Verständnislos


„Hey Baby“, flüsterte Marc mir ins Ohr als er sein Gesicht in meinem Nacken vergrub.

Er begann sanfte Küsse auf meinen Hals zu verteilen und drückte sich fest gegen meinen Rücken. Langsam wanderten seine Hände von meinen Hüften zu dem Saum meiner Hose. Seine Finger umschlossen meine Bluse und versuchten sie herauszuziehen. Ich runzelte die Stirn, löste mich von ihm und schlug seine Hände beiseite.

„Lass das jetzt!“, sagte ich wütend und schüttelte den Kopf.

„Was genau ist dein Problem?“, fragte er mich und zog eine Augenbraue hoch.

„Ist das dein Ernst? Ich war gerade auf Mary’s Begräbnis, ich habe jetzt andere Sorgen“, fauchte ich ihm entgegen.

Marc schnaubte nur genervt und verdrehte die Augen. Das war so typisch für ihn.

Er hatte das Mitgefühl von einem Stein, er verstand einfach nicht wann man ein wenig sensibler sein sollte. Ich spielte mit der Theorie, dass der Grund dafür seine Berufswahl war. Marc war ein exzellenter Anwalt, keine Frage, doch es ließ ihn so ziemlich alles kalt. Das störte mich an ihm, doch irgendwie hatte ich mich in unseren drei gemeinsamen Jahren daran gewöhnt.

Ein anderer Auslöser für seine gefühlslose Art könnte auch seine Familie sein, welche zwar steinreich war, aber von Liebe nicht allzu viel hielt. Ich war ihnen natürlich ein Dorn im Auge, denn ich war alles andere als wohlhabend. Bei Dresswell verdiente ich gutes Geld, doch hauptsächlich arbeitete ich aus Freude dort und das verstanden sie nicht. Und noch weniger verstanden sie, wie ihr toller Marc sich in so ein einfaches Mädchen wie mich verlieben konnte.

Umso längerer wir zusammen waren umso mehr wurde er wie die, wie seine Familie.

Anfangs war er ganz anders, er war liebevoll und zugänglich, doch mit seinem Abschluss und dem folgenden Job in der Kanzlei seines Vaters wurde er immer kälter. Es gab nur wenige Momente in denen ich zu ihm durchdringen konnte und das tat mir weh. Es wäre gelogen wenn ich sagen würde, ich fühlte mich nicht geliebt, Marc tat alles für mich. Naja er tat alles was finanziell zu ermöglichen war, mehr auch nicht.

Wir wohnten in einer ziemlich teuren Wohnung, welche ich mir niemals alleine leisten konnte. Sie war schick eingerichtet, doch es war nicht heimelig, es fehlte etwas. Ich befand alles hier so steril und lieblos, doch wenn ich daran dachte bekam ich ein schlechtes Gewissen. Marc tat so viel, arbeitete so viel und ich jammerte andauernd. Das hatte er nicht verdient, das wusste ich.

„Ach übrigens, ich vertrete Sheldon Crook. Sag jetzt nichts, es ist mein Job!“

Marc riss mich mit seinem herrischen Ton aus meinen Gedanken.

Wer war Sheldon....?

Doch dann kam es mir und schlagartig riss ich die Augen auf.

„Nein... das ist nicht dein Ernst. Wie kannst du...“, schrie ich ihn an.

„Emily, ich sagte dir bereits, dass das mein Job ist. Außerdem ist er einflussreicher Geschäftsmann, wir müssen seinen Ruf schützen auch wenn er deine Chefin betrunken niedergefahren hat“, unterbrach Marc mich mit monotoner Stimme. Sein Gesichtsausdruck verriet wie unbeeindruckt er von dem was er gerade gesagt hatte war.

Wut durchströmte meinen Körper und am liebsten hätte ich auf ihn eingeschlagen.

Ich war so sauer auf ihn, wie konnte er nur. Er wusste ganz genau wie viel Mary mir bedeutete und jetzt sollte er den Menschen verteidigen, der an allem Schuld war.

Tränen bahnten sich ihren Weg, als Marc das mitbekam seufzte er nur genervt und schüttelte ungläubig den Kopf.

Das war genug, es reichte mir.

Ich schnappte mir meine Tasche und verließ unsere Wohnung, welche ich erst vor wenigen Minuten betrat.

 

Wütend stampfte ich mit High Heels durch die verschneiten Straßen, kein Ziel vor Augen. Ich wusste nicht wohin ich gehen sollte, doch ich wollte einfach nur weg. Für Marc gab es anscheinend keine Grenzen, er tat alles für seinen Job, doch irgendwann sollte es doch mal gut sein. Er entschied bereits den Fall zu übernehmen ohne mir etwas darüber zu erzählen. Er entschied sich dafür obwohl er wusste, dass ich ihm das nicht verzeihen würde. Denn er entschied sich dafür, weil er wusste, dass er die Verhandlung gewinnen würde.

Marc war nicht dumm, alles was er tat, tat er erfolgreich und es war egal was es war, sein Studium, sein Job, alles. Er würde also gewinnen, er würde diesen Crook aus der Scheiße reiten. Somit würde dieser nur eine geringe Strafe bekommen, ja vielleicht sogar nur eine Geldstrafe. Das war nicht fair.

Ich zitterte, der Kälte oder der Wut wegen, wusste ich nicht.

Plötzlich verstand ich die Welt nicht mehr. Was tat ich eigentlich hier?

Ich lebte mit einem gefühlslosen Mann in einer überteuerten Wohnung, in einem unbezahlbaren Viertel weit weg von den Menschen denen ich wirklich etwas bedeutete.

Gut, ich hatte Ally, John und M... Nein, nur Ally und John.

Meine Eltern lebten in einem kleinen Ort ein paar hundert Kilometer von Crownville. Ich besuchte sie so oft ich konnte auch wenn dies nur alle paar Monate bedeutete. Als ich hier herkam dachte ich nicht, dass ich Jahre später wieder Heimweh bekam und nachhause wollte.

Plötzlich kam mir ein schrecklicher Gedanke.

Was wenn meine Eltern auch plötzlich sterben würden?

Ich hätte sie bereits seit Wochen nicht mehr gesehen und müsste das Selbe wie Mary’s Sohn durchmachen. Die Vorstellung allein brachte mich zum schluchzen. Und so lief ich durch die Straßen von Crownville an meinem bisher schlimmsten Tag hier und begann diesen Ort langsam zu hassen.

Leere umhüllte mich und ließ mich frösteln.

Irgendwann würde ich zurück müssen, auch wenn ich Marc einfach nicht sehen wollte. Doch so war es nun mal und ich tat es immer wieder, ich kam immer wieder zurück. Ich fragte mich selbst warum das so war, doch dann bekam ich den schmerzenden Verdacht, dass der einzig berechtigte Grund dafür war, Angst vor dem Abschied von Crownville zu haben. Alleine konnte ich hier nicht bleiben, ich würde mir kaum eine Ein-Zimmer-Wohnung leisten können. Mein Auto gehörte eigentlich Marc, das konnte ich also auch vergessen.

Mir wurde erneut schlecht als ich erkannte wie abhängig ich von ihm war.

Doch jetzt wo Mary tot war würde es Dresswell vielleicht auch nicht mehr lange geben, dann würde mich nichts mehr hier halten.

Ich könnte irgendwo neu anfangen, doch auf Ally und John zu verzichten schien mir genau so schmerzhaft zu sein.

Um ehrlich zu sein hatte ich keine Ahnung was ich tun sollte.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media