Strophe 6: Der Mensch wird am liebsten belogenn

Sie brauchen dich sehr,
der Mensch wird am liebsten belogen.
Du brauchst sie nicht mehr.
Du hast dich beim Salto verflogen.

aus "Akrobat" von Heinz Rudolf Kunze



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Die Geschichte des Akrobaten Patrice Renard beginnt und endet in jener blauen Stunde, die jeden Artisten vor und nach dem Auftritt tagtäglich wieder auf ´s Neue ereilt.
In jener letzten, einsamen blauen Stunde saß Patrice allein in seinem Mobil Home in Vancouver und ließ die vergangenen drei Jahre mit all ihren Bildern und Erinnerungen an seinem inneren Auge vorbeiziehen.
Alles begann in Paris. Paris, jene Stadt, in der er aufgewachsen war und die er liebte wie seine Heimat.
Alles begann in Paris und nun endete es auch dort. Für Celia, für Celia und sein Kind, das er nie kennengelernt hatte.

Die Show war gut gelaufen heute, wie immer.
Zwei, drei Verbeugungen, Applaus, Hochrufe, dann hatte er die Manege verlassen.
Nur, um von Connelly abgefangen zu werden, der ihn mit ungewöhnlich ernstem Blick zu sich gerufen hatte.

Was dann kam, blieb für Renard wie ein Traum, wie eine Welt hinter einem dicken Nebel, ein Trugbild. Der Ältere hatte ihn hinsetzen lassen und dann von einem Anruf gesprochen. Es habe Komplikationen gegeben, wurde ihm gesagt. Bei wem, hatte er wissen wollen, was habe sich kompliziert.
Connelly hatte ihn einen Moment lang nur angestarrt, bevor er antworten konnte.
Doch Renard verstand ihn kaum.
Ein Treppensturz sei die Ursache gewesen, ein Riss in der Gebärmutter. Sie sei schließlich allein zuhause gewesen. Wer hätte da den Notarzt rufen können?
Schicksal wäre so etwas. Ihn träfe keine Schuld.
Connelly habe es schon vor dem Auftritt gewusst, doch das hätte ja auch nichts mehr geändert, nicht wahr?

Es dauerte lange, bis Renard verstand, was ihm der Ire sagen wollte. Doch auch dann fand er keine Antwort. Er war ein Meister des Trapezes, nicht der großen Worte.
Irgendwann war er aufgestanden und einfach gegangen. Er hatte sich vor den Spiegel in seinem Wohnmobil gesetzt und langsam und sorgfältig die Schminke abgewischt, bis er sein eigenes Gesicht sah. Lange starrte er dem Mann vor sich in die Augen, doch er erkannte sich selbst nicht mehr wieder. Erinnerungen kamen hoch und eine davon wurde immer mächtiger. Noch einmal sah er sich mit Celia hoch oben in der Manege, fühlte, wie sie sich an ihm festklammerte und mit ihm flog.
„Ich danke dir, Patrice, und ich liebe dich.“
Als sich der Akrobat nun erhob, geschah es wie in Trance. Vorsichtig legte er das Kostüm ab und zog seine einfache Trainingskleidung an, wie er sie auch damals getragen hatte. Als er die Manege betrat, waren die Lichter bereits gelöscht. Er war allein.
Doch er kannte sich hier aus, dies war sein Platz, der Ort der kurzlebigen Erfolge, des Applauses, der Ort seiner Einsamkeit am Himmel der Zeltkuppel. Sorgfältig stellte er den einzelnen Spot ein, der die Nummer des Fliegenden Holländers beleuchtete. Er legte den Sicherungsgurt um, hängte den Karabiner ein und stieg langsam und bedächtig nach oben.
Noch einmal überblickte er die Weite der jetzt leeren Arena, bedachte, wo er stand und wie er hierher gelangt war. Dann löste er das Trapez aus seiner Halterung, puderte seine Hände gründlich mit Talkum und musterte noch einmal mit Kennerblick all jene Stricke und Seile, die zum Leben seiner letzten drei Jahre gehört hatten. Es gab dem nichts mehr hinzuzusetzen.

Renard war Artist, Sportler, Akrobat und er hatte begnadet ruhige Hände.
Als er jetzt den Karabiner öffnete und das Sicherungsseil nach unten warf, zitterten seine Finger nicht. Noch einmal rief er sich jenes Gesicht ins Gedächtnis, das ihm alles bedeutet hatte, dann ergriff er das Trapez und schwang sich hinaus in die dunkle Weite der Zeltkuppel.
Schweigend glitt der Akrobat durch die Luft, kontrollierte den Flug, kontrollierte sich. Erst am höchsten Punkt, dort, wo die Bewegung in ihr Gegenteil umschlagen musste, ließ er los. Es gab keine Salti mehr, es gab kein Fangnetz.
Patrice Renard war in den letzten Sekunden seines Lebens vollkommen frei.

ENDE

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