Falkenhorst 1/4

Laute drangen leise und gedämpft an sein Ohr. Dennoch, die Lider hielt er geschlossen. Zu angenehm, entspannend und vor allem gemütlich fand er seine gegenwärtige Lage. Mit den Fingern betastete er sein nahes Umfeld und atmete erleichtert aus. Seine Gesichtszüge entspannten sich und ein verhaltenes Grinsen überzog seine Mundwinkel. Sein linkes Lid zuckte, als ihm ein wohliges Jauchzen entglitt.
Er drehte sich auf den Rücken. Reckte, streckte und spreizte seine Glieder, soweit es ihm möglich erschien, sodass das dünne Zudeck zu Boden glitt. Weit öffnete er den Mund und gähnte herzhaft.
Was für ein Traum
In unmittelbarer Nähe erklangen erheiternde Laute und Kayden verharrte in aktueller Position. Er hielt die Luft an und lauschte, woraufhin aus dem vorgehaltenen Kichern ein stetes Lachen anschwoll.
»Das sieht ulkig aus. Wie machst du das?«
Er bezwang seine aufkeimende Unruhe und bemühte sich langsam zu atmen. Die Stimme gehörte keinesfalls zu Veyed, so viel stand einmal fest. Mit Bedacht öffnete er erst das eine, dann das zweite Auge.
Er lag in einem Bett, gleichwohl nicht in seinem. Die Wände um ihn herum bestanden durchweg aus solidem Stein und weit geöffnete Laden ließ freie Sicht auf strahlend blauen Himmel. Langsam erhob er sich auf die Ellenbogen und verharrte. Musternd überprüfte er seine Unterkunft.
Eine kleine Kommode neben seiner Bettstatt, ein Tisch mit zwei Stühlen unter dem Fenster - auf einem saß eine weibliche Person; ein Schrank, ein leeres Regal und etwas was aussah wie Haken. An einem jener hingen seine Sachen - sauber und ausgebürstet. Er stutze und schluckte, ruckartig wendete er den Kopf. Mit seinen Sinnen nahm er abermals das noch immer dasitzende Mädchen wahr, welches ihm frech ins Gesicht grinste. Er sah sie wahrhaftig, er spürte ihre Anwesenheit. Seine Augen suchten seine Kleider und glitten ungläubig an seinem Körper herab.
Schamesröte überdeckte seine Züge, als er entsetzt feststellte, dass jene Person, welche ihn entkleidete, bis auf das Zudeck vollkommen unbedeckt zurückließ. Sicher, Kayden wusste um beiderlei Geschlechter, schließlich hatte er Mutter und Vater und natürlich Veyed. Alle drei sah er bereits mehrfach entblößt. Was war auch schon dabei? Ebenso erhaschte er das eine ums andere mal Ausblicke auf die hübsche Tochter des Müllers. Sie war zwei Jahre älter als sein Bruder aber genauso fleißig wie alle anderen, wenn es galt die Ernte einzufahren.
Er vermochte sich an einen Abend erinnern, an welchem ihm Veyed erklärte, was Mädchen mit Jungs so anstellten, hielten sie einen für würdig. Hin und wieder beobachtete er sogar, wie dessen Gemächt in die Länge wuchs, glaubte er sich unbeobachtet.
Ein pelziger Geschmack legte sich ihm auf die Zunge, als er an all jene Dinge dachte, die passieren konnten und so nestelte er mit gierigen Fingern nach der alles rettenden Decke.
Seine Stimme klang zittrig und nervös. »Was ... machst du ... hier? Wo ... bin ich? Wo ist ... Veyed? Wieso ... lachst du ... und wieso bin ich ... nackig?«
Abwehrend hob seine ungebetene Besucherin die Hände, so als habe sie gar nicht bemerkt, dass er entblößt vor ihr lag und mit seinem Schicksal haderte. »Hui, nu mal langsam.«
Sie stand auf und trat hinüber ans Fenster. »Du hast fast zwei Tage geschlafen. Was deinen Bruder angeht ... dem geht es prächtig und fragt laufend nach dir.« Sie machte einen seltsam langen Hals, wendete kaum merklich den Kopf und fügte bei: »Ich kann ihn von hier aus sogar sehen.«
Wie auch immer sein Gast heißen mochte, bot ihm möglicherweise unbeabsichtigt, die Aussicht sich aus seiner unschicklichen Lage zu befreien. Sie ahnte seine hektischen Bewegungen mehr, als das sie diese zu sehen bekam. Sie klangen auf jeden Fall gefährlich.
Erst rumpelte es, dann tapste es. Daraufhin polterte es mit einem anführenden Fluch. Was ihr jedoch ein Glucksen hervorlockte, war die Vorstellung wie Kayden zu den rumpelnden und hopsenden Geräuschen eiligst versuchte, sich zu bekleiden.
»Noch nie einen Nackten gesehen, wie?«, wehrte er sich übermütig und siegesssicher.
»Oh und wie ich das habe.« Ihr Blick schweifte an ihm herab. »Aber du bist das erste Kind, was sich dessen schämt.«
»Pfff.« Er trat näher, kletterte auf einen der beiden Stühle, um mit ihr gemeinsam aus dem erhöhten Fenster schauen zu können.
Vor Staunen weiteten sich seine Augen und seine Lippen öffneten sich.
»Mach den Mund zu sonst kommen Fliegen rein.«
»Äh, was?« Benommen schüttelte er den Kopf und zeigte mit ausgestrecktem linken Zeigefinger nach draußen. »Was ist das hier?«
Noch bevor sich ihre Lippen zu einer Antwort formten, klopfte es an der Tür.
Es bedurfte keinem Formvollen herein, denn direkt im Anschluss wurde diese aufgestoßen und schwang mit einem lauten krachen an die Wand. Jene Person, die die Tür öffnete, schnaubte.

Ein vierbeiniger Wirbelwind mit wedelnder Rute drängte sich zwischen Tür und Beinen hindurch. Musternd blickte sich dieser um und sprang ohne Vorwarnung auf den Jungen zu. Mit den Vorderpfoten drückte er diesen an die Lehne des Stuhles und schleckte ihm umfänglich das Gesicht. Erst die rechte Wange, dann quer über die Nase und vergaß keinesfalls die linke Gesichtshälfte.
Das Mädchen lachte schrill und heiter. Kayden hingegen bestritt ein aussichtsloses Ringen mit einem lebendigen Waschlappen. »Ähe. Less. Less nein. Aus. Less hör auf. Aus. Geh. Sitz.«
Widererwartend nahm der junge Hund seine Worte nicht für bare Münze, im Gegenteil. Er begann zu hüpfen und konnte von seinem neuen Herrchen nicht ablassen.
Erst als die nach ihm eintretende Person genug des Begrüßens hatte, schritt dieser ein und gebot dem Burschen Auszeit.
»Less, aus!«, beharrte jener und der lebhafte Hund tat augenblicklich wie geheißen. Mehr noch. Er machte sitz. Seine Rute dahingegen fegte unaufhaltsam über den Boden.
Mit vor der Brust verschränkten Armen stand jemand in der Tür und schien bester Laune. Er schüttelte lächelnd den Kopf.
Kayden wischte sich mit den Händen durchs Gesicht. »Guten Morgen Ron.«
»Guten Morgen? Aellin hast du unseren Langschläfer noch nicht aufgeklärt?«
»Äh. Er hat bis eben geschlafen.«
Aufmerksam sah Kayden von dem Besucher zu seiner jüngsten Bekanntschaft und bemerkte, was ihm zuvor nicht auffiel.
»Sei so gut und erzähl ihm das Nötigste. Kylion erwartet ihn in der Bibliothek.«
Rondal griff nach der weit offenstehenden Tür und zog sie zu sich. Er pfiff und wies mit einem Wink seines Kopfes hinaus. »Less.«
»Zu deinen Fragen.«
Verwirrt starrte der vermeidliche Langschläfer sie an und hob fragend die Brauen.
Sie schnaubte und formte einen Schmollmund. »Was mach ich hier, wo bist du, wo ist dein Bruder, wieso lache ich und wieso bist du nackt«, äffte sie ihn nach. »Also. Du bist hier in der Burg Falkenhorst ...«
»Oh, natürlich.« Er richtete sich und zupfte sein Oberteil gerade. »Entschuldige.«
»Sei`s drum. Also wie du wohl mitbekommen hast, hat Ron dich und deinen Bruder nach Falkenau geführt.«
»Ich denke, wir sind in Falkenhorst«, tönte seine Antwort bestürzt und erntete rollende Augen seiner Gegenüber.
»Stimmt. Aber das Land nennen wir dennoch Falkenau.« Noch bevor Kayden wiederholt dazwischen reden konnte, hob sie ihm ihren Zeigefinger an die Lippen. »Dein Bruder befindet sich unten in der Bibliothek bei Kylion. Er ist so etwas wie der Anführer hier, du verstehst?«
Nachdem sie sein Kopfnicken als Einverständnis akzeptierte, fuhr sie fort. »Und ich habe nicht gelacht, weil du nackig bist. Weißt du, da gibt es nämlich nicht ganz so viel zu sehen.« Sie hielt weiterhin ihren Finger an seine Lippen und drückte etwas fester zu. »Ah ... Ich habe gelacht, weil ich noch nie gesehen habe, wie man seine Zehen so weit auseinanderspreizen kann wie du.« Als sie sich die Szene vorstellte, konnte sie sich ein erneutes Kichern nicht verkneifen.
Kayden lächelte. Hob den linken Fuß, spielte mit den Zehen und spreizte diese, so weit ihm dies möglich war. »Meinst du so? Ist doch ganz einfach.«
Abermals kicherte sie, schüttelte den Kopf und winkte ab. »Ach hör auf damit, das ist kindisch.«
Sie stand auf und reichte ihm die Hand. »Ich bin Aellin, und bevor du fragst, meine Mutter hat dich ausgezogen und gewaschen. Ron hat dich danach wie ein Kleinkind ins Bett getragen. Ich bin nur hier um dich nach unten zu bringen. Du bist mir zu Jung und gefällst mir ...« Theatralisch winkte sie ab. »... kein bisschen.« Ihre Augen rollten und ein seltsamer Glanz schimmerte in diesen. Sie zuckte mit den Schultern, als sie sich eine Spitze nicht verkneifen konnte. »Deinen Bruder aber finde ich echt hinreißend.« Nach einer kurzen Atempause beleckte sie sich die Lippen und dehnte ihre Ansichten weiter aus. »Auch nackig.«
Kayden verzog die Brauen und sein rechter Nasenflügel bebte, als er sich die Zwei vorstellte. Er begann sich zu schütteln. »Ehä.«

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