November 2014

Anfang des Monats telefonierten wir erstaunlicherweise mal wieder. Und als ich ihn um genau 00.00 Uhr fragte, ob er mich noch liebt, antwortete er: 

»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.«

Das war ein Schlag ins Gesicht. Mit einer Kettensäge. Denn wenn er erst nachdenken musste, ob er mich liebte, dann liebte er mich nicht. Aber ich nahm es hin, so wie ich derzeit alles hinnahm. Kommentarlos. Still leidend.

Die Wochen wurden immer länger. Sie zogen sich hin wie Kaugummi. Eines Tages bekam ich jedoch erneut eine Anfrage von Luke, ob ich reden wollte. Natürlich wollte ich. Natürlich würde ich alles dafür tun. Ich blieb die halbe Nacht wach, nur um ihm Zeit einzuräumen. Er erklärte mir, wie anstrengend das Studium sei. Dass er kaum noch Zeit für andere Dinge hätte. All diese Dinge, all diese Gründe für die Kontaktabnahme erzählte er mir, und ich hörte aufmerksam zu. Ich versuchte jedes Wort zu speichern, klammerte mich an sie. Seine Worte waren meine Heimat. Ich hatte mich in Worte verliebt, in Versprechen, Wünsche, Träume. Er war mir plötzlich so fern. Wann hatten wir uns so voneinander entfernt? Und vor allem: Warum zur Hölle bemerkte er es nicht? Oder hatte er es bemerkt, und versuchte, darüber hinwegzusehen? Mir fiel auf, dass er schon sehr lange nicht mehr die magischen drei Worte mit der Kraft eines Vulkans gebraucht hatte, obwohl er sie anfangs gehäuft, allerdings ohne verschwenderisch zu sein, verwendet hatte.

Es sollte das letzte Gespräch für lange Zeit sein. Ich tat, als ob das alles kein Problem wäre. Meine Mutter fragte nicht nach; ich dachte, niemand würde bemerken, wie schlecht es mir ging. Wie schlecht es mir ohne seine Präsenz ging. Ich fühlte mich so einsam. Ich wollte ihn nur zu gern ein einziges Mal berühren können, wissend, dass eine Zukunft undenkbar ist. Einen Blick ins Paradies werfen, mit dem Wissen, nie dort leben zu können.

Oft malte ich mir aus, wie wir uns das erste Mal sahen. Wir würden spazieren, Filme schauen, in einem Bett schlafen, Sterne beobachten und tanzen. So kitschig sich das anhören mag, ich hätte alles dafür gegeben. Naivität ist etwas Wunderbares.

Mitte November nahm ich meinen Mut zusammen, bereit, ihn zu fragen, was nicht stimmte. Er erklärte mir, dass er sehr wohl wüsste, dass er eine Therapie benötige, aber keine Zeit dazu hätte. Das Studium raube ihm seine ganze Zeit. In letzter Zeit verletzte er sich wieder mehr; ich bat ihn, mir Bilder zu zeigen, um mir das Ausmaß bewusst zu machen. Ich wollte es sehen, Interesse zeigen, nicht das Gefühl vermitteln, es sei mir gleichgültig. Als Antwort auf die Frage nach der zugrunde liegenden Ursache nannte er die fehlende Nähe, und ein paar andere Dinge, die wohl doof zusammenspielen würden, wie er sich ausdrückte. Er meinte, dass es schöner wäre, wenn noch jemand von seinem Problem wüsste, er sich nicht immer verstellen müsste. Ich hörte mir alles an, saß in meinem eigenen Bett - allein, einsam - und fragte mich, was er an dem Studium fand, wenn es ihm seitdem nur noch schlechter ging. Aber es stand mir nicht zu, über sein Leben zu urteilen, deshalb sagte ich kein Wort diesbezüglich. Ich wollte ihn nicht mit meinen Bedürfnissen, zu denen eben auch Kommunikation gehört, nerven. Eine Fernbeziehung erschien mir als Ding der Unmöglichkeit, denn Nähe bringt man damit nicht in Verbindung.

Ich suchte krampfhaft nach sinnvollen Gründen, ihm Nachrichten zu schreiben. Nachrichten, die ihm nicht sagten, wie sehr er mir fehlte, aber ein gewisses Maß an Unterhaltung abdeckten.

Es war wirklich erstaunlich, wie viel ein halbes Jahr verändern konnte. Vorher musste ich mir keine Gedanken um all diese Dinge machen. Ich war unabhängig, hatte keine Probleme damit, abends allein zu Bett zu gehen, morgens allein aufzuwachen. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto schmerzhafter wurde die Vorstellung für mich. Es fühlte sich beinah unerträglich an. Ist es das, was man Verliebtsein nennt? Wenn ja, dann wollte ich das am liebsten ganz schnell wieder loswerden. Es erschwerte mir mein Leben und ließ mich alles in Frage stellen. Es machte mir Angst, sodass ich körperlichen Schmerz verspürte, wann immer ich an die Distanz zwischen uns dachte. Wenn ich daran dachte, dass er mich vielleicht schon ersetzt hatte und ich ihn nie sehen würde. Dass Wünsche immer unerfüllt bleiben würden.

31 Tage vor Weihnachten überlegte ich, ob ich ein Geschenk bräuchte. Zum Geburtstag hatte er mir nichts geschenkt - aber wo kommen wir hin, wenn wir immer nur das tun, was andere auch für uns taten. Meine Idee war simpel, und dennoch berührend: Ein Brief. Briefe verkörpern Verbundenheit über weite Entfernungen, sie sind persönlich, sie haben Tiefe. Es gab so viele Dinge, die ich ihm gern mitgeteilt hätte. Ich wollte ihm sagen, dass ich für ihn da war, wenn er mich brauchte, auch falls er mich nicht mehr benötigte. Es gab so viel zu schreiben, und zu wenig Worte, um es auszudrücken. Wir waren uns vertraut, und trotzdem immer noch fremd.

Ich war noch nie ein Freund von Entscheidungen. Deswegen fiel es mir sehr schwer, mich für oder gegen einen Brief auszusprechen. Einerseits hatte ich nichts zu verlieren. Andererseits würde ich es nicht ertragen, keine oder gar eine negative Reaktion zu erhalten. Es ist die eine Sache, Dinge in der Luft hängen zu lassen und eine andere, sie endgültig und unwiderruflich zu beenden. Diesen Gedanken ertrug ich nicht. Genauso wenig wie den Gedanken, schon ersetzt zu sein. Jeder ist ersetzbar, und ich hatte das Gefühl, ganz besonders leicht zu ersetzen zu sein. Was konnte ich ihm schon geben? Manchmal überlegte ich, ob ich ihn nicht einfach buchstäblich aus meinem Leben löschen sollte. Seine Kontaktdaten, seine Bilder. Denn das war zu der Zeit alles, was unsere Leben miteinander verband. Wie einfach muss die Zeit gewesen sein, in der man sich ohne Computer und Handys verliebt hat.

Der Tag der Tage war gekommen: Luke meldete sich! Der Moment, in dem ich fast einen Herzinfarkt bekommen hätte.

»Alles okay bei dir?«

Nein, natürlich nicht, aber das durfte er ja nicht wissen. Das Schöne an Nachrichten ist, dass man Menschen so leicht täuschen kann. Der Anstand verlangte natürlich, mich zu versichern, ob auch bei ihm alles okay wäre. Als er mir sagte, dass es ihm schlecht ginge, war ich kurz davon überzeugt, dass er mir diese Frage überhaupt nur gestellt hatte, um mir zu erzählen, dass es ihm nicht gut ging. Aber halt. Männer denken nicht so weit. Es war eine ganz normale, unverbindliche Frage. Was im folgenden Gespräch dann allerdings im Mittelpunkt stand, war, dass er nicht wollte, dass ich mir Sorgen mache. Ich versicherte ihm, es zu versuchen, aber mein Gott; was dachte er denn eigentlich? Das war, wie jemandem zu sagen, dass man alles unter Kontrolle hatte, während man versehentlich ein Haus abbrannte.


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