Notstand

Markus duschte lange, um wach zu werden. Erst heiß, dann kalt.
Kurz vor drei Uhr morgens hatte Baier ihn angerufen. Er hätte die vermissten Bewohner und die Nachtschwester gefunden und brächte sie zur Polizei oder ins Krankenhaus, so genau hatte er ihn nicht verstanden. Er war einfach nur froh, dass er sich nicht mehr dauernd umblicken musste, weil so ein durchgeknallter Infizierter irgendwo lauern könnte.
In der Küche machte er sich einen Espresso und schaute die Morgennachrichten. Die Grippe war am Abklingen und die Bevölkerung wurde aufgerufen, wegen der neuen Seuche Ruhe zu bewahren. Diese Infektion wäre zwar nicht ungefährlich, würde aber nicht, wie überall behauptet, Menschen in Zombies verwandeln. Im Grunde wäre es nur eine neue Art von Tollwut, für die es schon sehr bald ein Gegenmittel geben würde. Ein Labor wurde eingeblendet, in dem Weißbekittelte über Mikroskopen saßen.

Bis auf weiteres sollte man größere Menschenansammlungen vermeiden und Menschen, die sich ungewöhnlich verhielten und gewisse Anzeichen aufwiesen, bei dem Gesundheitsamt melden. Eine Nummer wurde eingeblendet.

Markus nahm die letzte Antibiotikaflasche aus dem Kühlschrank.

Er öffnete die Tür zu Janas Zimmer. Sie schlief. Die NaCl Infusion war bis auf einen kleinen Rest durchgelaufen. Er hängte das Antibiotikum an und stellte eine NaCl-Infusion auf den Beistelltisch, die könnte Sylvie dann anstöpseln. Wie es aussah, war Jana auf dem Weg der Besserung. Sie atmete ruhig, ihre Haut war warm und trocken.

Leise verließ er das Zimmer. Jana öffnete die Augen. Er war bei ihr gewesen, sie fühlte noch seine warme Hand, die zärtlich über ihre Stirn strich. Sie hatte sich schlafend gestellt, weil sie nicht wusste, wie sie mit ihm reden sollte.

Später, wenn Sylvia zum Waschen kam, wollte sie endlich aufstehen.

Sie fragte sich, was mit den anderen Kolleginnen von ihrer Etage war. Sylvia hatte ihr erzählt, dass Ines nach einem Besuch bei ihrer Mutter nicht zurückgekehrt wäre.
Die beiden, die vor ihr erkrankt waren, hatte der Hausarzt in die Klinik nach Fulda überwiesen. Dorthin, wo sie jetzt auch wäre, wenn Markus nicht darauf bestanden hätte, sie hier zu behalten. Damit hatte er ihr wohl das Leben gerettet. Von denen, die in der Klinik waren, war eine gestorben und bei der anderen sah es auch nicht gut aus, das hatte sie noch mitbekommen.
Der Gedanke, Markus dankbar sein zu müssen, behagte ihr nicht.

*****

Im Erdgeschoss der Seniorenresidenz brannte Licht. Durch die Glastür sah Markus zwei ältere Pflegerinnen. Er ging, ohne seine Hilfe anzubieten, nach oben.
In dem Raum, in dem die Toten Seite an Seite lagen, stand Müller, der Hausmeister. Er sortierte die Behälter mit den Habseligkeiten der Verblichenen. Die mussten aufbewahrt werden, bis die Angehörigen sie abholten. Müller sortierte Gegenstände aus den Kisten und deponierte sie in einem schwarzen Rucksack,

»Was machst du da?«

»Nach was sieht es aus? Ich nehme alles, was man verwenden kann zum Tauschen, zum Leben. Die brauchen es nicht mehr. Was willst du?«

»Ich schaue, ob alles o. k. ist. Die hier und die Infizierten sollen heute abgeholt werden. Und ich bin sicher nicht hier, um sie zu bestehlen. Und du solltest die Sachen zurücklegen, ehe ich dich melde.«

»Du willst mich melden?« Müller richtete sich auf. »An wen denn? Die Leitung, die sich aus dem Staub gemacht hat? Die Polizei, die versucht die verlorene Kontrolle wieder zu bekommen? Mach dich mal nicht lächerlich.« Er schnappte seinen Rucksack und verließ den Raum. Zumindest hatte er die Kisten mit den persönlichen Sachen wieder zugeklebt.

Markus ärgerte sich über sich selbst. Was ging ihn der Nachlass dieser privilegierten Bagage an. Vermutlich hatte Müller recht, irgendwann war man sich selbst der Nächste und nach dem, was er im Internet gelesen hatte, sah es mit der öffentlichen Ordnung trotz der gegenteiligen Beteuerungen im Fernsehen, nicht zum Besten aus. Er schloss den Raum und ging zu den Infizierten. Bett an Bett stand nebeneinander. Köpfe erhoben sich in seine Richtung, Zähne schlugen aufeinander, die Alten zerrten an ihren Fesseln. Diese waren zum Glück fest. Die Gesichter waren unnatürlich bleich. Blaue Adern an den Schläfen wanden sich bei einigen wie Würmer. Allein dieser Anblick ließ ihn fast brechen. Die idealen Statisten für einen Horrorfilm dachte Markus. Bei Zweien fiel das Gebiss aus dem Mund, als sie nach ihm schnappen wollten. Markus steckte die Teile in Klarsichtbeutel und befestigte diese am Bett. Er war kaum fertig, als die Tür von Müller aufgerissen wurde und zwei Männer in weißen Schutzanzügen den Raum betraten.

»Sind das die Infizierten?«

Markus nickte. »Wir haben sie vorsichtshalber und zu ihrem eigenem Schutz fixiert.«

Der Vermummte, der ihn angesprochen hatte, nickte. Er löste beim Ersten die Beinfesseln und zog einen festen Sack über die Gliedmaßen, bevor er die Fixierung an den Händen öffnete. Sofort wollte der Alte nach ihm greifen, doch die beiden waren schneller. Fasziniert sah Markus, wie schlussendlich nur noch der Kopf aus dem Sack schaute, auf den jetzt ein Helm mit Gitter montiert wurde.

Markus und Müller halfen, die Verpackten nach unten zu tragen.

»Wir haben nicht genug Platz, um die mit Liegen zu transportieren«, bemerkte einer der Sicherheitsleute gegenüber Markus. Der schaute fasziniert, wie die Alten auf die Sitze gequetscht und festgeschnallt wurden. Sie versuchten sich zu winden und drehen, doch sie waren gut fixiert. Selbst den Kopf konnten sie kaum bewegen, mit diesen monströsen Helmen.

»Ist alles zu deren Schutz. Und zu unserem natürlich auch.«

Der Fahrer gab Markus einen Empfangsschein, auf dem, außer den Namen der in den Bus verfrachteten Bewohner, der Zielort vermerkt war. Eine Klinik in Fulda.

»Ist die beste und sicherste Art, sie zu transportieren.«

Der Vermummte lächelte Markus durch die Plexiglasscheibe seines Helms an. »Passen sie auf, dass sie nicht gebissen werden! Körperflüssigkeiten könnten auch infektiös sein. Und danke noch mal, dass Sie daran gedacht haben, auf jeden Arm mit einem Edding Name und Geburtsdatum zu schreiben. So konstruktives Mitdenken erleben wir leider nicht oft!«

Die Männer stiegen in den Transporter mit dem Vorsicht-Seuchen-Zeichen und fuhren davon. Markus fiel auf, dass sie vergessen hatten, die gepackten Koffer der Infizierten mitzugeben. Er hastete nach oben. Diesmal würde er Müller zuvorkommen.

Jana saß in der Gemeinschaftsküche, dick in eine Decke gewickelt, in dem einzigen Sessel, und schaute Sylvia beim Kochen zu.

»Und er war extra deinetwegen da! Hat dir ein Huhn gebracht, damit du bald gesund wirst!« Grinsend drehte sie sich zu der Kranken. »Ist das nicht wahnsinnig süß von Paul? Ich glaube fast, er ist ein bisschen in dich verliebt. Was du für ein Glück hast. Zwei so tolle Männer, die sich um dich sorgen.«

Jana schaute zum Fenster. Sie war froh, dass Paul wieder weg war. Er war nett, ohne Frage, aber sie wollte ihm keine falschen Hoffnungen machen.

»Kannst du den Fernseher anmachen?«, bat sie ihre Kollegin.

»Klar.« Sylvi wischte sich die Hände an der Hose ab und nahm die Fernbedienung vom Schrank. Es lief eine Kochsendung. Passend.

»Gib mir doch bitte die Fernbedienung.« Jana griff nach dem Teil und schaltete um. Sie zappte zwischen mehreren Soaps und Filmen herum, bis sie endlich einen Nachrichtensender fand. Große Zäune wurden aufgestellt. Stacheldraht verlegt. Grenzer patrouillierten. Jana verschluckte sich beinahe am Tee, als sie erkannte, das das keine Grenze in Ungarn oder sonst wo war, sondern der Übergang in die Schweiz. Jetzt sah sie auch das Nachrichtenband: Schweiz und Österreich schotten sich ab. Die USA hatten 70% aller Flüge gecancelt. Einreisende brauchten ein Gesundheitszeugnis und mussten mehrere Tage am Flughafen in einer Quarantäneeinrichtung verbringen. Alles wegen dieser neuen Seuche. Dabei gab es in den USA schon einige Fälle. Die Menschen dort deckten sich mit Waffen ein. Es wurden Schlangen vor den einschlägigen Geschäften gezeigt.

Sylvia stellte den Topf auf den Tisch. »Die Grippe ist schlimmer. Es sollen inzwischen fast drei Millionen allein in Deutschland an ihr gestorben sein. Du glaubst nicht, was du für ein Glück hast, dass sich Marko so toll um dich kümmert.«

Jana tauchte den Löffel in die dampfende Suppe. Sie hatte jetzt schon keinen Hunger mehr und fühlte sich so entsetzlich schwach.

Im Fernsehen wurde in Dauerschleife gezeigt, wie eine Frau um die sechzig auf einen jungen Mann zuschlurfte und sich in seinem Arm verbiss. Zum Glück war der Ton abgestellt. Sylvia setzte sich zu ihr und begann genussvoll zu schlürfen, während sie fasziniert auf die Bilder in dem Gerät starrte. »Ob das echt ist? Ich meine, der Typ ist fast zwei Köpfe größer, der könnte sich doch einfach wehren.« Sie schüttelte den Kopf und schaute dann auf Janas Teller. »Schmeckt es dir nicht?«, fragte sie vorwurfsvoll, während sie sich den nächsten Löffel von ihrem Teller nahm, der im Gegensatz zu Janas zusehends leerer wurde.

»Doch. Hab nur Halsschmerzen«, entschuldigte die sich und zwang sich einen weiteren Löffel zu essen. Sylvia stand auf und watschelte zum Kühlschrank. »Hier, Astronautenkost, gekühlt, vielleicht geht das besser.« Sie öffnete die Flasche und goss ein Glas voll. Jana nahm das Getränk und stellte fest, dass das kühle Getränk ihrem Hals weniger zu schaffen machte, als die warme Suppe.

Sie waren noch nicht fertig mit Essen, als Markus die Küche betrat. Er ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen, während Sylvia ihm dienstfertig einen Teller brachte. »Wie geht es dir?«, fragte er Jana, während er sie besorgt musterte.

»Besser, danke. Ich fühle mich zwar noch total schlapp, mein Hals tut weh und ich bekomme schlecht Luft, aber immerhin kann ich essen und trinken. Ich habe die Braunüle gezogen, bevor ich in die Küche gekommen bin.«

»Ich sehe es, ich hätte dir gern noch eine Infusion angehängt, du brauchst viel Flüssigkeit, soll ich eine Neue legen?«

»Nein. Ich trinke lieber so, das geht schon. Die Astronautenkost ist auch gut, vor allem, wenn sie gekühlt ist.«

Markus schaute sie forschend an. »Leg dich dann besser wieder hin. Ich geb dir heute Abend noch ein paar Aufbauspritzen. Wir müssen verhindern, dass du einen Rückfall bekommst.«

»Ich würde gern hier bleiben. In der Küche. Der Sessel ist gut, ich kann nicht schon wieder liegen und ich bin auch warm genug eingepackt.«

Markus zuckte mit den Schultern. Ihm wäre lieber gewesen, wenn sie zurück in das Bett gehen würde, aber er konnte sie schlecht zwingen. Er aß seine Suppe und ging dann wieder zurück in das andere Gebäude. Es dauerte nicht lange, dann erschien der Bestatter mit einem Lastwagen. Mit Markus und Herrn Müllers Hilfe legte er die Verblichenen in einfache Holzsärge, die sie mit den Namen beschrifteten und dann in dem Lastwagen stapelten. Der Mann sah schlecht aus. Das Weiß in den Augen war gelb und er trug einen Verband um seinen Arm. Das hinderte ihn aber nicht dabei, kräftig zuzupacken. Markus fragte sich, wo er die Verstorbenen lagern würde. Wahrscheinlich würde er sie einfach auf seinem Hof abladen. Glücklicherweise war es kalt. In den Nachrichten hatte er gehört, dass die Toten jetzt meist sofort in Krematorien gebracht, und schnellstmöglich verbrannt werden sollten. Hier auf dem Land sah das anders aus. Die Leute wollten Erdbestattungen und davon brachte sie auch der Seuchenschutz nicht ab. Die Angehörigen waren jedenfalls informiert um den Rest musste sich die Pietät kümmern.

Der Wagen schlingerte leicht, als er anfuhr. Der Hausmeister starrte ihm hinterher, bis er ihn nicht mehr sehen konnte. »Der Typ war krank«, bemerkte er zu dem Pfleger. »Vielleicht auch infiziert. Wie lange dauert es, bis die durchdrehen?«

»Keine Ahnung, ist wohl unterschiedlich. Aber die gelbe Sclera muss nichts bedeuten. Vielleicht hat er was mit der Leber.« Noch während er sprach, wusste er, dass das nicht sein konnte. Dazu war der Mann zu kräftig gewesen.

»Wir brauchen Waffen«, überlegte der Hausmeister.

»Woher denn, wir sind nicht in den Staaten.«

»Es gibt Jäger, Sportschützen. Ich kenne genug. Allerdings bringt das alles nichts, die werden nichts hergeben. Im Keller sind zwei Baseballschläger. Noch von den amerikanischen Wochen, vor fünf Jahren. Wenn du willst, kannst du einen haben. Wir sollten zusammenarbeiten, es dauert nicht mehr lange und alles bricht zusammen.«

Sylvia kam ihnen entgegen, sie musste ihren Dienst antreten. Am Nachmittag würde sie allein bei den verbliebenen Bewohnern arbeiten. Der Nachtdienst hatte sich krankgemeldet, was bedeutete, dass Markus einspringen musste.

Jana saß allein in der Küche und schaute einen italienischen Nachrichtensender. Endlose Flüchtlingskarawanen wurden gezeigt, die auf den Straßen Italiens Richtung Norden marschierten. An den Rändern lagen die, die es nicht schafften weiterzugehen. Die Reporter benutzten, wie auch das Militär, Drohnen, um Infizierte auszumachen. Was ziemlich leicht war, den überall, wo der träge Menschenstrom in Panik auseinandersprengte, sah man diejenigen, die sich, tollwütigen Tieren gleich, auf die stürzten, die es nicht schafften, schnell genug wegzurennen.

Eine Grenzübergang wurde eingeblendet. Eilig errichtete Zäune sollten Ankommende auf die Infektion hin kontrollieren.Die Bilder sahen anders aus, als die, die sie in den deutschen Nachrichten gesehen hatte. Angeblich war da die Lage im Griff und eine Impfung war fast schon produziert. Sie nahm ihr Smartphone und schickte einem Freund und zukünftigem Kollegen auf dem Schiff eine Nachricht. Wenn allein 70% aller Flüge gecancelt waren, wie sah es jetzt bei den Kreuzfahrten aus?

Das Bild im Fernsehen hatte sich wieder geändert. Eine Luftaufnahme zeigte übervolle große Schlauchboote. Insgesamt vier, die versuchten, sich auf hoher See zu behaupten. Eines kenterte. Die anderen, überfüllt, wie sie waren, konnten die auf sie zuschwimmenden Verunglückten nicht aufnehmen und versuchten sie von ihren Schiffen mittels Stöcken wegzuschieben. Da tauchte ein Schnellboot auf. Wie es aussah Militär. Die Matrosen versuchten jedoch nicht die Unglücklichen zu retten. Jana biss sich auf die Lippen, als sie die Schnellfeuergewehre sah, mit denen die Soldaten auf die noch schwimmenden Boote zielten. Als das Letzte gesunken war, drehten sie ab, ohne sich um die Männer, Frauen und Kinder zu kümmern, die verzweifelt im kalten Wasser um ihr Leben kämpften. Selbst der Nachrichtensprecher schien geschockt zu sein. Der Hubschrauber, von dem aus das alles gefilmt wurde, drehte ab, ohne den Versuch zu unternehmen, wenigstens einen der Unglücklichen zu retten.


Kommentare

  • Author Portrait

    Du hast eine sehr packende Geschichte geschrieben, die einen antreibt weiter zu lesen. Ich finde sie wirklich gut und würde mich auf weitere Kapitel freuen. LG, Wolfslady

beta
Feenstaub

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