Falkenhorst

Laute drangen leise und gedämpft an sein Ohr. Dennoch, die Lider hielt er geschlossen. Zu angenehm, entspannend und vor allem gemütlich fand er seine gegenwärtige Lage. Mit den Fingern betastete er seine nahes Umfeld und atmete erleichtert aus. Seine Gesichtszüge entspannten sich und ein verhaltenes Grinsen überzog seine Mundwinkel. Sein linkes Lid zuckte, als ihm ein wohliges Jauchzen entglitt.
Er drehte sich auf den Rücken. Reckte, streckte und spreizte seine Glieder, soweit es ihm möglich erschien, sodass das dünne Zudeck zu Boden glitt. Weit öffnete er den Mund und gähnte herzhaft.
Was für ein Traum
In unmittelbarer Nähe erklangen erheiternde Laute und Kayden verharrte in aktueller Position. Er hielt die Luft an und lauschte, woraufhin aus dem vorgehaltenen Kichern ein stetes Lachen anschwoll.
»Das sieht ulkig aus. Wie machst du das?«
Er bezwang seine aufkeimende Unruhe und bemühte sich langsam zu atmen. Die Stimme gehörte keinesfalls zu Veyed, so viel stand einmal fest. Mit Bedacht öffnete er erst das eine, dann das zweite Auge.
Er lag in einem Bett, gleichwohl nicht in seinem. Die Wände um ihn herum bestanden durchweg aus solidem Stein und weit geöffnete Laden ließ freie Sicht auf strahlend blauen Himmel. Langsam erhob er sich auf die Ellenbogen und verharrte. Musternd überprüfte er seine Unterkunft.
Eine kleine Kommode neben seiner Bettstatt, ein Tisch mit zwei Stühlen unter dem Fenster - auf einem saß eine weibliche Person; ein Schrank, ein leeres Regal und etwas was aussah wie Haken. An einem jener hingen seine Sachen - sauber und ausgebürstet. Er stutze und schluckte, ruckartig wendete er den Kopf. Mit seinen Sinnen nahm er abermals das noch immer dasitzende Mädchen wahr, welches ihm frech ins Gesicht grinste. Er sah sie wahrhaftig, er spürte ihr Anwesenheit. Seine Augen suchten seine Kleider und glitten ungläubig an seinem Körper herab.
Schamesröte überdeckte seine Züge, als er entsetzt feststellte, dass jene Person, welche ihn entkleidete, bis auf das Zudeck vollkommen unbedeckt zurückließ. Sicher, Kayden wusste um beiderlei Geschlechter, schließlich hatte er Mutter und Vater und natürlich Veyed. Alle drei sah er bereits mehrfach entblößt. Was war auch schon dabei? Ebenso erhaschte er das eine ums andere mal Ausblicke auf die hübsche Tochter des Müllers. Sie war zwei Jahre älter als sein Bruder aber genauso fleißig wie alle anderen, wenn es galt die Ernte einzufahren.
Er vermochte sich an einen Abend erinnern, an welchem ihm Veyed erklärte, was Mädchen mit Jungs so anstellten, hielten sie einen für würdig. Hin und wieder beobachtete er sogar, wie dessen Gemächt in die Länge wuchs, glaubte er sich unbeobachtet.
Ein pelziger Geschmack legte sich ihm auf die Zunge, als er an all jene Dinge dachte, die passieren konnten und so nestelte er mit gierigen Fingern nach der alles rettenden Decke.
Seine Stimme klang zittrig und nervös. »Was ... machst du ... hier? Wo ... bin ich? Wo ist ... Veyed? Wieso ... lachst du ... und wieso bin ich ... nackig?«
Abwehrend hob seine ungebetene Besucherin die Hände, so als habe sie gar nicht bemerkt, dass er entblößt vor ihr lag und mit seinem Schicksal haderte. »Hui, nu mal langsam.«
Sie stand auf und trat hinüber ans Fenster. »Du hast fast zwei Tage geschlafen. Was deinen Bruder angeht ... dem geht es prächtig und fragt laufend nach dir.« Sie machte einen seltsam langen Hals, wendete kaum merklich den Kopf und fügte bei: »Ich kann ihn von hier aus sogar sehen.«
Wie auch immer sein Gast heißen mochte, bot ihm möglicherweise unbeabsichtigt, die Aussicht sich aus seiner unschicklichen Lage zu befreien. Sie ahnte seine hektischen Bewegungen mehr, als das sie diese zu sehen bekam. Sie klangen auf jeden Fall gefährlich.
Erst rumpelte es, dann tapste es. Daraufhin polterte es mit einem anführenden Fluch. Was ihr jedoch ein Glucksen hervorlockte, war die Vorstellung wie Kayden zu den rumpelnden und hopsenden Geräuschen eiligst versuchte sich zu bekleiden.
»Noch nie einen Nackten gesehen, wie?«, wehrte er sich übermütig und siegesssicher.
»Oh und wie ich das habe.« Ihr Blick schweifte an ihm herab. »Aber du bist das erste Kind, was sich dessen schämt.«
»Pfff.« Er trat näher, kletterte auf einen der beiden Stühle, um mit ihr gemeinsam aus dem erhöhten Fenster schauen zu können.
Vor Staunen weiteten sich seine Augen und seine Lippen öffneten sich.
»Mach den Mund zu sonst kommen Fliegen rein.«
»Äh, was?« Benommen schüttelte er den Kopf und zeigte mit ausgestrecktem linken Zeigefinger nach draußen. »Was ist das hier?«
Noch bevor sich ihre Lippen zu einer Antwort formten, klopfte es an der Tür.
Es bedurfte keinem Formvollen herein, denn direkt im Anschluss wurde diese aufgestoßen und schwang mit einem lauten krachen an die Wand. Jene Person, die die Tür öffnete, schnaubte.

Ein vierbeiniger Wirbelwind mit wedelnder Rute drängte sich zwischen Tür und Beinen hindurch. Musternd blickte sich dieser um und sprang ohne Vorwarnung auf den Jungen zu. Mit den Vorderpfoten drückte er diesen an die Lehne des Stuhles und schleckte ihm umfänglich das Gesicht. Erst die rechte Wange, dann quer über die Nase und vergaß keinesfalls die linke Gesichtshälfte.
Das Mädchen lachte schrill und heiter. Kayden hingegen bestritt ein aussichtsloses Ringen mit einem lebendigen Waschlappen. »Ähe. Less. Less nein. Aus. Less hör auf. Aus. Geh. Sitz.«
Widererwartend nahm der junge Hund seine Worte nicht für bahre Münze, im Gegenteil. Er begann zu hüpfen und konnte von seinem neuen Herrchen nicht ablassen.
Erst als die nach ihm eintretende Person genug des Begrüßens hatte, schritt dieser ein und gebot dem Burschen Auszeit.
»Less, aus!«, beharrte jener und der lebhafte Hund tat augenblicklich wie geheißen. Mehr noch. Er machte sitz. Seine Rute dahingegen fegte unaufhaltsam über den Boden.
Mit vor der Brust verschränkten Armen stand jemand in der Tür und schien bester Laune. Er schüttelte lächelnd den Kopf.
Kayden wischte sich mit den Händen durchs Gesicht. »Guten Morgen Ron.«
»Guten Morgen? Aellin hast du unseren Langschläfer noch nicht aufgeklärt?«
»Äh. Er hat bis eben geschlafen.«
Aufmerksam sah Kayden von dem Besucher zu seiner jüngsten Bekanntschaft und bemerkte, was ihm zuvor nicht auffiel.
»Sei so gut und erzähl ihm das Nötigste. Kylion erwartet ihn in der Bibliothek.«
Rondal griff nach der weit offenstehenden Tür und zog sie zu sich. Er pfiff und wies mit einem Wink seines Kopfes hinaus. »Less.«
»Zu deinen Fragen.«
Verwirrt starrte der vermeidliche Langschläfer sie an und hob fragend die Brauen.
Sie schnaubte und formte einen Schmollmund. »Was mach ich hier, wo bist du, wo ist dein Bruder, wieso lache ich und wieso bist du nackt«, äffte sie ihn nach. »Also. Du bist hier in der Burg Falkenhorst ...«
»Oh, natürlich.« Er richtete sich und zupfte sein Oberteil gerade. »Entschuldige.«
»Sei`s drum. Also wie du wohl mitbekommen hast, hat Ron dich und deinen Bruder nach Falkenau geführt.«
»Ich denke, wir sind in Falkenhorst«, tönte seine Antwort bestürzt und erntete rollende Augen seiner Gegenüber.
»Stimmt. Aber das Land nennen wir dennoch Falkenau.« Noch bevor Kayden wiederholt dazwischen reden konnte, hob sie ihm ihren Zeigefinger an die Lippen. »Dein Bruder befindet sich unten in der Bibliothek bei Kylion. Er ist so etwas wie der Anführer hier, du verstehst?«
Nachdem sie sein Kopfnicken als Einverständnis akzeptierte, fuhr sie fort. »Und ich habe nicht gelacht, weil du nackig bist. Weißt du, da gibt es nämlich nicht ganz so viel zu sehen.« Sie hielt weiterhin ihren Finger an seine Lippen und drückte etwas fester zu. »Ah ... Ich habe gelacht, weil ich noch nie gesehen habe, wie man seine Zehen so weit auseinanderspreizen kann wie du.« Als sie sich die Szene vorstellte, konnte sie sich ein erneutes Kichern nicht verkneifen.
Kayden lächelte. Hob den linken Fuß, spielte mit den Zehen und spreizte diese, so weit ihm dies möglich war. »Meinst du so? Ist doch ganz einfach.«
Abermals kicherte sie, schüttelte den Kopf und winkte ab. »Ach hör auf damit, das ist kindisch.«
Sie stand auf und reichte ihm die Hand. »Ich bin Aellin, und bevor du fragst, meine Mutter hat dich ausgezogen und gewaschen. Ron hat dich danach wie ein Kleinkind ins Bett getragen. Ich bin nur hier um dich nach unten zu bringen. Du bist mir zu Jung und gefällst mir ...« Theatralisch winkte sie ab. »... kein bisschen.« Ihre Augen rollten und ein seltsamer Glanz schimmerte in diesen. Sie zuckte mit den Schultern, als sie sich eine Spitze nicht verkneifen konnte. »Deinen Bruder aber finde ich echt hinreißend.« Nach einer kurzen Atempause beleckte sie sich die Lippen und dehnte ihre Ansichten weiter aus. »Auch nackig.«
Kayden verzog die Brauen und sein rechter Nasenflügel bebte, als er sich die Zwei vorstellte. Er begann sich zu schütteln. »Ehä.«

***

Jedweder ihrer Schritte hallte ungewöhnlich Laut in seinen Ohren. Dennoch verspürte er keinerlei beklemmendes Gefühl, noch richteten sich seine feinen Härchen auf den Unterarmen auf. Alles um ihn herum schien Geborgenheit zu vermitteln, auch wenn er nicht einmal im Ansatz wusste oder sich vorzustellen vermochte, wo er sich befand.
Aellin führte ihn eine kurze Wendeltreppe hinab und durch mehrere Gänge, die über weitere Stufen ebenso hinabführten. Sie wandelten zweifelsfrei in einer Burg, so viel gestand er sich ein. Es musste sich um eine recht Große handeln, wenn er den bisher gegangenen Weg in Schritten zählte. Sie kamen an einigen verschlossenen Durchgängen vorbei, die womöglich in Kammern führten, die der seinen ähnelten. Andere wiederum ...
»Du Aellin. Wohin führen all diese Türen?«
Widererwartend drehte sich ihm nicht einmal zu, als sie antwortete. Im Gegenteil. Sie beschleunigte ihre Schritte, als wäre er ein unliebsames Anhängsel. »Sei gefälligst nicht so neugierig und beeil dich lieber.«
Inständig hoffte Kayden, dass diese freche Göre über keine Augen im Hinterkopf verfüge, denn er streckte ihr unter verschiedensten Grimassen die Zunge heraus.
In unmittelbarer Nähe japste jemand brüskiert nach Luft und er verharrte. Sein Blick richtete sich mit unschuldiger Mine über die Schulter hinweg durch die offenstehende Tür und schmeckte bittere Galle.
»Na, zum Glück meint der junge Herr nicht mich.« Eine Frau mittleren Alters stand mit einem Wäschekorb in den Armen da und schenkte ihm ein unerwartet warmherziges Lächeln. »Lauf nur, die junge Dame wird nicht auf dich warten.« Sie schob ihren Kopf hervor und warf einen Blick den Gang hinab. »Schätze ich.«
Schade, ihm blieb nicht einmal ausreichend Gelegenheit, sich ordentlich vorzustellen. Ma' würde im Boden versinken, hatte sie ihn doch gänzlich anders erzogen. Oder versucht hallte es belustigt in seinen Gedanken.
Seine Beine trugen ihn nahezu von selbst in die einzig mögliche Richtung und lief Aellin prompt in die Arme, als er zurückblickte, um der Magd zuzulächeln.
»He du Trampel, pass doch auf«, schimpfte sie und hob abwehrend die Hände.
»Uff.« Vollkommen unbeabsichtigt berührten sich ihre Nasenspitzen. Kaydens Gesichtsfarbe verfärbte sich augenblicklich tiefrot. So nah war er einem Mädchen, ausgenommen seiner Mutter noch nie und glaubte ihren Herzschlag spüren zu können. Beim besten Willen, keinesfalls konnte er sich vorstellen eine Frau zu ehelichen. Was fanden alle älteren Jungs und Männer nur an diesen Dingern?
Sie waren nicht so Stark wie Jungs. Verfügten nicht über so viel Ausdauer wie Jungs und ... sie waren bloß Mädchen.
»Geh ... endlich ... zur ... Seite.«
Sie schob den jungen Heißspund von sich, funkelte ihn böse an und hob ihre Hand zum Öffnen der hinter ihr eingelassenen Tür. Diese bestand aus zwei sich gegenüberstehender Flügel, gleichartig der Tore ihrer Scheune oder das des Lagergebäudes - nur um einiges schöner anzusehen. Unzählige Schnitzereien von Vögeln fanden sich auf dieser.

»Na, da seid ihr ja«, erklang eine bassmonotone Stimme und etwas wurde zugeschlagen. Nach dem dumpfen Ton zu urteilen handelte es sich um ein Buch. Kayden erhielt eines dieser von seinem Onkel im vergangenen Jahr als Geschenk. Alles begann damit, das er versuchte Zeichen in den staubigen Boden zu ritzen. Markierungen, die er auf einem Gegenstand zu sehen bekam, welchen er niemals in Händen hätte halten dürfen.
Veyed und seine Mutter hielten lesen und schreiben für unwichtig, lediglich sein Vater grunzte gleichgültig. »Jedem das seine, möglicherweise mag er es eines Tages gebrauchen«, lautete seine abwertende Meinung.
Kayden trat unsicher näher und Aellin tänzelte an ihm vorbei. Sie gesellte sich an die Seite des Mannes vor ihm und umarmte diesen.
»Wir schauen es uns gemeinsam an, einverstanden?«
Ein rosiges Gesicht beugte sich hinter einer großen Rückenlehne, eines der vielen umherstehenden Stühle, hervor und zwinkerte. »Guten Morgen kleiner Bruder.«
Argwöhnisch reckte Kayden den Kopf voraus und war sichtlich verblüfft. Seine Stimme überschlug sich und er klang fast wie eines dieser quietschenden Wesen, die er als Ablenkung der Schöpfung empfand. »Veyed.« Er eilte zu ihm und bestaunte sein dick verbundenes Bein samt Fuß. Nur der vordere Teil seines Fußes schaute heraus. »Geht es dir wieder gut?«
Sein Bruder schien zu überlegen und bewegte die Zehen. »Kylion meint, dass es noch ein paar Tage dauern wird, bis ich meinen Fuß wieder ganz benutzen kann.«
Die soeben vorgestellte Person erhob sich und bot ihm die Hand. »Guten Tag junger Mann. Ich bin Kylion und wenn man den Leuten, die hier leben, glauben schenken darf, so etwas wie der Anführer in Falkenau.«
Kayden überlegte. Anstatt wie üblich die Rechte, bekam er nunmehr die linke Hand hingehalten. Wehmut bleierte seine Glieder. Etwas in seiner Brust wog mit einem Mal sehr schwer. Sein Gegenüber und Pa' würden sich prächtig verstehen, waren sie, so weit er beurteilen konnte vom selben Schlag. Mit traurig gesenktem Blick schlug er dennoch ein.
»Wisst ihr, ihr zwei ...« Kylion fasste beiden an die Schulter und drückte diese. »... seid vermutlich die tapfersten Jungen, die ich bisher kennenlernen durfte.«
Aellin schob einen weiteren Stuhl heran und so saßen sie sich alle gegenüber.

Die zwei erfuhren, was an jenem unheilvollen Abend auf dem heimeligen Hof noch geschah. Wie die Schattenjäger ihren Weg entlang der Sandsteingruben, durch das Rabengehölz bis hinein in den ›flüsternden Wald‹ beschrieben und beobachten konnten. Ron, der gegenwärtige Anführer dieser eingeschworenen Gemeinschaft, lobte ihren Mut und Eifer. Er war sichtlich begeistert, wie sich die Jungen bewegten und verhielten.
Kylion legte ihnen nahe, sobald Veyed seinen Fuß und sein Bein wieder vollends belasten konnte, mit diesem Mann zu sprechen. Es sei ihre Bestimmung das Volk aus ihrer Knechtschaft zu führen und die sieben Königreiche zu einen. Kaydens Weg sei der an der Seite seines Bruders - als rechte Hand und Waffenbruder.
»Warum soll ausgerechnet ich dieser neue Falke sein? Ich bin weder von Adel noch ein Prinz.«
Kylion erhob sich aus seiner sitzenden Position und tippte ihm auf die Schulter. Auf jener, die ihm einst als Kleinkind eine gierig züngelnde Flamme schwer verbrannte. Er schluckte, holte tief Luft und sah in das Gesicht seines Gegenübers. »Wieso ich?«, flüsterte er.
»Du, mein Junge, trägst das Mal.«
Kayden bemerkte indes, dass Aellin seinem Bruder sonderbare Blicke schenkte. Ihn schüttelte es bei dem Gedanken, was dieses ungezogene Ding noch vor nicht all zu langer Zeit von sich gab.

***

Es war später Nachmittag, als die Brüder mit wohlig gefüllten Bäuchen durch das Eingangsportal der schützenden Burg schritten. Kaum das sie die Schatten der Tore hinter sich ließen, empfingen sie die zugigen Winde des östlichen Meeres und Veyeds blondes Haar tanzte ihm vor dem Gesicht.
Kayden sah mit erhobener Braue zu, wie sein Bruder vergeblich versuchte, sich der wehenden Strähnen zu erwehren. »Schneid sie dir endlich, ich habe das Problem nicht.« Er nestelte in den seinen herum und wackelte mit dem Kopf. »Siehst du?«
»Mhm. Aellin ...«
»Ha ...« Er hob den Finger und deutete auf ihn. »... du findest sie also doch toll.«
Entrüstet hielt sein Bruder inne und wendete mit den Händen im Haar den Blick. »Häh? Neee, wie kommst du darauf?«
»Och, nur so.« Kayden schaute zu seinen Füßen und hoffte, dass seine rollenden Augen unbemerkt blieben. »Was findest du dann an der frechen Göre?«
»Sie ist keine freche Göre. Außerdem scheint sie kurze Haare zu mögen.«
Nun war es an Kayden, verblüfft dreinzuschauen. »Sagt sie das, ja?«
»Ich werde sie mir schneiden ... so wie du.« Er trat vor und blickte sich um. Langsam drehte er sich im Kreis und blähte die Wangen. »Sieh dir das an Kay.«
Beide begutachteten den hoch aufragenden Bau, der weit in den Berg hineingebaut sein musste, denn das, was sie zu sehen bekamen, konnte nur Fassade sein. Bisweilen dachten sie, alle Burgen würden aussehen und gebaut, wie jene, in welcher der Verräter hauste. Diese hier jedoch ... errichtet nicht vor, sondern vielmehr in das Massiv hinein. Es sei denn, und dies schien wahrlich die unwahrscheinlichste Möglichkeit zu sein ... der Berg wuchs um Falkenhorst herum.
Sechs Türme thronten hoch hinaus, zwei davon rechts und links zum Eingangsportal. Die Übrigen verteilten sich wie auch immer wahllos über die Gebirgswand. Kayden sah stirnrunzelnd in die Höhe und versuchte sich zu orientieren. Die Aufbauten wuchsen augenscheinlich aus diesem heraus, mussten jedoch an ihnen unbekannten Stellen mit der Burg verbunden sein, denn in einem dieser befand sich schließlich seine Kammer.
Sie standen auf einem mit einer mannshohen Brustwehr umfriedeten Platz oder Vorhof. Dessen Erbauer schienen einst keinerlei Mühen gescheut haben, um diesen mit Steinplatten vollends auszulegen. Keine dieser maß an seinen Längen weniger als ein Fuß.
Um den Hof zum Portal der Burg hin betreten zu können, war die Wehr zur rechten wie zu linken Seite hin durchbrochen. Er vermutete, dass zwei Karren diese nebeneinander bequem durchfahren konnten, doch nichts deutete darauf hin, wozu diese Fläche wohl genutzt wurde. Nirgends standen Handelsbuden, Waffengestelle noch Zierrat. Lediglich eine kreisrunde Erhöhung, etwa mittig dieses ... Hofes?
Wie an der Burg selber hatte man in der Vergangenheit auch hier Bruchstellen ausgebessert und vermutlich nicht dem Ursprung nach wieder hergerichtet.
Gemeinsam reckten sie ihre Hälse, um der Brustwehr hinabblicken zu können und schätzten die Entfernung bis zum Boden auf sagenhafte vier Ellen. Flache Rampen führten zu beiden Seiten der Mauer entlang und endeten in einem weiteren mit hohem Wall umgebenen Hof. Zweifelsfrei dem Zwinger.
Kylion hatte ihnen umfassend von den ersten Heimatvertriebenen berichtet. Jenen, die all ihren Mut zusammennahmen und die Kraft der Verzweiflung nutzten, den ›flüsternden Wald‹ nicht nur zu betreten, sondern vollends zu durchqueren. Anfangs blieb es bei noch wenigen Leuten, die die Ebenen diesseits des Waldes betraten, doch nach und nach trieb die Not Weitere des Weges.

Es wart den Vertriebenen vorbehalten, die Baumgrenze unbeschadet und lebend zu durchwandern, einigen gleichfalls mutigen Invasoren hingegen blieb dieses verwehrt. Niemand vermochte zu sagen gar zu erklären noch zu beweisen, wer oder was den Wald schütze.
Nachdem die Anzahl der Heimatlosen anwuchs, musste ein Beschluss gefasst werden.
Ihr und das Leben all jener, die denselben Weg gehen würden wie sie selbst, hing von ihrem künftigen Verhalten ab. In kleinen Gruppen durchstreiften sie das nahe Umland, um von Tag zu Tag den Radius ihres neuen Lebensbereiches zu erweitern. Erkrankte, Entkräftete, Alte und Verletzte durften gemeinsam mit den Jüngsten auf den wenig vorhandenen Karren ruhen. Die Übrigen hingegen schliefen unter notdürftig hergerichteten Zelten und auf nacktem und zu weilen kalten Boden. Eifrig schichteten sie Hölzer für Kochfeuer, gingen zur Jagd und sammelten Früchte.
Die Zuversicht vieler neigte sich einer gefährlichen Wende und nicht minder Wenige sprachen von ihrem unvermeidlich bevorstehendem Ende. Anstatt zur Axt, Säge und Hammer zu greifen, lullte sich der Großteil in Selbstmitleid. Ihnen fehlte es an allem, allem voran an Haltung und Antrieb. Zu tief saßen die Schrecken vergangener Tage und Nächte.
Erst als sich zur späten Nachmittagszeit unerwartet eine der ausgesandten Gruppen lachend und johlend nährte, keimte in einigen etwas, was ihnen bisweilen verloren ging - Neugierde. Eine Eigenart sich aus dem endlosen Rad nutzloser Zeit und Trübsal zu befreien.
Die eingetroffenen Männer berichteten von ihrer Entdeckung und ernteten unbegreifliche wie fragwürdige Blicke.
»Bewegt euch Leute und kommt mit uns, haben sie gerufen. Kommt mit und ihr werdet sehen, dass wir nicht lügen.« Kylion hatte ihnen nicht nur dasitzend erklärt, wie es einst gewesen sein musste, er wanderte in der Bücherei auf und ab und wedelte bühnenreif mit den Armen.
Angeblich habe die Gruppe dem Anschein nach eine verlassene Siedlung, beinahe stadtgleich erkundet, in deren Hintergrund eine gewaltige Felsenburg thronte. Das Unglaubwürdigste jedoch waren Behauptungen, dass an den Hängen unzählige Greifvögel bis hin zu mächtigen Adlern nisteten.
»Ihr seid des Wahns anheimgefallen.«
»Schämt euch, uns auf solch unbedarfter List Mut einreden zu wollen.«
»Lügenbande.«
Und vielerlei anderweitige Zurufe sollen die Boten geerntet haben, die nichts weiter verkündeten als die Wahrheit. Niemand schenkte ihnen Glauben, hielten sie für Tagträumer, gar als Feiglinge und Lügner.
Dennoch, einige der Zuhörer, darunter Männer, Frauen und Kinder nickten und munterten sie auf, ihrer Worte Beweise hinzuzufügen.
Wortlos marschierten sie und ein jeder schwelgte in eigenen Gedanken. Was wäre wenn ...
Stetig näherten sie sich dem von weitem sichtbaren Gebirge und auch wenn noch fern ihres Zieles, blieb ihnen nicht der Blick auf die unzähligen Vögel, die im Strom der Winde dahin schwebten, verwehrt. Je näher sie gingen, umso mehr Einzelheiten boten sich da. Erst gewahrten sie nur unbestimmbare Schemen, kaum als das zu erkennen, was es wahrhaftig war. Mit jedem getanen Schritt jedoch verdichtete sich deren Gewissheit.
Die führende Gruppe blieb auf einer Anhöhe stehen und die folgenden taten es ihnen gleich. »Wir haben nicht gelogen.«
Allen stand staunend der Mund offen. Männern wie Frauen traten Tränen in die Augen und sie lagen sich freudig in den Armen. Die ungezügelte Neugierde der Kinder jedoch mussten sie zurückhalten. Niemand wusste auszuschließen, ob dass, was sich vor ihnen auftat, auch wahrlich so verlassen war, wie es dem Ansinnen nach zu sein schien. Der Funke der Hoffnung glomm in manchem Blick und so schickten sie nach den Zurückgebliebenen. Es galt herausfinden, ob in der Siedlung noch jemand lebte und ihre Entdeckung ihnen ein stetes Heim bieten konnte.

Das Fallgitter des Tores trotzte der sturen Neugierde der neuen Bewohner Falkenaus und blieb unbetrübt gesenkt. Auch die Ummauerung verblieb trotz des anzunehmenden Alters allen Versuchen gegenüber, diese zu erklimmen, unberührt. Weder breite und kräftige noch kurze und zarte Klingen gruben sich tief genug in die Fugen und keine noch so zierliche Hand oder Fuß fand ausreichend Halt an der viel zu glatten Außenwand.
Dennoch schien dieses Gemäuer ebenso verweist wie die Bebauungen davor und so entschieden man, vorerst keinerlei weiteren Energien in die Erkundung derer zu investieren.
Vögel verschiedenster Gattung flogen durch gähnende Öffnungen, die einst Fenster und Türen verschlossen hielten.
Auch wenn viele Jahre gar Jahrzehnte vergangen sein mussten, dass eines der verfallenen Gebäude ein Lebewesen beherbergte, war der Ort eindrucksvoll und versprach den Vertrieben eine Heimstatt zu werden. Auf den weitflächigen Ebenen vermochte man sich zuvor ausladender Felder nicht nur vorzustellen. Vielerorts gedieh wildes Getreide, welches den neuen Bewohnern erlaubte und kurzer Zeit neue Feldgrenzen anzulegen, wie zu bestellen.
Einige wenige Gebäude waren insoweit noch nutzbar, dass sie den Neuankömmlingen ein Mindestmaß an Schutz vor Wind und Wetter boten.
Es bedurfte der Bewältigung vielerlei Arbeiten. Holz musste geschlagen und verarbeitet werden. Lehmgruben gesucht und ausgehoben. Allen voran benötigten sie frisches Wasser und ausreichend Lebensmittel, so zumindest für die ersten Wochen und Monate.
Ein jeder fühlte sich einem Großen und Ganzen zugehörig. Ihr Werken durfte nur einem Ziel dienen und so maßten Stand und Umstand ihrer Herkunft keinerlei Bedeutung. Das Blut des Adels wog ebenso viel auf, wie das eines einfachen Landarbeiters, Schreiners, Soldaten oder anderweitigen Berufsstandes. Auch Frauen, welche ausschließlich für das leibliche Wohl sorgten, galten nicht minder bedeutsam. Im Gegenteil, ihr derzeitiger Wert blieb unschätzbar, unaufwiegbar und äußerst wertvoll. Wären es nicht sie gewesen, die aus allerlei Beschaffungen nahrhafte Mahlzeiten zubereiteten, ginge selbst der kräftigste Mann eines Tages zugrunde.
Bewaffnete bestreiften das Umland und hielten Ausschau nach etwaigen Gefahren. Allein die Mutigsten wagten sich bis tief hinein in den geheimnisumwitterten Wald, der ihnen in der höchsten Not erlaubte, ihn unbehelligt zu passieren. Es waren wahrlich nicht viele, die sich zurück in die Schatten jenes begaben und oftmals über mehrere Stunden hinweg aufhielten.
Es blieb ein steter Verlauf und eben dieser wurde für einen jeden offenkundig wie dienlich. Männer wie Frauen wechselten schwere und laut schlagende Rüstungen gegen deutlich leichteres und bequemeres Leder. Griffen zu Bogen statt zu Schwertern und lernten sich leiser und anmutiger zu bewegen als jemals zuvor.
Ausgerechnet einem Jüngling, gerade einmal im jetzigen Alter von Veyed oder Kayden, verdankten sie ihren Namen - Schattenjäger.
Sie bewegten sich nahezu geräuschlos, schlichen in jedem sich bietenden Schatten und blieben so vielerorts unentdeckt. Sie sorgten für ausreichend Fleisch und übernahmen jegliche Führungen durch den ›flüsternden Wald‹. Sie fanden Wege und Pfade, auf welchen sie und die ihren sich gefahrlos bewegen konnten. Auch waren sie es, die von der Neugierde getriebene nötigten Abstand zu halten und somit für allerlei Täuschung Verantwortung trugen. Sie verursachten beängstigende Geräusche und hielten unvorsichtige wie Übermütige vom Überqueren des grenzbezeichnenden Baches fern. Schürten Furcht und Gerüchte mit todbringender Warnung.
Die Vertriebenen benannten die neue Heimat nach den Leittieren der sieben Reiche - Falkenau. Auch wenn ihnen das Herz ihres Zuhauses derer Tage noch den Zutritt verwehrte, gaben sie diesem einen ebenso prägenden Namen - Falkenhorst.

Die beiden Brüder erfuhren gleichfalls von einem jungen aufstrebenden Mann, der einst unter den Handelsgeschlechtern sein Handwerk erlernte. Dieser war zugleich auch jener, der nach und nach die innigste Blutlinie und Verbundenheiten zu einflussreichen Familienbanden verriet. Er interessierte sich gemeinhin nur für eigene Belange und zum Geheiß des persönlichen Vorteils. Ihm blieb es zu verdanken, dass das gesamte Geschlecht der Berengar ausgerottet wurde.
Jedwedem Gerücht zur Ergreifung eines Berengar wurde mit Nachdruck nachgegangen und einem Obristen zum Verhör vorgetragen.
Es war Kayden, der sich für die Burg jener Familie interessierte und vermutete, dass Lord Bestlin der rechtmäßige Erbe sei. Kylion hingegen runzelte die Brauen und verengte die Augen. Er haderte mit Worten und seine aufeinander mahlenden Zähne waren mehr als nur zu erahnen. Seine Schläfen pulsierten in deren Einklang.
»Es hat niemals ein Adelsgeschlecht mit dem Namen Bestlin gegeben. Dieser niederträchtige Bastart ist nichts weiter als ein Verräter. Als Sohn des damaligen Stallknechtes nahmen sich die Berengar diesem Knaben an und lehrten ihn das Geschäft des Handels. Sie gewährten ihm sogar Adoption.« Er nickte und knetete mit der Rechten seine linke Faust.
Abermals eine Gemeinsamkeit, die er mit Pa' zu haben schien, dachte der Jüngere der beiden Jungs. Auch er war unbestreitbar Linkshänder.
»Bestlin war es, der die Berengar hinterging und verriet, was zu verraten war. Ebenso diesen Landtitel ... Lord ... hat es zu keiner Zeit gegeben.«
Kylion erklärte, dass Obliegenheiten und Rechtsabhandlungen eines Lords dem eines landesüblichen Barons gleichkämen, war sich dessen jedoch nicht zweifelsfrei sicher. Die Häscher Thules führten diesen seltsamen Begriff unter ihresgleichen ein und behaupteten, dies sei eine Anerkennung für jene, die über Land und Leute Herrschaft ausübten. Mit anderen Worten, sie urteilten, wer leben und sterben sollte.

»Träumst du schon wieder?« Veyed stupste seinen Bruder mit der Hüfte an und zeigte den Berghang hinauf.
»Ich? Nein, wie kommst du nur immer darauf?«
Veyed verzog besseren Wissens die Mundwinkel. »Schau nur die vielen Vögel. Falken, Adler und was weiß ich noch.«
Kayden zuckte mit den Schultern und sah erneut der Mauer hinab. »Ich habe gar nicht geträumt.«
»Ich weiß. Du hast nur nachgedacht. Kylions Geschichte?«
Der Jüngere beobachtete einen grünbraun gekleideten Mann, der an seiner linken Hand einen für seinen Geschmack zu großen Handschuh trug. In der Rechten hielt er ... ja was? Aus der Entfernung würde er meinen, es könne ein Fleischklumpen sein?
Als sie den Hof betraten und sich umsahen, haben sie zwar die kreisrunde Struktur mittig des Platzes begutachtet aber die zur rechten wie linken Seite leicht erhobenen Plattformen außer Acht gelassen. Von der Fläche her maß ein jeder dieser Anbauten drei Ellen. Von der Rechten, von jener sich der Mann ihnen mittlerweile winkend nährte, standen mehrere ständerartige Gebilde. Kurze farbige Bänder tanzten in Harmonie des Windes.

»Hallo ihr Zwei. Ihr müsst die beiden Neuen sein. Die die Ron und seine Jungs durch den Wald geführt haben.«
Veyed musterte den Sprecher mit eigenwilligem Blick, war es doch wohl mehr als offensichtlich. Kayden hingegen war wie immer vertrauensvoller und lächelte auch noch. »Ja. So ist es.« Sein Daumen deutete von sich. »Das ist Veyed. Er ist mein großer Bruder.«
»Demnach musst du Kayden sein.«
»Scheint sich ja schnell herumgesprochen zu haben.« Veyed räusperte sich und verzog nebst Mundwinkel auch die Brauen.
»Tut mir leid, mein Bruder benimmt sich manchmal so.«
Ihr Gegenüber schmunzelte und sah zurück, als sich ein silbrig weiß gefiederter Vogel krächzend nährte. Dieser ließ sich mit ausladenden Schwingen auf einem der bereitgestellten Ständergewerke nieder und tapste auf diesem von der einen zur anderen Seite.
Es schien derselbe Vogel, wie bei der Mühle, erinnerte sich Kayden.
Das war doch genau so ein Vogel, der noch vor wenigen Nächten auf dem Vordach saß und ihm direkt in die Augen blicke, überlegte Veyed. Gedankenverloren griff er sich unter das Oberteil, um kurz darauf die Hand leer wieder hervor zu holen. Dort wo er die Feder glaubte, war sie längst nicht mehr.

»Oh, schaut. Wisst ihr, was ein Falke ist?«
Beide nickten, schwiegen sich jedoch aus.
»Gewiss tut ihr das. Nach allem, was ich hörte, hat euch Alric viel gelehrt.«
Der Mann schien zu überlegen, als er die Augen verdrehte, sie die flache Hand an die Stirn legte und mit der Zunge schnalzte. »Nun habe ich doch glatt vergessen, mich vorzustellen.«
Mit den Zähnen zog er sich den gefütterten Handschuh von der Rechten und griff mit Zeigefinger und Daumen seiner Linken nach einer an diesem baumelnden Lederbändchen.
Er reichte beiden nacheinander die Hand und bedeutete ihnen, ihm zu folgen.
»Ich bin Kremir und kümmere mich um die Vögel hier.« Er schnaubte amüsiert und hob den Blick. »Ich kann euch sagen, es sind viele ... verdammt viele. Zum Glück jedoch brauche ich mich nur um jene zu sorgen, die sich umsorgen lassen wollen.«
Sie befanden sich nur einen Schritt von den Gewerken entfernt, als der weiße Falke seinen kleinen Kopf hob und die Ankömmlinge musterte. Einen nach dem andern.
»Das meine Lieben ist Agbar. Ein wahrlich stolzes Tier nicht wahr?« Er holte tief Luft und Ehrgefühl schwang in seinen Worten. Er erklärte den beiden, dass dieser Vogel lange Zeit fortblieb und erst eines späten Abends, wie im Sturzflug aus dem Wald schoss. Im Anschluss seiner Ausflüge käme dieser stets zuerst zu ihm und verlangte seinen Lohn. Einen happen frisches Fleisch, wie jene, die in einem Eimer neben den Gewerken stand und Kremir nunmehr nach langte. Pfeilschnell griff der Falke nach dem rohen Stück, welches er ihm zuwarf.
Er schwieg einen Moment, so als suche er nach den richtigen Worten.
»An besagtem Abend jedoch umkreiste er aufgebracht den oberen Burghof und stob in die obersten Horste der Adler, den ›Majestäten der Lüfte‹. Es hieße, dass wenn sich einer der Sucher zu ihnen hinauf wage, sie einen geeigneten Anwärter präsentierten. Einen, der das Banner der Freiheit erneut hissen würde.« Er musterte auffordernd erst Veyed dann Kayden. Ihm schien es eine Herzensangelegenheit, dass beide verstanden, was er ihnen mitzuteilen versuchte. »Es kam äußerst selten vor und manch einer der Tiere blieb mehrere Wochen lang fern, um nach einer kurzen Erholung hier auf Falkenhorst abermals fortzufliegen. Wisst ihr, Agbar war einer der jüngsten seiner Art und sehr aufgeschlossen. Eines Tages nährte sich einer der größeren Steinadler, die ihre Nester ... Ihren Horst ... weit oben in den Spalten des Berges bauten. An Größe bleiben diesem nur noch die Seeadler mit ihren weißen Köpfen überlegen.«
»Und was hat dieser Steinadler gewollt?«, erklang Veyeds gelangweilte Stimme. Nur Kaydens Blick verriet Neugierde und so ging Kremir auf die Provokation nicht ein. Er führte seinen Monolog, im Interesse des Jüngeren, einfach fort.
»Kaum das die Schneeschmelze einsetzte und die Vögel begannen sich zu erheben, flog Agbar von dannen. Zweimal fand er den Weg zurück auf die Gestelle, das dritte Mal besann er sich und flog hinauf.« Sein Blick deutete weit nach oben, dort wo es nichts weiter zu sehen gab als die felsigen Nasen des Gebirges.
»Als dieser anstatt seines brocken Fleisches einzufordern mit einem der Adler davonflog, war dies für Kylion und den Schattenjäger das Zeichen zum Handeln. Kylion wies die Jäger an, am Waldrand Stellung zu beziehen, und übersandte Nachrichten.«
»Nachrichten? An wen und wohin?«
Der Falkner beugte sich herab, um den Jungs in die Augen sehen zu können. »Unsere Verbündeten mussten erfahren, dass ein Adler sich erhob, um einen Anwärter zu prüfen.«
Veyeds Interesse schien nun doch geweckt, da verschiedensten Ausführungen nach er persönlich betroffen war. »Was ist das für eine ... Prüfung?«
Kremir zuckte indes mit der Schulter und schnaufte. »Das, mein Junge, kann dir leider niemand sagen. Auch wissen wir nicht, ob es sich um eine Prüfung im herkömmlichen Sinne handelt.«
Es stünde nirgends geschrieben, noch wurde es überliefert. Berichten von Beobachtern zu urteilen, müsse es sich jedoch um eine solche handeln. Ein Falke und ein Adler. Beide beobachteten ein Kind oder junge Heranwachsende. Zumeist Knaben, wohingegen auch von Mädchen die Rede war. Es war demnach nicht ausgeschlossen, dass die Wahl auf eine weibliche Person zutreffen konnte.
Es war Alric, der fortwährend behaupte, den künftigen ›Falken‹ unlängst erkannt und gefunden zu haben. Er fühlte sich diesem eng verbunden und wollte für die Lehren der Grundzüge sorgen, auch ohne das einer der Adler oder ›Majestäten der Lüfte‹, wie wir Falkner sie nennen, diesen segnete. Alric glaubte zwar einerseits an Bestimmungen und Unerklärliches aber in dieser Angelegenheit kochte er sein eigenes Süppchen. Es konnte ja niemand ahnen, dass er mit seiner Vermutung recht hatte.«
»Darf ich ihn streicheln?«
Kremir hob die Brauen und war über die Furchtlosigkeit des Jungen beeindruckt. »Allein der Gedanke, einen Falken berühren zu wollen, wiederstrebt vielen. Du möchtest ihn sogar streicheln?«
»Darf ich?« Mit kindlichem Eifer wartete Kayden auf sein Einverständnis.
Sein Bruder dagegen wirkte verunsichert und spielte sich auf. »Kay bist du von Sinnen? Das erzähle ich Ma' und Pa'.«
Die Mundwinkel des Zurechtgewiesenen zuckten und er blies lässig Luft durch seine Lippen. »Pff. Der Weg ist weit, und wenn du der ›Falke‹ sein wirst ...« er zuckte mit den Schultern. »... ich bin dein Bruder, was soll mir schon passieren?«
Noch bevor Kremir den Vogel für seinen Besuch mit einem weiteren Stück Fleisch belohnen und somit auch beruhigen konnte, war der für seinen Geschmack voreilige Junge heran. Er tat, als wäre es eine Selbstverständlichkeit und mit dem Tier von klein auf aufgewachsen. Ohne erkennbare Furcht hob er seine linke Hand und legte sie Flach auf das wohlig weiche Gefieder. Der Falkner sog scharf Luft ein und schluckte jene Verwünschung herunter, die ihm auf der Zunge lag, als der junge Falke unterwürfig den Kopf senkte.
»Es fühlt sich flauschig an, nicht so struppig wie bei einem Huhn.«
Es war Kremir unverständlich, mit welcher Gelassenheit ein Greifvogel, ein Raubtier wie Agbar, sich dies gefallen ließ.
Veyed wollte seinem kleineren Bruder nicht nachstehen, hob vorsichtig seine Hand und trat auf die gegenüberliegende Seite. Unfassbar aber seine Augen trügten nicht. Zwei nichts ahnende Burschen, die von Tieren dieser Art lediglich das wussten, was man ihnen in Geschichten erzählte, streichelten ein wildes Raubtier. Keinen ausgebildeten Falken, wie sie einst als Wappentiere in mancher Burg gehalten und gezüchtet. Ein Greifvogel, welcher seine Mahlzeiten auf offenem Felde jagte und riss.

***

Es vergingen weitere drei lange Nächte und die Vierte stand bevor, an deren Tagen man wiederholt versprach, sie zu benachrichtigen, sobald Informationen von ihren Eltern eintrafen.
Wie es ihnen jetzt wohl erginge?
Ma' würde sicherlich weinen vor Kummer und Pa' vor Angst mit seinem schweren Hammer Eisen verhauen.
Vermissten sie sie auch so sehr?
Vermutlich mehr denn je.
Was wohl Onkel Alric jetzt macht?
Das würde auch Pa' nicht wissen.
Kylion hatte sie eindringlich beschworen sich dem Wald nicht zu nähern oder zu betreten. Es bestünde nicht nur die Gefahr des Verlaufens, er selbst wisse bisweilen nicht, was es mit diesem auf sich habe. Obwohl in Falkenau aufgewachsen, könne er das Treiben in jenem nach wie vor nicht verstehen noch erklären. Hinter vorgehaltener Hand gestand er ihnen ein Geheimnis. Er und viele andere fürchteten sich vor den Bäumen und dem, was sich in ihren Schatten verbarg. Irgendetwas geht in diesem Wald um, auch wenn dieses etwas sie auf seine ureigenste Art beschützte. Es gab zu viele wer's, wie's, wo's und warum's.
Veyed beschloss Kremir, den Falkner, auszuhorchen. Er vermutete, dass dieser einiges berichten konnte und wer weiß ... womöglich hatte dieser Mann mehr Kenntnisse als dieser Rondal.
Auch wenn Ron sich ihnen als Freund zeigte und viel mit seinem Onkel gemein zu haben schien, er vermochte ihn nicht einzuschätzen. Er verhielt sich allen gegenüber zuvorkommend und hilfsbereit. Ein jeder wusste anerkennende Dinge über den Schattenjäger zu erzählen. Dennoch oder gerade deswegen, weil er ihm keinen Anlass des Misstrauens bot, traute er ihm nicht. Seit dem Vorfall in der Burg Bestlins musste er vermutlich Vertrauen erst wieder erlernen.
Wobei ... so ein Unsinn. Kylion hatte er auch schnell vertrauen können, ebenso der aufdringlichen Aellin, die stets und ständig um ihn herum schwänzelte. Ein verschmitztes Schmunzeln legte sich über seine Züge, als sich ihr Abbild in seinem Geiste zeigte. War da doch mehr? Mehr als er sich eigenst eingestehen wollte? Kayden erzählte mal dies, mal das. Erwähnte aber auch das sie für ihn schwärme.
»Veyed?«
Rief da wer nach ihm?
»Wo steckst du nur? Hallo Veyed«, rief es erneut und es war bitte nicht dieses Mädchen. Kaum das man an sie denkt, taucht sie auch schon auf. Er schwieg und schielte um die Ecke.
»Verdammt. Warte, wenn ich dich in die Finger kriege.« Er traute seinen Ohren kaum, als er ihre Drohung vernahm, leise aber hörbar. Sie musste bereits in unmittelbarer Nähe sein. »Was die Erwachsenen können, kann ich schon lange. Eines Tages zieh ich den Bengel unter meine Bettdecke.«
Ihm wurde der Hals trocken und sein Puls begann zu rasen.
»Veyed! Kremir und dein Bruder warten auf dich.«
»Oh, nein. Er hatte die Zeit vollends vergessen und Tagträumen hinterhergejagt. Aber ... was hatte sie doch gleich gesagt?«
Er rieb sich das Kinn und seine Brauen hoben sich. Ein seltsamer Glanz legte sich über seine Augen und er rückte sich den drückenden Schritt zurecht. Mit der Zunge befeuchtete er seine Lippen und sah hinaus aus dem Fenster, welches auf den Blick auf den oberen Burghof freigab. Da standen sie, sein kleiner Bruder und der Falkner. Kayden hielt einen gefütterten Handschuh in die Höhe und führte die andere Hand an den Mund.
»Angeber.«
»So ist das also.«
Veyed erschrak und viel beinahe rücklings dem erhöhten Fenstersims hinab.
»Du versteckst dich da oben und gehst deiner holden aus dem Weg?«
Kaum das er den Schrecken überwand, sprang er hinunter und wischte sich die Hände an der Hose. Sie waren schwitzig und erinnerte sich sogleich an ihre Worte.
Wie sie so dastand ...
Die blonden Haare fielen ihr in Gänze über die linke Schulter, vermutlich wurden sie ihr seit Geburt an noch nie gekürzt. Seltsam, so als betrachte er das vor ihm stehende Wesen das erste Mal, wusste er doch ... hm, ja was eigentlich?
Sie war ähnlich groß wie er gewachsen und von schlanker Statur. Die Natur schenkte ihr ein, wie sagt man, wohlgeformtes Gesicht mit eng anliegenden Ohren und einer zierlichen Stupsnase. Ihre Augenbrauen wuchsen leicht schräg und verliehen ihren Zügen etwas Katzenartiges. Ihre Lippen waren prall und die Strahlen der untergehenden Sonne brachen sich in ihren nussbraunen Augen. Sein Blick wechselte von ihrem anziehenden Antlitz herab auf ihre bereits ansehnlich gewachsener Brust.
Unweigerlich formte sich ein Bild in seinen Gedanken.
Es war Erntezeit und die Kinder der Landarbeiter wuschen sich zur abendlichen Stunde. Wie so oft, schlich er mit befreundeten seines Alters zu jener Stelle, an welcher sich die Mädchen säuberten. Anstatt des Müllers Tochter stand Aellin vor dem Waschtrog - nackt und sie winkte im zu.
Aellin schien seine Gedanken zu erraten, denn ihr Blick senkte sich von seinem erröteten Gesicht hinab. Sie hob die linke Hand an den Mund und ihre Stimme klang eigenartig. »Veyed ...« Sie trat näher an ihn heran.
Er schluckte, besann sich sodann und duckte sich unter ihrer Umarmung hinfort. Ihre Lieder schlossen sich und ihre Lippen formten einen Kussmund.
»Verzeih. Du sagtest, dass Kremir und mein Bruder auf mich warten.« Er rannte davon, verspürte jedoch keinerlei Verlangen hinauszulaufen. Er brauchte ein Versteck, ganz für sich allein.

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