lustig machte. "Wie sehen uns, ja?", rief Tim mir nach, dann verschwanden wir hinter der Bushaltestelle.

Kommentare

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    Eine sehr interessante Geschichte, die du uns da wieder präsentierst! Ich freue mich sehr, bist du wiedermal da! Ich finde dein Schreibstil hat sich noch verbessert (nur über die Grammatik, müsstest du teilweise noch mal drüber gehen, es hat das eine oder andere Fehlerchen, ist aber nicht so tragisch) :-)

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