Unerwartete Hilfe

Die Wunden, versorgt durch den Herbalisten William, heilten überraschend schnell und die Schmerzen waren in der Tat nach zwei Tagen verschwunden. Aus den Striemen, die die vermaledeite Gerte des Abtes auf meiner Haut hinterlassen hatte, würde ich allerdings sicher Narben zurückbehalten.

Aber das machte mir wenig aus.

Narben mussten nicht immer schlecht sein. Sie konnten auch ein Zeichen von Stärke sein. Oder von meinem Starrsinn, in diesem Kloster überleben zu wollen.

Für meinen Bruder, der hier allein zugrunde gehen würde.

 

Der alte Abt machte sich natürlich nicht die Mühe, irgendein Wort des Bedauerns zu äußern, dass er mich blutig geschlagen hatte.

Und ich musste mir eingestehen, dass er Recht daran tat. Denn im Grunde war ich es gewesen, der etwas Unrechtes getan hatte. Ich hatte gegen ein göttliches und ein klösterliches Gebot verstoßen.

Doch ich war nach wie vor sicher, dass Gott einem hungrigen Kind nicht die Barmherzigkeit eines kleinen Stück Brotes versagen würde. Jedoch wagte ich es selbstverständlich nicht, dies vor dem Abt zu äußern.

Dessen Autorität in geistlichen Fragen zu untergraben, war ein schweres Vergehen, welches noch schwerer wog, wenn ein unwissender Knabe dies täte.

In einem solchen Falle würde er mich totschlagen und irgendwo verscharren und wer würde sich dann um Lachlan kümmern?

Nein, so etwas konnte ich unmöglich riskieren.

 

Und so begann unsere Hungerphase erneut, denn ich wollte es in der darauffolgenden Zeit nicht riskieren, erneut erwischt zu werden. Lachlan wurde immer dünner und je weiter der Sommer sich in den frühen Herbst schob, desto mehr fiel mir auf, dass sein Husten schlimmer wurde.

Er versuchte, es zu verbergen, aber so manche Nacht weckte er mich, weil er nach Luft rang und versuchte, den hartnäckigen Schleim auszuspucken, der seinen Hals verstopfte.

Und ich begann wieder, nachts zu Gott zu beten, er möge ihn gesund werden lassen, wie die Male zuvor, als die Krankheit ihn im Griff hielt.

 

Durch das gute Wetter und die bevorstehenden Ernten des Gemüse- und des Obstgartens wurden wir in dieser Zeit häufig draußen eingesetzt.

Ich dachte oft daran, wie meine Eltern nun als Erntehelfer auf den Feldern des Lehnsherren standen und schwitzten und Lachlan und ich bei der Arbeit fehlten. Ebenso wie bei der Ernte unserer eigenen bescheidenen Felder.

Ich fühlte mich schuldig deswegen, denn schließlich hatte nur mein Bruder die Familie verlassen sollen. Ich fehlte nun als Kraft daheim bei meinen Eltern. Doch gleichzeitig bedauerte ich nicht, gegangen zu sein.

Denn ohne Lachlan hätte es kein Zuhause mehr für mich gegeben.

 

»Um Himmels Willen, dieser Bengel«, hörte ich Bruder Paulus fluchen. Lachlan und ich waren dazu eingeteilt, die Körbe mit Obst in das Lager zu tragen. Freilich waren diese viel zu groß und demnach viel zu schwer, als das mein kleiner Bruder diese hätte tragen können. Er mühte sich ab, kam aber nicht wirklich voran.

Der Bruder, dem die Flüche generell ziemlich locker auf den Lippen saßen, betrachtete das Schauspiel und sah aus wie ein Bussard, der seine Beute taxiert.

»Lachlan, komm, nimm diesen. Lass mich deinen Korb tragen.«

Ich schob meinen Bruder zu meinem Korb hin, der Rüben enthielt, aber leichter war als seiner, der Äpfel aufbewahrte. Ein dankbarer Blick war alles, was zwischen uns ausgetauscht wurde, denn jedes Reden wurde schnell als Geschnatter abgetan und mit harschen Worten gerügt.

Nach einiger Zeit begann mein Rücken zu schmerzen, aber es setzte keine abwertenden Kommentare der anderen Mönche mehr. Ich wollte die Aufmerksamkeit nicht unnötig auf die Schwächen meines Bruders lenken.

 

Während wir arbeiteten, konnte ich wieder einmal beobachten, dass einige der Mönche in uns so etwas wie billige Arbeitskräfte sahen. Denn da wir dabei waren, die Körbe und Krüge zu verstauen und sie dem zuständigen Mönch zum Eintragen in die Lagerlisten zu melden, taten die anderen, deren Aufgaben unseren gleich waren, keinen Finger mehr krumm.

»Henry... ich kann nicht mehr...«, japste Lachlan nach einiger Zeit und ich konnte sehen, dass sein Gesicht rot war. Es lag sicherlich auch an der Sonne, die auf uns niederbrannte. Wir und auch die anderen Mönche, die arbeiteten, hatten längst die schweren Wollkutten ausgezogen und arbeiteten in Hemd und Hose.

»Setz dich einen Moment, ich hole dir etwas Wasser«, sagte ich und drückte Lachlan in den Schatten eines Baumes.

Am Brunnen holte ich einen Eimer erfrischend kaltes Wasser hoch, tauchte den Becher ein und reichte ihn meinem Bruder. Eine Geste, die auch dem grummeligen Bruder Paulus nicht entgangen war.

»Wer hat gesagt, dass ihr beiden eine Pause machen dürft? Seht ihr nicht die Mengen an Kübeln, die noch verstaut gehören, bevor die Nacht hereinbricht?«, frotzelte er und starrte mich nieder.

Ich mochte ein Kind sein, doch ich ließ mir von einem Mönch, der selber gerade erst den Kinderschuhen entwachsen war, nicht sagen, dass wir keine Pause machen durften. Nicht, nachdem wir die Hälfte seiner Arbeit mitgemacht hatten.

»Verzeih Bruder«, sagte ich gezwungen höflich, »doch mein Bruder braucht einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen.«

Bruder Paulus schien sich sehr groß vorzukommen, denn er stemmte die Hände in die Hüften und sein Blick wurde wieder zu dem eines Raubvogels.

»Deine Eltern haben gehörig bei deiner Erziehung versagt, so oft, wie du Widerworte gibst. Hier herrscht Gehorsamspflicht und wenn ich dir sage, dass du keine Pause machst, dann machst du die nicht, verstanden?«

Ich schluckte.

Ich war ein Niemand hier in diesem Kloster, gewissermaßen ein Rechtloser, weder ein Mitglied der Novizenschaft noch der Mönche und sicherlich stand der gerade mal 17-jährige Bruder Paulus in der Hierarchie über mir, doch ich wollte lediglich, dass mein Bruder, der ohnehin aufgrund des Hungers und der Erschöpfung wieder kränkelte, einen Moment des Verschnaufens hatte.

Doch gleichzeitig wollte ich mich von dem arroganten Sohn eines Grundbesitzers, den sie nur ins Kloster gesteckt hatten, weil er zu hässlich war um zu heiraten, nichts sagen lassen.

Ich nahm die Gehorsamspflicht üblicherweise sehr ernst, aber an diesem Jungen störte mich so einiges gehörig.

»Nachdem Lachlan und ich in den vergangenen zwei Stunden auch die Kübel verräumt haben, die du hättest wegschaffen sollen, haben wir uns zwei Minuten zum Luftholen verdient, denke ich.«

Bruder Paulus lachte.

»Oh, sieh an, der Bauerntölpel meint, er könnte denken und mir sagen, ich hätte meine Pflicht versäumt.«

»Das hast du«, erwiderte ich nur, was mir einen bösen Blick einbrachte.

»Du kleiner Scheißer, wie redest du eigentlich mit mir? Wer bist du kleiner Abschaum denn?«

»Jedenfalls habe ich begriffen, dass mit dem Einzug hier ein neues Leben begonnen hat. Du scheinbar nicht, denn du führst dich immer noch auf wie der Sohn eines Gutsherren, den die Mädchen reihenweise verschmäht haben.«

Ich konnte Lachlan hinter mir kichern hören, war dies doch allgemein ein Gespöttthema in den Klostermauern.

Bruder Paulus merkte das auch und hob schon die Hand, um mich zu schlagen, als eine milde Stimme einschritt.

»Na na, Bruder Paulus. Erheben wir die Hand gegen Kinder, die durstig und erschöpft sind nach harter Arbeit?«

Ich wandte den Kopf und blickte in die von freundlichen Runzeln umsäumten blauen Augen des Herbalisten William.

»Ich brauche die Jungen bei mir im Kräutergarten und würde ihren restlichen Anteil an der Arbeit hier gern auf dich und die anderen aufteilen, wenn es Recht ist.«

Bruder William stand in der Hierarchie um einiges höher als der junge Bruder Paulus und so konnte dieser nur nicken. Im Grunde waren natürlich alle Mönche in einem Kloster gleichgestellt, aber das Alter und die Jahre, die man im Dienste des Ordens verbracht hatte, brachten einem Mönch schon einen gewissen Stand ein.

»Kommt ihr, Jungs? Ich brauche schmale Hände, die Unkraut rupfen.«

Lachlan leerte seinen Wasserbecher und folgte mir und dem alten Mönch, der kicherte, als er die Tür zum Kräutergarten hinter sich schloss.

»Oh dieser unsägliche Paulus. Der wird einen schweren Stand haben, so er diesen Standesdünkel nicht ablegt.«

Lachlan und ich blickten ihn nur an, erwartend, was er uns zu tun geben würde. Wir waren noch nie zuvor im Kräutergarten und der Duft darin hüllte uns wie eine Wolke ein.

»Ruht euch noch einen Moment aus, wenn ihr wollt. Das Jähten geht ziemlich auf den Rücken«, lächelte der Mönch und streckte uns die Hände hin. Sein Lächeln wurde breiter, als er uns ermutigte, ebenfalls die Finger auszustrecken.

Er ließ in meine und Lachlans Hände jeweils einen kleinen Apfel fallen, der sehr rot war und sehr süß aussah.

»Genießt eure Pause und dann geht’s los.«

 

Von diesem Tag an verbrachten Lachlan und ich relativ viel Zeit im Kräutergarten, da William unsere geschickten Hände schätzte – so sagte er es den anderen Mönchen. Sicherlich arbeiteten wir, solange wir dort waren, doch er erlaubte uns ebenfalls, hier und da Obst zu essen, welches er besorgt hatte oder einfach ein bisschen in der Sonne zu dösen.

Dies musste der Grund sein, warum sein Gesicht so braun war.

Alles in allem sorgte er mit seiner kleinen List dafür, dass sich Lachlans angespannter Zustand wieder etwas besserte und dass wir nicht mehr völlig kaputt und mit schmerzenden Gliedern abends ins Bett fielen.

 

Wir hatten in ihm einen unerwarteten Verbündeten in unserem Kampf, die ersten Monate des Klosters zu überleben.

Und glaubte ich anfangs, er wäre ein bisschen verquer eingestellt, dass er Lachlan oder mich würde anfassen wollen, hatte ich mich in ihm getäuscht. Er kam uns nie näher als es sein musste und benahm sich eher wie ein Großvater.

Er wurde die erste wirkliche Bezugsperson, die Lachlan und ich außer einander hatten.

Kommentare

  • Author Portrait

    Schön... und nach wie vor interessant.

beta
Feenstaub

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