Winter 2007- Bon Appètit

Ob ein fröhliches Mahl überhaupt ohne Frauen denkbar ist, lasse ich offen.

 

                                                                                                    - Erasmus von Rotterdam

 

Die ersten Schneeflocken fielen auf ihn herab, als er sie durch die Glasscheibe beobachtete. Hüfteschwingend bewegte sie sich auf ihren High Heels durch das vollbesetzte, französische Edelrestaurant. Ein triumphales Schmunzeln legte sich auf seine Lippen. Sein Tipp erwies sich als absoluter Volltreffer. Ohne ihn hätte er nicht gewusst, wo er heute Abend nach ihr suchen sollte. Zuerst hatte er es bei ihr Zuhause versucht, erfolglos. Anschließend hatte er ihn angerufen und um Rat gefragt, schließlich wusste er aus verlässlichen Quellen (was auch immer das bedeuten sollte) stets, wo sich seine Mitarbeiter aufhielten.

Er hatte Recht gehabt, nun konnte er sie zur Rede stellen, denn das letzte Wort zwischen ihnen war noch lange nicht gesprochen. Entschlossen öffnete er die Eingangstür und trat in das Restaurant, das mit hohen und Stuck verzierten Decken und exquisitem Mobiliar beeindruckte. Doch er hatte nicht lange Augen für die Einrichtung, sondern näherte sich mit großen, eiligen Schritten ihrem Tisch. Der blonde Killer ignorierte dabei die stechenden und abwertenden Blicke der Restaurantgäste, die zur gehobenen Klasse Saint Berkaines gehörten. Natürlich fiel er zwischen den reichen Pinkeln auf, mit seiner einfachen Jeans, dem grauen T-Shirt und der Lederjacke, aber das kratzte ihn nicht.

Seine arktischen Augen hafteten an Ophelia Monroe, die mittlerweile an einem Zweiertisch Platz genommen hatte. Sie trug eine schwarze, feine Hose und dazu ein ärmelloses Oberteil in einem dunklen Lila, welches mit einem Blumenmuster bestickt und semitransparent war, sodass man ihre Brustwarzen erahnen konnte.

„Alleine in einem Restaurant zu sitzen ist verdammt erbärmlich, meine Liebe“, begrüßte er seine Kollegin und setzte sich ungefragt zu ihr. Als sie ihn erkannte und realisierte, dass sein Anblick keine Einbildung war, fror jegliche Emotion in ihrem hübschen Gesicht ein.

„Das glaube ich jetzt nicht. Das ist…“ Ihre Wut schnitt ihr die Worte ab.

„Ich dachte ein bisschen Gesellschaft würde dir gut tun“, aalte er sich zufrieden in ihrem Entsetzen über sein Erscheinen, während er sich die Jacke auszog und diese über den Stuhl hängte.

„Ich kann auf deine Gesellschaft verzichten, Massey.“ Er konnte hören, wie groß ihre Abneigung gegen ihn war. „Woher weißt du überhaupt, dass ich hier bin? Hast du mich etwa verfolgt?“

„Ob ich dich verfolgt habe?“ Patton lachte schalkhaft. „Nein, das ist echt nicht mein Stil. Meine Informationen bekomme ich von anderer Seite.“

„Lass mich raten…irgendeiner von unseren Kollegen hat geredet.“

„Nicht einer der Kollegen, sondern Jericho.“ Als er ihnen Boss erwähnte, verzog Ophelia angeekelt das Gesicht, machte eine ausspuckende Geste und schüttelte sich.

„Du und Jericho… ich vergaß das enge Vertrauensverhältnis zwischen euch“, spielte sie spitz auf den Streitpunkt an, der der Auslöser für ihre Trennung war.

„Regt dich immer noch auf, dass ich mit ihm über dich gesprochen habe?“

„Du hast nicht über mich gesprochen, du hast mich in den Dreck gezogen, Scheißkerl.“

„Und das gibt dir das Recht mich abzuservieren?“, fragte er verbissen und sah sie an, als habe sie den Verstand verloren. „Denk mal darüber nach, wie oft du mich beleidigt und wie Abschaum behandelt hast.“ Die Brünette reagierte gelassen auf seine Vorwürfe.

„Das ist ernsthaft deine Rechtfertigung für deinen Verrat?“ Stirnrunzelnd musterte sie ihn. „Ich weiß genau, wie ich mit dir umgegangen bin, doch du bist selbst Schuld. Du hast es dir gefallen lassen, um mich weiterhin zu ficken, Massey, also beschwer dich nicht.“

Die Hinterhältigkeit, mit der sie dies sagte, ließen bei ihm die Sicherungen durchbrennen. Roh packte er ihr rechtes Handgelenk und zog ihren Oberkörper ein ganzes Stück über den eingedeckten Tisch. Er würde ihr schon zeigen, was es hieß ihn abzuschieben.

„So redest du nicht mit mir, Prinzessin. Du bestimmst nicht, wann Schluss ist. Ich…“ Plötzlich tauchte ein elegant gekleideter Kellner bei ihnen auf, sodass er gezwungen war sie loszulassen.

„Gibt es hier Probleme, Miss? Belästigt Sie dieser Gentleman?“, fragte er Ophelia höflich, indes behandelte er ihn, als existiere er gar nicht. Arschkriecherischer Mistkerl!

„Traurigerweise kenne ich diesen…Gentleman“, würgte sie das letzte Wort mühsam hervor, woraufhin er aggressiv die Zähne fletschte und seine Hände zu Fäusten ballte.

„Soll ich ihn entfernen lassen?“

„Entfernen lassen?“ Der Ex-Soldat hörte wohl nicht richtig. Wutschäumend schnellte er von seinem Stuhl hoch und baute sich vor dem Kellner auf. „Was willst du denn tun, du dürrer, kleiner Pisser?“

„Ich werde die Polizei rufen“, antwortete er mutiger, als Patton erwartet hatte.

„Moment“, kam es plötzlich von seiner Kollegin, die aufstand und an seine Seite trat. „Das wird nicht nötig sein. Ich werde schon dafür sorgen, dass er sich von nun an benimmt“, sprach sie von ihm wie ein ungehorsames Kind, zeitgleich legte sie ihre rechte Hand auf seinen linken Unterarmen.

„Er wird keine Probleme mehr machen.“ Zärtlich strich sie mit ihren Fingerspitzen über seinen nackten Arm, was ihn vermutlich beruhigen sollte, aber ihre Worte machten ihn rasend.

„Was soll der Scheiß, Monroe?“, raunte er ihr ungehalten ins Ohr, was ihm einen skeptischen Blick seitens des Kellners einbrachte. Ophelia ließ sich von seinem Zorn nicht aus ihrer Rolle drängen, denn sie lachte glockenhell auf, als habe er bloß eine witzige Bemerkung gemacht.

„Bringen Sie uns doch bitte eine Flasche Merlot.“ Ihre Bestellung sollte die Unterhaltung beenden und die brenzliche Situation entschärfen. Zunächst blieb der Kellner wie angewurzelt stehen und rührte sich keinen Zentimeter, erst, als sie ihm ein vertrauensvolles, warmes Lächeln schenkte, nickte er und setzte sich in Bewegung.

Kaum war er aus ihrem Sichtfeld verschwunden, zog die Brünette ihre Hand weg und das Lächeln machte einer eiskalten Miene Platz.

„Setz dich hin, sofort“, knurrte sie und wartete darauf, dass er ihrem Befehl Folge leistete. Patton benötigte jedoch einige Augenblicke, bis er sich tatsächlich wieder zurück auf seinen Stuhl fallen ließ. Erst dann setzte sie sich.

„Unglaublich wie du dich aufführst“, zischte Ophelia aufgebracht über den Tisch. „Wie ein unterbelichteter Prolet.“

„Halt dein Maul, Monroe“, behielt er sein loses Mundwerk bei. „Ich werde mich nicht verstellen, weil ich in einem spießigen Restaurant sitze.“

„Da riskierst du es lieber, dass der Kerl die Bullen ruft“, äußerte sie spöttisch und schob ihre in Form gezupften Augenbrauen zusammen. „Ein verdammt kluger Schachzug, Massey.“

„Musst du mich jedes Mal wie einen Idioten hinstellen? Kannst du dich nicht mit mir unterhalten, ohne mir einen Seitenhieb zu verpassen?“

„Du zwingst mich zu dieser Unterhaltung, also tue und sage ich, was ich will.“

„Ich zwinge dich nicht, ich fordere dieses Gespräch ein, weil das zwischen uns noch nicht geklärt ist, Schätzchen“, erklärte er ihr mit Nachdruck.

„Es ist alles geklärt. Ich habe dir deutlich gesagt, dass unsere Affäre vorbei ist und darüber diskutiere ich nicht“, zischte sie böse und warf ihre Haare, die sie zu einem strengen Zopf geflochten hatte, energisch hinter ihre rechte Schulter. Bevor er etwas entgegnen konnte, brachte der Kellner den bestellten Wein und füllte diesen in zwei Gläser. Ophelia bedankte sich und nahm einen großzügigen Schluck.

„Köstlich“, schwärmte seine Kollegin und schien vorerst den Ärger über ihn vergessen zu haben. „Probier ruhig, Massey, oder magst du keinen Wein?“ Wenig begeistert betrachtete er die rote Flüssigkeit.

„Nicht unbedingt.“

„Hätte ich etwas Anspruchloseres bestellen sollen, das deinem Niveau eher entspricht?“

„Und das wäre?“, bellte Patton tollwütig wie ein Hund.

„Schales, billiges Bier“, kam es prompt über ihre Lippen, bevor sie sich einen zweiten Schluck Wein genehmigte.

„Am Besten noch serviert in einem Trog, als wäre ich ein Schwein.“ In dem Killer brodelte eine Mordswut, denn seine Kollegin brach über seinen ironischen Kommentar in heiteres Gelächter aus. Und Ophelia lachte, lachte und lachte. Sie wusste nie, wann Schluss war. Sie wusste nie, wann sie ihn bis aufs Blut reizte.

„Hör auf, Monroe, hör sofort auf!“, forderte er sie erzürnt auf, aber sie ließ sich nicht davon abbringen sich weiter auf seine Kosten zu amüsieren. Patton Massey musste also zu anderen Mitteln greifen. Mit aller Kraft trat er gnadenlos gegen ihr linkes Schienbein, was die Dunkelhaarige augenblicklich verstummen ließ.

„Ist das dein verdammter Ernst?“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Und ob, Prinzessin“, war es diesmal an ihm herzhaft zu lachen. „Ich lasse mich nicht von dir verarschen und ich lasse mir auch nicht erzählen, dass alles geklärt ist.“ Ihr ging es sichtlich gegen den Strich, dass er nicht locker ließ. Es ärgerte sie mehr, dass er ihre Affäre ständig ansprach, als der Tritt, der er ihr verpasst hatte.

„Kannst oder willst du mich nicht verstehen, Massey? Verdammt, ich wollte hier in Ruhe essen, alleine, und nicht mit einem hirnlosen Klotz vor meiner Nase, der sich in den Kopf gesetzt hat mich an den Rand des Wahnsinns zu treiben“, schwadronierte Ophelia genervt und leerte ihr Glas beinahe mit einem Zug. „Ich will nicht mit dir über etwas reden, was zu Ende ist. Das ist reine Zeitverschwendung.“

„Das zwischen uns ist noch nicht zu Ende, meine Liebe. Es hat gerade erst angefangen und eins sage ich dir: Du wirst mich nie wieder vorführen! Du wirst von nun an das tun, was ich dir sage! Und du wirst mir gehorchen!“, brach es aus Patton explosionsartig heraus.

In ihrem fahlen Gesicht zuckten vereinzelt Muskeln, die Lippen waren farblos und dadurch kaum zu sehen. Der Zorn stieg kontinuierlich in ihr an, bis sie ihn nicht mehr aufhalten konnte und das Weinglas in ihrer rechten Hand zerdrückte. Man hörte das Knirschen des Glases, das in Scherben aus ihrer Hand rieselte wie Schnee. Der verbliebene Wein floss über ihr Handgelenk, tropfte auf die schneeweiße Tischdecke und ähnelte dabei frischem Blut.

Ophelia blieb äußerlich weiterhin völlig ruhig, doch in ihrem Inneren peitschte ein gefährlicher Hurrikan. Der Ex-Soldat beschloss abzuwarten. Indes öffnete sie ihre Hand, sodass die letzten Splitter auf den Tisch fielen. Wie eine Puppe bewegten sie ihren Kopf mechanisch zur Seite. Mit glasigen Augen fixierte sie ihre, von kleinen Schnitten durchzogene, Handfläche.

Es herrschte eine unheimliche Stille, die nur durch das Besteckgeklimper und Gemurmel der anderen Gäste unterbrochen wurde. Irgendwann nahm seine Kollegin eine Stoffserviette und drückte diese gegen die blutenden Wunden.

„Du gibst mir Befehle, Massey. Du willst mich in einen Käfig sperren, wie mein Vater“, fand sie nach mehreren Minuten ihre Stimme wieder, die wie kaltes, rostiges Metall klang. „Obwohl du meine Vergangenheit kennst und weißt, wie ich zu Männern stehe, die die Macht über mich und mein Leben ergreifen wollen, kannst du es nicht lassen, weil deine Dominanz, die ich in kleinen Dosen durchaus äußerst reizvoll fand, die Oberhand gewonnen und unsere Affäre zerstört hat. Sie hat dich dazu gebracht die Grenzen, die ich gesteckt habe, zu ignorieren und gedankenlos zu übertreten. Und als ich dachte, dass deine Respektlosigkeit nicht noch weitergehen könnte, hast du dir die Sache mit Jericho geleistet. Du hast mich sowohl als Kollege, als auch als Liebhaber getäuscht und verraten.“ Ihr Blick wanderte von ihrer Hand zu ihm. In ihren Augen lag Unversöhnlichkeit und Schmerz. „Ich lasse mich nicht von dir einspannen und zu einer Beziehung drängen. Ich werde keine Gefühle für dich entwickeln, nur, weil du glaubst, dass eine besondere Verbindung zwischen uns bestünde.“ Bei diesem Satz musste sie hämisch schmunzeln.

„Du machst dir selbst etwas vor, Massey. Wir sind keine Menschen, die sich lieben. Wir sind zwei Menschen, die sich zu sehr ähneln, als das sie einander ertragen können. Eine Zeit lang hat es zwar funktioniert, wir sind miteinander ausgekommen und hatten heißen Sex, aber jetzt ist es vorbei. Unsere Deadline ist erreicht“, beendete sie ihre Rede und legte die blutbefleckte Serviette zur Seite.

Der Ex-Soldat saß stocksteif auf seinem Stuhl und machte sich seine Gedanken über ihre Worte. Ophelia gab sich verdammt viel Mühe, um sich vor ihm und ihren Emotionen zu schützen, denn er war sich sicher, dass sie diejenige war, die sich etwas vormachte; dass sie es war, die alles daran setzte ihn aus ihrem Privatleben zu entfernen. Bei Patton sickerte allmählich durch, dass es ihm nichts nützte, sondern eher schadete, wenn er seine Kollegin bedrängte.

Möglicherweise wäre in nächster Zeit auf Abstand zu gehen und ihr ihren Freiraum zu lassen die bessere Taktik. Vielleicht würde sie dann erkennen, wie sehr sie ihn brauchte, seine Nähe vermisste und sich nach seinen Berührungen sehnte…

„Warum so still?“, fragte Ophelia ihn aus heiterem Himmel und brachte ihn aus dem Konzept. Sie erwartete eine Reaktion von ihm. Eine Reaktion, die nach ihrem Geschmack war und sie zufrieden stellte.

„Ich lasse mir durch den Kopf gehen, was du gesagt hast, meine Liebe.“ Er wusste bereits, dass ihr diese Antwort nicht genügte, bevor sie den Mund aufmachte.

„Und bist du schon zu einem Ergebnis gelangt?“ Beißender Spott schwang in dieser Frage mit, der ihn verärgerte.

„Mach mir keinen Stress, Monroe“, maulte er.

„Oh, armer, überforderter Massey.“ Sie zog eine Schnute und blickte ihm mit falschem Mitleid an.

„Halt den Mund, ja? Ich höre dir zu und denke über deine Worte nach und du hast mal wieder nichts Besseres zu tun, als mich für dumm zu verkaufen, Miststück.“ Sein Zorn übernahm die Oberhand und überschattete seinen Wunsch, dass sie ihrer Affäre eine zweite Chance einräumte.

„Beruhige dich“, säuselte sie mit engelsgleicher Stimme. „Diese ständige Reizbarkeit ist nicht gut für dich.“

„Was weißt du denn schon, huh?“ Dem Ex-Soldaten fiel es schwer seinen Unmut herunterzufahren. Jeden Satz ihrerseits empfand er als Provokation. „Weißt du was nicht gut für dich ist? Deine ständige Qualmerei!“

„Gut gekontert, Süßer“, lobte sie ihn und gluckste heiter. Für ihn war es eindeutig, dass ihre Verspottung weiterging, kontinuierlich und gnadenlos. Der Brünetten war es dabei völlig egal, wie sie mit ihm umsprang, solange sie ihren Spaß hatte.

Patton begnügte sich mit einem mürrischen Grunzen und einem mahnenden Blick, dessen Bedeutung sie hoffentlich verstand.

„Ich habe Hunger“, wechselte sie tatsächlich das Thema und verzichtete auf weitere Beleidigungen. „Möchtest du auch etwas, Massey?“

„Nein, danke“, schmetterte er ihr Angebot ab und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. Sie zuckte flüchtig mit den Schultern, ehe sie sich im großen Saal umsah.

„Garçon?“ Mit einer eleganten Handbewegung rief sie den Kellner, der sich gerade in ihrer Nähe aufhielt, erneut an ihren Tisch.

„Sie wünschen?“

Ophelia stützte ihre Ellbogen auf, legte die Hände ineinander und bettete ihr Kinn auf ihre überkreuzten Finger. Ihr Blaugrün traf auf sein Arktisblau.

„Ich hätte gerne etwas von ihrer vorzüglichen Mousse au chocolate“, hauchte sie und hielt dabei intensiv den Blick auf Patton gerichtet, als wolle sie ihn durchleuchten. Der Kellner verschwand nach einer ehrerbietenden Verbeugung und ließ sie wieder allein.

Ihre Augen blieben weiterhin an ihm hängen und beobachteten jede Regung. Je länger sie ihn betrachtete, desto mulmiger wurde dem blonden Killer zumute. Ihn überkam ein eigenartiges Gefühl, das er nur empfand, wenn sie bei ihm war. Es war das starke Band, das ihn unwiderruflich an sie fesselte und nie wieder loslassen würde…

Das anhaltende Schweigen und seine Gedanken wurden recht schnell unterbrochen, als das bestellte Dessert in einem hohen, kelchartigen Kristallglas bereits an ihren Tisch kam. Seine Kollegin bedankte sich bei dem Kellner, bevor sie den Löffel in der dunkelbraunen Mousse versenkte.

„Willst du probieren?“, fragte sie und hielt ihm ihren vollen Löffel hin.

„Nein, danke“, antwortete er ihr ein weiteres Mal.

„Na gut, ist deine Entscheidung.“ Ophelia schob den Löffel in ihren Mund und erfreute sich an dem süßlich-herben Geschmack.

„Hm, das schmeckt sooo gut. Du verpasst wirklich was, Massey.“ Genüsslich schloss sie die Augen und fuhr mit ihrer Zunge lasziv über ihre fülligen Lippen. Hitze stieg in ihm auf und verursachte die ersten Schweißperlen auf seiner Stirn.

„Oh Gott“, stöhnte sie lustvoll, als habe sie gerade einen Orgasmus. Weit legte sie den Kopf in den Nacken und wurde immer lauter. Seine Erregung wich schlagartig der Fremdscham. Betreten versuchte Patton sich auf seinen Stuhl so klein wie möglich zu machen, denn er spürte bereits die ersten Blicken der anderen Gäste in seinem Rücken.

„Sei still“, zischte er peinlich berührt und wäre am liebsten in Grund und Boden versunken.

„Was sagst du?“, stoppte sie zu seiner Erleichterung das Gestöhne und konzentrierte sich wieder auf ihn.

„Ich will, dass du verdammt noch mal still bist, Monroe!“ Erzürnt haute er mit der linken Faust auf den Tisch, was das verbliebene Weinglas zum Klirren brachte. „Ständig musst du übertreiben und die Grenzen ausreizen.“

„Wovon sprichst du?“, spielte sie die Ahnungslose und aß in aller Seelenruhe weiter.

„Von deiner peinlichen Pornonummer, Schätzchen“, ächzte der blonde Killer. „Aber es geht nicht nur darum. Du hast das Talent oder die Abgebrühtheit die Menschen um dich herum zum Wahnsinn zu treiben und sie in unangenehme Situation zu bringen, was dir an deinem süßen Knackarsch vorbeigeht.“

„Warum sollten mich andere Menschen interessieren, hm? Ich denke nur an mich, wie du auch, Massey. Wenn wir an andere denken würden, dann wären wir keine Killer“, führte Ophelia emotionslos an. „Wir beide sind vom selben Schlag, also stell dich nicht besser dar, als du bist." Eingehend betrachtete sie ihn, dann schob sie ihr Dessert zur Seite und lehnte sich nach vorne.

„Du bist ein erbarmungsloser Mann.“ Patton versuchte herauszufinden, ob dies als Kompliment oder Beleidigung gemeint war, aber ihre Miene war undurchschaubar. Während er weiter grübelte, spürte er, wie ihr linker Fuß langsam sein rechtes Bein hoch glitt. Was hast du jetzt wieder vor, Miststück?

„Warum machst du das? Willst du mich provozieren?“ Die brünette Schönheit kicherte mädchenhaft und unschuldig, was seine Alarmglocken laut schrillen ließ.  

„Nein, ich will dich bloß scharf machen, Massey.“ Mittlerweile war sie mit ihrem Fußballen zwischen seinen Beinen angelangt. Ein Schauer durchlief seine Glieder.

„Aber viel lieber sehe ich es, wie du leidest“, flötete sie und drückte ihren Fuß gnadenlos gegen seinen Penis. Relativ schnell erhöhte sie den Druck, was ihn in arge Bedrängnis brachte. Kräftig biss er die Zähne zusammen und versuchte sich die ansteigenden Schmerzen keinesfalls anmerken zu lassen.

„Ach, es ist wie in alten Zeiten.“ In Erinnerungen schwelgend lächelte sie verzückt und ergötzte sich an seinem Leid.

„Die kannst du wiederhaben, Prinzessin“, presste er angestrengt hervor, weil er wusste, dass es sie aufregen würde. Und wie erwartet verging ihre gute Laune, was sie an seinem Penis ausließ. Jetzt war es nicht nur ihr Ballen, der ihn quälte, sondern zusätzlich der lange, spitze Absatz ihres High Heels, der sich durch seine empfindliche Haut bohrte.

„Du willst es anscheinend nicht anders, Massey. Du bettelst ja fast schon darum von mir bestraft zu werden“, höhnte sie und trat immer fester zu. Sein Unterleib fühlte sich taub an, zeitgleich breitete sich ein höllisches Brennen aus, das seinen ganzen Körper infizierte. Der Ex-Soldat ertrug das nicht länger und musste sich geschlagen geben. Mit aller Kraft stemmte er seine Hände gegen den Tisch und schob seinen Stuhl aus ihrer Reichweite. Sogleich spülte eine Welle der Erleichterung und Befreiung über ihn hinweg, die ihm seine Schmerzen nahm.

„Schwächling“, war ihre vorlaute Bemerkung, die er nicht auf sich sitzen lassen konnte. Er erhob sich und trat hinter ihren Stuhl. Ophelia wurde unruhig, da sie ihn nicht mehr im Blick hatte. So war er für sie unkontrollierbar und eine Gefahr.

Patton legte seine rechte Hand auf ihre schmale Schulter, während seine linke ihren Weg an ihre Kehle fand. Sie machte ein erstickendes Geräusch, als er unbarmherzig zudrückte. Langsam beugte er seinen Oberkörper zu ihr herunter, bis er auf der Höhe ihres linken Ohres war.

„Ach, meine Liebe, du denkst immer noch, dass du mir überlegen wärst“, lachte er über ihre Naivität. „Du weißt, dass du gegen mich nicht ankommst. Und du weißt, dass ich kein Problem damit habe dich zu töten, genau hier, genau jetzt.“ Er spürte ihr hartes Schlucken unter seiner Hand. „Ich brauche nur an deinen Kopf zu fassen, blitzschnell zu drehen und…“ Patton deutete an ihr das Genick zu brechen, „…du bist tot.“ Ein süffisantes Grinsen zierte seine Lippen, die er hastig befeuchtete.

„Dann tu es, Massey“, krächzte Ophelia atemlos. „Töte mich.“

„Das wäre zu einfach, meine Liebe.“ Mit einem Mal nahm er seine Hände von ihr. „Außerdem habe ich dir schon einmal gesagt, dass dein Tod mich niemals so glücklich machen kann, wie die Tatsache, dass du keine Chance gegen mich hast“, flüsterte er ihr zu, ehe er auf seinen Platz zurückkehrte. Die Miene seiner Kollegin zeigte die Unzufriedenheit und Wut darüber, dass er sie an ihr Versagen erinnerte.

„Deine Überheblichkeit ist schlimmer, als der Tod“, sagte sie mürrisch und überschlug ihre langen Beine. Patton Massey musste über ihre Äußerung lauthals lachen. Irgendwann fiel auch sie in sein Gelächter ein und amüsierte sich über ihre Unterhaltung, die nur aus Vorwürfen, Beleidigungen und verbalem Kräftemessen bestand.

„Ich glaube wir beide haben genug von diesem Abend.“ Sie wollte dieses ungeplante Treffen beenden, um ihn endlich loszuwerden. Er hingegen hatte sein Ziel, weswegen er zu ihr gegangen war, nicht erreicht. Ophelia fiel es im Traum nicht ein ihn in ihrer Nähe zu dulden, geschweige denn in ihrem Bett. Doch der blonde Killer musste sich damit vorerst zufrieden geben. Er würde sie in Frieden lassen und abwarten, bis der richtige Moment gekommen war, um erneut anzugreifen.

Die Brünette wartete nicht auf irgendeine Reaktion von ihm. Sie rief eilig den Kellner und beglich die Rechnung. Dann holte sie ihren weißen Mantel, dessen Ärmel mit Pelz besetzt waren, an der Garderobe ab und hüllte ihren dünnen Körper darin ein. Währenddessen zog er sich die Lederjacke über und trat mit ihr gemeinsam aus dem Restaurant in die klirrende Kälte. Die Dunkelhaarige zündete sich sofort eine Zigarette an, die sie genussvoll rauchte.

Die Schwaden ihres sichtbaren Atems vermischten sich mit dem Zigarettenqualm zu einer undurchdringlichen Nebelwand.

In völliger Stille liefen sie nebeneinander her, bis sie zu seiner Überraschung seine linke Hand nahm und sich eng an ihn schmiegte.

„Der Schnee ist wunderschön“, wisperte sie und schaute den Schneeflocken zu, die die Stadt in eine winterliche Märchenlandschaft verwandelten. In diesem kurzen Augenblick sah er das Kindliche in ihr, das er schon längst für verloren gehalten hatte. Fasziniert schaute sie dem Naturschauspiel zu und schien mit ihren Gedanken ganz weit weg zu sein. Aus den Augenwinkeln betrachtete er ihre blasse Haut, die fast so weiß war wie der Schnee und reinstem Porzellan ähnelte.

Plötzlich blieb sie stehen, stellte sich vor ihn und nahm sein Gesicht in ihre Hände. Nach Monaten wieder ihre zarte Haut zu spüren kam einer gewaltigen Explosion gleich.  

Patton wusste nicht, wo ihm der Kopf stand, als ihre Finger seine Kieferpartie entlang strichen und sie ihn küsste. Ihre Zunge glitt in seinen Mund, wo sie sich leidenschaftlich bewegte und ihm den Verstand raubte. Er verlor sich in diesem intensiven Kuss; er verlor sich in Ophelia Monroe. Diese trennte sich nach Minuten von seinen hungrigen Lippen, die nach mehr schrien.

„Das war mein Abschiedskuss, Mr. Massey“, wisperte sie ihm ins Ohr und kitzelte dabei seinen Nacken. Er bekam eine wohlige Gänsehaut.

„Au revoir.“

Zu spät registrierte er ihre Heimtücke und die kommende Gefahr. Ihre Augen blitzten unheilvoll, bevor sie ihn brutal und unvorhergesehen auf die Straße stieß, die zu dieser Zeit stark befahren war. Patton besaß gute Reflexe, aber selbst die konnten ihn nicht vor einem anrasenden Auto retten. Grelle Scheinwerfer kamen auf ihn zu, ohrenbetäubendes Hupen und das hohe Quietschen von Reifen erklang. Dann traf Metall auf Fleisch und er wurde auf den Asphalt katapultiert. Hart kam er mit dem Rücken auf, die Luft wurde aus seinen Lungen gepresst, sein Kopf knallte auf die Straße. Benommen und bewegungslos lag der Ex-Soldat auf dem vereisten Asphalt und kämpfte mit zunehmender Bewusstlosigkeit.

Dann drang ihr irres, hysterisches Gelächter an seine Ohren. Er wusste nicht, ob es echt war oder nur an dem Delirium lag, in dem er sich befand. Patton war schwach, er hatte nur noch Kraft sich auf die Seite zu drehen. Mit einem Grauschleier vor Augen blickte er Richtung Bürgersteig, wo sie mit ihrem strahlend weißen Mantel stand und aus der Masse der Schaulustigen heraus stach, wie ein Engel. Als er ein weiteres Mal blinzelte, war sie verschwunden.

 

 

 

 

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