Schweigen

Er würde sein Versprechen halten. Dieses Mal. Er war sich absolut sicher. Die Option zu bereuen hatte es seit seiner Kindheit nicht mehr gegeben. Er würde nicht jetzt anfangen, an seinen Fähigkeiten zu zweifeln.

»Warum machst du nicht mal was Sinnvolles mit deinem Geld?«

Er schnaubte, warf ihm einen Blick über den Rand seines Computers zu. Wie er dastand, aus dem Panoramafenster über Domino hinweg schaute, als würde er von einer Zukunft träumen. Sein Haar strahlte, als stünde es in goldenen Flammen, während die Sonne aufging. Um seinen Mund hing ein Lächeln.

Vielleicht dachte er auch nur über seine nächste Mahlzeit nach.

»Ich verwende mein Geld ausschließlich sinnvoll«, erwiderte er. »Ich finanziere humanitäre Projekte. Dazu veranstaltet die KC zahlreiche Charity-Events und –«

»Und mit deiner Zeit und lädst deine Freunde mal zum Essen ein.«

Er verzog den Mund. Natürlich, Wellings Prioritäten pendelten zwischen Freunden und Nahrungsaufnahme.

»Meine Freunde«, echote er, als wäre es ein Gestank, den er nicht loswurde, wenn er einmal an ihm haftete. Jedem war bewusst, dass es nicht seine Freunde, sondern Wellings Freunde waren. Er duldete sie höchstens.

»Natürlich mit Maximilian und seiner Frau. Und die kleine Maya. Sie wird bald schon sechs, wusstest du das, arroganter Geldsack?«

»Arrogant von deiner Perspektive, Welling«, erwiderte er, »aber Ambition, vor allem, wenn sie zielgerichtet ist mit den nötigen Kapazitäten –«

Jonas Welling hatte die Nerven, ihm mit großen Schritten entgegen zu stolpern, um ihm gegen seinen Hinterkopf zu schnipsen.

»Laber nicht«, murrte er und legte dann die Hand auf seinen Arm. Wenn er die Augen schloss, fühlte es sich ganz warm an.

»Du verlierst das Wichtige aus dem Blick, Kaiser.«

Er stimmte an dieser Stelle nicht mit Wellings verqueren Weltsicht überein. An vielen Stellen natürlich, aber hier besonders. Er vergeudete seine Zeit erst gar nicht, um ihm die offensichtlichen Argumente darzulegen.

»Du weißt schon, dass das Ganze hier selbst für dich ziemlich abgefuckt ist, oder?«, flüsterte Welling.

Er antwortete nicht, stattdessen riss er die Augen auf und tippte weiter.

Stille und Computersirren. Welling hatte es nie ertragen, lange zu schweigen.

»Weißt du, was du tun müsstest?«

Ja, er wusste es, aber er wollte es nicht.

»Ich habe jetzt keine Zeit für deine erbärmlichen Versuche, Konversation zu betreiben. Der Prototyp ist fast fertig. Hör auf, mich abzulenken.«

Vielleicht verlor er seinen Verstand, vielleicht riskierte er einen gesunden Bezug zur Realität. Aber er würde sein Versprechen nicht brechen. Nicht dieses Mal.


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