Das Haus am Goldsteintalbach (Befragung)

 

Einer war verloren gegangen...

Einer weniger...

Sechs waren es nun.

Einer weniger...

Einer war verloren gegangen...

 

*

 

Nachdem wir den Tatort inspizierten, gingen wir in das Esszimmer zu den Anderen. Bei unserem Eintritt drehte Tea ihren Kopf unauffällig zur Seite, was von Stephen nur einfach benickt wurde. Tea hatte ein Auge auf die Mitglieder der Musik-AG geworfen, scheinbar war aber niemand verdächtig gewesen. Stephen bat sie nicht direkt darum, aber sie wusste, dass er auf jede mögliche Information Wert legte.

"Während wir auf die Polizei und Spurensicherung warten, machen wir unsere Befragung.", eröffnete der Detektiv, welcher keinen Widerspruch duldete. "Ich werde jeden von Ihnen einzeln befragen. Mein Assistent -er wies auf mich- wird mich unterstützen. Tea du kannst hier bleiben und dich ausruhen, der Anblick scheint dich etwas mitgenommen zu haben.", sagte er mit verständnisvoller Sorge.

"Warum befragen? Es war der Rote Pferdeschwanz.", äußerte Sebastian.

"Es war Selbstmord.", widersprach Tobias.

Nur Tina verstand, was Stephen wirklich sagen wollte: "Nein, er meint es war einer von uns."

Entsetzen und Schweigen, waren die Folge von Tinas Ausspruch. Stephen erläuterte, dass es reine Routine sei. Die Erinnerungen wären jetzt noch am frischsten. Gleichfalls betonte er, dass er niemanden der Anwesenden vorerst verdächtigen würde. Nur um sicher zu gehen, dass der Rote Pferdeschwanz nicht noch eine Tat verüben könnte.

 

*

 

Zuerst wollte Stephen Tina befragen. Ihr Raum war wie alle Räume der Musik-AG auf der linken Seite des Hauptflügels. Alle Zimmer hatten die gleiche Größe und Ausstattung, was eine Untersuchung erleichterte. An der Türseite, links wie rechts, jeweils ein kleiner Schrank. Ein Doppelbett, an jeder Seite ein Nachttisch. Auf dem linken, stand ein gerahmtes Foto von den fünf Mitgliedern bei einem Konzert. Stephen schaute in jeden Schrank hinein. Und fand zwei Taschen: Eine Reisetasche und einen kleinen Koffer. Im kleinen Koffer befanden sich mehrere Kassetten und ein Kassettenrekorder.

"Sie nutzen noch Kassetten?", fragte Stephen etwas verwundert, aber erfreut über den nostalgischen Anblick.

"Nur hier. Die Musik aus unserer AG-Zeit wurde noch auf Kassetten gespeichert, ich nehme sie zum gemeinsamen Anhören mit. Das hat Tradition."

"Verstehe.", sagte Stephen, pausierte und setzte fort, "Sie belegen das Zimmer, welches -vom Treppenaufgang gesehen- links von Ben lag. Haben Sie etwas Verdächtiges bemerkt?"

"Nein. Nichts, ich besitze einen festen Schlaf und das Mauerwerk ist sehr dick."

"Wie kamen Sie eigentlich dazu, Ben wecken zu wollen?"

"Das war nicht meine Idee. Tea hatte mich am Morgen geweckt und darum gebeten, ihr zu helfen."

Sie hatte sich also wieder Sorgen um eine verlorene...

Tea war wirklich viel zu gut für diese Welt, was hieße, dass sie auch...

Stephens Gedanken rissen abrupt ab, Nicht jetzt, befahl er sich.

 

*

 

Stephen folgte dem Aufstehverhalten seiner Befragten. Weshalb Tobias der zweite in der Reihe war. Ebenso wie Tina, hatte Tobias ein Gruppenfoto auf seinem Nachttisch stehen. Hier war die fünfte Person, Sonja, gut zu erkennen. Ein attraktives Mädchen mit braunem Haar. Tobias verriet uns, dass er und Tina seit dem Vorfall immer ihr Gruppenfoto bei sich trugen, damit Sonja bei jeder Aktivität dabei sein konnte. Auch er hatte zwei große Taschen.

"Sie haben zwei Taschen?", entgegnete ich.

Ehe Tobias antworten konnte und Stephen die Taschen geöffnet hatte, sagte der Detektiv: "Eine für Kleidung und eine Angelausrüstung. Warum haben Sie ihr Zeug mit?"

"Ich angele schon seit Jahren und hatte mir extra einen Angelschein für die Tümpel besorgt. Allerdings hatte mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht.", sagte Tobias mit dem Tonfall eines Sportsmannes, der sich über eine verpasste Gelegenheit ärgerte.

"Verstehe.", sagte Stephen, pausierte und setzte fort, "Tinas Zimmer liegt ihnen gegenüber haben Sie etwas Verdächtiges bemerkt?"

"Nein, ich habe einen normalen Schlaf und war noch nicht ganz wach, als mich Tina weckte."

 

*

 

Sebastian war der letzte Befragte der Musik-AG. Neben einem Gruppenbild, stand auf dem zweiten Nachttisch ein Bild von einer blonden Frau, mit der er sich umarmend fotografieren lassen hatte.

Wahrscheinlich seine Freundin, mutmaßte ich in Gedanken.

Wie seine Freunde, hatte auch Sebastian zwei Taschen: Eine Reisetasche und einen großen Kulturbeutel.

"Sie haben aber einen großen Vorrat an Zahnseide und Mundhygieneartikeln.", stellte Stephen fest.

"Ja, ohne meine Zahnseide drehe ich durch.", gestand Sebastian. Der sich, wie Tina am Vorabend erzählte hatte, beinah täglich eine ganze Packung Tick Tack einverleibte.

"Verstehe.", sagte Stephen, pausierte und setzte fort, "Sie haben das Zimmer direkt gegenüber von Ben und liegen neben dem Zimmer von Tobias. Ist Ihnen etwas Verdächtiges aufgefallen?"

"Ich habe einen leichten, geradezu unruhigen Schlaf. Aber das Einzige was ich gehört habe, ist der Schrei von Tina und Tea."

 

*

 

Stephen beendete seine Befragung, indem er öffentlichkeitswirksam Tea aus dem Esszimmer entführte und in ihr Zimmer brachte.

"Du verdächtigst mich doch nicht?", fragte sie entsetzt. Er musste doch wissen, dass sie nie...

"Nicht doch.", beschwichtigte Stephen, ihre Gedanken. "Ich habe Tinas Aussage nur genutzt um dich von unserer Musik-AG zu trennen."

Wesentlich beruhigt überlegte sie, ob ihr etwas Verdächtiges aufgefallen war, aber da war nichts. Keine unpassende Gestik oder unangebrachte Wortwahl, sie schienen ihr alle unschuldig.

"Ich glaube nicht, dass es einer von den dreien war."

"Ich leider schon. Zwar weiß ich noch nicht genau wie und wer, aber der Rote Pferdeschwanz wird es sicher nicht gewesen sein."

"Warum?"

"Wäre er es gewesen, hätte er den Raum doch nicht verschlossen. Er wäre einfach abgehauen. Wozu die Mühe? Es kann nur einer der drei sein."

 

*

 

Stephen, der mich wieder aus dem Esszimmer abholte, ging mit mir noch ein Mal zum Tatort. Auch mich fragte er, ob ich am Verhalten der drei Personen eine Auffälligkeit festgestellt hätte. Was ich, wie Tea, nur verneinen konnte.

"Vielleicht haben wir etwas übersehen, ganz klar sehe ich noch nicht.", äußerte der junge Detektiv mit den Zähnen knirschend, als wir zum zweiten Mal den Tatort betraten.

Das zentrale Indiz musste direkt vor seinen Augen liegen, aber er schien blind dafür. Ein Hauch von Ärger überkam ihn.

"Erwartest du jetzt, dass irgendwo Rache mit Blut an die Wand geschrieben wurde?", versetzt ich unschlüssig, was Stephen zu finden gedachte.

"Eine Studie in Scharlachrot.", amüsierte sich Stephen. "Die Geschichte hat ihren Namen durch ein Zitat von Holmes erhalten und nicht durch die blutige Wandverzierung." Stephen pausierte, ehe er zitierte. Holmes Worte sollten für sich stehen: ">Dem farblosen Knäuel des Lebens, ist immer der scharlachrote Faden eines Mörders beigemischt, diesen gilt es z[u finden] <" Abrupt brach er sein Zitat ab. "Moment mal. Ja, aber natürlich.", sagte er sich an den Kopf fassend. "Du erhellst meine Gedanken wirklich, Watson."

Eine Antwort, was er damit meinte blieb er mir vorerst schuldig.

 

*

 

Von unten flackerten blaue Lichter auf, die Polizei schien angekommen zu sein. Die Tür öffnete sich ruckartig und Schulz stürmte ins Haus. Der alte Spürhund fand Stephen und mich sofort am Tatort. "Stephen! Was machst du hier? Das ist ein Tatort!", brüllte er. "Raus mit Euch! Raus und zwar sofort! Ich sehe euch nachher in deinem Zimmer.", fauchte der Oberkommissar stinksauer.

"Wie Sie wünschen.", entgegnete Stephen höflich und unbeeindruckt. Reichte dem Ermittler noch eine handgeschriebene Notiz und ging mit mir aus Bens Zimmer.

                       

*

 

Blaues Licht leuchtete durch seinen Wald...

Er kannte das Licht zu gut...

Es durchleuchtete seinen Wald.

Blaues Licht leuchtete durch seinen Wald...

 

#s<9

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