Zeig' niemals deine Angst

In den folgenden Wochen wurde mir bewusst, dass ich all die Jahre, die ich dachte, Mönche würden ein zufriedenes Leben führen, einem Irrglauben verfallen war.

Das Leben im Kloster war streng durchgeplant und freie Zeit nur begrenzt. Es gab immer etwas zu tun.

 

Der Tag begann stets um 5 Uhr, ob es draußen noch dunkel war oder nicht, ob es regnete, stürmte oder mild war.

Die Glocken des Turms bohrten sich mit ihrem Gebimmel unerbittlich in jedes Gehör.

Ich fragte mich, ob es für Gottes Ohren nicht eine Beleidigung war, diese Glocken erklingen zu lassen. Sie klangen misstönend, schwach und irgendwie blechern.

Entweder waren sie sehr alt oder billig gearbeitet. Das Kloster war nicht reich, das konnte jeder sehen, der hier einkehrte, um auf dem Weg in die Stadt eine Rast einzulegen.

 

Es fiel Lachlan und mir nicht schwer, sich an den frühen Tagesbeginn zu gewöhnen. Zuhause bei unseren Eltern war es schließlich nicht anders. Trotzdem war es schwer für uns.

Denn obwohl wir Arbeit gewöhnt waren, war dieses Pensum schier nicht zu schaffen.

Man scheuchte uns von Ort zu Ort, um zu helfen und anzupacken.

Egal, ob es in der Wäscherei war und wir uns die Hände mit der Lauge überreizten oder in der Küche, wo man uns stundenlang harte und knorrige Rüben schälen ließ.

Wenn es dort nichts gab, ließ man uns die Kapelle putzen.

Der Abt, der alte rattengesichtige Mann, der uns von unseren Eltern wegholte, war immens streng mit uns.

Jeder Fehler wurde schwer bestraft.

 

»Jetzt hör auf zu weinen, sonst hören sie dich noch«, murmelte ich, als wir nach Einbruch der Nacht und der Abendmesse wieder in unserer Kate waren.

Lachlan schluchzte wieder nur und vergrub seine Rotznase in der kratzigen Kutte.

Seine Wange war verkrustet an der Stelle, an der die Ohrfeige des Abtes seine Haut hatte aufreißen lassen. Wenn er Pech hatte, würde daraus eine Narbe zurückbleiben.

Und das nur, weil der alte Sack einen winzigen Fingerabdruck auf einem frisch polierten Kerzenständer entdeckt hatte.

Er hatte Lachlan Nachlässigkeit vorgeworfen und ihn geschlagen, bevor dieser sich rechtfertigen konnte.

»Ich will wieder nach Hause...«, nuschelte er in den sackartigen Stoff und kauerte sich noch mehr zusammen.

Ich seufzte und legte meine Hand auf seine Schulter. Er zitterte und schniefte.

Ich verstand ihn nur zu gut. Auch ich hätte jederzeit die Armut meines Elternhauses zurückgenommen, hätte ich nur aus diesem Gotteshaus verschwinden können. Denn trotz unseres Aufenthaltes dort ging es uns nicht besser als vorher.

Wir froren nachts schrecklich in unserem Gemach aus bloßem Stein, obwohl der Sommer langsam Einzug hielt, wir waren kaputt und bis auf die Knochen erschöpft von der vielen harten Arbeit, wir bekamen im Vergleich zu den richtigen Mönchen weniger zu essen und wir wurden wegen jeder Kleinigkeit gerügt, oft auch mit Schlägen.

Lachlan war schwächer als ich, nicht nur körperlich, sondern auch emotional und so weinte er häufig, wenn er geschlagen wurde.

Schläge waren etwas, dass wir von unserer Familie nicht kannten. Meinem Vater rutschte nur äußerst selten die Hand aus, er brüllte meistens nur.

Doch die Mönche in dem Kloster, zumindest die meisten von ihnen, schienen kein Mitgefühl für Kinder zu haben. Im Gegenteil, es schien ihnen Spaß zu machen, ihren Frust und ihre Langeweile an uns auszulassen.

 

So wurden wir ausgebeutet und herumgeschubst und Lachlan vergoss jedes Mal Tränen.

Doch ich wollte, dass er damit aufhörte. Ich wollte, dass er aufhörte, den Mönchen seine Angst und seine Schwäche zu zeigen, denn dies machte ihn zu ihrem perfekten Opfer.

 

»Hör auf zu weinen, Lanny...« Ich zog unsere alte wollene Decke über ihn und legte mich zu ihm. Das kleine Talglicht auf dem Tisch flackerte im sanften Wind, der durch die Fensteröffnung drang. Lachlan drängte sich zitternd an mich und rieb seine Nase an der Kutte.

»Du darfst ihnen nicht zeigen, dass sie dir Angst machen und du darfst nicht mehr vor ihnen weinen, wenn du nicht mehr geschlagen werden willst«, murmelte ich und rieb seine kalten Hände.

»Wenn das doch nur so einfach wäre wie du sagst.«

Ich lächelte ihn an und konnte seine verweinten Augen im schwachen Licht der Kerze gerade noch erkennen. Sie wirkten noch blauer als sonst.

»Schau mal, was ich vom Abendmahl hab mitgehen lassen«, kicherte ich leise und zog einen Brotkanten und ein kleines Stück Käse aus meiner Kuttentasche. Lachlans Augen wurden groß, als ich eine Ecke des Käses abbrach und sie ihm gab.

Er hatte eigentlich immer Hunger und war ohnehin schon viel zu dünn. Dennoch war es ihm versagt, beim Essen um einen Nachschlag zu bitten. Jeder Mönch hatte das gleiche auf dem Teller, doch die Portionen der Erwachsenen waren größer als unsere. Wir konnten uns schon glücklich schätzen, dass wir einen Becher mit Milch bekamen, während die Mönche Malzbier tranken.

»Hier, iss das auch. Ich habe es von Bruder Victorius‘ Teller genommen, der hatte es übrig gelassen.« Ich drückte ihm auch das Brot in die Hand und schob mir nur ein kleines Stück des restlichen Käses in den Mund.

»Danke, Henry.«

Ich lächelte.

»Pass auf, ich schlag dir was vor. Du weinst nicht mehr, wenn die uns anschreien oder umherscheuchen und ich stehle dir weiter Essen von der Tafel, in Ordnung?«

Kauend nickte er.

»Aber wenn man dich erwischt, werden sie dich auspeitschen oder dir die Hand abschlagen oder so.«

Ich starrte ihn mit einem Grinsen an.

»Lachlan! Sind wir denn bei den Barbaren? Oder bei den heidnischen Arabern?«

»Aber Stehlen ist eine Sünde!«

»Ein Kind verhungern lassen auch. Jetzt iss und dann schlaf. Die Nacht ist schneller wieder vorbei, als uns lieb ist.«

Er nickte, schob sich den Rest des Essens in den Mund und kuschelte sich enger an mich, um die Kälte zu vertreiben.

Ich indessen starrte an die steinernde Decke des Raumes, den ich schon beinahe als ein Verlies ansah.

 

Ich sagte Lachlan immer wieder, er sollte nicht weinen, er sollte versuchen, stark zu sein und ich versuchte, ihm genau das vorzuleben. Ein Vorbild zu sein, an dem er sich orientieren konnte, ein Fels zu sein, der ihm Halt gab.

Doch ich hatte Heimweh, genau wie er.

Und öfter als einmal lag ich schon neben meinem schlafenden Bruder und biss in meine Kutte, damit er in der Dunkelheit nicht hörte, dass ich weinte.

Kommentare

  • Author Portrait

    Eigentlich ein guter Charakter... noch wahrscheinlich...

beta
Feenstaub

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