Schöner Schein

Es ist nicht die stärkste Spezie die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann.”

Charles Darwin
(Englischer Naturforscher)


„Wohin?“, Gwen riss schockiert die Augen auf und blätterte weiter in Axels Schulatlas, auf der verzweifelten Suche nach Tusayan, Arizona. Axel saß mit dem Laptop auf dem Sofa, seine Stirn zeigte einige Sorgenfalten: „Tusayan liegt direkt am Grand Canyon, es hat nicht einmal sechshundert Einwohner und ist damit das Kaff des Jahrhunderts. Nur Wanderer verirren sich dorthin, obwohl die auch nur wegen dem Nahe gelegenen Flughafen dort durch kommen wenn sie in den Grand Canyon wollen. Es gibt dort ein mehr oder weniger gut besuchtes 4 Sterne Hotel, ein Steakhouse, kleine Restaurants die Wendy's oder Sophie's heißen. Ein Wandergebiet und das beste, einen Campingplatz! Die meisten Menschen dort leben vom Tourismus oder der Landwirtschaft! Ein Bauernkaff!“ Gwen warf sich zu ihm auf das Sofa: „Bäh, Bauern, die mag wohl wirklich keiner! Sicher totaler Inzest dort!“ Ariana seufzte: „Ich fliege morgen, kommt ihr mit oder nicht?“ Gwen seufzte: „Haben wir eine Wahl? Ich kann mein Studium als Fernstudium abschließen, und bei Axel ist die Schule überall umsonst!“ Axel boxte ihr in die Rippen: „Hey, was soll den das? Ich will nicht weg aus Brooklyn, das ist meine Heimat, unsere Heimat! Aber ohne Ariana ist es nichts mehr...“ Ariana lächelte, einen Moment lang hatte sie sich gefürchtet alleine nach Arizona ziehen zu müssen.

Über eine Internetanzeige von Axel schafften sie es noch am selben Abend alles zu verkaufen, was in der Wohnung nicht niet und nagelfest war. Die Kündigung hatten sie so oder so schon im Briefkasten gehabt wegen den Mietrückständen. Sie stiegen mit einem Plus von genau 51 Dollar aus, wovon man genau nichts mehr bezahlen konnte. Ariana verständigte den Chief, die Polizei von New York übernahm auch die Reisekosten für Axel, schließlich war er minderjährig und Ariana sein Vormund. Gwen holte sich bei ihrer alten Arbeitsstelle noch den Rest ihres Gehalts ab, damit konnte sie ihr Ticket bezahlen. Viel Gepäck gab es nicht mehr, außer der Kleidung, dem Laptop, Gwens geliebter Kaffeemaschine und Axels Teesammlung.

Der Flieger ging am nächsten Tag um acht, den Volvo verkauften sie für hundert Dollar direkt am Flughafen. Axel war es sichtlich schwer gefallen die Tränen zurückzuhalten als sie Brooklyn verlassen hatten, er würde seine Gegend vermissen. Gwen hatte ihm noch einen dieser bescheuerten Pullover gekauft, die eigentlich nur Touristen trugen. Es stand einfach nur „Brookyln“ drauf, aber für Axel schien es die Welt zu bedeuten. Er hatte ihn sofort angezogen und trug ihn auch im Flugzeug die ganze Zeit. Sie flogen vom JFK in New York zuerst zum Grand Canyon West, von da ging es mit einer kleineren Maschine weiter zum Grand Canyon International. Insgesamt waren sie ganze 17 Stunden unterwegs, es war Stockfinster als sie in Arizona landeten.

„Guten Abend Detektive!“, ein uniformierter Polizist erwartete die drei in der Ankunftshalle des kleinen Flughafens, „ich bin Officer Charlie Rendal, Chief Alfred Wigo schickt mich um sie und ihre Familie abzuholen!“ Ariana winkte ihrem neuen Kollegen zu und deutete ihren Geschwistern ihr zu folgen. „Du bist zum Dorfdetektive befördert worden?“, witzelte Axel, Gwen verpasste ihm sofort einen Schlag auf den Kopf. „Pass auf“, zischte sie Axel zu, „nicht das die Bauern uns gleich wieder mit Fackeln und Mistgabeln aus dem Dorf jagen!“ Ariana deutete beiden zu schweigen: „Benehmt euch! Ihr seid jetzt Teil des Dorfs falls ihr das noch nicht realisiert habt!“ Schweigsam stapften sie ihr nun zu dem Officer nach. Das erste was Ariana zu ihrem neuen Kollegen einfiel, war das sie angewidert von ihm war. Seine obere Zahnreihe stand irgendwie nach außen, außerdem waren die Zähne einen ticken zu gelb. Seine Augen standen zu nahe zusammen und sie waren eigenartig schlammbraun. Seine Nase war zu klein und sein Körperbau erinnerte sie an einen Kartoffelsack, der in eine Unifom der Polizei von Arizona gesteckt wurde. Er war gerade mal so groß wie Ariana, und sein Duft war wohl das Versagen des veganen Deosteins.

„Danke, Officer Rendal, wir hätten es aber sicher alleine zum Hotel geschafft!“, Ariana rang sich ein freundliches Lächeln ab. „Du kannst mich Charlie nennen, wir sind hier alle per du, sie wissen ja, man kennt sich in so einem kleinen Ort! Es sind mehrerer Kilometer bis zum Best Western Premier Grand Canyon Squire Inn, und ein Taxiunternehmen gibt es hier nicht!“, der Officer führte sie zu seinem Wagen, einem großen alten Dodge. „Danke, Charlie“, Ariana warf ihr Gepäck auf die Ladefläche des Fahrzeugs, „ich bin Ariana, das ist meine Schwester Gwen und mein Bruder Axel, sie sind mit mir her gekommen!“ Officer Charlie half Axel mit seinem Gepäck und setzte sich dann ans Steuer des Autos, er sichtete den Rückspiegel und betrachtete die müden Gesichter von Gwen und ihrem Bruder. „Ihr beide werdet viel Spaß haben in Tusayan, hier gibt es viele coole Wanderrouten, ein kleines Kino und die Schule hat eine Baseballmannschaft Axel, da könntest du sicher noch quer einsteigen!“ Axel lehnte sich an Gwens Schulter und sparte sich sein Kommentar über Baseball und was er von diesem Kaff hielt. Gwen verdrehte bloß die Augen, wandern hatte nun wirklich keine Stil und keine Klasse, am liebsten wäre sie sofort nach New York zurück geflogen. Auch Ariana wurde nun erst richtig klar, was dieser Umzug bedeutete. Keine Taxis, keine U-Bahn, keine Stadt die niemals schläft, keine Einkäufe um Mitternacht nach Dienstschluss, keine unendlichen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.

„Wir sind da!“, Charlie parkte den Wagen direkt vor dem Eingang des Hotels, „ich hole euch morgen früh um sieben ab, dann wird das Haus fertig sein!“ Ariana legte verwundert den Kopf schief: „Ein Haus? In New York hatten wir nicht einmal eine Dienstwohnung!“ Charlie lachte, er merkte das er nun mit dem Ort punkten konnte: „Hier und Tusayan läuft das ein wenig anders, wir haben genug Platz für Neuankömmlinge und ein Haus ist für den neuen Detektiv und seine Familie wohl das mindeste was der Chief bereit stellen konnte!“ Gwen versuchte die Vorstellung eines Bauernhofs auf dem sie wohnen mussten aus ihrem Gedächtnis zu verbannen, auch Axel schien noch nicht so ganz überzeugt zu sein. „Gut, dann bis morgen!“, Ariana schnappte sich ihr Gepäck und das von Axel dazu, um zu vermeiden das dieser Officer Charlie sie weiter als nötig begleitete. Sie konnte mit dieser herzlichen Art auf dem Land nicht viel anfangen. Auch Axel und Gwen verabschiedeten sich von den hilfsbereiten Officer und erreichten kurz nach ihrer älteren Schwester die Hotellobby. Überall hingen Bilder vom wandern und von irgendwelchen schönen Orten des National Parks. Sie checkten ein bezogen das Zimmer, sehr schnell um sich einfach hinlegen zu können. „Denkt ihr wir müssen neben einem Bauernhof leben?“, fragte Axel, der sich auf dem Sofa des Zimmers zusammen gerollt hatte. „Ich hoffe es sehen hier nicht alle so aus wie Charlie Inzest Bauer!“, Gwen zog Ariana die Decke weg und kuschelte sich darin ein. Ariana griff sich die Überdecke: „Ach kommt schon, keine Inzest oder Bauernwitze mehr, das geht jetzt wirklich nicht mehr! Ich weiß, das hier ist nicht Brooklyn, aber es ist jetzt unser Zuhause, unser Ort!“ Sie bemerkte, dass sie bloß einen Monolog führte, als sie Axels leises schnarchen und Gwens schmatzen vernahm. Die beiden wahren eingeschlafen.


Der Wecker klingelte um halb sieben, ausgeschlafen fühlte Ariana sich natürlich nicht, sie hatte sich die halbe Nacht herum gewälzt. Gwen war im Bad verschwunden und blockierte dieses, Axel fraß aktuell wahrscheinlich das gesamte Buffet des Hotels zusammen. Also alles wie erwartet, das Wetter war wunderschön, viel wärmer als in New York. Sie öffnete das Fenster und bemerkte, das es trotz der frühen Stunde schon mindestens 15° oder mehr haben musste. In New York war der April regnerisch, teilweise schneite es leicht und mit 10° weniger als hier musste man schon leben. Das Telefon klingelte und die Dame an der Rezeption teilte ihr freundlich mit, dass Officer Charlie auf die wartete. „Gwen?“, Ariana klopfte gegen die Badezimmertür, die bereitwillig aufschwang. Ihre Schwester kam ihr entgegen: „Was? Ich muss noch lange nicht wie ein Bauer herum laufen, nur weil wir jetzt in einem Kaff leben!“ Ariana versuchte ernst zu bleiben: „Gwen, wir sagen nicht Bauer, also wir verwenden das nicht als Schimpfwort!“ Gwen grinste schief und die beiden gingen nach unten in die Lobby, dort stand schon ein lächelnder Officer Charlie und Axel, der ziemlich blass wirkte. „Guten Morgen Charlie!“, Ariana versuchte motiviert zu wirken, „Axel, ist alles in Ordnung mit dir?“ Axel winkte ab: „Gutes Buffet, ich habe einfach viel zu viel gefressen!“ Officer Charlie schien die Ausdrucksweise zu missfallen, er versuchte sich aber nichts anmerken zu lassen. „Er ist müde!“, versuchte Gwen Axels Ausdruck zu erklären und lächelte freundlich. Axel verdrehte die Augen, in Brooklyn hatte es seine Geschwistern nichts ausgemacht, sie hatten auch selbst so geredet. Aber am Land schien das auf einmal nicht mehr in Ordnung zu sein, das konnte ja heiter werden.

„Bereit das Haus zu beziehen?“, Charlie lächelte freundlich und schnappte Axels Gepäck und sie machten sich auf den Weg zum Auto.

Sie fuhren über die 64 Straße an einem Steakhouse und zwei weiteren Hotels vorbei, dann kam etwas was Axel und Gwen aufatmen lies, eine McDonalds Filiale. Die winzige Post, ein kleines Einkaufszentrum und einige süße kleine Restaurants bildeten das Stadtbild weiter aus. Zu ihrer linken verschwand nun die Zivilisation und ging in Pinienwald über, auf der rechten Seite erstreckte sich der Campingplatz bis sie einen Kreisverkehr erreichten. Carlie nahm gleich die erste Ausfahrt die in eine Straße zu ein paar kleinen süßen Wohnhäusern führte. „Coyote Lane, klingt ja“, Gwen biss sich gerade noch auf die Zunge, „klingt ja sehr nett!“ Charlie lächelte: „Ja wir sind gleich da, die letzte rechts ist die Courgar Lane, da steht das Haus!“ Die fahrt dauerte wirklich keine Minute mehr, sie bogen am Ende der Straße nach links ein und standen einige Sekunden später vor einem niedlichen aber großen Einfamilienhaus. Charlie stellte den Motor aus und reichte Ariana einen Schlüsselbund: „Der Chief und seine Frau haben es persönlich für dich eingerichtet, er hofft sehr das es dir und deiner Familie gefällt!“ Ariana konnte es nicht fassen, das süße weiße Haus sollte ihnen einfach so geschenkt werden. Damit sie hier arbeiten konnte und sich ihre Familie wohl fühlen konnte. „Danke Charlie, ich denke wir sehen uns dann später?“, sie riss die Autotüre auf während Gwen und Axel das Fahrzeug schon verlassen hatten und jubelnd auf das Haus zustürmten. „Ich hole dich in einer Stunde wieder ab!“, Charlie lächelte, „schließlich hast du deinen Dienstwagen ja noch nicht!“ Ariana bedankte sich und stieg aus, ein Dienstwagen auch noch, sie war total gebannt von dieser tollen Entwicklung. Gwen und Axel warteten auf der kleinen Terrasse vor der Eingangstüre bis sie endlich mit dem Schlüssel ankam. „Mach schon“, drängte Axel, „ich will mein Zimmer sehen!“ Ariana drehte den Schlüssel im Schloss und schwang die Türe auf, sodass alle ihr neues Zuhause begutachten konnten. Im Erdgeschoss befand sich nach dem kleinen Vorraum mit Garderobe, eine große Wohnküche mit Esszimmer, alles mit sehr hellem Holz und violetter Deko ausgestattet. In der Küche entdeckte Gwen einen Geschirrspüler, ein wunderbaren E-Herd, und einen Entsafter, alles Gegenstände die sie in Brooklyn in der alten Küche nie hatten. Da war ein Gasherd das einzige gewesen, auf dem Axel sich seinen Tee kochen konnte. Daran knüpfte ein sehr geräumiges Wohnzimmer mit wunderschönem Kachelofen an, worin ein weißes Stoffsofa und ein großer Fernseher standen, ein paar Regale und nette Zierkissen. Es gab noch zwei kleinere leere Zimmer und ein Schlafzimmer mit Bad. Dieses ist ausgestattet mit Wanne, Waschbecken, Toilette und Waschmaschine.
Über eine Holztreppe im Wohnzimmer gelangten sie ins Obergeschoss auf die Galerie, von der man die 4 Zimmer und das Bad mit Dusche und Toilette erreichen konnte. Axel entschied sich dafür zwei der Zimmer zu beanspruchen, eines zum schlafen und eines zum lernen. In den anderen beiden Zimmern lag ein wunderschöner alter Holzfußboden, in den Gwen sich sofort verliebte.
Schließlich gingen sie über eine weitere Holztreppe ins Dachgeschoss - ein etwa 100m² großer Raum mit 2 vollen Glaswänden mit modernen Alu-Türen an der Nord- bzw. Südseite und 2 Balkonen über die gesamte Länge mit herrlichem Ausblick. „Wow!“, Axel betrachtete den wunderschönen Raum in dem nur ein Bett und ein Schreibtisch stand und ein Teppich lag. „Ich finde Ariana sollte das Zimmer haben“, Gwen verschenkte die Arme, „sie hat ihn Brooklyn auf dem Sofa gehaust damit wir beide ein eigenes Zimmer haben Axel, und jetzt hat jeder von uns zwei Zimmer und unten ist ein Gästezimmer!“ Axel nickte zustimmend: „Ja, das stimmt, Ariana, das ist dann wohl dein Zimmer!“

Ariana war gerührt, sie lies ihre Reisetasche fallen. Der Raum war wunderschön, Gwen und Axel gingen die Treppen wieder hinunter um ihre Zimmer einzurichten. Ariana lies sich auf das weich gefederte Bett fallen, wie lange war es her, dass sie in so etwas jede Nacht geschlafen hatte. Bis jetzt schien alles wunderbar zu sein.

Genau eine Stunde nach ihrer Ankunft hupte Officer Charlie draußen vor der Türe, Ariana sprintete die Treppen hinunter: „Axel? Gwen? Ich fahre aufs Revier, wenn ihr etwas braucht ruft mich an!“ Gwen winkte ihr aus der Küche zu: „Wir werden zum Supermarkt gehen und sehen was wir für 51 Dollar kaufen können okay?“ Ariana nickte und verließ das neue Haus.


Kommentare

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    Yyippie gleich ein neues Kapitel zum Lesen. ^^ Freue mich schon auf Kapitel drei. :D

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