„Tanz, tanz, Popelmann

uf unsern Bodden rum;
ach wier es nicht der Popelmann
’nen Thaler gäb ich drum.“

Altes sudetisches Kinderlied

 

„Der Popelmann, der Popelmann
der hat nen weißen Kittel an,
und steckt in einen großen Sack
alles verlauste Huckepack.“

Altes sächsisches Kinderlied


Erster Teil

Sie ritten inzwischen schon vier Wochen durch die Auen und Wälder von Saskien. Sie kamen an kleinen Dörfern vorbei, speisten in kleinen Gasthöfen, handelten mit Händlern um die Preise von Weinfässchen. Sie stritten sich mit Bauersleuten, denen entweder der Magister die Bedeutung von nachhaltigem Wirtschaften und den Vorteil der drei-Felder Wirtschaft versuchte zu erklären, oder die sich über den, von den Pferden bei wilden Wettrennen, zertretenen Kohl beklagten.  Sie schlugen sich auf dem Weg mit Räubern und Banditen, welche einfache Reisende erwarteten, sich aber geübten, trainierten Schwertern gegenüber sahen und ihre Sünden auf der Stelle bereuten. Sie hatten nie auch nur die Spur einer Chance, konnten nun aber wenigstens ihre Religion auf den Prüfstand stellen und sehen, ob ihre Götter sie auch nach einem sündevollen Leben mit offenen Armen empfingen. Man kam auch durch größere Gemeinden und Städte, in welchen der Wissenschaftler Geräte nachschleifen und ausbessern lies, Ingredienzen und Zutaten kaufte und man ordentlich miteinander soffen.

„Seht, die Hügel, da hinten, die dicht bewaldeten! Auf dem höchsten, mit dem langen, Serpentinen-förmigen Kahlschlag, da thront die Burg Wetzenstein, Heimstatt des Markgrafen von Wetzenstein. Ein begeisterter Sammler ausgestopfter Raritäten. Der wird uns für den Leprechaun von Vorgestern ein ordentliches Sümmchen zahlen. Danach brechen wir nach Norden auf. Nach Rogges, Ustrit und höher, zu den Dönnen.“, grinsend hielt Peélius sein kupfernes Fernglas vor eines seiner meergrauen Augen und justierte ein wenig nach.

Redawend wendete sich um und beobachtete den Weg hinter ihnen. Doch erblickte er Nichts, was er erhofft hatte, zu erblicken. Sein Rappe schnaubte unruhig, was wahrscheinlich an dem nahendem Abend lag, welcher sich bereits am Horizont mit einem satten Orange andeutete. Zudem wurde die Luft merklich kühler, feuchter, und die Tiere hatten seit Stunden keinen Hafer mehr bekommen.

Sie ritten durch den Wald, auf den langen Serpentinen, den Hügel hinauf, auf welchem der Markgraf vor undenklichen Zeiten seinen Sitz gewählt hatte. Peélius pfiff unterwegs und sondierte den Wegesrand nach seltenen Gräsern und Farnen, welche er seiner Sammlung hätte hinzufügen können. Redawend war mürrisch und zog eine Miene wie drei Tage Durchfall. In der Nähe von Burgen, Festen, Heerlagern oder Turnierplätzen ging es ihm immer so. Er fühlte sich zwischen den bunten Fähnchen an den bunten Standarten, zwischen bunten Knechten mit buntem Zaumzeug für bunte, herrschaftliche Pferde immer fehl am Platz.

Doch diesmal kam noch etwas anderes hinzu. Eine Ahnung, ein prophetisches Gefühl, welches ihn versuchte zu warnen, etwas mitzuteilen. Eine Botschaft zu überbringen, welche er nicht verstand, sich aber wünschte es zu können. „Sagt, Herr“, begann er und richtete sich im Sattel auf „Ihr wollt’n Leprechaun doch nicht verkauf’n, oder? Wir ham das Biest drei Tage gejagd, für eure…ähm…Preser…Preser…“ „Preservationskammer“, half ihm der Magister, welcher immer noch die hiesige Flora studierte. „Ja, genau, die. Also, was woll’n wir dann bei diesem Pfeffersack?“

Der Gelehrte nickte und hielt sein Pferd an. Er blickte sich um und sah Redawend tief in die Augen. Trotz allem Anschein, war dieser Totschläger nicht dumm. „Na gut, ich sage es euch. Ich bekam vor einigen Tagen, in Anklar, einen Brief von Heinrich. Heinrich ist der Markgraf von Wetzenstein. Er bat mich um meine Expertise. Also dacht ich mir, warum nicht. Wetzenstein ist schließlich berühmt für sein Weinlager. Aber worum es sich handelt, das weiß ich auch nicht.“, sprachs, rückte den grünen Gehrock zurecht und trieb das Pferd wieder an.

Redawend, der solche Briefe und Hilfegesuche, nach der Expertise des Magisters, kannte, wusste, dass entweder ein gehörnter Ehemann ihm den Kopf einschlagen wollte oder wahrscheinlicher, jemand einen alten Kronleuchter oder ähnliches an die Archäologische Fakultät verkaufen wollte. Langsam fragte sich der ehemalige Söldner, wieso ein Archäologe überhaupt so in der Welt herumreist. Man sollte annehmen, sie würden sich nur in einer Universität, in einer Bibliothek verkriechen, und nicht durch die Welt gondeln, auf der Suche nach Abenteuern. Verständnislos und ratlos schüttelte er die Glatze, kratzte sich an der wulstigen Narbe und ritt Peélius hinterher.

Auf halber Strecke, die schweren Wehrtürme der Burg waren bereits durch die Wipfel der Bäume hindurch zu sehen, aus behauenem Granit und Basalt der Gegend, veränderte sich die Situation merklich. Die untergehende Sonne hatte das Orange aufgegeben und sich einem kräftigen rot-Ton mit goldenen Nuancen hingegeben. Doch das warme Licht konnte nicht darüber hinweg trügen, das der Wald kühler, feindseliger geworden war. Es knackte im Unterholz, auf allen Seiten flogen Vögel empor und krächzten, weite Kreise über den Wald ziehend. Plötzlich brachen vor ihnen auf den Weg Wildschweine, Rehe, Hirsche, Hasen und sonstiges Getier in wilder Flucht hervor und stürmten, auf der anderen Wegesseite, wieder in den Wald hinein.

Als die Stampede vorüber war wurde es verdächtig ruhig. Nicht ein Lüftchen regte sich. Der Magister, welcher dieses Treiben ruhig beobachtet hatte, war abgestiegen und hielt in der Rechten bereits das Schwert. Redawend, ebenfalls unbeeindruckt von der Situation, blieb im Sattel sitzen. Man wartete, beobachtete den Waldrand und besah die Umgebung. Alles erstrahlte in Rot und Gold, doch es geschah weiter nichts. Im Wald zirpten wieder die Vögel und das typische Schnarren von Grillen kehrte auch zurück.

„Was war denn das?“, fragte sich Peélius und zwirbelte ein Ende seines Bartes. „Herr, da oben, auf der Burg, ich denk, da geht’n ungut Ding vor sich.“ Der Gelehrte nickte wissend und stieg wieder auf sein Pferd. „Machen wir, das wir hochkommen, in diesem Wald will ich wirklich nicht in der Dunkelheit weiterreiten, und sei es nur für eine Minute.“ Sie trieben die Pferde an und machten sich wieder auf den Weg.

Sie erreichten das Tor zur Feste, ein schweres stählernes Gitter, am unteren Ende mit geschliffenen Spitzen versehen, welche jede Lanze dagegen wie ein Spielzeug erschienen ließen. Peélius hielt Ausschau nach den Wachleuten, sah aber niemand. Auch Redawend, welcher aus vollem Halse verkündete: „Der Meister, Magister Peélius, Absolvent und Gelehrter der Archäologie und Biologie, sowie Redawend Herstwert, freier Söldling ‘n Überlebner der Schlacht am Kahleberg erbitt’n Einlass ‘n des Markgraf Wetzensteiner Burg!“, brachte keine Sterbensseele hervor. „Verdammt noch eins. Da wird man heranzitiert, schlägt sich durch die Wildnis, und dann ist da keiner, der das beschissene Gatter öffnet.“

Als sie genug davon hatten, vor verschlossenen Türen zu warten, wollten sie sich zum Gehen abwenden. In diesem Moment erschien eine gebückte, magere Gestallt im Torhaus. Sie war in feine, reiche Kleider gekleidet und trug große, goldene Ringe, besetzt mit Edelsteinen an den knorrigen, runzligen Fingern. „Haltet ein, Gevattern, ich mach ja schon.“, lies es sich vernehmen mit dünner, gebrochener Stimme. Die Gefährten hielten inne und besahen den Greis staunend vom Sattel ihrer Pferde herab. „Heinrich? Heinrich Wetzenstein?“, fragte Peélius entgeistert „Was, bei allen guten Göttern, ist den mit dir geschehen!?“


Sie standen in der Mitte eines kleinen Saales. Ahnen mit würdevollen Gesichtern und noch würdevolleren Backenbärten sahen auf die drei Personen zu ihren Füßen herab. Die Wände waren mit Eichenholz verkleidet, der Boden bestand aus geschliffenen Birkendielen. Dicke Staubschichten hatten sich auf den Fensterbrettern gesammelt. Die verglasten Wandöffnungen selber waren verdreckt, trüb und mit schweren, muffigen Gardinen verhangen, welche seit Jahren kein Wasser mehr gesehen hatte, von Seife ganz zu schweigen. Der Hausherr ließ sich erschöpft und unter Schmerzen auf einen alten, schäbigen Sessel mit durchgesessenem Polstern fallen und stöhnte auf.

Redawend und Peélius wussten nicht wohin mit sich und blieben etwas orientierungslos im Raum stehen. „Setzt euch, setzt euch nur, Freunde. Ich weiß, es ist nicht gerade ein Palast, aber mehr kann ich nicht bieten.“ Die Gefährten betrachteten die alte, bedrohlich gebrechlich wirkende Chaiselounge. Der Gelehrte nahm all seinen Mut zusammen und setzte sich sehr vorsichtig, darauf bedacht, nicht sein gesamtes Körpergewicht darauf zu legen. Der Krieger blieb lieber stehen und sah sich im Raum um. Ihm viel auf, das beachtlich viel Knoblauch und Silber als Dekoration verwendet wurde.

Peélius starte den Alten immer noch wie von allen guten Geistern verlassen an und bekam das Kinn einfach nicht gehoben. „H-Heinrich…Was zum…? Was ist passiert!“ Brachte er dann doch noch hervor, nachdem ihm Redawend einen leichten Klapps auf den Hinterkopf gegeben hatte. Der alte runzelte die Stirn, wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht herum und raunte leise und hinfällig: "Was, das? Das ist garnichts." "Heinrich!", fuhr ihn der Magister beherrscht, aber laut an. „Ah…Ahja…weißt du, Arnulf, das hab ich schon immer…immer gemocht, an euch Kleinadligen…Immer so…bemüht.“, der Burgherr hustete und spuckte dabei Blut in ein seidenes, gelbes Taschentuch mit dem Monogram der Wetzensteiner darauf, aus „immer so bemüht und strebsam. Werdet Juristen, Offiziere, Magister gar. Eure Sorgen“, wieder wurde er von einem Hustenanfall geschüttelt und wirkte dabei so zerbrechlich, als möge er jeden Moment in tausend kleine Stücke zerbersten „‘Ntschuldigt…wo war ich? Ah…ja…eure Sorgen…wenn du wüsstest.“ Unter Ächzen und Stöhnen versuchte er, sich bequemer hinzusetzten. Es gelang ihm leidlich.

„Was meinst du bitte? Willst du wieder von oben auf mich hinabsehen? Wie damals, auf der Universität? Du bleibst weiterhin der jüngere Jahrgang, vergiss das nicht und erweise einem älteren Semester den Respekt, den man verdient, wenn man Rotzlöffel wie euch durch jede zweite Prüfung mogelt.“ Der Söldner war nun seinerseits an der Reihe, den Mund den Fliegen als große Einflugschneise zu öffnen und verständnislos von dem alten Buckligen zu dem jungen Hochgewachsenen zu blicken, wie eine Ziege, die durch die Spiegelung des eigenen, schwingenden Schwanzes in Trance fällt.

„Jaja, da guckt der Plebs mal wieder dumm aus der Wäsche, was? Wie hat sich Peélius nur so jung gehalten, hä? Wie macht er das, zaubert er? Ja, tut er, Bauer, tut er. Aber daher rührt ist die äußerliche Altersdiskrepanz nicht. Mein lieber Kommilitone, klär deinen einfachen Freund doch bitte auf, ja?“ Der Gelehrte hatte die Finger vor dem Gesicht gefaltet und blickte über die Fingerknöchel seinen Gastgeber scharf an. Nach einem kurzen Moment, der sich anfühlte wie die Zeit, in der ein Gletscher ganze Länder überrollt, sprach er aus, was er dachte: „Du…du wurdest verflucht? Von einem lokalen…nennen wir es einfach Ding? Vor, ich schätze einem Monat? Denn den Brief erhielt ich vor zwei Wochen, und du hast nach einer Woche aufgegeben, den Bann selbst zu lösen und den Brief abgeschickt, der normalerweise eine Woche braucht, seinen Empfänger zu treffen.“

Der Alte lachte gackernd und röchelte dabei merklich durch den Schleim, in den Tiefen seiner Lunge. „Harch harch harch harch harr…Ja, Treffer. Deswegen warst du Dockelmanns Liebling.“ Der Magister schüttelte den Kopf: „War ich nicht, der hat mich gehasst, hat mir die Hölle heiß gemacht und mich jede Prüfung dreimal ablegen lassen.“ Nun schüttelte Heinrich den Kopf, hustete jedoch leicht dabei. Ein kleines Rinnsal Blut rann seinen Mundwinkel hinab: „Das war kein Hass, Liebe und Bewunderung schon eher. Das *hurchahärst* verdammt, das manifestiert sich manchmal in seltsamen Arten und Weisen. In Menschenkenntnis, war ich immerhin Primus.“ „Und in Sadismus und Kriegsführung.“, ergänzte der Meister der Wissenschaft halblaut, aber mit außerordentlich fester, bestimmter Stimme und einem unguten Funkeln in den Augen. "Was'n das nur für ne Uni, beim Furz der Götter?", fragte sich Redawend in Gedanken, ließ sich aber äußerlich nichts anmerken.

„Jaja, der Krieg…Noble Sache, sehr nobel. Der Klafter von einem Kerl da, weiß wovon ich rede, oder? Du bist ein Söldner, stimmts? Ein Schlagetot. Was machst du an der Seite meines lieben Freundes Arnulf?“ Redawend senkte den kahlen Schädel und knurrte „Bin kein Söldling mehr, euer Durchlaucht. Und Krieg, wenn Durchlaucht es erlaubt zu sag’n, is nich nobel, wenn man sich in erster Reihe schlägt, Durchlaucht, dann is’s nur schmutzig.“ Heinrich von Wetzenstein nickte langsam und bedachte den Kahlen mit angewiderten, abwertenden Blicken. „Ahja“, sagte er nur halbtlaut, nachdem er einen Hustenanfall niedergekämpft hatte „so einer bist du. Doppelt Sold einstreichen und dann moralisieren, na fein. Deine Strafe scheinst du mir aber schon erhalten zu haben." Er grinste widerlich dabei.


Der Markgraf hatte beide hinaus auf den südlichen Wachturm geführt, wobei er sich mit einem Gehstock geradeso aufrecht halten konnte. "Da, seht ihr? Bei dem Montagne Épinette, die Einheimischen nennen ihn auch Poppelberg, dort hatten sie das Gefolge versammelt. Alles Bauern und ihre Familien aus der Umgebung. Die Dönnen wollten sie sicher als Sklaven verkaufen. So sind sie, die Barbaren", Heinrich verzog das Gesicht zu einer angewiderten Fratze. "Und da ist es geschehen? Der Fluch hat dich getroffen, einfach so?" Der Magister zwirbelte seinen Bart. Redawend starrte in die untergehende Sonne. "Ja,", erwiderte der Markgraf knapp "just in dem Moment, als ich diesem wilden Treiben ein Ende bereitet habe." "Wie das?", hakte Peélius nach. "Ahhh....das muss dich doch nicht weiter interessieren. Du hast dich noch nie auf den Krieg verstanden. Ich hab ihnen den Gar ausgemacht. Hab meine Hab und Gut verteidigt. Effektiv, wenn ich das so anmerken darf. Ich bezweifle, das einer dieser Wilden seinem Herren berichten konnte, wie ihm geschehen", der alte Mann spuckte Blut auf den Boden aus. "Wie, Heinrich?" "Mit Feuer und Blut, Arnulf, wie denn sonst?"

Der Burgherr gab ihnen den Schlüsseln zur Speisekammer, als er sich zu Bett legte, ohne es zu versäumen, speziell Redawend darauf hinzuweisen, dass die gute Verpflegung nicht für ihn bestimmt wäre. Die beiden Gefährten hatten sich mit etwas Käse und einem großen Fass Wein in einen kleinen Salon zurückgezogen. Sie sprachen wenig, tranken aber viel. Nach einer Weile ergriff Peélius doch das Wort: "Mein Freund, ihr seid im Krieg bewandert. Wie hat Heinrich das geschafft. Seine Mannen wurden in der Schlacht aufgerieben. Niemand hätte die Dönnen noch aufhalten können, dennoch ist es ihm gelungen. Wie?" Der Söldner kaute auf seiner Unterlippe, nahm dann einen großen Schluck Wein und fixierte die meergrauen Augen des Gegenüber. Schließlich zuckte er die Schultern, legte sich zurück und brummelte nur: "Mit Blut 'n Feuer. Egal wie, Herr, 's is immer Blut 'n Feuer."


Zweiter Teil

Schilderung der Ereignisse auf dem Montagne Épinette eines Augenzeugen:


Frauen und Kinder weinten, schluchzten. Tränennasse Augen blickten die wilden Männer an, deren Seelen eiskalt zu sein schienen. Einige von ihnen waren bereits an Händen und Füßen gefesselt, hatten eiserne Ringe um die Hälse gelegt bekommen. Andere trugen kaum noch Kleidung, die sie bedeckte. Die Wilden hatten sie, eine nach der anderen, hinter die Wagen gezerrt. Gerade war wieder ein junges Mädchen fortgeschleppt worden. Keiner machte einen Laut, alle hörten still ihren Schreien zu, auch die barbarischen Kerle. Sie schienen es nicht zu genießen. Es wirkte eher so, als sei dies ein Protokoll, was zu absolvieren sei, um der Tradition von tausenden von Raubzügen genüge zu tun. 

Den Hang abwärts konnte man hören, wie die Dönnen die letzten, versprengten Männer des Markgrafen in wilden Metzeleien nieder machten. Stahl traf auf Stahl, traf auf Holz und weiches, nachgiebiges Fleisch. Mit sattem Schmatzen drangen Klingen in Körper ein. Gellend schrien Schildmänner und Schildmaiden auf. Doch die Krieger lachten nicht, wie es die Gruselgeschichten erzählten, als sie die wenigen, fast wehrlosen Menschen abschlachteten, die doch nur ihre Heimat zu verteidigen suchten. Sie schienen von einer bösen, inneren Macht angespornt zu werden, die sie zwang, zu tun, was sie taten. Selbst ihr Anführer, ein untersetzter Kerl mit langem, grauen Bart verzog keine Miene, sondern blickte fast trübseelig auf seine Werk hinab, von seinem ebenfalls untersetzten Ross. Er sagte etwas zu seinem Hauptmann, der die Befehle weitergab. Dann blickte der graubärtige auf die Burg Wetzenstein und schirmte seine Augen mit der, im eisernen Handschuh steckenden, Rechten ab und nickte nur langsam, wobei sich sein Bart leicht sträubte.

Es schien, als sei keine Hoffnung mehr. Als man die Gefangenen abführen wollte, hörte man in der Luft ein Summen und Brummen, als wären tausende von Bienen in die Luft gestiegen. Alle, selbst der Graubart schauten sich um, stierten in der Luft, doch sahen sie nichts, außer den dicken Schäfchenwolken am Himmel. Da schlugen, aus dem Nichts, die ersten Feuerbälle ein, welche sich kaum fünf Klafter über dem Boden geformt hatten. Feuer loderte auf, Splitter von Steinen schossen durch die Luft. Einem der Wilden flog ein länglicher, dünner Splitter aus Granit direkt in die Stirn. Er sackte auf die Knie und fiel dann, die Augen schielend auf den Splitter fixiert, nach vorn über. Die Wagen gerieten in Brand, von einer glühenden Flüssigkeit entzündet, die durch die Gegend spritzte, immer, wenn eines der Dinge einschlug. Menschen fingen ebenfalls Feuer. Überall liefen brennende Fackeln herum, wälzten sich auf dem Boden und versuchten sich zu löschen. Immer öfter explodierte es um die Dönnen und ihre menschliche Beute herum. Der Sauerstoff der Luft wurde mit lautem Zischen angesaugt und bildete in wilden Wirbeln Feuersäulen, in die die Menschen hinein gesogen wurden.

Durch die Schmerzensschreie hindurch, durch das Rauschen der angezogenen Luft, durch das wilde, schreckliche Schauspiel hindurch, hörte man einen Singsang, sehr tief, sehr ruhig. Es war die Stimme eines Kindes, doch klang sie, als hätte das Kind eine schwere Erkältung.

„Der Popelmann, der Popelmann
der hat nen weißen Kittel an,
und steckt in einen großen Sack
alles verlauste Huckepack.“


Drei Tage, nach dem Eintreffen des Magisters auf Burg Wetzenstein:

Das Unterholz war im Wald um den Burghügel herum sehr dicht und dunkel. Der grüne Gehrock verfing sich ständig in den Dornen der Brombeersträucher, die im Dickicht wucherten, wie Pilze im Herbst, wenn der erste Regen fällt und der Nebel in den Tälern versickert. Rehe stoben auseinander und die Vögel flogen auf, sobald sich der Dreispitz dem Ort ihrer Ruhe näherte. "Herr, sind wir nicht bald da?", war die raue, von den Anstrengungen der letzten Tage ausgelaugte Stimme Redawends zu vernehmen, welcher seinen Ledermantel nicht trug, sondern stattdessen seinen, von Narben und Muskeln gezierten Oberkörper der wilden Natur präsentierte. "Frag mich das noch einmal, Kerl, und ich komm zu dir hinter und zieh dir eins über, verstanden!", sprach eine Koryphäe der Wissenschaft und spuckte auf den Boden "Ach! Scheiße!" "Was is'n, Herr?", fragte der Glatzkopf nachdem der Magister sich ruckartig dahin bückte, wo er seinen Speichel platziert hatte. "Das war ein seltener Salamanderkäfer! Verflucht, nicht mal rotzen kann man hier, ohne das Ökosystem zu zerstören, wahrlich, Heinrich, ein tolles Land hast du!" Redawend stand belämmert und schweißnass da und beobachtete seinen Freund. Dann fand er seine Worte wieder: "Herr...wann sind wir..." "Wag es ja nicht, Söldling!", unterbrach ihn der Dreispitz.

Sie stiefelten so noch einige Zeit durch die Wälder, bis der Magister seine Lust verlor und sich auf einen Stein plumpsen lies, die Stiefel abstreifte und die Füße in ein kleines Bächlein hielt, das hier durch eine Lichtung floss. Vögeln flogen über sie und der Söldner streckte und reckte sich, bevor er aus dem Bach Wasser auf seinen verschwitzten Leib laufen lies. "Wir finden das hier nie. Niemals, mein lieber Redawend. Eher verlaufen wir uns hier und werden von einer Gorgel gefressen", resignierte der Gelehrte und antwortete auf Redawends unwissenden Blick "Eine große Schlange mti Federn am Kopf, die krächzt, als sei sie ein Hahn. Ich hab so eine mal erschlagen. Schwierige Angelegenheit. Als Köder hab ich einen Bullenkopf an einen Strick gebunden und wie eine Angel ausgelegt. Klingt ziemlich blöd, geb ich zu, aber das Mistvieh hat tatsächlich angebissen." Der Magister strich sich Schweiß von der Stirn und wedelte sich mit seinem Hut Luft zu. "Was genau such'n wir nun, Herr", fragte sein Kumpane. Peélius lies seinen Blick durch das Dickicht wandern und beobachtete dann, wie ein Schmetterling auf einem Ast nicht unweit von ihm landete und seine tigergleichen Streife der Sonne feil bot. 

"Was sagst du, wenn ich dir sage, dass ich letzte Nacht einen sehr eindeutigen Traum hatte, mein Freund?", fragte der Magister ihn aus der Stille hinaus. Redawend kratzte sich am stoppeligen Kinn und sagte dann: "Kommt druff an, was das für'n Traum gewesen ist, Meister." Arnulf lächelte in sich hinein und schwieg wieder eine Weile. Ein Eichhörnchen krabbelte einen Baum hinauf, hielt eine Eichel in beiden Pfoten und versuchte, sie in ein Astloch zu stopfen, was ihr nicht gelang. Die Eichel war schlicht zu groß, doch das Tier ließ sich nicht beirren und stopfte und würschte einfach weiter. Der Magister grinste und begann dann zu erzählen: 

Es war mitten in der Nacht. Das Sternzeichen der großen Schöpfkelle war bereits auf seinem Weg Richtung Osten, da wurde ich von einem merkwürdigen Singsang geweckt. Jemand sang, stell dir das vor, mir mitten in der Nacht ein Ständchen. Ich schreckte aus dem Traum auf und versuchte mich zu orientieren, packte den kleinen Dolch, den ich stets unter meinem Kopfkissen versteckt halte, und versuchte, während ich Abwehrbewegungen vollführte wie ein besoffener Depp, die Kerze neben meinem Bett anzuzünden. Doch, schau da, entzündete sie sich direkt von selbst. Magie, das war auch mein erster Gedanke, doch, mein Freund, es kommt noch schlimmer. 

Vor meinem Bett erkannte ich zunächst nur Umrisse, von der Helligkeit des plötzlich entflammten Lichts noch leicht geblendet. Doch dann erkannte ich, was sich da an mich heran geschlichen hatte. Vor meinem Bett stand, in weiße, fleckige Laken gehüllt eine Gestalt. Sie besaß einen länglichen, schmalen Schädel mit einem langen, dicken Schnabel als Fresse. Es hatte eine unvorstellbare Wampe und lange, knochige, gleichzeitig kräftige Finger mit, zu krallen verwachsenen Fingernägeln. Seine Haut war grau, sehnig und so faltig, das ich im ersten Moment dachte, es handele sich um die Haut einer Echse. Unter dem Laken leuchteten dunkle, grüne Punkte, wo seine Augen sein mussten. Also rund heraus. Ein verflucht dämonisches Mistvieh. Es wiegte sich immer leicht von einer Seite auf die andere und schien dabei zu singen, mit der Stimme eines Kindes, leise, tief, als hätte das Kind Brom geatmet. Ich war wie erstarrt, was nicht sehr oft vorkommt, das kann ich dir versprechen. Es sang dauernd: 

Tanz, tanz, Popelmann

uf unsern Bodden rum;
ach wier es nicht der Popelmann
’nen Thaler gäb ich drum.

Als ich mich wieder fasste, den Dolch unter der Bettdecke verborgen, und fragen wollte was es hier mache, brach der Singsang ab. Stattdessen bewegte es seinen Schnabel, doch keine Töne kamen heraus, stattdessen hörte ich ein grollen in meinem Schädel, als käme die Stimme tief aus der Erde. Es sprach in mich hinein: "Tief sitzen die Schulden, die ich eine Krone zu zahlen gebeten, viel ist gefordert, doch nichts ist gegeben. Fordern tu ichs halt von dir. Popelmann und seine Fruh, fordern es nun immer zu." Schneller als ich reagieren konnte sprang es auf mich zu und hieb mir mit einer seiner geschlossenen, zu Fäusten geballten Pranken auf die Nase. Und dann sah ich, sah es, als sei ich geflogen, das Drama. Sah es, als sei ich unter der Erde. Sah es als stünde ich mittendrin. Redawend. Heinrich hat sich eines sehr, sehr dunklen Verbrechens schuldig gemacht. Und ich denke, ich muss ihn dafür richten. Ich denke, dieser Dämon hat mir die Aufgabe übertragen, die Schuld einzutreiben. Ich bin sicher nicht der Erste, der dafür bestimmt wurde. Du hast bemerkt, das niemand mehr im Schloss ist. Ich denke aber auch, ich bin der Erste, der weiß, worauf er sich bei einem Kampf gegen Heinrich einlässt. Ich denke sogar, ich bin der Einzige, der es weiß. 

Wir suchen hier draußen aber nach dem Beweis für seine Tat, ich muss die Beweise sehen, sie müssen irgendwo da oben auf dem Berg, oder hier unten, auf am Fuße des Berges sein. Ohne Beweise, Redawend, kann ich ihn nicht zur Rechenschaft ziehen. 


Dritter Teil

Man fand, was man gesucht hatte. Redawend hätte nicht gewusst, um was genau es sich gehandelt hätte, noch woher es rührte. Die kleinen Splitter aus Obsidian, es waren tausende und alle sahen aus wie Dolche, lagen verstreut über den Hang verteilt und auf dem Plateau verteilt. Das Graß schien vor kurzem gemäht, beziehungsweise verbrannt worden zu sein, denn es wuchs unregelmäßig und war kürzer, als die Blumenwiesen der Umgebung. Peélius stand eine gute Stunde reglos in der Mitte der Hügelkuppe des Poppelberges, starrte auf die Gräßer, in die Wolken und auf die Burg des Markgrafen. Dann übergab er sich, schwer und offensichtlich leidend. Er würgte eine dunkle, fast schwarze Flüssigkeit empor. Dann ruhte er noch einmal eine kurze Weile, bis er wieder auf sein Pferd stieg und, ohne seinem Begleiter etwas sagen zu müssen, davon ritt. Redawend wusste, was folgen würde und seine Narbe pulsierte auf der Stirn.


Sie standen in der großen, hohen Eingangshalle des Anwesens. Der Magister hatte sein Schwert gezogen und fest umklammert in der Rechten. Er griff es so fest, das seine Knöchel weiß wurden. In der Linken hielt er eine Rute aus geflochtenen Haselzweigen, an die er, wie bei einem Klangspiel, zehn der obsidianen Dolche gebunden hatte, mit einem Strick auf Rattendärmen, die er, wer weis warum, in seiner Tasche aufbewahrte. Sein Gesicht war weis und schweißbedeckt, die Augen wirkten kalt, doch das Grau seiner Pupillen hatte den Farbton des Meeres bei einer Sturmflut angenommen. Er knurrte kaum hörbar: "Redawend, mein Freund, geh raus. Das ist kein Kampf für dich. Egal was du hörst, komm nicht rein. Ich könnte abgelenkt werden, was Heinrich ausnutzen könnte." Der Söldner nickte nur und verschwand so schnell er konnte. Als die Tür zum Hof ins Schloss fiel, nickte der Magister und warf seinen Hut ab, dann brüllte er in die Stille und Finsternis hinein: "Heinrich, Markgraf von Wetzenstein, zeig dich und tritt deine Schuld an!" Kurz darauf, zeigte sich eine böse Fratze in der Dunkelheit, die Fratze des Markgrafen.

"Peélius, hat er dich etwa auch herumgekriegt? Hat er dich korrumpiert, dir schöne Worte zugeflüstert? Willst auch du meinen Tod, den Tod eines gebrechlichen Mannes? Ich bin enttäuscht, Arnulf, ich bin ja so enttäuscht.", sagte er zynisch und stellte sich keine zehn Meter gegenüber von Peélius auf, einen großen, eichernen Stock, verziert mit Zahlen und Mustern, in der Rechten. "Sag mir, Arnulf, wie viel ist das Leben eines Bauern wert?"

"Mehr wert, als das Korn von 20 Sommern", antwortete der Magister.

"Und mehr wert als das Wasser eines Sees", ergänzte der Markgraf.

"Lass uns deine Schuld begleichen, Heinrich", sprach der Gelehrte und schmetterte die Rute mit den Obsidiandolchen auf den Boden. Augenblicklich donnerte es, Rauch vernebelte beiden die Sicht. 

Der Schlagabtausch war schnell, hart und dreckig. Der Stock des alten traf Peélius in der Seite, nachdem dieser schnell und kraftvoll auf ihn zugesprungen war. Dem Magister gelang die Parade nicht, er hatte nicht damit Gerechnet das von Wetzenstein so flink auf den Beinen war. Doch er ging nicht zu Boden, sondern klemmte den Knüppel mit dem linken Arm ein, packte ihn mit der Linken und stieß seinen Gegenüber von sich, gleichzeitig vollführte er eine Pirouette nach links und hieb mit dem Schwert aus der Drehung von links oben nach rechts unten zu. Stahl traf auf Holz, doch der Knüppel brach nicht. Der Alte zischte einen Fluch und sofort stoben Flammen und Funken gegen den Magister. Dieser konnte sich gerade noch rechtzeitig unter dem Feuerschwall hinwegducken, rollte sich ab und kam hinter dem Zauberer wieder zum stehen, so dass er ihn mit dem Schwertknauf in den Nacken schlagen konnte. Der Markgraf fiel zu Boden. Als Peélius ihn mit dem Schwert aufspießen wollte, wurde er von unsichtbarer Hand davon abgehalten. Auch der Markgraf schien gefesselt und konnte sich nicht erheben. Plötzlich, in das wütende Geschnaube der Kontrahenten hinein, sprach eine Stimme aus den tiefsten Tiefen der Erde zu ihnen. "Die Schuld soll beglichen sein. Poppelmann und seine Fruh holen sie jetzt ein." Dann wurde es dunkel, alles Licht wich aus dem Raum. In die Finsternis hinein schrie eine Stimme voll Schmerz und Qual. 

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beta
Feenstaub

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