Ich liege im Bett und beginne schon fast zu träumen. Über meinem trägen Körper liegt das dicke Federbett und die bunten Wollsocken um meine Füße spenden eine wohlige Wärme. Wenn ich aus dem Fenster sehe, erblicke ich den dunklen Winterhimmel und meine beinahe diese wundervoll frische Luft zu spüren, welche bei meinem nächsten morgendlichen Spaziergang durch die taufrischen Wege dieses schönen zuhauses wieder schneidend durch mein Haar fahren wird. Meine Brust hebt und senkt sich langsam, als ich tief einatme und laut seufze. Wie schön es ist, einfach hier zu liegen, voll erfüllt von Wärme, und über sich selbst, Gott und die Welt nachzudenken. Deshalb liebe ich die Nacht, egal was für einen Tag ich habe, diesen Moment unmittelbar vor dem Einschlafen, den kann mir niemand nehmen, weder der Stress, noch die Trauer, noch die Angst. Ich werde immer diesen Augenblick mit mir selbst haben, in dem niemand auf mich blickt, niemand sich für mich interessiert. Indem ich einfach mit mir allein bin. 
In meinen Augen spüre ich dieses sanfte Brennen, das mir so vertraut ist. In meinem Halse scheint ein kleiner Geist aufzusteigen um als hässliches Schluchzen aus meinem Munde zu dringen, doch ich presse meine Lippen hart aufeinander und weine stumm. Diese ganze Idylle der letzten Wochen wird morgen wieder gebrochen werden, das Einzige was bleibt sind die Erinnerungen, welche sich an gutem wie an schlechtem Tage melancholisch in meinen Geist bohren werden. Schöne Erinnerungen, zweifelsohne, doch werden sie mich erinnern machen dass es meine Entscheidung war, dass ich dieses Leben gewählt habe. 
Wenn ich morgen wieder aufstehen und meine Noten geschultert zum Unterricht gehen werde, dann weil ich es liebe. Wenn ich morgen wieder in Gedanken unglücklich verliebt an einem malerischen Strand in Südfrankreich sitzen und den Sonnenuntergang beobachten werde, dann weil ich (unglaublich) dankbar sein muss, dass ich diese Möglichkeiten und dieses Glück genießen kann. Und wenn ich morgen wieder Dir begegne und mit Dir Eins werde, dann ist das weil ich so wahnsinnig verliebt bin. 
Aber ich habe keine Energie, keine Lust, keine Freude darauf (wie sonst), weil dies nur der süße Anfang ist, mit welchem die Realität wieder unbarmherzig über mir zusammen bricht.
Kaum sind Montag und Dienstag vergangen, lauert schon der Mittwoch - und ich weiß nicht was er für mich noch bereit hält. Neben dem Abschied. 
Ich werde meine Sachen sammeln, in den Zug steigen und wenn ich wiederkomme wird dort in unserem wunderbaren Salon kein Weihnachtsbaum mehr sein, kein Tannengeruch wird in der Luft liegen und keine Kerzen werden leuchten, die Skatkarten längst wieder in ihrer Kiste, die Spieluhr weggepackt, die Familie zerrissen. 
Und das schlimmste ist, ich hatte die Wahl.
Aber wie jedes Mal werde ich wieder in diesen Zug steigen und schon am Donnerstag wird das ganze Unheil mich zu Boden reißen, ich werde schreiben, laufen, lernen, mich nach dem süßen Klang sehnen, aber keine Gelegenheit finden ihn zu leben.  Im goldenen Regen wird mich mein Weg ohne blauen Schirm zu jener Bank führen, welche mich schreien  zwingt "ich bin nicht genug!". Ich werde traurig sein und wütend, müde und schwach werde ich mich am Freitag aus dem Bett quälen, die vielen Verpflichtungen und Aufgaben, all meine Vorstellungen und Erwartungen werden mir auflauern und mich daran erinnern, dass ich wieder versagen werde und es nicht besser wird, nein, wenn ich an diesen eigentlich so goldenen Sonnabend denke, spüre ich die Pflicht im Nacken sitzen .. Und Dein Versprechen prickelt unter meiner Haut. Ich weiß wir werden uns sicher sehen, spätestens am Sonntag wenn Du  Dein Wort hältst. Doch wenn nicht, werde ich an diesem Wochenende dem ich mich doch in freudiger Erwartung entgegen drängen müsste lediglich mit stumpfen Sinne sitzen, meine Liebe leben und das lernen, was mir im Leben am meisten bedeutet. Und während dessen im Geiste schon bei Montag sein, wenn mit neuen Aufgaben gespickt der ganze Horror erneut beginnt. 
Ich drehe meinen Kopf und starre in die Dunkelheit. Ein kleiner Schauer durchläuft meinen Körper, als ich in die Stille horche. Mit meinen kalten Fingerspitzen streiche ich mir über das Gesicht, meine trockenen Lippen, meine feuchten Wangen. Ich fahre meinen Hals hinab, über meine Schultern und meinen Arm entlang. Mit der einen Hand umschließen ich das Handgelenk der anderen, fühle die harten Knochen, die kühle Haut und die sanften Muskeln. Wie schön es ist, wenn man seinen Körper spürt. Meine Finger scheinen voll unruhiger Energie, als wollten sie unbedingt wieder das tun, womit sie Menschen zu Tränen rühren und mir eine so wundervolle Erfüllung bereiten. Doch es ist mitten in der Nacht, meine Musik muss schweigen. Deshalb gebe ich meinen Arm für sie frei, sie graben sich in die Haut, kratzen und quetschen, schreien mein ganzes Leid hinaus.
Wie schön es ist, wenn man seinen Körper spürt. 
Ich werde flirren, mich fühlen als wäre dort nichts außer meinem müden Geist, der stur und träge seinen Tribut bringt, bis ihn die nächste Gelegenheit entlastet. Bis die Ferien anbrechen und mich der Zug nach Hause bringt. Und ich werde hier liegen, in diesem, meinem Bett, unter dem blauen Bezug und ich werde mir wie jetzt die Schrecken ausmalen, doch vielleicht wird mein Licht mir heller scheinen. Denn es gibt doch auch so viel schönes, sonst hätte ich mich niemals für dieses Leben entschieden.
Ich werde auf Maries Bett den immer gleichen Liedern lauschen, während sie über meinen Schlaf wacht. Ich werde mit Louis den Weg zu den Nymphen finden um ihnen zu sagen, wie freundlich sie sind. Ich werde mit Grete "ein Fest fürs Leben" genießen, wenn sie ihre Genitive gefunden hat. Ich werde mit Milan auf den harten Dielen liegen und er wird davon erzählen wie es ist, zu fliegen. Ich werde Emmas ganze Integrität (integritet;)) auf brauchen um mit ihr die beste Party zu feiern, die Rom je gesehen hat (obwohl wir auf Daphnis und Chloe verzichten müssen). Und vielleicht werde ich auch Leonards goldene Lippen küssen, wenn er endlich zugibt dass er kein Wunder braucht um zu klingen wie er es wünscht. Er braucht bloß zu spielen, mit diesem sanften Atem, und mein Herz wird strahlen, heller noch als die Augen Cupidos. Denn ich liebe Dich, ohne Zweifel, so wie ich die Musik liebe und wie ich meine Finger liebe und meine Noten. 
Doch ich weiß nicht, ob ich Dir auch diese andere, große, ungewisse Liebe entgegenbringen kann.

Ich schlage die Decke zurück und setze mich im Bett auf. Meine Hand langt nach vorn und dreht den Fenstergriff, bis die Luft in kalten Wellen ins Zimmer schlägt. Ich schließe meine Augen.
Es wird hart. Es wird schön.
Ich weiß nicht, ob ich mir das immer bewusst machen kann. Ich weiß nicht, ob ich es aushalte im Ungewissen zu bleiben. Ich weiß nicht, ob ich dem Zwang wieder stehen kann.
Doch ich weiß, dass ich es so gewollt habe.
Und ich weiß, dass dies die Luft der Freiheit ist.

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