Verwirrung

Suma sah sich selbst am Waldboden liegen. Treplew kniete neben ihn. Ein Rascheln aus dem Gebüsch erregte seine Aufmerksamkeit. Die halb gehäutete Großkatze aus seiner letzten Vision starrte ihn mit ihrem gelben Auge an.
"Bist du einer der "Verstoßenen"?", fragte Suma vorsichtig.
Das eigenartige Wesen krächzte. Eiter tropfte aus seinem Maul, angewidert wendete Suma sich ab.
"Fo... Fo.. Folge", krächzte die Abscheulichkeit, "mir!"
Suma blickte wieder an die Stelle, an der er das Tier entdeckt hatte, doch es war verschwunden. Hektisch sah er sich um. Plötzlich spürte er einen Sog. Er wurde wie durch einen Orkan durch den Wald gerissen, durch Bäume hindurch, an einem kleinen Bach vorbei, bis er am Fuße einer großen Gebirgskette stand. In den hellgrauen Kalkstein des Bergs vor ihm war eine mit Schnörkeln verzierte Treppe geschlagen, die hinauf in den dichten undurchsichtigen Nebel führte, welcher die Bergspitzen verschlingen zu schien.
"Zerfallen, verlassen", krächzte es neben ihm. Die widerliche Kreatur hatte sich zu seiner Linken niedergelassen. Als er wieder in Richtung der Treppe blickte, entdecke er immer mehr der schrecklich entstellten Katzen aus dem Nebel kommen. Einigen fehlten beide Augen, manchen war das Maul zum Teil zugenäht worden und alle waren stellenweise gehäutet und mit Eisen beschlagen worden. Sie näherten sich ihm, er vernahm das Quietschen der Eisenteile an ihren Körpern.
"Finn", krächzten einige von ihnen, "komm zu uns. Finde Finn! Sterben, um zu leben!" Sie begannen Kreise um ihn zu ziehen, wie die Schattenwesen, nach dem Erdbeben. Suma drehte sich verängstigt mit ihnen, befürchtend, dass sie ihn doch noch attackieren würden.
"Komm auf den Schattenberg. Du musst erst sterben, um zu leben! Vertraue uns, vertraue jenen, die verstoßen wurden!", krächzten die Tiere weiter und begannen ihre Kreise immer enger um ihn zu ziehen, "Entfessle, was du bist. Entfessle den Teufel in dir! Wir wollen zurückkehren! ALECTOS!" Suma geriet in Panik als das erste Wesen sein Bein streifte und die pergamentartige Haut an der Schulter einfach mit einem widerlichen Geräusch einriss. Er suchte nach einem Fluchtweg, aber von der Treppe kamen aus dem Nebel immer mehr von ihnen. "Lasst mich in Ruhe!", schrie er, "Lasst mich in Ruhe!!!"

"Alectos!", schrie Suma und schreckte aus seinem Fiebertraum hoch. Verwirrt blickte er in die noch verwirrteren Gesichter von Treplew und Lumen.
Treplew fing sich als erster wieder: "Woher hast du diesen Namen?"
"Ich muss zum Schattenberg, über die Treppe. Ich glaube, sie führt nach Nirgendwo", erklärte Suma seinen verwirrten Kollegen.
"Woher weißt du von der Treppe?", Treplew wich erschrocken zurück. Suma konnte nicht anders als ihn und seine veränderte Erscheinung ständig anzustarren.
"Ist doch mehr als egal woher, wer, wie oder was!", fauchte Lumen die beiden an, "Suma muss eine Verbindung zu diesem Finn haben. Lasst uns doch einfach nachsehen, ob wir die Treppe finden können. Was haben wir schon zu verlieren?"
Treplew ließ seine Hände sinken. Er wirkte erschöpft und Suma fragte sich, ob es an der Illusion, welche er versuchte aufrecht zu erhalten, lag.
"Willst du uns nicht endlich sagen, was dich wirklich beschäftigt?", fragte er ihn. Treplew schien noch weiter zurückweichen zu wollen, wie ein geschlagener Hund.
"Sollen wir wirklich Hoffnung schöpfen, wegen einem Spinner wie dir?", Treplew sah Lumen ernst an, "Was, wenn er uns enttäuscht?"
Diese antwortete: "Ja, aber was, wenn nicht? Was, wenn ihn die Verstoßenen zum Ort Nirgendwo führen? Und damit zu Finn! Es würde sich alles verändern!"
Treplew sah Suma, welcher sich bewusst aus dieser Diskussion raushielt, finster an: "Okay, wir begleiten dich zum Schattengebirge!"

Als die Sonne an diesem Morgen aufging, hatten die drei Wanderer bereits den Bach aus Sumas Vision erreicht. Zu Sumas Entsetzen entdeckte er die Fußspuren der Großkatzen im sandigen Flussbett. Auch Treplew entgingen diese nicht. Nervös schaute er sich um: "Die Verstoßenen waren hier."
Lumen starrte auf die Tatzenabdrücke. Sie versuchte sich wohl gerade auszumalen, wie die Verstoßenen aussehen würden. Suma war sich sicher, dass ihre Fantasie nicht einmal ansatzweise ausrechen würde, um sich diese Wesen vorzustellen. Der Wald begann sich zu lichten und Suma hatte das Gefühl dem Berg schon sehr nahe zu sein.
Lumen starrte auf den kleinen Bach. Er floss zurück in die Richtung der Firma und um ihn wuchsen kleine Sträucher und junge Bäume, die die alten und knorrigen Stämme mit ein wenig Farbe sprenkelten. Der Wald wirkte so friedlich, aber das Gefühl verfolgt zu werden, wollte nicht aus ihren Köpfen verschwinden.
"Sie werden uns suchen!", stellte Lumen fest, nachdem sie die Blicke der anderen beiden bemerkt hatte.
Treplew starrte angestrengt in Richtung des Flussverlaufs: "Sie folgen uns bereits. Warum ist ihnen das so wichtig? Ob die Firma weiß, wohin wir wollen?" Dann blickte er zu Suma. Dieser fühlte sich einfach nur unsicher und zweifelte erneut an seinem Verstand.
"Wissen WIR überhaupt, wo wir hinwollen? Wie sollen wir die Verstoßenen finden? Was, wenn diese Treppe nicht einmal existiert?", ließ er seinem Unmut freien Lauf.
Treplew musterte ihn kritisch: "Du hast seit gestern Finns Stimme nicht mehr gehört, oder?" Suma nickte bedrückt. Anfangs hatte dieser Finn ihn des Öfteren aus der Welt gekickt, um ihn mit Hinweisen und weiteren Rätseln zu versorgen. Aber seit dieser Nacht war da nichts mehr. Kein Brennen in den Augen, keine Stimmen, keine Visionen. Stille.

"Du hast bereits einen gefunden, dummer Junge!"
"Finn! Ich dachte schon, ich bin verrückt!"
"Du hörst Stimmen in deinem Kopf. Vielleicht bist du es!"
"Ich verstehe dein Rätsel nicht. Wo habe ich einen Verstoßenen gefunden?"
"Du übersiehst trotz meinem Geschenk das Offensichtliche!"
"Du meinst Treplew."
"Kam dir dieser Name nie seltsam vor? Und wenn schon nicht der Name, dann die Hörner? Mit dir stimmt eindeutig etwas nicht!"
"Die Verstoßenen sind mehr als nur diese Raubkatzen…"
"Ah, ein Geistesblitz! Denkst du, meine Armee besteht nur aus halb verschimmelten Tempelkatzen?"
"Tempelkatzen?"
"Tempelkatzen. Führe sie zum alten Glanz zurück und sie offenbaren dir ihre wahre Macht!"
"Und Treplew?"
"Benutze deine Augen, Schwachkopf!"
"Finn, wie redest du mit mir?"
"Schwachkopf!"
"Danke, danke für die Blumen!"
"Jetzt setz endlich die Teile des Puzzles zusammen, Schwachkopf!"
"Ich versuche es!"
"Nicht versuchen, machen!"

Ein Stoß ließ Suma rücklings in den Bach stolpern. Er landete unsanft und nasskalt auf dem Rücken. Treplew reichte ihm die Hand: "Ein Bad, jetzt? Keine gute Idee, wir müssen weiter!" Suma packte seinen Arm und zog sich hoch, wobei er die eigenartige Härte und komische, nicht normale Verhärtungen in Treplews Hand spürte.
"Ich bin schon lange genug hier, um zu wissen, wie wir zu den Schattenbergen kommen. Mach dir darüber keine Sorgen!", Treplew nickte ihm zu. Suma starrte erneut auf seine Hörner, die irgendwie nicht natürlich wirkten. Genau wie die gelben Augen, die Pupillen, alles.
"Du bist doch höchstens 2-3 Jahre älter als ich!", stellte Lumen verwirrt fest. Treplew lachte kehlig und warf dabei den Kopf zurück.
Suma konnte dabei zum ersten Mal seine Zähne, oder besser, das, was man ihm angetan hatte, sehen. In das Zahnfleisch waren Eisenstücke implantiert, die sich mit Nägeln an den Kieferknochen hielten. An den Beschlägen waren dünne, Spitze "Zähne" montiert worden. "Was ist das?", Suma presste sich die Hand vor den Mund. Seine Augen brannten, "Wer hat dir das angetan? Was bist du?" Erinnerungen an die Bilder in seinem Kopf, welche er bei seiner Ankunft in die Firma gesehen hatte, schossen in ihm hoch. Die Röntgenbilder des veränderten Arms. Die Bilder der überall implantierten Eisenbeschläge. Man hatte die Verstoßenen gezüchtet. Jemand hatte sie bewusst entstellt. Aber zu welchem Zweck das geschehen war, war Suma nicht klar.
"Was ich bin?", riss Treplew ihn aus seinen Gedanken, "Ihr fragt euch was ich bin? Verstoßen, zerrissen und ein Fossil aus einer besseren Zeit!" Er strich sein langes Haar zur Seite, sodass Suma sein Ohr sehen konnte. Es war in die Form eines menschlichen Ohrs geschnitten worden. Die Ränder bestanden nur aus Narbengewebe. Es erinnerte Suma an einen kupierten Hund. Seine Augen brannten weiter und er hörte Lumen irgendwo weit entfernt sagen, dass sie schon wieder die Farbe veränderten.
Treplews Gesicht sah er noch scharf, alles andere war verschwommen und das Gesicht begann sich zu verändern: Die Haare wurden kürzer, die Hörner und Eisenbeschläge verschwanden, dafür wurden die Ohren länger.
Suma hielt es nicht mehr aus. Er presste die Augen zusammen, sein Kopf rumorte. Er glaubte den Schmerzen nicht mehr Herr zu werden. Lumen versuchte eine Diskussion zu beginnen, wie man weiter vorgehen sollte, um Finn zu finden, aber Suma hatte die Realität bereits verlassen ...


Im weit entfernten Elensar stritten zur selben Zeit andere über ein ähnliches Thema. Auch dort galt es Finn zu finden.
"Dieser dumme Junge!", Saphira band genervt ihr blauschwarzes Haar zusammen, als sie immer wieder Kreise um den Küchentisch ihrer Schwester Celles zog.
"Kannst du dich hinsetzen?! Dein dummes Auf- und Abrennen hilft auch keinem weiter!", schrie diese sie an.
Sassy betrachtete die beiden genervt. So ähnlich sie sich auch optisch waren, so verschieden waren ihre Charakterzüge. Wie Feuer und Wasser eben.
"Ich denke! Dass dir dieser Begriff fremd ist, wundert mich nicht!", schnauzte Saphira zurück und setzte ihre Kreise fort.
Sassy schüttelte den Kopf: "Ihr seid furchtbar, alle beide! Wir müssen euren Bruder finden!" Saphira winkte Celles zu: "Wir gehen. Unser Ziehbruder ist auf sich gestellt. Soll er selbst sehen, wie er aus seiner Dummheit wieder rauskommt! Wahrscheinlich liegt er gerade betrunken an einem Strand mit vielen hübschen Mädchen!"
Als die beiden den Raum verlassen hatten regte sich ein Schatten hinter Sassy. Diese ließ ihrer Wut über die verweigerte Hilfe von Ladiras Töchtern freien Lauf und durchbohrte den hinter ihr Erschienenen mit einem Messer.
"Wow, deine Manieren!", Church riss sich entnervt das Messer aus der Brust und warf es ihr wieder zu, "Scheint ja optimal gelaufen zu sein!"
Sassy versuchte nachzudenken. Eine weitere Idee hatte sie nicht. Allem Anschein nach würde ihr niemand dabei helfen, Finn zu finden. Ladira hatte einen Kontakt zu der Welt, durch welche Finn durch den Riss gelangt war, hergestellt, hielt sich aber bedeckt und widmete sich weiter ihrer Mission.
"Halt die Klappe Stinki", fauchte Sassy ihren einzigen Verbündeten an, "Mach lieber deine Jägerinnen bereit. Wir werden nun selbst einen Riss erschaffen um Finn zu folgen!"
Churchs schwarze Augen blitzten erschrocken auf. Er konnte den Wahnsinn, welchen Sassy da gedachte zu tun nicht gutheißen. Langsam trat er vor sie: "Bleib mal klar im Kopf. Ich opfere nicht alles, was Finn aufgebaut hat, bei einem verzweifelten und unüberlegten Versuch ihn vielleicht zu finden! Dir ist bewusst, dass die Folgen verheerend sein können?"
Sassy sprang nun auf. Ihr Zorn schien keine Grenzen mehr zu kennen. Sie näherte sich Church langsam, mit bedrohlicher Körperhaltung: "Du denkst zu wissen, was Finn für seine Leute wollen würde? Widerliches Dämonenpack. Ich habe nie verstanden, warum er so viel Wert auf genau deine Freundschaft legt. Was bist du schon? Ein verrückter, entstellter und herzloser Wicht, der nur durch die Gnade von Finn noch lebend durch diese Welt streift!" Church wich zurück. Er wusste, dass der Zorn dieser Frau mehr als nur tödlich sein konnte, dass hatte sie schon oft genug unter Beweis gestellt.
Auch er wollte Finn finden, um jeden Preis, doch nicht mit dem Opfer von Finns ganzem Lebenswerk. "Beruhige dich und töte nicht den Einzigen, der noch bereit ist dir zu helfen", zischte er und blickte sich nach einem Fluchtweg um, "Wir finden einen Weg, aber bis dahin sollten wir nichts Unüberlegtes oder gar Dummes tun!"
Sassy verharrte noch einen kurzen Moment. Chruch fühlte sich an eine Raubkatze kurz vor dem tödlichen Sprung auf ihr Opfer erinnert. Dann entspannte sich ihr Körper und sie schien wieder ruhiger zu werden: "Es tut mir leid, ich hätte beinahe..."
"Dem Blutrausch nachgegeben?", unterbrach Church sie, "Siehst du, meine Süße, wir sind alle nicht frei von Fehlern!"

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