Wärme

Im Halbschlaf registrierte Shane ein leises Knistern und gleich darauf wurde es merklich wärmer. Corey hatte die letzte verbliebene Decke aus ihrer Beute hervorgeholt und über ihnen ausgebreitet. Sie teilte mit ihm. Shane hätte nicht ernsthaft damit gerechnet, nach der Egonummer, die sie gerade abgezogen hatte. Er atmete tief ein und versuchte wieder einzuschlafen. Gegen seinen Willen, hatte Coreys Geste in ein wenig besänftigt.

Ihre barsche Abfuhr, als er sie geküsst hatte, hat ihn hart getroffen. Er war selbst überrascht, doch das Mädchen hatte seinen Stolz verletzt. Schließlich hatte sie gerade mit ihm geschlafen und allem Anschein nach, hatte es ihr ziemlich gut gefallen. Und wer konnte ahnen, dass sie bei einem Kuss die Grenze zieht, nachdem sie ihn derartig verführt hatte. Während er darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass sie ihn auch währenddessen nicht ein einziges Mal geküsst hatte. Er kam sich benutzt vor. Wie ein Stück Fleisch, an dem sie sich einfach nur um ihretwillen bedient hatte. Hatte sie etwa gar nichts dabei empfunden? Shane konnte das nicht recht glauben und es ärgerte ihn. Er hatte etwas gefühlt, fühlte es noch, auch wenn er kein Wort dafür fand.

Vielleicht fühlte er sich deshalb so vor den Kopf gestoßen. Dieses arrogante, egozentrische Miststück sprang mit ihm um, wie es ihr gefiel. Ohne jede Rücksicht. Und dann hat sie ihre Decke mit ihm geteilt, obwohl sie so nur ihren Oberkörper bedeckte. Shane seufzte geräuschlos, zog die Beine näher zum Körper und beschloss sich zu beruhigen und vor allem zu schlafen.

Er erwachte wieder, als ihm etwas in den Rücken stieß. Alarmiert richtete er sich auf, doch alles war ruhig und die Nacht noch immer stockfinster. Corey schien ihn im Schlaf angestupst zu haben. Beruhigt legte er sich wieder hin und zog sich die Decke bis zum Kinn, als ein leises, merkwürdig klapperndes Geräusch an sein Ohr dran. Aus Coreys Richtung. Er drehte sich zu ihr auf die Seite und bemerkte, dass sie heftig zitterte. Vorsichtig Strecke er eine Hand nach ihr aus. Sie war eiskalt. Das Mädchen fror so erbärmlich, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen.

Eine Welle aus Mitleid schlug über Shane zusammen, doch er konnte auch nicht anders als den Kopf über ihre Starrsinnigkeit zu schütteln. War dieses Mädchen zu stolz oder zu bockig, um ihn um Hilfe, um Wärme zu bitten? Für eine Sekunde fragte er sich, ob er sie hätte abblitzen lassen sollen, nach der verbalen Ohrfeige, die sie ihm erteilt hatte. Er war ziemlich angepisst gewesen und doch wusste er, dass er einer frierenden Frau niemals verwehrt hätte, sich an ihm zu wärmen. Womöglich hatte der Starrkopf aber auch den gleichen Gedanken und wollte sich keine Abfuhr von ihm einfangen.

Vielleicht war die Hälfte der Decke ihre Art einer Entschuldigung, ein Friedensangebot. Er seufzte geschlagen, schluckte seinen Ärger runter und beschloss der Klügere zu sein. Er legte sich dicht an das schlotternde Mädchen und wollte sie an sich ziehen, um sie besser aufwärmen zu können. Corey fuhr zusammen und stieß einen leisen Schrei aus, als er seinen Arm um sie legte und versuchte von ihm wegzurutschen.

„Was soll der Scheiß?"

„Ich will dir helfen, dich wärmen", antwortete Shane gepresst, bemüht nicht zu laut zu sprechen. Doch das Mädchen zeterte und zappelte, als fürchte es um sein Leben.

„Lass dir doch helfen!", versuchte er sie zu beruhigen und fing sich prompt ihren Ellenbogen ein, der zielsicher seinen Solarplexus traf. Shane stöhnte vor Schmerz.

„Fass mich nicht an!", tobte sie keuchend und versuchte sich zu befreien. Wutentbrannt knurrte er sie an: „Beherrsch dich, ich will dir nur helfen. Oder was denkst du?"

Er hatte nicht mit einer Antwort gerechnet, doch Corey lachte hysterisch auf.

„Keine Ahnung, versuchen, noch mal schnell einen wegzustecken, bevor du abkratzt?! Du mit deinem scheiß Familiennamen. Wahrscheinlich leben deine Eltern sogar noch, und du hattest scheiß viele Freunde da draußen und 'n wunderschönes Mädchen, dass du grad betrogen hast, weil du eh nicht dran glaubst hier lebend rauszukommen."

„Geht's noch?! Du hast mich verführt und jetzt unterstellst du mir schon wieder ich würd' mich an dir vergreifen?" Shane hätte ihr am liebsten eine Ohrfeige verpasst, um ihr den Wahnsinn aus dem Kopf zu schlagen, doch stattdessen umfasste er ihre Taille, zog sie auf seine Brust und schob gerade noch den Arm unter das wild um sich schlagende Mädchen, bevor sie sich wieder von ihm herunterrollen konnte.

„Du hast es eigentlich nicht verdient, aber da mein Leben quasi in deiner Hand liegt, kann ich nicht zu lassen, dass du dir neben mir den Arsch abfrierst", flüsterte er beschwörend, packte mit sanfter Gewalt ihre Handgelenke und drückte ihre Arme in einer Klammer gegen ihre Brust und ihren Körper gegen seine.

„Hör endlich auf dich zu wehren! Ich will dir hier was Gutes tun und dich nicht im Schlaf meucheln, du dummes Gör! Das wäre ja wohl eher dein Stil!"

Ein Ruck ging durch Coreys Körper und sie begann plötzlich heftig zu schluchzen. Unsicher hielt Shane inne und wusste nicht mehr was er tun sollte. Das Mädchen weinte. Er hatte sie zum Weinen gebracht. Sofort verließ ihn jede Kraft und seine Worte taten ihm schmerzlich leid.

„Fuck, Mädchen, was ist dir nur passiert, dass du so verdammt verkorkst bist?", flüsterte er und hielt sie mitfühlend fest. Er hatte ihre Hände losgelassen und sie wehrte sich nicht mehr gegen seine Umarmung.

„Diese Welt ist mir passiert", wimmerte Corey kaum hörbar.

Shane zog die Decke wieder über sie und drehte sie richtig herum, damit der Stoff auch ihre Beine bedeckte.

„Dreh dich um", forderte er sie auf und war überrascht, als sie sich tatsächlich herum rollte, den Kopf auf seine Schulter bettete und einen Arm auf seine Brust legte. Beinahe liebevoll drückte er sie an sich und genoss erleichtert die Ruhe. Sanft strich ihr mit den Fingern über ihr zerzaustes Haar. Shane fürchtete ihre Ausbrüche. Auch wenn er ihr vertraute, war er sich nicht sicher, ob sie ihn noch erkennen würde, wenn der rote Nebel sich wieder über ihre Augen und ihren Geist senkte.

„Erzähl mir von dir", bat sie ihn mit belegter Stimme.

„Was willst du denn wissen?"

„Dein Name... hast du wirklich noch Familie?"

Die Frage kam nicht unerwartet. Sie hatte schon mehrfach merkwürdig reagiert, weil er nicht nur einen Vornamen trug. Shane lächelte traurig. Er schloss die Augen, und sah seine Eltern vor sich, seine Schwester, seine besten Freunde.

„Ja", begann er leise.

„Mein Vater, er heißt Connor und meine Schwester, Cait. Meine Mum ist vor ein paar Jahren gestorben. Wir sind ständig auf dem Weg. Mit meinem Onkel und seiner Frau und deren Söhnen. Ein paar andere haben sich uns angeschlossen..."

„Auf dem Weg wohin?", unterbrach Corey.

„Äh, keine Ahnung. Wie haben keinen festen Wohnsitz, seit die Hölle losgebrochen ist. Ich bin nicht auf dem Festland geboren worden und wir sind erst seit zehn Jahren vielleicht hier. Das heißt, da wo mich diese Arschlöcher weggefangen haben."

„Und...? Hattest- hast du ein Mädchen da draußen?"

„Nein, Corey, keine Sorge."

„Ach, mir doch egal, hab mich nur gefragt, ob du noch Jungfrau warst."

Shane lachte leise und ging nicht weiter darauf ein.

„Und bei dir? Erinnerst du dich, was mit deinen Eltern passiert ist? Wo du herkommst?"

Corey schwieg. So lange, das Shane meinte sie wäre vielleicht eingeschlafen. Ihre Hand lag flach auf seiner Brust, dicht über seinem Herz. Sie zitterte endlich nicht mehr vor Kälte und wirkte entspannt, ruhig und als ob sie wieder ganz bei sich wäre. Shane hatte kurz gehadert diese Frage zu stellen. Er wollte keine Erinnerungen in ihr wecken, die sie erneut aufwühlten und an ihren labilen Wesen kratzen. Doch er war auch neugierig. Er wusste fast nichts über sie. Nur was sie hier zu tun hatte und diesen kranken Auftrag von ihrem Adoptivvater erhalten hatte. Derselbe Mann, der ihn entführen ließ. Krankes Arschloch.

Als Corey schließ doch antwortete, war ihre Stimme bar jeder Emotion und es klang, als hätte sie die Worte mehrfach in ihrem Kopf aufgesagt, um sie so herauszubringen.

„Mein leiblicher Vater und meine große Schwester starben bei einem Anschlag auf unser Haus, als ich sechs oder sieben war. Meine Mutter...keine Ahnung, war schon lange tot. Ich erinnere mich nicht an sie. Ich hatte auch einen Bruder, aber der ging zur Armee, als ich noch ein Baby war und kam nie zurück. Ich hab die Granate irgendwie überlebt. Ein Mann hat mich gefunden. Er war mein Retter, wurde zu meinem großen Bruder, meinem besten Freund, meinem Lehrer und später... Naja, jetzt fickt er mich noch gelegentlich, wenn ihm langweilig ist oder er was zum abreagieren braucht."

Shane hielt betroffen die Luft an. Er hatte eine schlimme Geschichte erwartete, doch ihre Worte sprengten den Rahmen des Vorstellbaren. Doch sie erklärten auch auf gewisse Weise ihr Verhalten. Als kleines Kind der Familie entrissen, wurde sie erzogen kaltblütig andere Menschen zu töten und währenddessen regelmäßig von ihrem Lehrer vergewaltigt. Sein Mund war trocken. Er wollte etwas sagen, sie trösten, doch er befürchtete, dass sie nicht positiv auf sein Mitleid reagieren würde.

„Fällt mir nach den letzten Tagen schwer zu glauben, dass du das hast mit dir hast machen lassen...", versuchte er es und beherrschte sich, sie noch fester zu umarmen.

Corey lachte bitter. „Ich hab ihn irgendwie geliebt", flüsterte sie. „Er hat mich auf sich geprägt, und es ausgenutzt. Das erkenne ich jetzt."

Shane stutze, als er die versteckte Information in ihren Worten erkannte.

„Wegen mir?", fragte er vorsichtig.

Corey legte den Kopf auf seiner Schulter in den Nacken um ihn anzusehen. Doch es war noch immer so dunkel in und außerhalb ihrer Höhle, dass sie unmöglich etwas erkennen konnte. Er spürte ihren warmen Atem an Kinn und biss sich auf die Lippe.

„Zum Teil, ja", antwortete sie tonlos und ließ nicht erkennen, was diese Erkenntnis bei ihr auslöste, was sie fühlte. Bezüglich ihm, ihr selbst, dieser ganzen verfahrenen Situation.

Shane schluckte. Sein Ärger war restlos verraucht. Er wusste nicht was er darauf antworten sollte. Am liebsten, würde er einfach mit ihr davonlaufen, doch ihm war klar, dass das noch nicht möglich war. Nachdem was diesem Mädchen abverlangt wurde, war es kein Wunder, dass ihre Psyche darunter gelitten hatte. Sie schien in ihm eine Art Ruhepol gefunden zu haben. Ein Fels, hinter dem sie sich eine Weile verstecken und ausruhen konnte, bevor die Brandung im Morgengrauen erneut nach ihren Beinen griff und sie in eine blutrote Tiefe zog. Wir retten uns gegenseitig das Leben.

Vielleicht wäre Corey ohne schon tot. Oder alle anderen. Er stellte sie sich vor, mit blutverschmiertem Gesicht, auf einem Leichenberg. Die Sonne ging hinter ihr unter und warf lange Schatten. Ihre Hände waren schwarz und ihr Gesicht ausdruckslos. Wer konnte so etwas einer jungen Frau von nicht mal zwanzig Jahren antun und erwarten, dass sie danach noch klar im Kopf war. Doch er war da, war ihr Fels. Hielt sie bei Verstand und erinnerte sie an das Leben, und das Gute darin.

Nach einer langen Zeit des Schweigens, brach Shane noch einmal die Stille: „Was machen wir jetzt?"

Sie wusste sofort was er meinte und ballte die Hand voller Tatendrang zur Faust.

„Wir müssen sie in eine Falle locken. Sie werden sich nicht nochmal trennen. So dämlich sind die drei leider nicht. Wir brauchen einen Ort, an dem wir die Kontrolle haben und halten können. Ich hab schon überlegt ihr Lager zu suchen und sie in der Nacht dort zu überfallen."

„Auf jeden Fall dürfen sie nicht unsere Höhle finden."

„Das stimmt", tätigte Corey ihm. „Wir könnten sie auch an einen neuen Ort locken."

„Vielleicht die Ruinen, wo wir vorbei gekommen sind, bevor du diesen Hünen und die Blonde erwischt hast?", schlug er vor.

„Ja, das könnte gehen. Das ist auch weit genug von hier weg."

Shane freute sich, dass sie seinen Vorschlag aufgriff und hatte das Gefühl, etwas sinnvolles beigetragen zu haben. Neben seiner unausgesprochenen Funktion als Ruhepol.

„Lass uns dort hingehen, sobald es hell genug ist", bestimmte sie und gähnte. „und dann sehen wir mal, was wir dort vielleicht nutzen können."

Angesteckt gähnte auch Shane und nickte. Er griff, ohne darüber nachzudenken nach ihrer Hand und als sie sie nicht wegzog, schloss er die Augen und schlief ein.


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