Es war das strahlende Mondlicht, das sie an diesem Tag dazu brachte sich nicht in der tiefen, dunklen Traurigkeit zu verlieren. Stattdessen, holte sie ihre Zigarettenschachtel hervor und schob sich eine zwischen die Lippen. Sie lies die Flamme des Feuerzeugs erst unter ihren Fingern hin und her schwingen bevor sie die Zigarette anzündete. Sie atmete tief ein und kurz darauf stieg grauer Rauch in den mitternachtsblauen Himmel, sie saß auf der kalten Steinmauer und starrte auf den See unter sich, in den Himmel, der sich darin spiegelte, auf die unzählbaren Sterne die ihr entgegen gafften, sie war so klein, dachte sie, so unbedeutend, hier unter dem endlosen Himmel, dessen schwärze sie wohl doch eines Tages aufsaugen würde und dann würde sie genauso wie der Rauch einfach in die Luft aufsteigen und sich dann ganz langsam auflösen. Und niemand würde wissen, dass sie jemals auf dieser Steinmauer gesessen hatte und versuchte dem Leben für einen wundervollen Moment zu entkommen. Allein der Mond und die Sterne würden sie nicht vergessen, nicht vergessen. Vergessen. Und obwohl das Nikotin ihr glaubhaft versicherte, dass das Leben schön war, dass alles gut war, brannten ihr Tränen in den dunklen Augen, aber sie wusste, dass sie sie nicht weinen könnte, sie würden versiegen, bevor auch nur eine über ihr schönes Gesicht laufen würde. „Komm da runter.“, erklang eine tiefe Stimme hinter ihr, doch sie ignorierte sie geflissentlich. Schritte näherten sich und nun war eine zweite dunkle Silhouette auf der Mauer zu erkennen. „Ganz schön deprimierend hier.“, stellte er fest. „Niemand hat gesagt, dass du hier sein musst.“, sagte sie gelangweilt und hob eine Augenbraue. Er verzog den Mund leicht nach rechts und nickte. „Nein. Nein das stimmt, aber ich dachte mir, dass du hier bist.“ „Warum?“, wollte sie wissen. „Na ja, weil du nun mal immer hier bist, wenn deine Gedanken zu laut sind und du es in deinem Zimmer nicht mehr aushältst, weil es zu klein ist.“ „Bist du jetzt so eine Art Seelenklempner, oder was?“ zischte sie, woraufhin er zusammenzuckte und einen Arm um ihre Schulter legte. Das war zu viel für sie, sie schluchzte und legte ihren Kopf an seinen Hals. Er streichelte ihren Arm und begann ihr etwas zu erzählen, wie er es immer tat, um ihr bei dem Versuch zu helfen, für eine Sekunde aus ihrer Welt, in ihrem Kopf zu entfliehen. „Wir haben schon lange nicht mehr miteinander gelacht, dabei würde ich mich so glücklich schätzen, wenn wir es täten. Ein Lachen, in das ich mich hineinfallen lassen kann, darin verschwinden und im Leichtsinn dahinplätschern. Das berauschende Gefühl von Glück, kaum noch Luft zu bekommen, weil über uns die Schönheit des Leben zusammenschlägt und uns erfüllt. Lachen, lachen, lachen.“, er spürte ihren warmen Atem an seinem Hals und stellte zufrieden fest, dass sie sich beruhigt hatte und wieder gleichmäßig atmete und so fuhr er fort.“Ich würde so gerne mal wieder vergessen, warum ich überhaupt lache, und mich mitreißen lassen von der Idee einer schönen Welt, dann würde ich mal wieder sehen, dass alles gar nicht so schlimm ist, dass ich mich leicht und unbeschwert fühlen kann, dass das Leben nicht immer ernst und skrupellos ist, dass es auch schöne Dinge gibt.“, während er erzählte malte sie mit ihrem Finger Kreise und Sterne und Rechtecke auf sein Knie. „Dieses Lachen aus tiefstem Herzen, es würde mich retten, es würde mich wieder aufbauen und mich vervollständigen, es würde die erdrückende Leere in mir mit Licht füllen und die unüberhörbare Stille mit Melodien einhüllen und ganz vielleicht, wäre ich dann wieder ich und ein bisschen weniger Nichts.“, seine letzten Worte verschwanden genauso in der eisigen Nachtluft, wie es der Rauch tat, genauso wie sie es vielleicht tun würde, doch sie hallten in ihr wider, in ihrem Herzen, das sich nun wieder leichter anfühlte. Sie hob den Kopf leicht an und blickte in seine unergründlichen kobaltblauen Augen und gab ihm einen sanften Kuss auf den Mund aus dem eben diese heilenden, kostbaren Worte kamen und hielt sie somit fest und verbarg sie, bevor ein anderer sie zuhören bekam. Sie würden ein Geheimnis bleiben, ein Versprechen. An sie und sie wusste, dass es auch eines an ihn selbst war. Das Versprechen, dass alles gut würde, dass sie bald wieder zusammen lachen würden. Er sah zu ihr hinunter und wusste, was ihn ihr vorging, sie brauchte sich nicht zu bedanken oder etwas auf seine kleine Geschichte zu erwidern. Denn er wusste, dass er es geschafft hatte, ihre einzigen Gefährten, die Gedanken der dunklen Tage, zu vertreiben und das war alles was er wollte. Denn es war alles was sie brauchte, um wieder lachen zu können. Und er hoffte, dass er ihr Lachen dann hörte, denn wenn sie lachte, dieses Mädchen, das manchmal ganz unheimlich traurig war, das sich manchmal ganz schrecklich selbst hasste, das manchmal ganz vergaß wie viel Zeit sie damit verschwand in Gedanken zu sein und sich dabei so unheimlich kaputt machte, ja, wenn diesen Mädchen lachte, dann erfüllte ihn das mit mehr Liebe, als dass er ertragen könnte. Und sie konnte wieder klarer denken, sie konnte sich wieder freier bewegen, wieder atmen.

Sie konnte wieder sie sein und ein bisschen weniger Nichts.

Und so saßen die beiden, Arm in Arm, auf der kalten Steinmauer, und blickten sehnsüchtig in die Ferne. Und wenn die Zeit vergehen würde, wenn ihre Silhouetten nicht mehr dort zu erkennen wären, dann würden sich nur noch die Sterne an sie erinnern. Und der Mond, mit seinem strahlenden Mondlicht.

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