Vorspiel 2: Geschenke für den Feind

"Ich wette, Granger wird sich totlachen, wenn sie erfährt, dass ich sie beschenken muss", grummelte Draco am Frühstückstisch, "hast du gesehen, mit was für einem Strahlen sie gestern Abend aus Hogsmeade zurückgekommen ist? Und Potter und Wiesel ebenso. Ich wette, die beschenken sich alle gegenseitig und nur ich bin gezwungen, Geschenke für eine Person zu finden, die an Dummheit nicht mehr zu übertreffen ist."

Blaise runzelte verärgert die Stirn: "Hermine Granger ist nicht dumm, Draco. So vernebelt von deinem Hass kannst du gar nicht sein, dass du nicht siehst, dass sie seit Beginn in allen Fächern Klassenbeste ist."

"Pff", schnaubte der nur verächtlich, "das ist nichts als Fleiß. Jeder, der so viel liest wie sie, kann gute Noten schreiben. Nur will das halt keiner. Man hat schließlich noch andere Dinge zu tun in diesem Leben."

"Als ob Fleiß alleine zu guten Noten führt. Sie kann alle Bücher auswendig, ja, aber sie versteht auch, was drin steht. Ich bezweifle, dass Weasley ähnliche Noten produzieren würde, wenn er so viel lesen würde wie sie."

Skeptisch wandte Draco seinen Blick, der bisher unbeirrt auf dem Tisch der Gryffindors geruht hatte, ab, um seinen besten Freund anzuschauen: "Warum verteidigst du sie?"

"Weil ich sie für intelligent halte und im Gegensatz zu dir auch schon das ein oder andere freundliche Gespräch mit ihr hatte!", erwiderte Blaise ungerührt. Draco hätte ob dieser Antwort beinah seinen Kaffee verschluckt, doch ehe er seinen Freund für diese unmögliche Bemerkung anfahren konnte, fuhr dieser fort: "Außerdem bist du nicht der einzige, der eine Gryffindor beschenken muss. Ich habe Ginny Weasley gezogen."

"Das hast du Montag ja gar nicht erzählt!"

"Jo", kommentierte Blaise trocken, "du warst viel zu eingenommen von deinem eigenen Schicksal, als das du mir eine Chance dazu gelassen hättest."

"Ist ja gut, ich hab's verstanden", fuhr Draco ihn genervt an, "ich werd' nicht weiter meckern, sondern versuchen, das beste aus der Situation zu machen, ok? Also hör auf, mich ständig damit aufzuziehen!"

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Mit sichtlich schlechter Laune stand Draco vor dem Geschäft für Kosmetik in Hogsmeade und betrachtete die Auslage. Es war die Idee von Blaise gewesen, hier ein möglichst billiges Geschenk für Granger zu finden, doch je länger er sich die Ware anschaute, umso mehr Zweifel kamen ihm.

"Ehrlich, Blaise. Ich habe überhaupt keine Lust, Granger Schminke zu kaufen!"

"Wer spricht denn von Schminke? Der Laden bietet noch mehr, du musst nur mal reingehen!"

Seufzend ergab er sich seinem Schicksal und folgte Blaise in das Innere des Ladens. Überrascht stellte er fest, dass das Geschäft von Innen beinahe klinisch sauber und sehr hell wirkte, während die Schaufenster kitschig und vollgestopft gewirkt hatten. Unentschlossen blickte er sich um, bis sein Blick schließlich auf ein Regal mit Artikel für Haare fiel. Schnellen Schrittes bewegte er sich darauf zu und musterte die Ware kritisch, bis er gefunden hatte, was er suchte. Mit einem fiesen Grinsen griff er nach der Tube, überprüfte kurz den Preis, um sich dann zu seinem Freund zu gesellen, der unterschiedliche Rasierwasser durchprobierte.

"Was meinst du", sprach Draco ihn von der Seite an, "wird sich Granger über dieses Geschenk so aufregen, wie ich es mir vorstelle?"

Nur einen kurzen Blick warf Blaise auf den Gegenstand in Dracos Hand, ehe ein schmales Grinsen über sein Gesicht huschte: "Ja, vermutlich schon. Oder sie wird es gegen dich verwenden und mit Hilfe dieses Artikels zu einer bezaubernden Schönheit werden."

Mit aufgerissenen Augen starrte Draco Blaise an, doch der Gedanke war so absurd, dass er sich ein Lachen nicht verkneifen konnte: "Ja, sicher, Granger ..."

Er bemerkte den ärgerlichen Gesichtsausdruck von Blaise nicht mehr, der ihn verfolgte, während er zur Kasse ging. Blaise konnte nicht begreifen, dass sein Freund so blind war und nicht sah, dass Hermine Granger kein hässliches Entlein mehr war. Sicher, sie war weit entfernt davon, ein schöner Schwan zu sein, aber ihr durchschnittliches Aussehen wurde von ihren brillanten Augen und ihrer Scharfzüngigkeit deutlich aufgewertet. dass Draco sogar ihre Intelligenz bestritt, zeugte von einem von Hass vernebelten Blick auf die Mitschülerin. Seufzend ließ er die Rasierwasser Rasierwasser sein und verließ gemeinsam mit Draco den Laden.

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"Ah, da seid ihr ja wieder", wurden Blaise und Draco bei ihrer Rückkehr in den Gemeinschaftsraum von Pansy Parkinson begrüßt, "ihr hättet ja ruhig mal sagen können, dass ihr nach Hogsmeade gehen wollt. Ich brauche nämlich auch noch ein Geschenk und habe noch gar keine Vorstellung, was es werden könnte!"

Mit einem nachsichtigen Seufzen ließen die zwei Freunde sich links und rechts von Pansy auf das Sofa sinken.

"Wen beschenkst du denn eigentlich?", erkundigte sich Draco.

"Theo! Ich hatte wirklich Glück mit meinem Los, im Gegensatz zu dir, Draco! Also du Granger gezogen hattest, dachte ich schon, ich würde auch irgendeinen ätzenden Gryffindor abbekommen", plapperte sie fröhlich vor sich hin, "oder noch schlimmer, einen aus Hufflepuff! Stell dir das nur mal vor, was sollte man diesen hohlen Birnen aus Hufflepuff schenken? Aber zum Glück habe ich jemand aus Slytherin gezogen, das ist leicht. Außerdem seid ihr zwei ja auch gut mit Theo befreundet, da habt ihr bestimmt ganz viele Ideen, was er sich so wünscht. Ihr helft mir doch, oder?"

Ergeben nickten die beiden Männer und warfen sich heimlich ein Grinsen zu. Während Pansy ihren Monolog weiterführte, ohne wirklich darauf zu achten, ob ihr jemand zuhörte, mussten Draco und Blaise gegen den Drang ankämpfen zu lachen. Es war auch nach all den Jahren für beide noch gleichermaßen erstaunlich, dass ihre Freundin ohne Unterlass reden konnte und nicht einmal zu bemerken schien, wenn ihr keiner zuhörte. Erst, als er seinen Namen hörte, widmete er seine Aufmerksamkeit wieder Pansy zu.

"Wir können doch morgen nach dem Mittag zusammen nach Hogsmeade gehen", schlug Draco vor, "wir haben ja nur noch die zwei Doppelstunden am Vormittag, damit alle Zeit haben zu packen, ehe sie Freitag in die Ferien fahren."

"Oh, ja, super!", stimmte Pansy begeistert zu, "Da wird es bestimmt auch richtig leer in Hogsmeade sein, weil alle damit beschäftigt sind, sich zu verabschieden. Das ganze Dorf für uns alleine. Da stört uns keiner bei der Geschenksuche und ihr zwei könnt mich ausführlich beraten, was ich Theo schenken soll. Ich will unbedingt einen guten Eindruck hinterlassen!"

"Ach", warf Blaise interessiert ein, "du willst wohl was von unserem guten Theo?"

Augenblicklich lief Pansy rot an und schüttelte wild den Kopf: "Nein, Blaise, wo denkst du hin? Du weißt doch genau, dass es für mich nur Draco gibt! Aber ich möchte mit allen Leuten befreundet sein, die auch mit Draco befreundet sind, und bisher hatte ich nie wirklich die Chance, mit Theo zu reden! Er ist so still und zurückgezogen und ich verstehe immer nicht, was er sagt."

Erneut mussten beide den Drang unterdrücken, in lautes Lachen auszubrechen - Pansy scheute sich wirklich nicht, ihre Liebe zu Draco immer und immer wieder öffentlich zu verkünden, obwohl er sie schon mehrfach abgewiesen hatte. Es war erstaunlich, wie wenig das naive Mädchen sich daran zu stören schien, dass ihre Gefühle nicht erwidert wurden.

"Das ist aber ein intelligenter Plan", sagte Draco lächelnd, "wenn all' meine Freunde dich mögen, werde ich wohl kaum umhin kommen, deinen Wert endlich zu erkennen..."

"Ja, genau!", quietschte das schwarzhaarige Mädchen aufgeregt, ohne auf den neckenden Tonfall ihres Freundes zu achten, "Das ist die Idee! Die ist gut, oder? Hab ich mir Montag überlegt, nachdem ich Theo gezogen habe! 'Pansy', habe ich gedacht, 'kannst du es nicht irgendwie zu deinem Vorteil nutzen, dass du Theo gezogen hast?' Und nachdem ich nicht mehr traurig war, nicht dich gezogen zu haben, kam mir diese Idee. Also, du musst mir helfen!"

Mit dieser Erklärung war es endgültig um Draco und Blaise geschehen: Gleichzeitig brachen beide in schnaufendes Lachen aus, mehrere Minuten konnte keiner von beiden etwas sagen, da ihnen schlicht die Luft fehlte. Der irritierte Gesichtsausdruck ihrer Freundin tat sein Übriges und erst mit größter Kraftanstrengung fand Draco seine Sprache wieder: "Wahrlich, Pansy, du bist unglaublich gerissen. Du willst meine Hilfe, um Theo zu gefallen, damit er dir hilft, mir zu gefallen?"

"Besser hätte ich es nicht ausdrücken können!", stimmte Pansy fröhlich zu, "Aber ich verstehe nicht, was es da zu lachen gibt?"

"Nichts", schnaufte Blaise, "gar nichts."

Um Pansy abzulenken und sie nicht auf den Gedanken kommen zu lassen, sie würde ausgelacht, fügt er noch schnell hinzu: "Ich hab heute Nachmittag in Hogsmeade total vergessen, selbst nach einem Geschenk zu schauen. Ich muss also morgen selbst noch mal los, da begleite ich euch am besten."

"Hast du denn schon eine Idee, was du der kleinen Weasley schenken willst?", fragte Draco.

"Ja, in der Tat. Sie hatte irgendwann in den letzten Tagen so einen dunkelblauen Pullover an. Die Farbe stand ihr ziemlich gut, ich denke, ich kaufe ihr ein Haarband oder eine Haarschleife oder sowas in derselben Farbe."

Kurz huschte ein ablehnender Ausdruck über das Gesicht von Pansy, doch ihre Erwiderung klang so sorglos wie zuvor: "Das ist eine gute Idee, blau steht ihr bestimmt prima!"

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Nachdenklich betrachtete Hermine ihre Notizen. Während Ron und Harry am späten Nachmittag erneut nach Hogsmeade gegangen waren, hatte sie sich damit beschäftigt, eine Liste von Gegenständen aufzuschreiben, die sie Draco Malfoy schenken könnte. Sie seufzte: Die Liste war nicht sehr lang. Sie hatte sich geschworen, ihm schöne Sachen zu schenken, irgendetwas, über das er sich freuen würde. Sie würde den Plan von Dumbledore nicht zunichtemachen, so sehr es sie auch in den Fingern juckte, sich an Draco für all die Jahre zu rächen, in denen er sie und ihre Freunde genervt hatte. Doch was sollte man einem Schüler aus Slytherin schenken, der sich offensichtlich nicht für die Schule interessierte und von dem sie nur wusste, dass er gerne Quidditch spielte?

Ganz oben auf ihrer Liste stand "Notizbuch". Es war das erste, was ihr in den Sinn gekommen war. Ein Notizbuch konnte man für alles Mögliche gebrauchen, es war günstig und neutral. Damit konnte sie praktisch nichts falsch machen. Kurz dachte sie nach, dann malte sie eine eins hinter das Wort. Es würde ihr erstes Geschenk für Freitag werden, alles Folgende konnte sie sich noch später überlegen. Vielleicht schaffte sie es am Freitag, wenn sie keinen Unterricht mehr hatte, sich für einige Stunden von Harry und Ron loszusagen und auf eigene Faust Hogsmeade zu erkunden. Der Laden "Salazars Liebstes", den ihr Cathrin empfohlen hatte, klang vielversprechend, aber sie wollte lieber nicht mit ihren beiden besten Freunden in so ein zwielichtiges Geschäft gehen.

Mit einem kleinen Lächeln schaute sie sich um: Da sie ungestört über ein Geschenk für Malfoy hatte nachdenken wollen, hatte sie sich in die Bibliothek verzogen. Jetzt, wo die Ferien vor der Tür standen, war sie tatsächlich die einzige hier. Der Gedanke, die nächsten zwei Wochen all diese Bücher für sich alleine zu haben, ließ ihr Herz höher schlagen. Gerade wollte sie ihre Sachen zusammen packen, da bemerkte sie Bewegung am Eingang: Blaise Zabini hatte zu ihrem Erstaunen die Bibliothek betreten.

"Hi Granger", begrüßte er sie, nachdem er sie bemerkt hatte. Mit einem kurzen Nicken erwiderte sie den Gruß, doch ihre Neugier verhinderte, dass sie wortlos verschwand: "Was führt dich hierher?"

"Arithmantik."

"Ist es dafür nicht ein bisschen spät? Wir hatten die Hausaufgabe schon Montag abgeben sollen!", sagte Hermine belehrend.

"Weiß ich", kam die knappe Antwort. Als Blaise bemerkte, dass die Gryffindor vor ihm sich mit dieser Erwiderung offensichtlich nicht zufrieden gab, seufzte er und fügte an: "Beim Durchgehen meiner Notizen vorhin ist mir was aufgefallen. Wenn das, was ich mir im Unterricht aufgeschrieben habe, stimmt, dann habe ich einen Fehler in meinem Aufsatz gemacht. Ich wollte das jetzt überprüfen, aber dafür brauche ich ein Buch."

"Ah", machte Hermine wissend, "das Gefühl kenne ich. Es kann einen zur Verzweiflung treiben, wenn man denkt, einen Fehler gemacht zu haben. Ich muss das auch immer sofort überprüfen ... Ron und Harry verstehen das nie, die geben ihre Aufsätze ab und damit ist anscheinend auf augenblicklich jeder andere Gedanke daran verschwunden."

Ein Grinsen stahl sich auf das Gesicht des dunkelhäutigen Slytherin: "Scheint wohl die normale Reaktion zu sein. Aus den Augen aus dem Sinn oder so. Aber mir geht's da eher wie dir - ich will so schnell wie möglich wissen, ob ich wirklich einen Fehler gemacht habe."

Hermine erwiderte das Lächeln und fühlte sich plötzlich viel besser. Ihr war nie der Gedanke gekommen, dass ausgerechnet ein Schüler aus Slytherin ebenso wissbegierig sein könnte wie sie. Doch wenn sie darüber nachdachte, ergab es in diesem Fall durchaus Sinn: Blaise Zabini bekam regelmäßig exzellente Noten für seine Hausaufgaben und auch in Prüfungen schnitt er nie besonders schlecht ab. Ohne einen gewissen Hang zum Perfektionismus war das bei der Menge an Stoff, die sie zu bewältigen hatten, nicht möglich.

"Darf ich dann ...?", riss Zabinis Stimme sie aus ihren Gedanken. Hermine errötete leicht, als ihr klar wurde, dass sie den gutaussehenden Jungen gerade lächelnd angestarrt hatte. Schnell nickte sie, packte ihre Tasche und verschwand aus der Bibliothek.

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