Kapitel 3

Eine Hand schließt sich um meine Kehle und schnürt mir die Luft ab. Ich beginne nach Luft zu schnappen und die Hand von meinem Hals zu entfernen, doch der Griff ist zu feste. Jede Sekunde ohne Luft ist eine Qual. Langsam wird alles um mich herum schwarz und ich schließe meine Augen.

Ich schlage ruckartig die Augen auf. Meine Hände wandern zu meiner Kehle. Sie ist frei von irgendwelchen fremden Händen und ich bekomme endlich wieder genügend Luft. Ich versuche mich schnell umzudrehen, doch das ist nach wie vor nicht möglich, da jemand meine Arme umklammert hält.

Ich versuche mir wieder Klarheit zu beschaffen und drehe meinen Kopf zu der Person, die meine Arme umklammert hält. Es ist eine Frau.

Ihr Anblick jagt mir einen Schauer über den Rücken. Die rechte Hälfte ihres Gesichts ist verbrannt und die Haut ist zerfleischt. Ihre linke Hand weißt ebenfalls Brandspuren auf, während auf ihrer linken Hand eine große Wunde klafft. Ich erschaudere, kann meinen Blick aber auch nicht von ihr abwenden. Sie macht mir Angst und meine Panik wächst ins Unermessliche.

Schneller als ich gucken kann, schließen sich plötzlich zwei Hände um den Kopf der Frau und brechen ihr mit einer einzigen Handbewegung nach rechts das Genick.

Ich zucke zusammen und schreie laut auf. Was geschieht hier denn nur? Ist da etwa noch Jemand, der mich entführen will?

Schnell ziehe ich meine Hände aus der Umklammerung der Frau und mache einige Schritte zur Seite.

Fast stolpere ich über etwas. Mit einer Hand schaffe ich es gerade noch mich an, einer der dunklen Wände in der Gasse, abzustützen. Meine Augenbraue wandert in die Höhe und ich suche nach der Stolperfalle.

Als ich sie entdecke, bekomme ich fast einen Herzinfarkt. Ich weiche zurück und drücke mich an die Wand. Der Schweiß läuft mir die Stirn herunter. Das kann doch nicht wahr sein. Ich sinke zu Boden.

Auf dem Boden liegt ein Mann oder eher gesagt sein Körper. Er trägt genau wie die Frau, die mich festgehalten hat, eine rote Robe mit einer großen Kapuze. Auch die Hände dieses Entführers sind verbrannt. Ich werfe erneut einen Blick auf die Kapuze, wende meinen Blick dann aber sofort wieder ab. Der Leiche fehlt ihr Kopf.

Bei dem Anblick wird mir schlecht. Wer hat das getan? Ich weiß, dass diese Leute mich entführen wollten und dass sie es vielleicht auch verdient haben, doch ich wünsche Keinem so zu sterben.

Mein Blick wandert weiter zu der Leiche der Frau. Ihr Kopf hängt schief auf ihrer Schulter. Mein Retter muss ihr das Genick gebrochen haben. Die Augen meiner Entführerin blicken leer in die Luft und ihr Körper ist, genau wie der des Mannes, blutleer.

Plötzlich höre ich Schritte hinter mir und drehe mich um. Dort steht Hilley. Ich schaue sie erst fragend an, doch dann verstehe ich ihre Rolle in dem ganzen Geschehen hier. Ich weiche vor ihr zurück:"Du? Du hast sie getötet?"

Diese Frage erübrigt sich als mein Blick weiter zu ihren Händen wandert. Sie sind blutüberströmt. Das Blut glitzert frisch und tropft langsam hinunter auf die Steine und bildet dort zwei kleine Pfützen.

Ich erschaudere bei dem Gedanken daran, dass diese alte Frau gerade zwei Menschen umgebracht hat.

Sie bemerkt meine Blick zwar, geht aber nicht näher darauf ein, sondern sagt nur:"Ich weiß wie das jetzt alles auf dich wirken mag, aber du musst jetzt sofort mit mir mitkommen, Stella. Es ist hier zu gefährlich für dich." Ich schüttele den Kopf:"Wieso sollte ich das tun?" "Weil wir Freunde sind und ich nur das Beste für dich will." "Wie kann ich mir wirklich sicher sein, dass du mich nicht auch entführen willst?", frage ich misstrauisch, bewege mich aber nicht weiter von ihr weg.

Sie seufzt und legt ihre Hände an ihren Ansatz. Dann greift sie sich in die Haare und zieht sie sich plötzlich vom Kopf. Ich schnappe nach Luft. Unter den grau-braunen Haaren, die offensichtlich eine Perücke sind, kommen lange braune Haare zum Vorschein. Ich runzele die Stirn und betrachte die Frau von der ich immer gedacht hatte, dass ich sie gut kenne. Diese Vermutung ist aber scheinbar falsch.

Als nächstes setzt sie die Nickelbrille auf ihrer Nase ab und steckt sie in die Tasche ihres Mantels.

Dann legt die Finger an ihre Ohren und zieht sich plötzlich die Haut ab. Ich schreie leise auf und wende den Blick ab. Was tut sie denn jetzt?

Mein Blick fällt auf die Haut, die zu Boden fällt und dort liegen bleibt. Sofort erkenne ich erleichtert, dass es eine Maske ist.

Ich schaue wieder zu Hilley hinauf. Sie sieht nun gar nicht mehr wie die Hilley aus, die ich kenne.

Ihre Gesichtszüge sind jung und ihre Augen leuchten energetisch. Über ihre Schulter fallen ihre langen hellbraunen Haare in großen Locken. Ohne die Brille wirkt sie auch nicht mehr wie eine alte Dame, sondern eher wie eine junge Frau. Sie scheint etwa dreißig zu sein und wirkt in dieser dunklen Gasse total fehl am Platz.

Ich bin sprachlos. Wie konnte sie das nur so lange vor mir geheimhalten und noch wichtiger ist die Frage wieso sie mir überhaupt vorgegaukelt hat eine alte Frau zu sein. Was hat sie für einen Grund dazu? Das ist für mich total unfassbar.

"Das kannst du nicht. Ich weiß nicht wieso du mir vertrauen solltest", erklärt sie. Wenigstens ist sie ehrlich. Doch sie scheint noch nicht fertig zu sein und fährt fort:"Ich denke, dass du einfach auf den Herz hören musst. Es wird dir sagen, was du tun sollst."

Ich blicke sie verwundert an. Oh nein, ich soll auf mein Herz hören? Darin bin ich total schlecht. Lieber vertraue ich meinem Kopf. Er weiß, was zu tun ist. Mein Herz ist töricht und unterliegt den Gefühlen. Doch soll ich ihm in diesem Fall vertrauen? Was geschieht wenn ich mich dazu entscheide ihr zu vertrauen und was wenn nicht?

Hilley streckt ihre Hand erneut nach mir aus. Ich hadere kurz mit mir, doch dann strecke ich meine Hand ebenfalls aus und lege sie in ihre. Das Blut tropft nach wie vor hinab, doch das stört mich nach wie vor nicht. Diese Frau hat mir geholfen. Sie hat mich vor einer Entführung gerettet und vermutlich hat sie mir auch das Leben gerettet. Ich konnte ihr ja auch vorher schon vertrauen und sie hat mir auch schon so oft geholfen. Da muss ich ihr auch mal vertrauen und mir helfen lassen. Ich kann ja nicht für den Rest meines Lebens weg laufen.

Die junge Frau zieht mich vom Boden hoch und richtet meinen Mantel schnell. Dann zieht sie ein Taschentuch aus ihrer Manteltasche und wischt das Blut an ihren Händen davon ab.

Als sie damit fertig ist, steckt sie es in ihre Tasche zurück und hebt sowohl die Perücke, als auch die Maske vom Boden auf und umschließt mit ihrer freien Hand meine. Mit einem Blick bedeutet sie mir, dass ich ihr einfach folgen soll und ich tue, was sie von mir verlangt.

Ich folge ihr durch die Gasse hinaus auf einen Platz, in dessen Zentrum eine große Engelsstatue steht. An der Straße, die sich um die Statue herum schlängelt, bleiben wir stehen. Hilley blickt erst nach rechts und dann nach links. Wonach sie wohl Ausschau hält?

Diese Frage beantwortet sie mir in der nächsten Sekunde, als sie eine Kutsche mit einer Handbewegung zu uns heran winkt. Der Kutscher lenkt das Pferd zu uns und nickt Hilley zu. Sie lächelt ihn freundlich an und lässt dann meine Hand los, um ihm einen klappernden Beutel zu geben. Darin scheint sich als Geld zu befinden. Er nimmt ihn schnell und lässt ihn dann in seiner Tasche verschwinden.

Hilley wendet sich nun wieder mir zu:"Steig bitte schon mal ein und warte dort auf mich." Ich schaue misstrauisch von Hilley zum Kutscher und dann wieder zurück, doch dann komme ich ihrer Bitte nach und steige ein. Vielleicht hätte ich ihr ja doch nicht vertrauen sollen.

Durch die hölzernen Wände der Kutsche ist die Stimme des Kutschers zu hören:"Steht der Plan noch, Miss Jackson?" Miss Jackson? Das muss wohl Hilleys Nachname sein. Es gibt so Vieles, was ich von ihr nicht weiß.

"Ja Taylor. Bringen sie mich bitte zu dem Ort, den wir abgemacht hatten", flüstert Hilley. "In Ordnung, Miss Jackson. Steigen sie bitte ein", fordert er. Ich vernehme Hilleys Schritte auf den Asphalt und setze mich richtig hin.

Wenige Sekunden später öffnet sich die Holztür und die junge Frau steigt ein.

Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hat, setzt sie sich auf den Platz gegenüber von mir und blickt still zu Boden. Sie scheint auf Etwas zu warten. Doch worauf?

Die Kutsche fährt an und sie hebt den Kopf. In ihrem Blick ist die Erleichterung ganz klar zu erkennen. Ich sehe sie fragend an. Sie lächelt freundlich.

Ich breche das Schweigen:"Wohin fahren wir?" Sie holt tief Luft:"An einen Ort an dem du sicher vor solchen Seraphinen, wie denen in der Gasse bist." "Und wo genau ist dieser Ort?", frage ich beharrlich weiter. "Das wirst du noch früh genug erfahren", sagt sie geheimnisvoll und schaut wieder zu Boden. Mit dieser Geste macht sie mir deutlich, dass ich keine weiteren Fragen zu stellen brauche, da sie diese sowieso nicht beantworten wird.


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