Mindy ist mein Star


Am nächsten Tag besuchte ich wieder meine Vorlesungen. Ich war ziemlich früh losgefahren, deswegen holte ich mir noch einen Coffee-to-go und machte mich auf den Weg zu dem alten Uni-Gebäude. Der Campus war voll von Studenten, an jeder Ecke standen kleine Grüppchen, welche sich ausgelassen unterhielten. Es wunderte mich ein wenig, dass die Grünflächen hier so gepflegt aussahen. Immerhin saßen jeden Tag hunderte Menschen auf der Wiese, ein paar Jungs spielten sogar ab und zu Football und Tussen liefen mit ihren High-Heels darüber. Ich fragte mich wirklich, wie viel die Uni für einen Gärtner bezahlte, der musste wirklich Glanzleistungen erbringen.

 

Als ich das Gebäude vor mir betrat lief mir Gänsehaut den Rücken hinab. Es war wirklich heiß draußen, aber die Räume strahlten dank der Steinmauern und des Marmors eine eisige Kälte aus. Ohne Weste würde man sich hier bestimmt eine Lungenentzündung einfangen. Ich ging den langen Flur entlang und sah zu den hohen Decken hinauf. Sie waren wunderschön verziert mit Stuck und in weiß gehalten, bestimmt 3 oder 4 Meter hoch.

 

Die großen schweren Holztüren des Hörsaals standen bereits offen und ein paar Leute vor mir drängelten sich hinein. Na toll, der Saal war so überfüllt, dass ich bereits daran dachte wieder nachhause zu fahren. Hier würde ich bestimmt keinen Sitzplatz mehr bekommen und im Stehen konnte ich nicht schreiben. Ein Pfiff ließ mich den Kopf nach rechts drehen. Mindy wackelte wie eine Gestörte mit der Hand und deutete auf den Platz neben mir. Sie war ein Engel.

Ich schob mich an einigen Studenten, welche weniger Glück hatten und auf den Stufen sitzen mussten, vorbei um in der Mitte des Saales Mindy zu erreichen. Erleichtert ließ ich mich auf dem Holzstuhl fallen und dankte ihr.

 

„Ich war mir nicht sicher ob du kommst, gestern hast du ja auch deine Vorlesungen sausen lassen“, sagte sie und sah mich mit einem gespielt vorwurfsvollen Blick an.

 

Ich hielt ihr meine verbundene Hand ins Gesicht und erklärte ihr, dass ich zum Arzt musste. Mindy verdrehte die Augen und nannte mich einen Tollpatsch. Der Professor kam in den Saal und bereits nach 10 Minuten seines Geschwafels fielen mir die Augen zu. Immer wieder kippte mir der Kopf weg und ich musste mich echt zusammenreißen um hier nicht einzuschlafen. Ich nahm ein Haargummi von meiner Hand und band mir meine blonden langen Haare zu einem Zopf zusammen, während Mindy mir mit ihrem Zeigefinger an die Rippen stupste.

 

„Hier sieh mal...“, sagte sie begeistert und übergab mir einen bunten Flyer.

 

Es war eine dieser Einladungen zu dem großen Feuerwerk. Voller Erstaunen musste ich feststellen, dass es bereits kommenden Samstag stattfinden würde.

 

„Gehst du hin?“, fragte ich Mindy und tat nebenbei so als würde ich dem Professor zuhören.

 

„Klar, du auch?“

 

Ich nickte.

Sie sah heute mal wieder erstklassig aus. Sie trug einen beigen Einteiler, Sandalen mit Keilabsatz aus Kork und nicht zu vergessen, ihre überdimensionalen Ohrreifen. Ihr roter Lippenstift strahlte im Einklang mit ihren nach hinten zusammengebunden Locken.

 

„Und wie läuft es mit Tommy?“

 

„Wie soll es denn laufen?“, fragte ich sie skeptisch mit zusammengezogenen Augenbrauen.

 

„Naja läuft da etwas zwischen euch?“

 

Sofort schüttelte ich leicht übertrieben meinen Kopf um ihr zu signalisieren, dass sie sich am Holzweg befand.

 

„Oh Gott, nein. Er ist nur ein Freund.“

„Ahaaaa.“

 

Sie zog ihre Antwort in die Länge, nickte ganz langsam und schenkte mir einen ungläubigen Blick.

 

„Ich meine, ich kann es nicht einmal verstehen wie du mit Cam nur befreundet bist. Tommy ist dann doch nochmal eine andere Nummer...“

 

„Cam ist wie mein Bruder“, antwortete ich rasch und verzog angeekelt das Gesicht.

 

Ich leugnete nicht, dass er wirklich attraktiv war, aber ich kannte Cam seit ich denken konnte. Wir erlebten zusammen so viel Blödsinn, es war mir quasi unmöglich ihn als heißen Typen zu sehen. Alleine wenn ich daran dachte, dass er als Kind einmal in meinen Sandkasten kackte, verflog der Gedanke sehr sehr schnell.

 

„Wenn du mir jetzt sagst, dass du für Tommy eine ähnliche Geschwisterliebe empfindest, dann stimmt etwas nicht mit dir. Vielleicht solltest du noch einmal zum Arzt...“

 

Mindy riss die Augen auf und blinzelte, als sie auf meine Antwort wartete. Okay, in diesem Punkt lag sie vielleicht nicht ganz falsch. Mit Tommy war ich zwar befreundet, aber ich musste echt zugeben, dass ich selten einen so heißen Typen kennenlernte wie ihn. Trotzdem gab ich ihr nicht wirklich eine Antwort, sondern zuckte nur mit den Schultern.

 

„Gibt es bei dir eigentlich wem?“, fragte ich sie mit wackelnden Augenbrauen.

 

Mindy stieß einen übertrieben hohen Lacher aus, als wäre das eine Fun-Frage gewesen.

 

„Bei mir in Kalifornien empfinden Männer nichts und wenn ich sage nichts, dann meine ich auch NICHTS. Also wenn du eine schnelle Nummer schieben willst bist du dort richtig, das war es dann aber schon. Und hier werde ich als dumme Tusse mit Akzent abgestempelt“, erklärte sie.

 

Irgendwie tat sie mir ein wenig leid. Es hörte sich so an als wäre sie wirklich nicht abgeneigt, jemanden an ihrer Seite zu haben. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie schon einmal unglücklich verliebt war.

 

„Du bist keine dumme Tusse“, entgegnete ich und versuchte sie aufzuheitern.

 

„Natürlich nicht!“

 

Sie grinste schelmisch und beruhigte mich damit. Irgendetwas sagte mir, dass Mindy ein wirklich starkes Mädchen war. Sie strahlte immer so eine Gelassenheit und Selbstsicherheit aus. Doch aus gutem Grund, war ich genau die Richtige um zu wissen, dass der Anschein oft trügt. Die meisten dachten das Selbe von mir und anstatt stark zu sein, lag ich fast jede Nacht weinend im Bett.

Ich konnte nur hoffen, dass es ihr nicht so ging.

 

Am Nachmittag beschlossen Mindy und ich noch ein wenig zusammen zu lernen. Da sie nicht so gut auf ihre Mitbewohnerin zu sprechen war, fuhren wir in meine Wohnung. Bereits als ich die Tür öffnete kam mit etwas komisch vor und als ich dann fremde Schuhe im Flur sah wusste ich bescheid.

Ich hielt mir den Zeigefinger vor meine Lippen und deutete Mindy damit ruhig zu sein. Leise schlichen wir Richtung Wohnzimmer. Wir ließen unsere Köpfe vorsichtig durch den Türrahmen gleiten und damit wir etwas sehen konnten.

Mindy und ich begannen zu kichern, als wir Luke und Cora zusammengekuschelt auf der Couch erspähten. Sie saßen mit dem Rücken zu uns und schauten gerade irgendeinen Film, wobei ich mir aber sicher war, dass keiner der beiden wirklich was davon mitbekam.

Zum Glück wurden wir nicht entdeckt und so verschwanden wir in mein Zimmer.

 

Mindy ließ sich auf meinem Bett fallen und begann zu lachen.

„Die beiden sind echt süß.“

Ich grinste ebenfalls und gab ihr mit einem Nicken meine Zustimmung.

Während ich meine Tasche auspackte und die Bücher herausholte, welche wir heute durchgehen würden, machte sich Mindy an meinem Nachttisch zu schaffen.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete sie mich.

 

„Was?“, fragte ich sie verwirrt.

Sie hielt mir ein Buch vor die Nase.

Das Lieblingsbuch meiner Mutter.

Liebesbriefe großer Männer.

 

„Ich wusste nicht, dass du ach so romantisch bist“, erwiderte sie belustigt.

Ich würde ihr nicht sagen, dass es von Mum war. Das ging sie schlicht einfach nichts an, auch wenn ich sie wirklich gerne hatte.

Deswegen verdrehte ich nur die Augen und ließ Mindy ihren Spaß.

Natürlich war ich nicht romantisch, um ehrlich zu sein konnte ich nicht einmal verstehen warum man überhaupt Liebesbriefe schrieb. Ich konnte damit einfach nichts anfangen, nicht mit Briefen und schon gar nicht mit der Liebe.

Trotzdem las ich fast jeden Abend in diesem Buch, es war eine schöne Erinnerung.

Nancy schenkte es mir zu meinem 16. Geburtstag, sie brauchte nichts zu sagen, denn ich wusste genau, es war das meiner Mutter.

Ich konnte mich genau erinnern, dass es immer auf ihrem Nachttisch lag.

Bis auf ein Foto von mir und meinen Eltern war es die einzige Erinnerung die ich an sie  besaß.

Alles andere wurde vernichtet.

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