Zorn

Die Welt war schwer und grau. Er lehnte mit dem Rücken am Baumstamm, die Füße meterhoch über dem Grund baumelnd und schaute den Regentropfen dabei zu, wie sie die Blätter entlangliefen. Das Trommeln verscheuchte die Stille in ihm und er lauschte dem Rauschen.

Er wartete auf sie. Er wartete auf eine Nachricht von ihr. Er wartete, dass sie über die Dächer tanzte und Traum und Nacht überwand und durch die Tür trat und ihm aufgeregt etwas von einer neuen Idee erzählte. Aber sie ließ ihn allein.

Sie hatte ihm immer versprochen, dass nichts sie trennen könnte und er hatte schon immer geahnt, dass es eine Lüge war.

»Damals in der Schule, als wir nicht in dieselbe Klasse kamen, ist für dich auch die Welt irgendwie zusammengebrochen, nicht?«

Er fuhr herum und da saß sie auf einem der Äste. Ihr Haar und ihre Kleidung waren trocken trotz des Regens und er wollte ihre Locken zwischen den Fingern spüren. Sie an ihrem Ärmel berühren, sich versichern, dass er nicht verrückt wurde.

»Ja«, murmelte er und schaute wieder in die Wolken, die sich dicht an dicht drängten, als hätten sie nicht genug Platz, wie die Luft in seinem Brustkorb, die sich ballte und ihm das Atmen erschwerte.

Er wollte nicht daran denken, an diese Schuljahre, in denen er sie aus der Ferne beobachtet hatte, seine Hand nach ihr ausgestreckt und sie nie erreichen konnte. Die anderen lachten ihn aus, er hörte noch ihr Gelächter und ihm wurde übel. Er presste eine Hand auf seine Lippen.

»Warum hast du nie etwas gesagt?«, fragte er. »Warum hast du dich nie zu mir umgedreht und den anderen gesagt, dass sie aufhören sollen.«

»Das habe ich«, behauptete sie und er ahnte, dass sie log. »Aber du hast mir nie geglaubt.«

Und trotzdem wollte er ihr glauben. Dass er es wert war, dass sie ihn anschaute. Dass sie für ihn stehe blieb und sich zu ihm wandte und seine Hand ergriff. Aber dafür war es zu spät.

Der Regen schwoll zu einem Zischen an, durch die Wolken jagte ein Blitz. Das Grollen dazwischen klang wie ein böses Knurren.

»Glaubst du noch immer an Gott?«, fragte er spöttisch.

Sie schaute in den Himmel, legte den Kopf schief, als käme sie erst jetzt auf die Idee, daran zu zweifeln. Sie summte leise, wie ein lächerliches Echo des Donners, ins Gegenteil verkehrt, eine sachte Melodie zwischen dem wütenden Getöse.

»Was wäre schlimmer – wenn es keinen Gott gäbe oder einen, den es nicht kümmert?«, fragte er, als sie keine Antwort gab, wünschte sich, sie wäre ratlos und hoffte, sie kannte die Lösung.

»Vielleicht gibt es einen, der trotz allem bei einem bleibt«, flüsterte sie.

Jemand schlug ihm in den Magen, lachte, als er sich krümmte und er wollte ihre Locken greifen, sie zu sich reißen und sie anbrüllen. Ihren Ärmel festkrallen, sie an sich pressen und anschreien.

»Warum hat er dich sterben lassen?« Er hörte sein Murmeln kaum selbst und fragte sich, ob er es nicht eher gedacht hatte.

»Warum hat er nicht den Fahrer vorher gegen einen Baum knallen lassen?«

Die Luft in seinen Lungen zog sich zusammen und er konnte kaum atmen, als wäre er gerannt.

»Oder warum hat er den Fahrer nicht vorher davon abbringen können, ins Auto zu steigen?«

Er wünschte, sie würde sich umdrehen und ihn nicht ansehen, wie er da vor ihr kauerte. Er griff nach dem Saum ihres Kleides und erreichte ihn nicht, stützte sich stattdessen ab und versuchte den Würgereflex zu kontrollieren.

»Warum hat er ihn so viel Alkohol trinken lassen, dass er nicht mehr klar denken konnte, aber nicht genug, um seinen Rausch sofort ausschlafen zu müssen? Warum hat ER DICH STERBEN LASSEN?«

Jemand trat gegen seinen Kopf, lachte, als er sich zur Seite rollte und er verlor den Halt. Das Adrenalin schoss durch seine Glieder, als er fiel und fiel und der Donner durch seinen Kopf brüllte und Blitze vor seinen Augen zischten und dann nichts außer grelles Licht.

Er wusste nicht wie, als er sich auf den Boden vor seinem Bett erbrach und sich zu dem Nachttisch hangelte und nichts fühlte. Da war Leere und Taubheit und die Wut leergesaugt, als gäbe es nichts mehr in ihm. Als würde ihn nichts mehr zusammenhalten, nur das Gefühl zu implodieren zu einem Nichts. Als wäre nicht nur sie, sondern auch er nicht mehr da.

Er wusste nicht, woher sie kam, die Klinge, aber er hielt sie zwischen den Fingern und sie wog fast nichts, wie eine Feder mit scharfen Zähnen. Er setzte an und schaute zu, als ginge es ihn nichts an, wie das Blut über seine Haut rann, wie der Regen über die Blätter. Und er hörte nichts mehr.

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