V. Moritz

Anouk hatte den Raum mit fragendem Gesichtsausdruck verlassen. Professor Grigorjew war ihr noch immer unheimlich, um nicht zu sagen, wesentlich unheimlicher als zuvor.
Das Summen in ihrer Hosentasche lenkte sie von dem schauderhaften Gedanken an ihren Professor ab, also schaute sie auf das einzige Objekt, welches durch die Dunkelheit leuchtete, ihr Handy.
Rheinpark, 17:30 Uhr, unter der Eiche am Rhein. Wenn du willst, kannst du herkommen. Ich würde gerne mit dir reden.
Die Nachricht stammte von Moritz. Nun, man konnte nicht sagen, dass die beiden Freunde waren. Sie hatten sich vor etwa zwei Wochen auf dem Universitätsgelände kennengelernt, nachdem Moritz ihr ausversehen seinen Kaffee auf die Jacke geschüttet hatte.
Anouk war der festen Überzeugung gewesen, dass er es mit Absicht getan hatte, damit er sie ansprechen konnte, aber genau wusste sie das auch nicht.
Sie warf einen Blick auf die Handyuhr. Scheinbar hatte sie gut eine halbe Stunde mit dem Professor geredet, denn die Uhr zeigte Viertel vor Fünf. Wenn sie sich beeilte konnte sie noch den Zug erwischen und gegen halb Sechs in Deutz sein, aber die angegebene Uhrzeit würde sie nie im Leben einhalten können. Also schrieb sie:
17:45 Uhr.
Als Antwort erhielt sie einen lächelnden Smiley und ein Luftstoß verließ ihre Lippen. Sie war Moritz nicht abgeneigt, aber in letzter Zeit schien er ein wenig unter Stress zu stehen, vermutete Anouk. Sie hatte ihn neulich bei den Spinden beobachtet, wie er irgendetwas geschnupft hatte. Doch da sie sich mit Drogen nicht auskannte, tat sie so als hätte sie nichts gesehen und sprach ihn auch nie darauf an. Immerhin hatte wohl jeder seine eigene Last zu tragen.
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Köln Süd war leer. Anouk empfand es als verwirrend um diese Uhrzeit, an einem Freitag, niemanden mehr an den Bahngleisen anzutreffen. Normalerweise war der Bahnhof rappelvoll, weil alle in die Innenstadt fuhren, um sich dort auf ein Gläschen Kölsch und einen Plausch in irgendeinem Lokal zu treffen, aber die Studenten blieben heute abend wohl in versammelter Runde in den Kneipen der Südstadt.
Irgendwie eigenartig. Fast so, als wollte man Anouk darauf hinweisen, sich heute abend nicht zu weit von zuhause wegzubegeben.
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Der Kölner Hauptbahnhof zog vor ihren Augen vorbei und kurz darauf spiegelten sich die letzten Sonnenstrahlen der untergehenden Sonne auf dem Rhein.
Ihr huschte ein Lächeln über das blässliche Gesicht. So etwas Schönes hatte sie schon lange nicht mehr beobachtet, zumal man die untergehende Sonne von ihrer Wohnung aus nie sehen konnte.
Als sie in Deutz ankam und am Messegelände entlang lief, überkam sie ein eigenartiges Gefühl. Sie blickte sich zwar mehrere Male um, konnte aber niemanden erkennen. Offenbar war dieser Freitagabend anders als die anderen, weil niemand außer ihr auf dem Gelände unterwegs war.
Der Winde wehte durch ihre Haare, die Kälte des Herbstes biss sich in ihre Haut, weshalb sie den Mantel weiter zuzog und die Hände in die Manteltaschen steckte.
Nach einem kurzen Spaziergang kam sie endlich im Park an und suchte am Rheinufer nach dem jungen Mann, der sie herbestellt hatte. Moritz.
Sie konnte ihn direkt unten am Rhein erspähen, wie er völlig gebannt auf sein Handy schaute, die Tasche, die er immer in der Uni dabei hatte, um die Schulter gehängt.
"Hey Moritz", rief sie, während sie auf ihn zu ging.
Er drehte sich schlagartig zu ihr und blickte hinauf. "Anouk", säuselte er mit fröhlichem Gesichtsausdruck. Nun stand sie vor ihm und wunderte sich, was er eigentlich von ihr wollte.
"Du wolltest mit mir reden?", fragte sie und drehte dabei den Kopf schief. "Oh eh", Moritz schien etwas abgelenkt zu sein, "ja genau." Er tippte schnell etwas auf seinem Handy, dann widmete er sich voll und ganz seinem Gegenüber. "Ich wollte dich etwas fragen", entgegnete er und scharrte dabei mit einem Fuß auf dem regennassen Boden.
"Gehen wir vielleicht irgendwohin?", sprudelte es erwartungsvoll aus ihm heraus. "Jetzt?", fragte Anouk überrascht. "Ja, jetzt", versicherte er. "Ähm, ich weiß nicht. Weißt du, ich habe meinen Aufsatz noch nicht zu Ende geschrieben und ...", Anouk holte tief Luft und richtete ihren Blick zur Seite, weil sie sich irgendwie versuchte rauszureden.
Moritz warf ihr einen misstrauischen Blick zu. "Aber den hast du doch heute abgegeben", sagte er in einer tiefen Stimmlage und musterte akribisch ihre Augen.
Anouks Kinnlade klappte herunter, obwohl sie versuchen wollte sich nichts anmerken zu lassen.
Woher wusste Moritz von ihrem Aufsatz? Sie hatte ihm nicht davon erzählt, geschweige denn davon, dass sie ihn heute abgegeben hatte. Zum Zeitpunkt ihres Gesprächs mit Professor Grigorjew hatte er sich nicht einmal mehr im Universitätsgebäude befunden.
"N-nein", stotterte sie, machte das Gespräch dadurch aber nur noch schlimmer.
"Du musst mich nicht anlügen, Anouk. Wenn du heute Abend nichts mehr unternehmen willst, sag es mir doch einfach", Moritz kicherte.
Sie fühlte sich schlecht, weil sie ihn angelogen hatte. Andererseits bekam sie Angst, weil er ihre Lüge auf solch mysteriöse Weise durchschaut hatte.
"Wir können auch morgen etwas tun. Wir gehen ins Kino und abends Essen. Was hältst du davon?", bot er ihr an.
Sie wollte nicht noch einmal lügen, aber sie wollte privat nichts weiter mit ihm zu tun haben, weil sie genau wusste, was er von ihr haben wollte. Anouk war seit der Sache mit Mr. Money ziemlich misstrauisch und abgeneigt dem männlichen Geschlecht gegenüber geworden.
"Moritz, das ist sehr nett von dir...", begann sie, doch er schnitt ihr das Wort ab.
"Prima, dann um 14 Uhr vor dem Hauptbahnhof", meinte er und setzte eine erwartungsvolle Miene auf.
"I-ich. Hör zu", sie versuchte so wenig wie möglich verletzend zu klingen, "du bist wirklich ein netter Kerl. Ich mag dich. Ja, wirklich. Nur brauche ich noch ein bisschen mehr Zeit für mich. Verstehst du?"
"Nein", sein Lächeln verschwand. Seine Züge wurden hart und eiskalt. "Du hörst mir jetzt zu, okay? Du und ich, wir werden morgen irgendwas unternehmen. Ja? D-das kannst du mir nicht antun. Seit Tagen trage ich dir deinen Kram hinterher und dann will ich mich einmal mit dir treffen und du setzt verziehst dich lieber!"
Anouk war geschockt über Moritz' Worte. Sein Gesichtsausdruck hatte beinahe etwas Verrücktes. Seine Augen funkelten ganz irr.
"Ich liebe dich, Anouk", stotterte er unter einem manischen Lachen und erwähnte Frau setzte vorsichtig einen Fuß nach hinten. "Aber, Moritz", sagte sie sanft kopfschüttelnd, "ich dich nicht."
Ein Zucken ging durch seine Augen, ein Ausdruck des Entsetzens und der Verständnislosigkeit. Anouk glaubte, dass nun eine Synapse in seinem Kopf durchgebrannt sein musste.
"Was?", hauchte er und riss die Augen weit auf.
Da erkannte sie es. Seine Pupillen. Sie waren so groß wie Oliven, seine Sklera blutunterlaufen. Er stand ganz offensichtlich unter dem Einfluss von Drogen.
"Du Miststück", schrie er ihr ins Gesicht, sodass es im ganzen Park zu hören war "du hast bestimmt einen anderen!"
Noch dachte sich Anouk sie könnte etwas ausrichten und ihn beruhigen. "Warum denkst du das denn?", fragte sie verwundert.
"I-ich hab dich doch n-neulich gesehen mit diesem Typen da!", brüllte er mit Tränen in den Augen zurück.
"Welcher Typ?", murmelte Anouk und kniff angestrengt die Augen weiter zu.
"Ist doch scheißegal wie er heißt. Ich hab dich mit ihm gesehen. Ihr wart vor dem Dom und habt Händchen gehalten!", erklärte er völlig aufgelöst.
"Moritz. Ich hab derzeit mit niemandem außer dir Kontakt, das schwöre ich dir. Ich weiß also nicht welches Mädchen du da mit welchem Jungen gesehen hast ... aber ich war es sicherlich nicht", rechtfertigte sie sich mit vorgehaltenen Händen. Sie vermutete, dass er, der Drogen wegen, schon seit ein paar Tagen so benebelt sein musste, dass er Halluzinationen hatte und sie mit einem anderen Mädchen verwechselte.
"Du elende Lügnerin, du kleines Biest!", schrie er und bewegte sich dieses Mal ruckartig auf sie zu.
Panik überkam Anouk, sie schritt zurück, setzte vorsichtig einen Fuß hinter den anderen und hielt noch immer ihre Arme schützend vor sich. "Moritz", mahnte sie, aber er kam immer näher.
"Ich bin ihnen allen nie gut genug und dir auch nicht!", wimmerte er und ballte die Hände zu Fäusten.
"D-das hat doch nichts mit dir persönlich zu tun", meinte sie und war sichtlich verängstigt darüber, dass ihr der junge Mann immer näher kam.
"Das haben sie alle gesagt", keifte er und blieb abrupt stehen und auch Anouk bewegte sich nicht weiter zurück. "Ich hab genug davon!", brummte er und warf sich mit seinem ganzen Körpergewicht auf Anouk.
Sie schrie auf, versuchte sich zu wehren, rief nach Hilfe, rang nach Luft, aber Moritz drückte sie nach unten, auf den kalten, nassen Erdboden.
"Hör auf, ich flehe dich an!", schrie sie, drückte ihn mit ihren Armen von sich weg, aber er war stärker. Er presste ihr die Hand auf den Mund. Nicht einmal ihr ruckartiger Versuch ihm in den Finger zu beißen, gelang. "Wieso halten sich alle nur von mir fern, Anouk, wieso?", fragte er sie verzweifelt.
Sie zappelte, schlug um sich, aber er konnte sie mit Leichtigkeit festhalten und lockerte seinen Griff nicht, nein, er griff noch fester zu.
Schnell tastete sie das Erdreich ab, suchte nach einem harten oder spitzen Gegenstand, aber sie fand nur losen Kies. Losen Kies?
"Ich möchte doch nur jemanden haben, an den ich mich in der Nacht anschmiegen kann und neben dem ich morgens aufwache", jammerte er plötzlich.
Anouk nahm ihre Chance wahr und biss die Zähne zusammen, während sie Moritz eine riesige Hand voller Kies ins Gesicht schleuderte. Er kreischte, hielt sich die Hände vor die Augen und stolperte rückwärts, nachdem er sich schlagartig aufgerichtet hatte.
"Ich bring dich um, du Schlange!", rief er wutentbrannt und Anouk rappelte sich, so schnell sie konnte auf, und rannte los. Sie atmete heftig, keuchte hin und wieder, blieb jedoch nicht stehen. Dafür schaute sie ab und zu hinter sich, um zu prüfen, ob Moritz sie verfolgte.
Das tat er auch, aber er strauchelte, konnte gar nicht richtig loslaufen.
Glücklicherweise konnte sie in den unbelichteten Teil des Parks flüchten und sich hinter einer kleinen Holzhütte verstecken, die wohl normalerweise als Kiosk diente.
"Anouk!", donnerte Moritz quer durch den Park, auf der Suche nach ihr.
Sie wartete hinter der Hütte, presste sich dicht an die Wand und atmete so leise es nur ging.
"Anouk!", grölte Moritz nun so laut, dass seine Stimme klang wie eine rasselnde Säge. Unmenschlich und Angst einflößend.
'Geh weiter', dachte Anouk nur mit zugekniffenen Augen und Lippen.
Nie im Leben hätte sie gedacht einmal solch eine Angst vor jemandem zu haben, den sie normalerweise mochte. Moritz hatte so einen freundlichen Eindruck auf sie gemacht, dass sie nicht einmal im Entferntesten davon ausgegangen war ihn eines Tages so zu erleben. 'Geh weiter.'
"Anouk?", ihr Atem stockte und ihr gesamter Körper zitterte, als sie Moritz' Stimme nun lauter vernehmen konnte. Und das nicht, weil er lauter brüllte, sondern, weil er näher gekommen zu sein schien.
Anouk spürte ihren Herzschlag und ihr Herz pochte so heftig, dass sie Angst bekam, es könnte sie verraten.
Plötzlich hörte sie ein Geräusch zwischen all dem Pochen und Schreien ihres Verfolgers.
Es klang wie ein Rascheln, dann Knirschen. Sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, was es war, auch nicht, als sie angestrengt den Kopf zur Seite drehte. In der pechschwarzen Dunkelheit war das Einzige, was sie wahrnahm die Beleuchtung des Zuges, in weiter Entfernung, oben auf der Hohenzollernbrücke, die man von hier aus spärlich sehen konnte.
Sich verloren fühlend blickte Anouk mit unscharfer Sicht auf den mit Laub bedeckten Boden unter ihr. Moritz war seit einer guten Weile verstummt. Es war still.
Er war weg...
Anouk schluckte, tastete sich langsam an der Wand entlang und schielte vorsichtig um die Ecke, wo sie den dunklen Vorplatz ausmachen konnte. Er war tatsächlich verschwunden.
Erleichtert trat sie durch das Laub, fuhr sich durch die Haare und spürte, wie an ihrem ganzen Körper Matsch haftete, der allmählich trocknete und abkrustete.
Sie schaute sich in der Umgebung um, drehte sich nach hier und dort, aber ihr Sichtfeld war von der Schwärze des Herbstabends begrenzt.
Sie setzte zum Gehen an, schlich aufmerksam geradeaus. Nur raus aus diesem Park, überlegte sie und forschte nach dem nächstmöglichen Ausgang.
Weiter hinten vernahm sie den Schein einer Straßenlaterne. Vermutlich befand sie sich wieder am Messegelände.
Immer wieder warf sie aufmerksame Blicke zu allen Seiten, aber sie war völlig allein. Die Straßenlaternen erhellten allmählich den Weg und der Bahnhof war nicht mehr weit. Das konnte sie von hier aus erkennen.
Nun fokussierte sie sich auf den Zug, wollte ihn nicht aus den Augen verlieren und eilte im sicheren Licht über den Bordstein.
Einen Moment lang glaubte Anouk jemand liefe hinter ihr, weil sie Schritte hörte, nur um dann den leeren Weg zu erblicken, der sich hinter ihr verkleinerte. Sie lief immer weiter und weiter.
Und dann war es wieder da. Die Schritte wollten einfach nicht aufhören.
Für einen kurzen Moment erkannte Anouk im Gebüsch eine Silhouette und verschnellerte ihren eigenen Schritt, sodass sie beinahe rannte. Die fremden Schritte wurden lauter, tönten in ihren Ohren. Tipp, tapp, tipp, tapp.
Sie riss den Kopf rum. Nichts. Ein weiteres Mal. Nichts.
Und als sie ihre Sicht zurück geradeaus richtete, stand er vor ihr.
Etwa 15 Meter entfernt mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ein Grinsen voller Triumph. Eine Maskerade des Diabolismus.
Seine Augen zitterten, der Mund verzog sich in einer krampfhaften Art, dass es Anouk einen Schauer über den Rücken jagte, aber er blieb einfach stehen und lächelte sie ununterbrochen an, wie eine Porzellanpuppe, die jemand dort hingestellt hatte.
Anouk stieß voller Schrecken hastig den Atem aus, bevor sie, mit möglichst großem Abstand, an ihm vorbeilief.
Sein verzerrtes, grinsendes Gesicht verfolgte sie dabei und Anouk kreischte fast, als sie bemerkte, dass er seinen Kopf bis zur Unendlichkeit drehte.
Doch er blieb stehen...
Nun schenkte sie ihm keine Aufmerksamkeit mehr. Sie rannte. So schnell und so weit sie ihre Beine tragen konnten. Sie verlor keine noch so winzige Sekunde und kraxelte japsend und prustend die Treppen zum Gleis hinauf. Zu dem Gleis, welches sie zuvor beobachtet hatte.
Sie wusste, dass hier ein Zug anhalten würde. Der Zug ihrer Freiheit. Ihr Weg in die Sicherheit ...

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