Zu viele Geheimnisse

„Ich kann nicht glauben, dass du Snape davon erzählt hast!“

Wütend stapfte Harry im Gemeinschaftsraum auf und ab. Bis auf ihn, Ron und Ginny konnte Hermine keinen einzigen anderen Schüler entdecken, was ungewöhnlich war für einen frühen Abend. Offensichtlich hatte sich rumgesprochen, was passiert war, und alle anderen hatten sich frühzeitig aus der Schusslinie gebracht.

„Hätte ich einen Lehrer anlügen sollen, der mir eine so direkte Frage stellt?“, verteidigte Hermine sich: „Außerdem hättest du das Buch schon längst nicht mehr haben sollen.“

„Aber ausgerechnet Snape …“, stimmte Ron seinem besten Freund zögerlich zu.

Zornig drehte Hermine sich zu ihm um: „Natürlich Snape! Er war es, der Malfoy gerettet hat und vor Ort war.“

„Warum hast du eigentlich ausgerechnet ihn geholt?“, hakte Harry misstrauisch nach: „Warum nicht McGonagall?“

Hermine zwang sich, ruhig zu bleiben. Natürlich sah das für Harry und Ron komisch aus, denn ihre eigenen Gründe konnte sie kaum offenbaren. So kühl wie möglich erwiderte sie: „Wäre es dir lieber gewesen, McGonagall wäre vor Ort gewesen um zu sehen, was für ein Blutbad du angerichtet hast?“

„Jetzt übertreib mal nicht, Hermine!“, fuhr Ginny sie überraschend an: „Du tust ja gerade so, als wäre Harry ein Schwerverbrecher!“

Fassungslos starrte Hermine ihre Freunde an: „Bin ich eigentlich die einzige, die sieht, was gerade passiert ist? Harry, du hättest Malfoy beinahe umgebracht! Und du willst das Buch immer noch verteidigen?“

Unbeeindruckt verschränkte der die Arme vor der Brust: „Ich sag ja gar nicht, dass ich richtig gehandelt habe. Ich wünschte, ich könnte das ungeschehen machen. Aber dass du so versessen darauf bist, das Buch schlecht zu machen, finde ich nicht richtig. Du bist doch bloß neidisch.“

Tränen der Wut stiegen in Hermine hoch. Natürlich war sie neidisch, weil Harry durch Schummeln und nicht durch eigenes Talent besser in Zaubertränke war als sie. Aber darum ging es hier doch gar nicht. So ein dämliches, kleines Problem war doch nichts um Vergleich dazu, dass er beinahe Draco getötet hätte.

„Wenn du nicht in der Lage bist, deinen dummen Ehrgeiz rauszuhalten, solltest du echt besser die Klappe halten“, zischte Ginny, die sich schützend neben Harry gestellt hatte.

Hermine hatte endgültig genug. Sie verschwieg ihren Freunden einen großen Teil ihres derzeitigen Lebens, aber trotzdem hätte sie nicht mit diesem Maß an Misstrauen und Abneigung gerechnet. Ehe sie sich zurückhalten konnte, platzte aus ihr heraus: „Okay, wenn ihr alles so gut wisst, bitteschön. Bleibt doch blind in eurem Hass auf Malfoy und Snape. Ihr habt keine Ahnung, was hinter den Kulissen vor geht, insbesondere du nicht, Harry. Du bildest dir sonstwas drauf ein, dass Dumbledore dich in alles Mögliche einweiht, aber was wirklich los ist, davon hast du keinen blassen Schimmer.“

„Aber du, oder was?“, gab Ron ätzend zurück.

„Ja, in der Tat!“, schrie Hermine. Dann, ohne ihre Freunde weiter zu beachten, lief sie aus dem Gemeinschaftsraum hinaus.

Sie musste weg. Sie konnte nicht fassen, dass ihre besten Freunde tatsächlich einen Beinahe-Mord verteidigen und runterspielen wollten. Selbst Draco war nicht so kaltblütig, und der hatte den Mord immerhin sogar geplant. Wie konnte Harry immer noch denken, dass das Buch harmlos war? Zaubersprüche wie der Sectumsempra waren gewiss nicht vom Ministerium genehmigt, also hatte der komische Halbblutprinz ihn selbst erfunden – und warum? Gewiss nicht aus Menschenliebe.

Ohne, dass sie es sich recht bewusst war, hatte Hermine den Weg zum Krankenflügel eingeschlagen. Sie wusste nicht, ob sie nach dem Abendessen überhaupt noch eingelassen werden würde, doch wenn sie schon in der Nähe war, konnte sie genauso gut zu Draco gehen. Sollten die anderen Schüler doch reden, falls man sie sah. Sollte Harry sie doch hassen, falls er sie auf der Karte entdeckte. Es war ihr egal, es war ihr alles egal.

Madame Pomfrey war überrascht, sie zu sehen, doch da Hermine ihr den Patienten gebracht hatte, hielt sie es für einen Anstandsbesuch und ließ sie ohne viel Nachfragen durch.

Bis auf Draco war der Krankenflügel leer, was Hermine doch erleichterte. Er lag alleine in einem Bett am Ende des großen Raumes, nach wie vor unnatürlich blass, aber immerhin wach und bei Bewusstsein. Während sie ihn stumm betrachtete und sich nicht bemerkbar machte, wurde Hermine klar, dass sie sich eine Welt ohne Draco nicht mehr vorstellen konnte. Der Gedanke, ihn zu verlieren, erschien ihr mit einmal entsetzlich und nicht aushaltbar.

Wieder stiegen Tränen in ihr auf.

„Hey“, flüsterte sie schüchtern, als sie auf sein Bett zutrat.

„Granger“, kam es leise, aber entsetzt von Draco: „Was tust du hier?“

„Ich besuche dich, du Idiot“; erklärte sie entschlossen: „Ist mir egal, was andere denken. Ich habe mir Sorgen gemacht.“

Sprachlos starrte Draco sie an, doch da er ihr nicht befahl zu verschwinden, nahm sie sein Schweigen als Einladung und setzte sich zu ihm. Nicht auf einen Stuhl, der immer neben dem Bett stand, sondern zu ihm, auf die Kante der Matratze. Es war ihr egal.

Mit noch immer vor Tränen schwimmenden Augen musterte Hermine ihren blassen Freund. Draco erwiderte den Blick, verwirrt, aber offen. Es war klar, dass er ihr dankbar war, dass sie gekommen war, auch wenn er nicht verstand, warum sie das Risiko einging. Zitternd legte sie eine Hand auf seine Wange: „Draco. Ich liebe dich.“

Sie hatte es schon einmal ausgesprochen, aber irgendwie fühlte es sich jetzt anders an. Wahrer. Echter. Als hätte sie gerade die Realität um sie herum verändert. Sie schaute Draco in die Augen, nervös, aber ohne Angst. Sie stand zu ihren Gefühlen, egal, wie er darüber denken mochte.

Auch Draco wandte seinen Blick nicht ab, stattdessen legte er seine eigene Hand auf ihr: „Ich liebe dich auch, Hermine.“

Die Tränen, die Hermine schon die ganze Zeit in den Augen schwammen, brachen nun haltlos hervor. Sie war glücklich, unendlich glücklich, aber gleichzeitig noch immer voller Wut auf Harry und voller Angst vor der Zukunft. Schluchzend beugte sie sich vor, um ihren Kopf auf Dracos Brust legen zu können.

„Als Katie Bell heute ankam, hatte ich solche Angst“, erklärte Draco stockend, während er ihr mit einer Hand über das Haar streichelte: „Ich wusste nicht, an was sie sich erinnern würde. Eigentlich ist es unmöglich, dass sie weiß, dass ich es war, aber ich konnte nicht sicher sein. Mir war richtig schlecht vor Angst … wie letztens schon mal. Ich habe es Myrte erzählt und sie hat so gut zugehört und versucht, mich zu beruhigen … und dann war plötzlich Potter da … Dieser Fluch, den er genutzt hat … ich dachte, das war’s jetzt.“

„Ich auch“, presste Hermine mühsam hervor: „Bei Merlin, Draco, ich hatte so Angst um dich.“

„Ohne Snape … ich will gar nicht daran denken. Snape nervt mich ständig, aber heute bin ich trotzdem froh, dass er da ist.“

Nur widerwillig richtete Hermine sich auf, doch sie wusste, wenn sie ein halbwegs ernsthaftes Gespräch mit Draco führen wollte, war zu viel Körperkontakt nicht förderlich. Zögernd, unsicher, wie viel sie wirklich verraten sollte, sagte sie: „Snape hat dir das Leben gerettet, Draco. Ich hoffe, das vergisst du niemals. Du weißt, er hat deiner Mutter gegenüber diesen Schwur abgelegt, aber das ist nicht der einzige Grund, warum er dir geholfen hat. Er war wirklich besorgt. Um dich besorgt.“

Seit wann bist du so ein Snape-Fan?“, hakte Draco misstrauisch nach.

Hermine grinste schief: „Seit ich vor kurzem ein interessantes Gespräch mit ihm hatte. Snape kann furchteinflößend sein, wenn er wütend ist, oder?“

Dracos Augenbrauen schossen in die Höhe: „Hat er dir was getan?“

Sie schüttelte sofort den Kopf: „Nicht direkt, er hat nur …“

„Nicht direkt?“, brauste er auf: „Nicht direkt? Ich weiß, wie Snape ist, wenn er wütend ist. Da wird er schnell gewalttätig. Und du verteidigst ihn trotzdem?“

Nachlässig zuckte sie mit den Schultern: „Er hat sich angemessen entschuldigt danach. Und ich verstehe, dass ein unglaublicher Druck auf ihm lastet. Es ist nicht leicht, in seiner Position zu sein.“

Dracos Augen hatten einen stahlharten Ausdruck angenommen: „Hermine. Snape ist ein Todesser. Er ist der wichtigste Todesser von Du-weißt-schon-wem. Und er hat dich angegriffen. Wie kannst du da so drüber hinweg gehen? Hast du mir nicht immer vorgehalten, ich solle zu Dumbledore gehen? Warum hast du das nicht getan?“

Beruhigend legte sie ihm eine Hand auf den Arm: „Er hat mir gar nichts getan. Und, wie er selbst richtig festgestellt hat: Dumbledore vertraut ihm. Selbst wenn ich mich beschwert hätte, Dumbledore hätte es unter den Teppich gekehrt. Hätte irgendwas erfunden, an meinen Verstand appelliert und mich gebeten, den Vorfall zu vergessen. Und es gab ja nun wirklich nichts, worüber ich mich hätte beschweren sollen.“

„Er ist nicht dein Freund!“, herrschte Draco sie wütend an: „Begreif das endlich! Und er ist auch nicht Dumbledores Freund! Er ist die rechte Hand von Du-weißt-schon-wem!“

Beleidigt verschränkte Hermine die Arme vor der Brust: „Dumbledore vertraut ihm und ich vertraue Dumbledore. Und ich vertraue meiner eigenen Menschenkenntnis. Severus Snape ist kein schlechter Mensch.“

Stöhnend schloss Draco die Augen: „Es ist sinnlos, mit dir darüber zu reden. Aber bitte sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“

Lächelnd gab sie ihm einen Kuss auf die Stirn. Sie hatte den Hass von Harry und Ron auf Snape nie geteilt, selbst damals nicht, als sie ihn während eines Quidditch-Spiels in Brand gesteckt hatte. Er war gewiss nicht fair, vor allem auch ihr gegenüber nicht, aber sie kannte ihn inzwischen lange genug, um zu sehen, dass er auf der richtigen Seite stand in diesem Krieg.

oOoOoOo

Harry und Ginny hatten sie in der Woche nach dem Streit um das Zaubertränke-Buch konsequent ignoriert. Ausgerechnet Ron, der sonst für seine Sturheit bekannt war, hatte nach wenigen Tagen aufgegeben und sich zu ihr gesetzt, als Harry und Ginny gerade nicht da waren.

„Ich glaube, das mit dem Buch war richtig“, sagte er ohne Ankündigung.

Überrascht schaute Hermine von dem Aufsatz, an dem sie gerade arbeitete auf: „Wirklich?“

Er nickte: „Ja. Ich hab mir von Papa eine Liste aller Zaubersprüche, die beim Ministerium registriert sind, zuschicken lassen. Ich wollte dir beweisen, dass es ein ganz normaler Spruch ist, der vom Ministerium bewilligt war. Aber er steht nicht drauf.“

Kurz fragte Hermine sich, ob sie beleidigte sein sollte, dass er versucht hatte, sie auf diese Weise auszumanövrieren, doch ihre Erleichterung, dass zumindest einer ihrer Freunde zur Besinnung gekommen war, überwog: „Damit hatte ich gerechnet.“

Er verzog seine Mundwinkel zu einem unglücklichen Lächeln: „Ich habe Papa auch gefragt, was er von Zaubersprüchen hält, die nicht offiziell registriert sind. Naja, seine Antwort war recht eindeutig.“

„Als Ministeriumsangestellter gibt es da für ihn natürlich nur eine Antwort: absolutes Misstrauen“, erriet Hermine ohne Probleme.

Wieder nickte Ron: „Richtig. Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Harry ist so verbohrt mit seinem Hass auf Malfoy und ich glaube echt, wir haben andere Probleme.“

Mit ganzem Herzen stimmte sie ihm zu: „Er sollte sich lieber auf die Horkrux-Suche konzentrieren. Das scheint Dumbledore wichtig zu sein, und was Dumbledore wichtig ist, sollte Priorität haben.“

Rons Gesichtsausdruck wurde noch unglücklicher: „Sehe ich auch so. Aber … ich glaube, er ist abgelenkt.“

„Abgelenkt?“

Die Verzweiflung stand Ron ins Gesicht geschrieben, als er sagte: „Ich glaube, er geht mit Ginny.“

Mit offenem Mund starrte Hermine ihn an: „Wann ist das denn passiert?“

„Keine Ahnung“, gab Ron leise zurück: „Irgendwann nach der Sache mit dem Buch. Scheint die zwei irgendwie zusammen geschweißt zu haben. Und Ginny hat ja schon immer auf Harry gestanden.“

„Und Harry war schon ewig in Ginny verliebt“, ergänzte Hermine.

Rons Augen wurden groß: „Echt? Wieso wusste ich davon nichts?“

Hermine rollte bloß mit den Augen: „Oh, denkst du, Harry hätte dir das auf die Nase gebunden? Sie ist deine kleine Schwester und du bist sein bester Freund. Er will nicht, dass das zwischen euch steht.“

Ihr Gespräch war inzwischen leise geworden, denn obwohl der Gemeinschaftsraum bei diesem guten Wetter eher leer war, wollte doch keiner von beiden, dass ihre Umgebung etwas von dem intimen Gespräch mitbekam. Und vor allem sollte eine Beziehung von Harry Potter nicht aus Versehen an die Öffentlichkeit dringen.

Ron lehnte sich auf dem Tisch weit vor und, ohne Hermine dabei anzusehen, gestand: „Ich weiß nicht mal, auf wen ich mehr wütend bin. Auf Harry, weil er ausgerechnet mit meiner kleinen Schwester geht. Oder auf meine Schwester, weil sie mit meinem besten Freund geht.“

Mitfühlend legte Hermine ihm einen Arm um die Schulter: „Hast du Angst, dass deine Freundschaft zu Harry leidet, weil er mit Ginny zusammen ist.“

Lange blieb Ron stumm. Dann, als er offenbar endlich zu einer Antwort gekommen war, drehte er sich mit einem deutlichen Rotschimmer auf den Wangen zu Hermine um. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt, als er antwortete: „Ja, das trifft es ganz gut. Hermine, ich …“

Plötzlich wurde Hermine sich der Situation bewusst, in der sie sich befand. Sie umarmte Ron, sie waren einander wahnsinnig nahe, und sie sprachen über Beziehungen. Noch bevor er seinen Satz aussprechen konnte, richtete sie sich auf und ließ ihn los. Nur zu genau erinnerte sie sich daran, dass sie vor einem guten halben Jahr selbst Liebeskummer wegen ihm gehabt hatte. Das hatte sich jetzt geändert, sie war nicht mehr in ihn verliebt. Aber er war nicht länger mit Lavender zusammen, und schon, als sie selbst noch Gefühle für ihn gehabt hatte, hatte sie vermutet, dass er sie eventuell auch mehr mochte, als er zugab. Das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war ein Liebesgeständnis.

Mit einem schlechten Gewissen nahm sie ihre Feder wieder in die Hand: „Es tut mir leid, Ron, aber ich muss wirklich meinen Aufsatz zu Ende schreiben jetzt.“

Blinzelnd starrte er sie an: „Weichst du mir aus?“

Innerlich fluchte Hermine darüber, dass Ron ausgerechnet jetzt seine erwachsene Seite zeigen musste. Mit einem wie sie hoffte freundlichen Lächeln schüttelte sie den Kopf: „Nein. Aber ich muss das hier echt fertig machen und … ich glaube, im Moment ist nicht der richtige Zeitpunkt für … tiefgründige Gespräche.“

Lange schaute Ron sie einfach nur von der Seite an, während Hermine versuchte, so zu tun, als ob sie an ihrem Aufsatz arbeitete. Dann, als sie schon dachte, er würde wortlos gehen oder wütend werden, hakte er vorsichtig nach: „Aber … wenn der Moment richtig ist, dann reden wir darüber, ja?“

Hermine meinte, ihr Herz müsste brechen. Es tat ihr so unendlich leid, aber Ron war einfach zu spät. Daran würde auch ein anderer Zeitpunkt nichts ändern. Sie wusste, sie hätte ihm besser jetzt sagen sollen, woran er war, doch sie hatte weder die Energie noch den Mut dazu. Wie sollte sie ihm erklären, dass es einen anderen Jungen gab, ohne dessen Identität preiszugeben? Unglücklich nickte sie: „Ja, Ron. Das werden wir.“

„Okay. Gut. Schön“, sagte er unbeholfen: „Dann will ich dich mal nicht länger aufhalten. Vielleicht kann ich Harry und Ginny zur Vernunft bringen. Also, man sieht sich.“

„Ja“, erwiderte sie mit einem schwachen Lächeln: „Man sieht sich.“

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