Der Rat von Elensar

Der Turm des Rates von Elensar hob sich wie ein drohendes Mahnmal von der restlichen Landschaft ab. Umgeben von einem großzügig angelegten Park, der mit weißen Bänken und Statuen geschmückt war, die fein gestutzte Rasenflächen und gepflastertete Wege zwischen Büschen und Bäumen auflockerten, wirkte er fast fehl am Platz, denn in seinem Umfeld lagen nur zwei größere, einfache Dörfer.
Es war ein Ort, an dem die Ratsherrn tagten, die Politik geschah und Meister ihre Schüler unterrichteten. Auch Pyrofera und Ladira waren oft hier gewesen. Unter der vergoldeten Kuppel des roten, achteckigen Turmes, der sich nach oben hin verjüngte, lag eine der wichtigsten Bibliotheken des Landes und direkt darunter lag der Ort, an den sie wollte. Der Saal des Rates.
Pyrofera trieb ihr Pferd so schnell voran, wie sie nur konnte. Das schmiedeeiserne magische Tor, das alle unerwünschten Eindringlinge abhielt, öffnete sich wie von Geisterhand, als sie darauf zuhielt und sie galoppierte durch den Park, ungeachtet der Lehrlinge in ihren langen albernen grauen Roben mit bunten Streifen an den Ärmeln, die kennzeichneten, bei wem sie lernten. So manch einer von ihnen hatte die Nase in einem Buch stecken gehabt und war im letzten Moment noch beiseite gesprungen, nur um sich wieder aufzurappeln, fluchend. Sie hörte hinter sich noch die erboste Stimme einer der Wächterinnen, die immer ein Auge auf die Schüler hatten, damit alles mit rechten Dingen zuging, und die sich gerade über das flegelhafte Benehmen einerseits der wilden Reiterin, andererseits des Schülers aufregte, der Pyrofera beinah einen Fluch an den Hals gehetzt hätte.
Direkt vor den Füßen des Turmes zügelte sie ihr Pferd, sprang ab und eilte auf die großen Flügeltüren zu. Normalerweise nahm sie sich Zeit, die golden schimmernden Reliefs der Tür zu bewundern, doch heute hetzte sie in Richtung der Wendeltreppe, die sich durch das gesamte Gebäude zog und zu all den Gemächern führte, die dort untergebracht waren. Im unteren Teil befanden sich die Zimmer der Lehrlinge und Schüler, unterteilt nach Alter, Ausbildungsstand und Geschlechtern. Darüber folgten die Gemächer der Meister und dann die Ratsräume. Es war der Wunsch einer alten weißen Königin gewesen, dass Elensars Rat sich mit den Zauberern und alten Meistern der Alchemie und Heilkunst zusammentat und da diese, wie man es gewohnt war, höchst selten ihre Studierzimmer zu verlassen gedachten, hatte man kurzerhand ein paar Räume umgestaltet und dem Rat ein Plätzchen geschaffen.
Man sagt, Odin selbst hatte dereinst Platz geschaffen und dies sei auch der Grund gewesen, weswegen er seine Schülerinnen fernab in der Natur unter einfachen Verhältnissen erzogen habe. Pyrofera hatte keine Ahnung, wie alt ihr Meister wirklich gewesen war. Manche der Elensarian lebten so viele Jahre wie die Menschen, andere Jahrhunderte. Es kam immer darauf an, welche glückliche Fügung über einem schwebte oder welches Blut in ihren Adern floss. Sie wusste, dass in ihren und dem ihrer Schwester und Nichten das Blut einer der drei ältesten Familien pochte und demnach würden sie ein verflucht langes Leben führen, ohne jemals richtig zu altern. Der harte Kontakt mit einer Stufe, riss sie aus ihren Gedanken. Fluchend und schimpfend, zog sie ihr Gewand zurecht und strich ihr gelöstes langes Haar zurück. Ein langes Leben ... Sie konnte es sich kaum vorstellen und doch war es so. Sie hatte bereits viele Jahre gelernt, ehe sie überhaupt als "erwachsen" galt, denn eine Gesellschaft, in der Zeit kaum eine Rolle spielte, hatte andere Regeln und noch immer nannte man sie jung, dabei waren ihre Nichten schon im besten pickligen Teenageralter.
"Elegant, wie immer", kommentierte ein dunkelhaariger Mann mit schnippischem Tonfall, "Pyrofera vom Wald der 1000 Gefahren. Welches Vergnügen führt dich hierher und wo ist deine Schwester? Sie ist Mitglied im Rat, nicht du."
"Taurnil Mondenschein...", sie konnte gerade noch verhindern, dass sich ihre Augen tatsächlich genervt verdrehten. Unvergessen der Tag, an dem Ladira den Dunklen verließ, zu ihren alten Pflichten zurückkehrte und im Zuge dessen auch Pyrofera aus dem Rat ablöste. Sie war ihr unendlich dankbar dafür gewesen, denn dieser Mann vor ihr war so sympathisch wie eine Sommergrippe.
Zwei Köpfe größer als sie, das halblange rabenschwarze Haar im Nacken zusammengebunden, funkelnde Augen, deren Farbe an die von langsam eintrocknenden Blut erinnerten und gekleidet in einer feinen emeraldblauen Robe mit goldenen Borten. Er trug ein Buch unter den Arm geklemmt.
"Ja? Ich kenne meinen Namen und du deinen. Was willst du hier?"
"Ich will den Rat sprechen. Es haben sich Dinge ergeben, die keinen Aufschub dulden und soweit ich weiß, haben sich heute alle zu einer Ratsversammlung eingefunden", presste Pyrofera zwischen den Zähnen hervor, "Meine Schwester ist von diesen Dingen ebenso betroffen wie mein Meister Odin."
Taurnil schnaubte verächtlich durch die Nase aus und winkte ihr, ihm zu folgen. Er ging voraus und öffnete die Tür, die in den Saal führte. Ein gigantischer Tisch erstreckte sich von einem Ende des Raumes zum anderen. Drei große Lüster spendeten Licht an der Decke und eine hilfreiche Seele hatte noch ein paar Kerzenleuchter auf dem Tisch plaziert, denn es war finster, wenn die schweren braunen, bronze bestickten Vorhänge zugezogen waren.
Die Köpfe hoben sich und Pyrofera schluckte schwer. Lang war sie nicht hier gewesen und sie kam frisch vom Ritt. Ihre Kleidung roch nach Pferd und an ihren Hosenbeinen und Stiefeln klebte Schlamm. Sie streckte sich kurz und warf ihren Reisemantel ab und achtlos in eine Ecke neben der Tür, um mit stolzem Schritt einzutreten und die Anwesenden mit einem Kopfnicken zu grüßen. Zielstrebig begab sie sich zu dem Platz, an dessen Stuhllehne ein goldenes "L" eingelassen war, für Ladira Dunkler.
"Pyra?"
"Ja?"
"Warum bist du hier?", ein jugendlich aussehender Mann mit rotem Pferdeschwanz, kurzem Bart und schelmischen Funkeln in den grünen Augen, die mit goldenen Sprenkeln durchsetzt waren, blickte sie an. Er trug schlichte dunkle Sachen und Pyrofera ahnte, dass seine Füße in schweren Nietenstiefeln steckten. Loki hatte selten etwas übrig für die Roben des Rates, wie Taurnil sie trug. Für ihn waren Roben genau das, nachdem sie aussahen: Ein Kleid und ein Mann trug kein Kleid. So einfach ging das.
"Dazu möchte ich gleich kom...."
"Pyrofera! Beehrt uns heute, da ihre Schwester es verabsäumt zu kommen, da sie anscheinend Wichtigeres zu tun hat, obwohl es nichts Wichtigeres gibt als die heutige Sitzung. Schließlich beehrt uns sogar der dunkle König heute mit seinem Besuch", durchschnitt Taurnils Stimme ihren Satz und zog die Blicke aller Mitglieder auf sich. Pyrofera wollte schon fast das Gesicht in den Händen vergraben. Wie konnte sie ihn übersehen? Ihren ehemaligen Schwager, der lässig, die Beine übereinander geschlagen, auf seinem Stuhl saß und zu ihr hinüberlächelte, als könne er kein Wässerchen trüben.
"Da unser allerseits geliebter Vorsitzender, Odin, heute offensichtlich auch kein Interesse hat, zu erscheinen, jedenfalls nicht pünktlich, möchte ich mir an dieser Stelle erlauben, die heutige Sitzung für eröffnet zu erklären. Die Tagespunkte umfassen heute die Beschließung zur Eröffnung einer neuen Tempelbibliothek, die Zurückführung diverser ... Flüchtlinge ... in die Lande, die von unserem dunklen Herrscher regiert werden und die übliche Frage, wie es weitergehen soll. Das System der drei Throne hat versagt. Hier anwesend sind nur der Erbe des dunklen Throns und eine Erbin des alten Blutes aus der Familie des grauen Throns und kein einziges Mitglied der Familie des weißen Thrones, da verstorben", Taurnils Lippen behielten das überhebliche und selbstgefällige Lächeln, während er sprach, "Ich sehe, wir haben eine Frage. Ja, Odysseus?"
Pyroferas Blick folgte Taurnils Handbewegung und blieb an dem rüstigen Mann mit leicht ergrautem Haar hängen.
"Ich habe in der Tat mehrere Fragen. Erstens, wo genau Ladira Dunkler sich befindet und aus welchem Grund sie nicht erschienen ist und stattdessen ihre Schwester schickt. Selbiges bitte auch für Odin, sofern Ihr darüber etwas wisst, Pyrofera, ich habe nichts gegen Euch, aber ich bin neugierig. Zweitens möchte ich vorschlagen, ob nicht ein Mitglied von Zephyrs Familie die Nachfolge des weißen Thrones antreten kann. Er ist mit der Familie der Königin eng verwandt. Es sollte doch wohl möglich sein, dies in Betracht zu ziehen?", Odysseus faltete die Hände ruhig, während er sprach und blickte von einem Mitglied des Rates zum Nächsten.
Pyrofera bemerkte, dass manche der Ratsmitglieder ihre besten Schüler und potentielle Nachfolger dabei hatten. Neben Odysseus selbst saß ein Junge mit ungezähmten braunem Haar, der mit den Fingern einen Stift umklammerte, um sich alles zu notieren, was gesprochen wurde. Seine graue Robe zierten weiße Streifen.
"Nun... Ich fürchte, dass ich eine sehr traurige Meldung zu verkünden habe, was das Fernbleiben von Odin betrifft. Er ist tot.", brachte Pyrofera mühsamer heraus, nachdem eine peinliche Stille eingetreten war, in der sie versuchte, die richtigen Worte zu finden. Es fiel ihr nicht leicht, über seinen Tod zu sprechen, denn es auszusprechen, ließ die Realität so hart werden und alle Träume und Hoffnungen platzen. "Was meine Schwester angeht, so ist sie von ihm in die Außenwelt geschickt worden, um ihn dort zu treffen. Bedauerlicherweise scheint er ... verunglückt ... ", sie vermied es bewusst 'ermordet' zu sagen, obwohl dies der Wahrheit entsprach, doch sein Mörder saß hier unter ihnen, "zu sein und sie ist den Quellen zufolge selbst in Gefahr geraten, in der sie sich noch immer befindet. Ich bin hierhergekommen, um um Hilfe zu bitten. Hilfe für meine Schwester, euer geschätztes Ratsmitglied, die Hüterin des Waldes der 1000 Gefahren."
Erneut legte sich Schweigen über den Saal, durchbrochen von leisen Räusperern und schließlich durch emsiges Getuschel. Pyrofera hatte das Gefühl in einem Bienenstock zu stehen.
"Mein Bruder kann nicht tot sein!", Lokis Stimme überschlug sich fast und dunkle Rauchfäden stiegen um ihn herum auf. Seine Augen glühten giftgrün. "Das ist nicht möglich! Ich wüsste das! Schon gar nicht durch einen lächerlichen Unfall!"
"Loki, beruhige dich", Menander hob beschwichtigend die Hände. Er war einer der Älteren im Rat und wollte auf keinen Fall riskieren, dass die Sache nun eskalierte. "Bitte sage uns, welche Quelle hat dich informiert", bat er an Pyrofera gewandt, die ein Seufzen vernehmen ließ: "Meine Quelle bat mich, keinen Namen zu nennen. Ich kann nur so viel sagen, dass es sich um einen Dämon aus den Unterlanden handelt."
Menander nickte knapp. "Ein Dämon also ... Nun gut. Mit Odins Tod oder bis er eben wieder durch diese Türen hereinschneit, müssen wir einen neuen Vorsitz wählen. Ich denke mal, dass Taurnil sich dafür melden wird, ja? Gut. Ich möchte auch mich selbst zur Wahl aufstellen und ebenso Odysseus. Darf ich des weiteren deinen Schüler darum bitten, dass er herumgeht und die Zettel der Wahl einsammelt, nachdem jeder abgestimmt hat?" Er war bereits dabei, das Pergament vor sich in kleine, halbwegs gleich große Teile, zu zerlegen, die er herumgehen ließ, damit jeder eine Stimme abgeben durfte.
Taurnil räusperte sich lautstark.
"Ja, Taurnil? Ich habe doch bereits angemerkt, dass du sicherlich den Vorsitz übernehmen möchtest.", Menander blickte ihn abwartend an.
"Du scheinst es ziemlich eilig zu haben. Erwarten dich noch irgendwelche dringenden Geschäfte, obwohl gebeten wurde, alles andere auf einen anderen Tag zu verschieben?", Taurnils Stimme war quälend ruhig.
Menander verneinte, "Ich möchte nur zu den, hm, angenehmeren Tagespunkten der Liste kommen. Odysseus zweite Frage kann ich ja im Stehgreif beantworten: Die Mädchen tragen Vampirblut der Mutter in sich und kommen als Erben des weißen Throns daher nicht in Frage und was seinen Sohn angeht, so weiß keiner wirklich, ob es diesen tatsächlich gibt. Er hat Elensar noch nie aufgesucht und er ist ein Mann, was eigentlich schon für sich gegen eine Wahl spricht. Sind alle Fragen damit geklärt? Alle Zettel ausgefüllt? Gut. Dann geh bitte durch und sammle sie ein...?"
"Orestes."
"Ah, Orestes also. Deine Eltern stammen aus der Außenwelt, richtig?", Menander schenkte dem Jungen ein aufrichtiges Lächeln, als dieser ging, um die Wahlzettel einzusammeln. Er nickte: "Mein Vater, Sir."
"Sehr schön. Dann bitte zähl doch auch die Stimmen aus und sag uns das Ergebnis."
"Ja, Sir.", Orestes ließ sich mit dem Haufen Zettel nieder und begann sie, einen nach dem anderen, auseinander zufalten und auf seinen Unterlagen zu notieren, wer wie viele Stimmen erhalten hatte. Der Dunkle beobachtete das Geschehen schweigend. Er hatte sich der Wahl enthalten.

"Ich kann noch immer nicht fassen, dass irgendjemand ausgerechnet ihn wählen konnte...", Pyrofera stand an die Mauer des Turms gelehnt und blinzelte in die Abendsonne. Neben ihr zog Loki an einer Zigarette und blies Rauchkringel in die Luft. Die Wahl war auf Taurnil Mondenschein gefallen, der sie natürlich mit Freuden annahm. Sein besonderes Anliegen, die Flüchtigen zurück in die Lande des Dunklen zu karren, wurde rasch an erste Stelle gesetzt.
Pyroferas Anliegen wurden mit einem "warten wir ab" abgestempelt und ad acta gelegt. Man hatte sie kurzerhand, durch Druck von Odysseus, Menander und Loki, zur Hüterin des Waldes auf Zeit ernannt und damit wieder als Mitglied in den Rat integriert.
Nun stand frischgebackene neue Hüterin mit Loki vor dem Ratsturm und wünschte sich, nie hierhergekommen zu sein.
"Was überrascht dich so daran, Pyrofera? Im Gegensatz zu dir bin ich ein angesehenes Mitglied des Rates und meine Familie ist nicht am Aussterben oder hat ihre Privilegien eingebüßt, wie andere."
Sie zuckte zusammen, als sie Taurnils Stimme hörte.
"Dafür, weiß keiner so recht, woher Ihr eigentlich kommt!", schoss Loki zurück, "Ihr seid hier aufgetaucht wie aus dem Nichts und habt gesagt, dass ihr von irgendeiner Linie der weißen Königin abstammt, die vor Jahrhunderten ausgewandert sei und nun wieder heimkehrt."
"Was tut das zur Sache? Ich habe nicht vor, gerade Euch, Loki, all meine Ahnen aufzulisten. Das wäre mühselig und der Tag war lang genug. Wie geht es eigentlich deinen Nichten, Pyrofera? Der dunkle König hat mir anvertraut, dass er seine Töchter schon lange nicht mehr gesehen hat...", Taurnil ließ den Blick auf ihr ruhen.
Sie bemühte sich um eine feste Stimme, in der, entgegen ihrer Bemühung, Verachtung für ihn mitschwang: "Ihnen geht es hervorragend. Eurer Tochter übrigens auch. Marishka fühlt sich ausgesprochen wohl im Landhaus."
"Meine... Tochter?", nun war es an ihm, verdutzt die Brauen hochzuziehen, "Marishka ist noch am Leben? Wieso ist sie bei euch? Ach, was frage ich dich? Ich werde sie selbst aufsuchen!"
"Bitte nicht...", murmelte Pyrofera leise und entgegnete laut, "Vielleicht bevorzugt sie ein Leben mit den Wilden dem Leben bei ihrem Vater."
Taurnil hob erneut eine Braue und wandte sich dann wortlos um, um zu gehen. Er überlegte kurz und lächelte dann. Wenn seine Erstgeborene noch lebte, dann musste er sie zurückholen. Er hatte große Pläne mit ihr vor.

Kommentare

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    Was das wohl für Pläne sind? ;3 Wir dürfen gespannt bleiben. :D Wieder sehr gut geschrieben Kathy. Wobei das ist bei einem Kathy ja wohl standard. ;)

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