Kapitel 7

Lange Nacht

Jesse


Er schaut ihn aus großen braunen Augen an. Sein Blick scheint so vieles sagen zu wollen und bleibt doch merkwürdig verschlossen. Er ist verletzt und gleichermaßen bekümmert, das kann Jesse sehen und da ist noch etwas anderes, etwas, was er nicht zu deuten vermag. Augenblicklich breitet sich ein unwohles Gefühl in seiner Magengegend aus, natürlich könnte er es leicht auf seine – noch immer omnipräsente – Trunkenheit schieben, doch das ist es nicht. Das wäre zu einfach. Es ist die Gewissheit, ihn verletzt zu haben und das macht Jesse zu schaffen, ohne den Jüngeren wirklich zu kennen. Vermutlich, weil er seine Worte auch dann nicht zurücknehmen würde. Was er gesagt hat, entspricht voll und ganz der Wahrheit. Jesse weiß es. Xander weiß es.

Nur eines stört ihn an seinen eigenen Worten und das ist die Tatsache, dass sie ihm im Grunde genommen nicht zustehen. Es geht ihn eigentlich überhaupt nichts an, ob und wie der andere sein Leben verpfuscht. Das ist Xanders Problem und nicht seines. Es sollte ihm egal sein. Er sollte ihm egal sein. Sein Interesse sollte bestenfalls dem Sachschaden gelten, den Xander und seine verfluchte kleine Freundin im alten Laden seines Onkels angerichtet haben. Aber das tut es nicht. Seit dieser verdammten Nacht denkt er ständig an ihn, ohne es zu wollen und im hintersten Winkel seines Verstandes weiß er, dass er darauf gehofft hat, ihn noch einmal zu sehen. Weil er geglaubt hat, es würde ihm helfen zu verstehen. Es hilft nicht im Geringsten. Noch einmal mustert er ihn von oben bis unten. Der Blick des Schwarzhaarigen ist mittlerweile starr und ausdruckslos.

Sein Blick gleitet erneut von den schwarzen, an der Seite aufgerissenen, alten Chucks über die nicht weniger verschlissene, von riesigen Sicherheitsnadeln zusammen gehaltenen Hose, zu dem viel zu großen, aber ebenso abgetragenen, schwarzen T-Shirt. Er muss erbärmlich frieren! Jesse weiß, dass unter diesem T-Shirt jede einzelne Rippe zu sehen ist. Er sieht es in seinem blassen, schmalen Gesicht, das vermutlich bald völlig ausgemergelt sein wird, wird sich in seinem Leben nichts ändern. Er sieht es an den schmalen Handgelenken, an denen jede Ader bläulich zu sehen ist und an den Einstichen in der rechten Armbeuge, die rot und blau durch die milchige Haut schimmern und unangenehm aussehen. Er sieht das alles und kann doch nicht verstehen. Vermutlich war er so alt wie Xander, als er seinen Abschluss gemacht hat. Heute, gut sieben Jahre später, studiert er Medizin. In sieben Jahren ist der Junge vor ihm wahrscheinlich einer der vielen namenlosen Toten dieser Stadt. Einer von vielen, die New York zu Grunde gerichtet hat. Er will es nicht glauben, aber es wird keinen interessieren und das lässt Jesse ihn seit Wochen nicht vergessen. Er hat noch keine Kinder. Er ist nicht sein Kind, aber er ist irgendjemandes Kind und er kann nicht fassen, dass es niemanden interessiert, was Xander Nacht für Nacht, Tag für Tag, Stunde für Stunde treibt. Seinen Eltern kann man sicher viel nachsagen, daran hegt er nicht den geringsten Zweifel, wenn er sie allerdings gebraucht hat, waren sie immer für ihn da. Sie würden ihn niemals im Stich lassen. Nicht zulassen, dass er seinen Körper als Kapital betrachte und ihn gewiss nicht auf der Straße verrecken lassen. Anders kann er es gar nicht formulieren, denn so ist es. Das wird früher oder später passieren. Bittere Realität.

Nichtsdestotrotz kann Jesse auch ihn nicht verstehen. Es gibt doch immer eine Lösung, oder nicht? Eine bessere als das Leben auf der Straße. Es muss eine bessere geben! Dieser Gedanke schießt wie ein Hunderttausendvolt-Blitz durch ihn hindurch.

Im selben Augenblick greift er in seine Manteltasche, tastet unsicher, fast fahrig mit den Fingern, bis er den altersschwachen Kugelschreiber zu fassen bekommt. Er spürt einen unruhig flackernder Blick auf sich liegen. Xander ist auf dem Sprung, er spürt es ganz deutlich. Der Junge wippt kaum merklich auf den Zehenspitzen hin und her. Vielleicht harrt der Dunkelhaarige noch einen Moment aus, scheint seine Gedanken zu sortieren, doch es mag sich nur noch um Sekunden handeln, bis er sich aus dem Staub macht. Jesse wühlt in der anderen Manteltasche nach einem Stück Papier, atmet beinahe erleichtert aus, als er es findet uns sieht Xander nervös zusammenzucken, als dieser das Rascheln des Papiers vernimmt. Jesse lässt sich davon nicht verschrecken. Der Kugelschreiber kratzt über das Papier, als er versucht in sauberen Ziffern – was ihm eindeutig nicht gelingt – seine Handynummer darauf zu bringen. Er hatte noch nie eine besonders ansehnliche Schrift, aber lesbar war es bisher immer. Jetzt hat er zum ersten Mal Angst, das könnte nicht der Fall sein. Seine Hände schmerzen von der kalten Nachtluft, seine Handinnenfläche dient nicht gerade besonders gut als Schreibpult und er ist in Eile. Aber es muss reichen. Dann geht er einen Schritt vor und greift nach dem Handgelenk seines Gegenübers. Der deutlich Kleinere zuckt zurück, doch Jesse zögert nicht. Er drückt ihm einfach das beschriebene Stück Papier in die Hand und lässt ihn dann wieder los.

„Falls du Hilfe brauchst“, sagt er.
Doch dann schüttelt er den Kopf, korrigiert sich.
„Falls du Hilfe willst.“

Xander sieht ihn aus seinen braunen Augen noch einen Moment lang undefinierbar an. Jesse vermag nicht zu sagen, was er denkt. Dann dreht er sich um und verschwindet im Dunkeln der Nacht. Der Fünfundzwanzigjährige unternimmt nicht einmal den Versuch, ihn zurückzuhalten. Er hat nichts anderes erwartet. Aber immerhin, er hätte das kleine Stück Papier auch sofort wegschmeißen können. Gut, er hat es sich auch nicht angesehen. Es aber auch nicht weggeworfen. Jesse verbucht das erst einmal als Erfolg. Obwohl er sich im Grunde genommen noch immer nicht für Xander interessieren sollte, aber wem macht er etwas vor? Das hat er sich, seit ihrer ersten Begegnung im Supermarkt.

Unkontrolliert fährt er sich mit der Hand durchs rot()blonde Haar. Mit einem Mal ist er schrecklich müde und erschöpft. Plötzlich will er nur noch ins Bett. Er hat gerade einmal eine vage Ahnung(,) wo er lang muss, um zum nächsten U-Bahn-Schacht zu gelangen. Na ganz prima. Xander ist nicht in die Richtung gelaufen, aus der sie gekommen sind, soviel steht fest. Also dreht Jesse sich um und marschiert in die entgegengesetzte Richtung. Er hat nicht wirklich auf die Strecke geachtet, die sie gemeinsam zurückgelegt haben, das muss er zugeben und ihm ist auch nicht bewusst gewesen, dass sie soweit gelaufen sind. Ziemlich bald verliert der junge Mann die Orientierung. So ein Mist. Sind sie hier nicht vorhin links abgebogen? Oder war das doch rechts? Ach verdammt. Jesse fischt sein Handy aus der Tasche und entsperrt den Bildschirm. Es ist 3:20 Uhr. Scheiße. Sein Akku ist fast tot. Er sieht sich um, bis er einen Straßennamen entdeckt, dann wählt er die einzige Nummer, die für ihn jetzt Sinn macht. Es klingelt einmal, zweimal, dreimal. Dann dringt eine verschlafene Stimme aus dem Apparat.

„Qu'est-ce que l’enfer?* Wer ist da?“
„Tut mir Leid, Joe. Ich wollte dich nicht wecken, aber das hier ist ein Notfall.“
„Jesse, bist du das?“ Kurze Pause. Wahrscheinlich dreht sich Jo nach seinem Wecker auf dem Nachtschrank um, um herauszufinden, wie spät es ist.

„Gott, verdammt. Es ist 3:22 Uhr. Alter, was ist los? Wo steckst du überhaupt?“
„Wenn ich das wüsste, würde es sich nicht um einen Notfall handeln.“
„Heißt das, du hast keinen Plan, wo du bist?"
„Doch, schon. Hör zu. Kannst du vielleicht deinen Computer anschalten und den Stadtplan für mich heraussuchen, ich sag, dir dann, wo ich mich befinde. Eigentlich muss ich auch nur wissen, wo sich die nächste U-Bahn-Station befindet.“

„Klar. Einen Moment.“

Es raschelt. Jorell ist wohl aufgestanden.

So ganz alleine in einer merkwürdigen kleinen Seitengasse, fühlt er sich doch ziemlich unwohl. Zumindest ist New York eine dieser Städte, die nie schlafen. Wenn die Lichter der Straßenlaternen jetzt ausgingen, würde er sich echt verdammt unwohl fühlen. Und das als Kerl. Er denkt kurz an Cassie. Hoffentlich ist sie mit ihrer Freundin nicht mehr draußen unterwegs.

Dann vernimmt er wieder Joes Stimme.
„Okay, bin soweit. Schieß los copain** “

„Ich bin jetzt in ‘ner Seitenstraße, Ecke 9th Avenue und Brooms-Street“
„Wow, Mann wo bist du denn gelandet? Junge das ist in der Nähe vom …“
„Ich weiß“, schneidet Jesse ihm das Wort ab.
„Sag mir lieber, wie ich hier weg komme.“

„Hmmm, weißt du was? Das ist gar nicht so weit von meinem Wohnhaus weg. Wenn du magst, kannst du auch hierher kommen. Ich bring dich dann morgen früh mit den Wagen nach Hause, okay?“

Unter normalen Umständen würde Jesse ihn nochmals nach dem nächstbesten Weg zur U-Bahn fragen, aber er ist tot müde und fühlt sich wie erschlagen. Er ist zwar kein besonders großer Fan von Jorells Wohnheim – obwohl es bei weitem die Kosten günstigere Variante ist – und zieht seine eigenen vier Wände vor, doch gerade ist ihm jedes Mittel recht, um so schnell wie möglich ins Bett zu kommen. Also meint er nur:
„Ist gut. Danke, Mann. Sag mir einfach, wo ich lang muss.“

Und das tut Jorell. Kaum eine halbe Stunde später steht er vor dem großen, grauen Block von einem Wohnheim und Joe öffnet ihm die Tür, zieht ihn einen Ellen langen Flur entlang, um ihn dann durch eine schmale Holztür in sein, noch viel schmaleres, Zimmer zu schieben. Seine Augen brauchen einen Moment, um sich an die Dunkelheit in dem kleinen Raum zu gewöhnen, doch dann kann er sich ganz gut zu Recht finden. Es steht nicht besonders viel darin. Nur zwei Betten, sowie zwei Nachtschränke, ebenso zwei Schreibtische und zu guter Letzt ein mittel großer Kleiderschrank. Dann ist da noch eine angrenzende Tür, die, wie Jesse bereits weiß, ins Badezimmer führt. Im nächsten Moment ist das Licht im Raum angeschaltet. Beim Anblick des zweiten Bettes wird Jesse schlagartig klar, dass Jorell ja einen Mitbewohner hat.

„Sag mal, wo ist denn dein stets gut gelaunter Mitbewohner?“
„Der Typ hat, Gott sei Dank, vor drei Wochen geschmissen. War ja nicht auszuhalten der Kerl. Sonst hätte ich dir auch sicher nicht angeboten hier zu schlafen. Ich mein, du weißt ja, wie der drauf war.“
„Ja“, antwortet Jesse nur und kommt sich dabei irgendwie reichlich blöd vor.

Aber Joe scheint das kein bisschen zu stören. Stattdessen geht er wortlos auf seinen Kleiderschrank zu und scheint nach etwas Bestimmten zu suchen. Gleich darauf hat er es gefunden. Er zieht ein schlichtes T-Shirt sowie eine Jogginghose aus seinem Schrank und wirft sie Jesse zu.

„Hier, müsste dir passen. Im Badezimmer, im linken Schrank, oberste Schublade findest du ’ne Zahnbürste sowie Zahnpasta.“
„Danke“, murmelt er verlegen. Doch Jorell winkt ab:
„Dafür nicht“

Vielleicht eine Viertelstunde später liegt Jesse im nun nicht mehr freien Bett von Joes ehemaligen Mitbewohner und Jorell in seinem eigenen. Das Licht ist wieder aus, doch das Fenster hat weder Jalousien noch Gardinen und so dringt fahles Mondlicht in den Raum und taucht diesen in ein bläuliches Licht. Jesse kann einfach nicht schlafen. Starrt einfach nur an die Decke. Er weiß nicht, woran es liegt. Jorell hat keine nervigen Fragen gestellt. Ihn einfach in Ruhe gelassen und eigentlich wollte er schon längst eingeschlafen sein, doch irgendwie will das einfach nicht funktionieren. Stattdessen wälzt er sich hin und her. Von links nach rechts und wieder zurück. Dabei kommt er sich vor wie ein Idiot. Das macht er sonst nie, aber irgendetwas hält ihn wach.

„Willst du reden?“, durchbricht Jorells Stimme plötzlich die Stille.
„Nein, Quatsch, schlaf ruhig.“
„Jess, es ist jetzt 4:30 Uhr. Ob du mich jetzt ’ne Stunde länger oder weniger wach hältst, macht auch keinen Unterschied mehr. Und vielleicht magst du uns beiden den Gefallen tun und darüber sprechen, was dich so beschäftigt, statt dich wie ein Irrer von einer Seite zur anderen zu werfen. Vielleicht bekommen wir beide dann heute noch ein bisschen Schlaf.“
„Ich…, es ist nichts. Außerdem will ich dich nicht länger wach halten. Sorry.“
„Ach, Jesse, wem machst du was vor? Wir Franzosen sagen, wenn dich etwas beschäftigt, muss du damit auch andere beschäftigen und jetzt leg los.“

Jesse muss unwillkürlich seufzen. Aber er weiß auch, dass Jorell Recht hat und vielleicht hilft es ihm ja wirklich, wenn er mit jemanden über Xander redet. Normalerweise redet er mit Cassie über alles, aber irgendwie hat er das Gefühl, das dieses Mal nicht zu können. Und Joe scheint ihm dafür absolut die richtige Person. Sie kommen überhaupt ziemlich gut miteinander aus. Jorell ist seit seiner Zeit an der Fairfields High School sein erster, richtiger Freund und vielleicht auch sein einzig richtiger in New York. Er hat sich auf Anhieb gut mit dem Franzosen verstanden, der hier in Amerika seine Auslandssemester absolviert   - und seit dem Jesse im Sommer an die School of Medicine gewechselt hat, leider nicht mehr die gleiche Uni besucht - und die Gewissheit, dass Joe bald zurück in sein Heimatland gehen wird, um dort sein Politikstudium zu beenden, deprimiert ihn beinahe augenblicklich. Doch den Gedanken schiebt er beiseite, als er zu erzählen beginnt:

„Glaubst du an Schicksal?“
„Sort?*** So wie, sich auf den ersten Blick verlieben?“
„Ja. Nein. Quatsch. Nicht wie verlieben. Ich bin nicht verliebt.“
„Was?“
„Also, klar. In Cassie bin ich verliebt. Wir sind ja auch verlobt. Aber ich meine nicht, wie verlieben.“
„Was? Halt. Stopp. Du bist verlobt?“
„Was? Ja. Ehm, streng genommen seit heute … eh gestern Nachmittag. Aber darum geht’s ja gar nicht.“
„Arrêt!**** Doch genau darum geht’s jetzt. Du hast dich verlobt? Du hast mir nicht mal erzählt, dass du planst dich zu verloben! Ich meine, klar, sie ist dein couir*****  und du schwärmst immer so von ihr, aber wieso hast du denn nichts erzählt?“
„Ich weiß nicht …“ setzt Jesse an und unterbricht sich selbst, geschockt, als er feststellt, dass er sagen wollte: „Vielleicht, weil ich mir nicht sicher war.“

Dann setzt er wieder an.
„Darum geht’s aber eigentlich nicht. Ich meine, dass ist nicht wirklich, worauf ich hinaus wollte. Nicht, was mich wach hält. Aber du hast Recht. Ich hätte es dir erzählen sollen.“
„Oh, okay. Gut. Was ist es denn dann? Du hast von Schicksal gesprochen, richtig? Was meintest du damit?“
„Ich weiß nicht genau, wie ich das beschreiben soll. Einfach, wenn du jemanden triffst, von dem du weißt, dass er anders ist. Besonders. Ohne, dass du ihn überhaupt kennst.“
„Wow, Jesse King fehlen die Worte. Dieser Jemand muss wirklich besonders sein“, scherzt Jorell.

Jesse bleibt stumm. Er fürchtet Jorell hat Recht. Ins Schwarze getroffen.
„Alles klar, copain?“
„Ja, alles klar.“
„Sicher? Ich wollte dir nicht zu nahe treten. Wenn das unangebracht war, dann…“
„Nein, quatsch. War es nicht. Es ist nur, du könntest Recht haben.“
„Oh, Verzeihung. Nein, im Ernst, ist das was Schlechtes? Um wen geht’s denn? Jemanden aus der Uni? Kenne ich sie oder ihn?“
Jesse lacht auf. Xander an der Uni oder auf der Med. School? Auf keinen Fall. Obwohl? Er kennt ihn ja überhaupt nicht richtig. Vielleicht würde er ja ganz gut an die Uni passen, wenn er nicht so dermaßen im Dreck stecken würde.
„Ehm? Jess?“
„Sorry. Nein, er geht nicht auf unsere Uni. Ich wage zu behaupten, dass Xander noch nie eine Uni von Innen gesehen hat.“

„Oh, okay. Xander. Ungewöhnlicher Name. Ist ’ne Kurzform, oder? Wo habt ihr euch kennen gelernt?“

Einen Moment lang ist Jesse versucht zu antworten ‚Bei einem Einbruch’. Aber das erscheint ihm dann doch eher taktisch unklug. Er will nicht, dass Jorell ein falsches Bild von Xander bekommt. Obwohl das eigentlich völliger Schwachsinn ist, wie er weiß. Xander gibt nun mal ein ziemlich hässliches Bild ab. Trotzdem. Irgendetwas hält ihn davon ab.

„Wir sind uns auf der Straße begegnet.“
„ Aha. Jesse bitte, es ist echt spät, oder früh. Je nachdem wie man’s nimmt. Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Ich geb’ auch keine blöden Kommentare ab, versprochen.“
„Er hat ein Heroinproblem.“
„Wow. Autsch. Du musst ja nicht gleich so einen raushauen. Was familienfreundlicheres, hätte es auch getan“, witzelt Joe.

Als Jesse darauf nichts antwortet, wird dem Franzosen wohl klar, dass er keinen Scherz gemacht hat. Jesse beißt sich auf die Lippen. Eine Sekunde spielt er mit dem Gedanken seinem Freund mitzuteilen, dass er nur einen dummen Scherz gemacht hat, doch augenblicklich sieht er davon ab. Nein, wenn er das jemandem erzählen kann, dann Jorell.

„Oh, fuck. Du meinst es Ernst. Ich meine, okay, ich glaube jetzt verstehe ich, was du mit besonders meintest. Aber irgendwie verstehe ich doch nicht ganz. Wieso beschäftigt der Typ dich so? Warte, wie lange kennt ihr euch überhaupt schon?“
„Ich weiß es nicht, Joe, das ist es ja. Streng genommen kennen wir uns überhaupt nicht richtig. Wir sind uns einfach nur zweimal begegnet. Und das war einfach nur Zufall. Eigentlich weiß ich gar nichts über ihn. Verdammt. Ich kenne nur seinen Namen und da kann er mir theoretisch auch das Blaue vom Himmel erzählt haben. Ich meine, wäre ja nicht das erste Mal. Er wollte mir ja auch unbedingt weiß machen, er sei schon achtzehn. Ernsthaft, jeder Blinde sieht, dass er das nicht ist. Vermutlich hat er nur Panik, dass sie ihn zurück nach Hause oder in ein Heim schicken. Ich kapier’s nicht, okay? Wie scheiße muss dein Leben sein, wenn du’s lieber mit Drogen auf der Straße zubringst, als in einem wohlbehüteten Zuhause? Und dass er ein Drogenproblem hat ist echt offensichtlich, weißt du?“, echauffiert Jesse sich.

„Mann. Scheiße. Ich weiß nicht) was ich sagen soll. Straße? Heißt das, er ist obdachlos? Keine achtzehn? Ist er dann nicht ’n Fall für die Fürsorge. Alter, du schaffst mich.“

Einen Moment lang ist es still zwischen den beiden. Plötzlich ist Jesse sich nicht mehr so sicher, ob er das alles wirklich hätte erzählen sollen, doch dann sagt Jorell:

„Danke, dass du mir das anvertraust. Und ich glaube, ich kann’s irgendwie verstehen. Wahrscheinlich fühlst du dich einfach verantwortlich. Ich meine, du studierst ja auch Medizin und er scheint ja auch noch, na ja, relativ jung, um sein ganzes Leben zu verpfuschen. Aber Jesse? Eines. Ich glaube nicht, dass irgendjemand, der in einem wohlbehüteten Zuhause aufgewachsen ist, ein Leben auf der Straße vorziehen würde.“

„Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Danke, dass du zugehört hast.“
„Dafür sind Freunde doch da. Und jetzt lass uns versuchen noch ein bisschen zu schlafen. Vielleicht schaffen wir’s ja.“
Damit ist das Gespräch fürs Erste beendet und Jesse ist irgendwie ungemein erleichtert. Jetzt fühlt er sich eindeutig besser. Auch wenn er Jorell nicht gleich anvertraut hat, dass er Xander seine Telefonnummer in die Hand gedrückt und ihm seine Hilfe angeboten hat. Das spielt gerade keine Rolle. Er fühlt sich jetzt deutlich besser. Mit diesem Gedanken schläft er einen Augenblick später auch schon ein.

Durch einen frustrierten Schwall von Flüchen erwacht er, seines Erachtens nach, viel zu früh wieder. Jorell ist in heller Aufregung. Einen Moment und einen Blick auf die Uhr an der Wand später, ist Jesse auch klar, weshalb. Es ist kurz nach 11 Uhr. Oh verdammt. Seine Kurse konnte er heute vergessen. Und Joe musste sich jetzt verdammt noch mal echt beeilen, wenn er nicht wollte, dass es ihm genauso erging. Das brachte ihn auch dazu so haltlos – sowohl in Englisch als auch in Französisch, was, offen gestanden, echt witzig klang – zu fluchen.

Eine halbe Stunde später – nach einem kurzen Halt beim Bäcker – steht Jesse vor dem Hochhaus in dem sich seine Wohnung befindet und Joe hoffentlich in seinem Politikwissenschaftskurs.

Er spielt mit dem Gedanken den Aufzug in den dritten Stock zu nehmen, doch das kommt ihn dann doch irgendwie ziemlich blöd vor. Obwohl er echt einen Mordskater hat. Oder vielleicht gerade deshalb, weil er befürchtet gleich in den Aufzug zu kotzen. Der Kaffee – den er sonst nie trink- beim Bäcker ist ihm jedenfalls nicht sonderlich gut bekommen und sein Schädel brummt grausam. Er ist geistig noch nicht wirklich wieder auf der Höhe. Auf dem letzten Treppenabsatz, kurz vor der Wohnungstür, macht er Halt. Er ahnt Übles. Wenn Cassie zuhause sein sollte, und er weiß eigentlich ziemlich genau, dass sie zuhause ist, dann wird das gleich eine Wahnsinnsszene geben.

Und so ist es auch. Kaum, dass die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, steht sie schon im Flur. Die Hände in die Hüfte gestemmt und die Stirn in Falten gelegt.  Er ist gerade seine Jacke losgeworden, da fängt sie an:

„Sag mal, geht’s noch? Wo zur Hölle hast du verflucht noch mal gesteckt? Weißt du überhaupt, wie spät es ist und warum gehst du verdammter Bastard eigentlich nicht an dein verficktes Handy? Ich habe bestimmt dreißigmal versucht, dich anzurufen. Wo hast du überhaupt die ganze Nacht gesteckt? Ich war heute Morgen um drei zuhause. Du Mistkerl wolltest doch zur Uni. Deshalb hast du mich nicht begleitet und dann komme ich nach Hause und wer ist nicht da? Der werte Herr hier. Und wo warst du wirklich? Bei einer Freundin? Habt ihr bei eurem Schäferstündchen die Zeit vergessen? Ist es das, was dieser Ring zu bedeuten hat?“, schnauzt sie Wut entbrannt, so dass es sicher auch noch die Nachbarn gehört haben und Jesse bleibt der Mund offen stehen. Darauf weiß er nichts zu erwidern. Wie in Trance hebt er den Verlobungsring auf, den sie ihm, in Rage, direkt vor die Füße geworfen hat.

Bitte, was? Er hat mit vielem gerechnet und er hat auch gewusst, dass sie ihn anschnauzen würde und er hätte das sogar sicher irgendwie nachvollziehen können, aber, dass sie ihm einen solchen Vorwurf macht, ist wie ein Schlag mitten ins Gesicht. Was denkt sie denn von ihm? Selbst wenn sie wütend ist, das kann doch nicht ihr Ernst sein. Sie sind seit neun Jahren zusammen, jetzt sogar verlobt und er hat sie nie betrogen, geschweige denn, jemals auch nur einen Gedanken daran verschwendet und das weiß sie genau.

Er ist absolut sprachlos und schaut mit Schreck geweiteten Augen auf den kleinen, silbernen Ring in seiner Hand, den er unablässig zwischen Daumen und Zeigefinger dreht. Eigentlich will er zurück schreien, ihr sagen, dass sie nicht mehr richtig tickt, doch er kann sie nur völlig entsetzt anstarren. Plötzlich wird auch Cassies Gesichtsausdruck weicher. Ja, ihre Unterlippe beginnt sogar gefährlich zu beben und sie scheint jetzt erst zu realisieren, was sie ihm da eigentlich an den Kopf geworfen hat.

„Jesse …“, haucht sie nur.
Und dann laufen auch schon die ersten, dicken Tränen über ihr hübsches Gesicht und sie fängt an zu weinen. Jesses Schockstarre ist verschwunden und die aufkeimende Wut wie weggeblasen.

„Ich- ich …“, setzt sie immer wieder schluchzend an und kommt doch nicht weiter.
„Oh Gott, es – es tut mir so Leid.“
Da hat Jesse sie schon in die Arme geschlossen.
„Ich-, ich hab mir nur so Sorgen gemacht …“, ihre Stimme bricht erneut weg.
„Sch, sch … Ist ja gut. Alles ist gut“, murmelt Jesse beruhigend. Er könnte Cassie niemals böse sein und jetzt ist er selbst entsetzt, dass er noch bei Jorell an seiner Entscheidung gezweifelt hat.

„Nein, nein, nichts ist gut.“
„Hey, doch. Es ist okay. Wir tun einfach so, als wäre das nie passiert.“
Sie schluchzt aber nickt. „Okay.“
„Weißt du, was wir jetzt machen?“
Sie schüttelt den Kopf, wischt sich aber die Tränen ab und Jesse entlässt sie aus seiner Umarmung.

„Wir fahren jetzt nach Fairfield, besuchen deine und dann meine Eltern und erzählen ihnen von unserer Verlobung, okay? Morgen habe ich sowieso keine Kurse und wir können dort bleiben oder auch wieder nach Hause fahren, ganz wie du willst.“
Mit diesen Worten greift er nach ihrer Hand und steckt ihr den Verlobungsring erneut an den Finger.

Cassie hat zu ihrer Schulzeit immer zu den beliebten Schülern gezählt. Sie war sowohl Vorsitzende des Schülervorstandes als auch des Zölibatclubs. Außerdem war sie die zweite Cheerleaderin, nach ihrer ehemals besten Freundin – es gab einen unschönen Vorfall auf dem Falldance – Savannah und obwohl Cassie den amerikanischen Traum vieler junger Mädchen gelebt hat, zweifelte sie doch immer an sich. An sich und an ihren Mitmenschen und deshalb braucht sie auch unglaublich viel Sicherheit. Die hat Jesse ihr nicht gegeben. Deshalb hat sie so reagiert. Andere würden es Misstrauen nennen. Mit den Besuch bei ihren Eltern, wird er diese ein für alle Mal beseitigen.

Deshalb sitzen die beiden eine gute Stunde später wieder einmal in Jesses grünen Smart, mit gepackten Taschen im, zugegeben jetzt völlig ausgefüllten, Kofferraum.
Bereits nach gut zwanzig Minuten fahren sie durch den Hollandtunnel, überqueren somit den Hudson River und die Staatsgrenze von New Jersey. Eine weitere halbe Stunde später, nach insgesamt gut 25 Meilen überqueren sie das City-Limit von Fairfield Township.

Cassies Mutter ist begeistert und kommt den beiden schon entgegen, als sie die Auffahrt zu Cassies Elternhaus hinauffahren.

„Ich hab’ ihr ’ne SMS geschrieben, das wir kommen, allerdings noch nicht gesagt, weshalb“, erklärt Cassie.
„Ach, und ich dachte schon, sie sei ausnahmsweise mal gastfreundlich“, scherzt Jesse und bekommt dafür einen leichten Klaps gegen die Schulter.

Kaum sind sie ausgestiegen, werden sie schon in eine Umarmung gezogen. Miranda ist wirklich mehr als nur begeistert, sie zu sehen und will natürlich wissen, was die beiden herführt. Doch noch halten sie sich bedeckt. Jesse kann ihr die Begeisterung auch kaum verübeln. Obgleich die Fahrt nach Fairfield nicht einmal eine Stunde dauert, haben sie sich das letzte Mal Weihnachten hier blicken lassen. Sie gehen gemeinsam ins Haus und Cassies Mum erklärt, dass ihr Gatte – Cassies Vater Kurt – noch auf der Arbeit sei. Er würde mal wieder zu viel arbeiten. Wie immer.

Sie trinken Kaffee, essen Kuchen und dann zeigt Cassie ihrer Mutter mitten im Gespräch den Verlobungsring. Vor Freude springt Miranda auf und schmeißt sowohl ihren Stuhl als auch die Kaffeetasse zu Boden.

„Oh mein Gott“, ruft sie aus und beteuert, wie sehr sie sich für die beiden freut und das sie ja schon immer gewusst habe, dass sie zusammen gehören.

„Jesse, mein Schatz. Wart ihr denn schon bei deinen Eltern? Catherine und Lawrence werden sich ja so freuen!“

Dann bewundert sie noch ein wenig den Verlobungsring und einen Moment später kommt Kurt nach Hause. Als er hört, dass Cassie und Jesse verlobt sind, zieht er erst Jesse in eine feste Umarmung, dann seine Tochter. Ihm treten Tränen in die Augen.
„Meine kleine Prinzessin wird erwachsen. Weiß du noch, Cassandra, als du vier warst und wir das erste Mal einen Zoo besucht haben …-“

Drei Stunden und gefühlte 500 Anekdoten später, verabschieden die beiden sich von Cassies Eltern da sie ja auch Jesses Eltern einen Besuch abstatten wollen. Es ist kurz vor sechs, als sie dort ankommen.

Im Kennedy Drive Nr.22 brennen fast alle Lichter. Jesse weiß nur zu genau, was dort vor sich geht. Hinter dem linken Fenster, im Untergeschoss wird seine Mutter gerade das Abendessen vorbereiten. Sein Vater sitzt hinter dem Fenster, im rechten Flügel des Hauses, dort befindet sich sein Büro. Seine Augen sind auf seinen Computer gerichtet und er wird erst beim dritten Mal merken, dass seine Frau ihm zum Essen ruft. Hinter dem hell erleuchteten, kleinen Fenster im Obergeschoss, das mit den rosa Gardinen, sitzt Lilly vor ihrem Puppenhaus, ins Spiel versunken und taub für ihre Umwelt. Das im Dunkel liegende Fenster daneben, gehört zu seinem ehemaligen Zimmer.

Jesse muss unweigerlich lächeln, er war viel zu lange schon nicht mehr hier.
„Wollen wir?“, lächelt auch Cassie.
Jesse nickt ihr zu und sie steigen aus.

Als sie klingeln, dauert es einen Moment bis Catherine ihnen die Tür öffnet. Als sie die beiden erblickt, fangen ihre grünen Augen – Jesse hat seine Augenfarbe von ihr geerbt – zu strahlen.

„Jesse, mein Schatz. Wie schön dich zu sehen.“
Dann sieht sie zu Cassie.
„Hallo meine Liebe, kommt doch rein.“

Sie reagiert ein wenig zurückhaltender als Cassies Mutter, doch das liegt einfach in ihrer Natur. Sie freut sich mindestens genauso sehr, die beiden zu sehen. Dann ruft sie nach Jesses Vater. Lawrence kommt – wie nicht anders zu erwarten – erst nach mehrmaligen Rufen, aber auch er freut sich sichtlich. Jesse lächelt ihn an, sein Vater lächelt zurück.

„Mein Sohn.“
Dann wandert sein Blick zu Cassie, er lächelt noch immer, doch es wirkt verhalten.
„Cassandra.“

Cassie lächelt schüchtern zurück. Sie versteht sich nicht besonders gut mit seinem Vater. Niemand – er glaubt, auch die beiden selbst nicht – kann wirklich einen Finger darauf legen, woran das liegen mag. Sie akzeptieren einander, aber wirklich mögen, tun sie sich nicht. Das macht es nicht unbedingt einfacher. Er hat es nie ausgesprochen, aber Jesse glaubt, es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie sich nach ihrem ersten großen Streit getrennt hätten. Und sie standen damals auch wirklich kurz davor. Sie hatten inmitten ihres Senior Jahres eine neue Mitschülerin aus Dallas bekommen. Coraline und er verstanden sich auf Anhieb, denn sie wollte ebenfalls nach der High School Medizin studieren. Sie hatten einfach viele Gemeinsamkeiten, aber irgendeines der Mädchen aus Cassies Zölibat Club fasste das ganze gleich anders auf und setzte Cassie den Floh ins Ohr, sie hätten etwas miteinander. Als sie ihn mit diesen völlig absurden Vorwurf konfrontierte, verlor er vor lauter Unmut selbst die Beherrschung und konfrontierte sie wiederum mit dem Gerücht, sie schliefe mit Savanahs Freund Brad, dem Quarterback und Teamkapitän der Fairfield Titans – die dieses Gerücht übrigens auch gehört hatte, weshalb es zu dem unschönen Vorfall auf dem Falldance gekommen war. Im Grunde genommen, war es also ein ganz ähnlicher Streit wie der, den sie noch heute Morgen geführt haben. Nur mit dem gravierenden Unterschied, dass sie daraufhin fast eine Woche lang den jeweils anderen mieden. Im Nachhinein kommt ihm das wirklich albern vor und er fragt sich, wie Cassies Bekannte wohl reagiert hätte, wenn sie erfahren hätte, dass Cassie es mit dem Zölibat nicht so ernst nahm, wie sie es allen damals und ihrem Vater heute noch, weiß machte. Sie ist in einem streng katholischen Haus aufgewachsen und es kam für Kurt gar nichts anderes in Frage, als das seine Tochter Vorsitzende des Zölibat Clubs war. Sie hatten bereits zu Beginn ihres Senior Jahres miteinander geschlafen. Es war ihr erstes Mal gewesen, aber er glaubt nicht, dass einer von ihnen beiden diese Entscheidung jemals bereute. Außerdem waren sie zu diesem Zeitpunkt bereits zweieinhalb Jahre zusammen gewesen. Sie lernten sich in ihrem Freshmen Jahr kennen und kamen bald darauf zusammen. Cassie war also seine erste Freundin und er ihr erster Freund und es hat seither niemand anderen in ihrem Leben gegeben und er hat nie das Gefühl gehabt, etwas verpasst zu haben. Also war es ja auch nur der nächste, logische Schritt zu heiraten. Das wird sein Vater schon verstehen. Er wird es so oder so verstehen müssen.

Aber bevor er oder Cassie diesen Punkt hätten ansprechen können, bittet seine Mutter sie zu Tisch und entschuldigt sich auch gleich dafür, für die beiden nicht mitgekocht zu haben. Aber sie habe ja nicht wissen können, dass sie einfach so vorbeikommen würden. Bei diesen Worten wirft Catherine King ihrem Sohn einen tadelnden Blick zu. Jesse zuckt nur entschuldigend mit den Schultern, was soll er dazu schon sagen? Im nächsten Moment kommt Lilly die Treppe herunter in die Küche gestürmt und fällt ihrem großen Bruder um den Hals. Jesse drückt die zierliche Gestalt fest an sich und streicht ihr durch die rötlichen Locken. Dann begrüßt das kleine Mädchen Cassie ebenso stürmisch und will sofort wissen, was die beiden herführt. Doch seine Mutter unterbindet dieses Gespräch fürs Erste und bittet Lilly Platz zu nehmen, damit sie essen können. Die Achtjährige gehorcht sofort, aber Jesse hat auch nichts anderes erwartet. Seine Eltern erziehen streng, aber liebevoll.

Nach dem Abendessen – seine Mum, Cassie und Lilly haben abgedeckt und gespült, männliche Unterstützung wurde nicht geduldet – sitzt die Familie gemütlich in der Stube beisammen und unterhält sich so über dies und das. Darüber, dass Cassie im Frühjahr beginnen wird, an der High School zu unterrichten und Jesse nach acht Jahren Studium im Sommer 2009 seinen Doctor of Medicine haben wird. Es scheint ihm jetzt die richtige Gelegenheit, es seinen Eltern mitzuteilen und so sagt er gerade heraus:

„Mum, Dad. Cassie und ich haben uns verlobt.“ Dabei nimmt er die Hand seiner Verlobten, die ihm beruhigend über den Handrücken streicht. Seine Eltern reagieren weniger haltlos als Cassies. Aber sie scheinen sich doch beide zu freuen. Seine Mum gratuliert ihnen und sein Dad nimmt Cassandra sogar in den Arm. Nur eine Person scheint sich nicht so recht zu freuen. Lilly springt ohne ein Wort zu sagen auf und läuft die Treppe hoch. Im oberen Stockwerk kann man eine Tür zuknallen hören.
Catherine und Lawrence sehen sich einen Moment lang irritiert an, dann räuspert Cassie sich: „Soll ich einmal nach ihr sehen?“
„Nein, ist gut. Ich mach das“, wirft Jesse sofort ein, schenkt seiner Freundin ein Lächeln und geht dann nach oben.

Dort klopft er an der Zimmertür seiner siebzehn Jahre jüngeren Schwester.

„Nein!“, kommt es sofort schluchzend zurück und bricht Jesse das Herz.

Jesse öffnet die Tür zum Kinderzimmer dennoch. Es ist so dunkel, dass er zunächst gar nichts erkennt, und doch schaltet er das Licht nicht ein. Aber er bleibt an der Tür stehen.

„Ich hab’ ‚Nein‘ gesagt“, kommt es noch weinerlicher als zuvor von der hohen Kinderstimme. Jesse schließt die Tür hinter sich und geht auf seine kleine Schwester zu, die er auf ihrem Bett, unter ihrer Decke verkrochen, ausgemacht hat.

„Lil’, Prinzessin was ist los?“, fragt er.

„Jesse?“, kommt es zögernd zurück und ein rötlicher Haarschopf und große grüne Augen kommen langsam zum Vorschein. Jesse macht das Licht an. Dann setzt der junge Mann sich auf die Bettkante, nimmt das kleine Mädchen einfach in den Arm. Die schmiegt sich fest an ihn und beginnt lauthals zu weinen. Er stellt keine Fragen, hält Lilly einfach nur fest, bis sie sich einigermaßen wieder beruhigt hat. Dann wischt er mit den Daumen die verbliebenen Tränen von ihren Wangen und gibt ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn.

„Okay, erzähl mir was passiert ist.“
„Cassie und du sind passiert“, kommt es trotzig von der Achtjährigen.
„Ja? Aber du magst Cassie doch, oder nicht?“
„Ja. Schon. Aber du sollst sie nicht heiraten, denn dann wirst du mich gar nicht mehr besuchen kommen. So wie Eliza.“
„Was? Wie kommst du denn darauf und wer ist Eliza?“
„Na, weil Eliza auch gegangen ist, als sie den schrecklichen Randolph geheiratet hat und dann hat sie Anne einfach alleine gelassen, obwohl sie doch ihre Schwester war.“

Bei dem Namen Anne machte es in Jesses Kopf klick. Seine Mutter ist ein waschechter Bücherwurm und eines ihrer liebsten Werke ist die Anne of Greengables Reihe. Gott sei Dank, war Jesse als Junge davon verschont geblieben. Aber sein Dad hatte ihm bei seinem letzten Besuch einmal erzählt, dass seine Mum Lilly damit angesteckt habe und sie die Bücher nun verschlingen würde, obwohl sie dafür eigentlich noch viel zu jung sei.

„Okay, und du glaubst wenn ich jetzt heirate, passiert das gleiche? Dass ich dich dann nicht mehr besuchen komme?“
„Ja, denn du kommst mich ja jetzt schon kaum besuchen. Nur zu Thanksgiving und Weihnachten. Oder, wenn mal jemand Geburtstag hat. Aber wenn du heiratest, dann bekommst du bestimmt auch ein Baby und dann wirst du auch gar keine Zeit mehr haben, mich zu besuchen.“  Lilly sieht ihn bestürzt und anklagend zugleich an und zieht lautstark die Nase hoch. Herrje, damit hat er nun wirklich nicht gerechnet. Aber er kommt nicht umhin zu merken, dass sie Recht hat. Nicht unbedingt mit dem Baby. Um Gottes willen, ganz sicher nicht mit dem Baby, dafür ist es noch zu früh. Doch alles andere, was sie gesagt hat, stimmt. Er kommt Lilly und seine Eltern tatsächlich nur äußerst selten besuchen und das, obwohl es im Grunde genommen nicht einmal ein besonders weiter Weg ist. Er kann nicht sagen, woran das liegt. Fakt ist, nächsten Donnerstag ist Thankgiving und wenn Lilly nichts gesagt hätte, wäre er auch zu diesem Anlass wieder nicht nach Hause gekommen, obwohl sich das doch anbietet. Und überhaupt hat er plötzlich das Gefühl hier zuhause viel zu viel verpasst zu haben. Lilly war gerade ein Jahr alt, als Jesse zum Studieren nach New York gezogen ist. Seither hat er sie kaum gesehen. In seinem ersten Jahr in New York hat er eigentlich nur über Onkel Henry Kontakt zu seinen Eltern gehalten. In den drei darauf folgenden Jahren – als Cassie aus Australien wiedergekommen ist und in Fairfield Township das Community College besucht hat – ist er dann jedes zweite Wochenende  heimgekommen. Aber die Zeit hat er eigentlich auch nur mit Cassie, nicht mit seiner Familie verbracht. Und seit sie vor vier Jahren zu ihm nach New York gezogen ist, um an der NY University Lehramt zu studieren und er, um sein Studium fortzusetzen, auf die NY School of Medicine gewechselt ist, hat er erst recht keinen Grund mehr gehabt, hier vorbeizuschauen. Was völliger Schwachsinn ist, wie ihm gerade klar wird. Seine Eltern und seine Schwester sind mehr als genug Grund, hierher zu kommen.

„Du hast Recht, Lil’.“
Einen Augenblick darauf wird Jesse vor Verlegenheit ganz rot.
„Also nicht mit dem Baby. Ich meine damit, dass ich dich kaum besuchen komme. Aber ich schwöre dir – großes Indianerehrenwort – , dass ich nicht wie Eliza bin. Ich werde dich ab jetzt auch mehr besuchen kommen, versprochen. Nur weil Cassie und ich heiraten, werden wir uns nicht weniger sehen.“ Bei diesen Worten liegt Jesses eine Hand feierlich auf seiner Brust, die andere hält er weit erhoben.
„Ja, versprochen?“, Lillys Augen funkeln. Doch dann schüttelt sie den Kopf.
„Aber, Jesse? Das Indianerehrenwort ist doch total out. Das macht niemand mehr in der Grundschule. Das ist doch der Kleine-Finger-Schwur!“, mit diesen Worten hält sie ihm ihren kleinen Finger vor die Nase. Sie schaut dabei so konzentriert und ernst, dass Jesse einfach anfängt zu lachen.
„Okay, dann machen wir den Kleinen-Finger-Schwur. Da siehst du’s, dein großer Bruder ist einfach schon total out.“

Wenig später sitzen die beiden gemeinsam vor Lillys allergrößtem Schatz. Es ist das Puppenhaus, das Opa Will einst als detailgetreue Nachbaute eines alten, viktorianischen Hauses für Dads Mutter Rose baute. Sie hat es sich gewünscht und Jesses Opa hat monatelang Arbeit darin investiert, sogar jedes einzelne Möbelstück zeitgenössisch in Miniatur nachzubauen. Selbst für einen gelernten Zimmermann – der die größte Firma zur Holzverarbeitung in ganz New Jersey und Umgebung besaß, die nun Jesses Vater leitet – war das eine Herausforderung. Aber es war sein Geschenk an seine Verlobte, die ihn dann doch tatsächlich kaum ein Jahr nach der Heirat, direkt nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes sitzen ließ.

Für Lilly jedoch, fertigt sein Grandpa nach wie vor Figuren und Möbelstücke an – sofern es sein Gesundheitszustand zulässt, zuletzt stand es schlecht um ihn -, damit ihr das Spiel nicht langweilig wird. Will schenkt sie ihr meist zu irgendwelchen besonderen Anlässen und Jesse weiß, dass er in jedes einzelne Stück all die Liebe hinein steckt, die er seiner Enkelin geben kann. Lilly wiederum, auch das weiß er genau, liebt und vergöttert ihren Opa mehr als jeden anderen Menschen auf diesen Planeten. Aber Jesse geht es ja nicht groß anders, Opa Will ist in vielerlei Hinsicht ein beeindruckender Mensch.

Lilly erklärt Jesse ihr liebstes Puppenspiel, es ist das allererste Mal, dass er etwas über ihre Vorlieben von ihr selbst und nicht von seinen Eltern erfährt. Bei dem Puppenhaus handelt es sich um ein Waisenhaus, allerdings um ein besonders schönes, in dem alle Waisen Zuflucht finden und in Geborgenheit aufwachsen können, nicht wie das in dem Anne landet, bevor sie nach Greengables kommt, wie seine kleine Schwester extra noch einmal betont. Denn Waisen haben es ganz besonders schwer, vor allem damals hatten sie das. Und auch wenn Jesse es sich nicht vorstellen konnte, so Lilly, am allerschlimmsten war es, wenn sie auf der Straße leben mussten. Und das gab es! Die Kinder lebten wirklich auf der Straße.

„Ganz ohne Eltern, Jess, die haben nicht mal ein Dach über den Kopf gehabt! Ist das nicht schrecklich, deshalb ist es in meinem Heim immer freundlich!“
Plötzlich muss Jesse unwillkürlich an Xander denken. Ob es jemals auch nur einen einzigen freundlichen Ort gab, an dem er Zuflucht finden konnte? Heute ist das sicher nicht der Fall.

Seine kleine Schwester reißt ihn aus seinen Gedanken, als sie ihm eine Puppe in die Hand drückt. „Das ist Jimmy, er- …“
Da klopft es an der Tür. Cassie kommt ins Zimmer. Ein sanftes Lächeln auf den Lippen.

„Hey, ihr beiden. Ich wollte einmal nach euch sehen. Wow, Lilly, das ist aber ein hübsches Puppenhaus.“ Und ab dieser Sekunde ist Jesses kleine Schwester in ihrem Element. Cassie setzt sich ohne zu zögern zu ihr auf den Boden und spielt mit ihr. Die Achtjährige ist begeistert und auch Cassies Augen strahlen. Als sich dann auch noch ergibt, dass Cassie die Anne-Bücher auch als kleines Mädchen gelesen hat, gibt es für Lil kein Halten mehr.

„Oh, wirklich? Und kennst du auch das aller, aller Erste? Das hat Mama mir zum Geburtstag geschenkt. Anfang des Jahres. Denn das war das ganz neu in der Buchhandlung.“

Als sie mitten in der Nacht im Gästezimmer im Bett liegen, muss Jesse einfach nachhaken. „Hast du die Bücher wirklich gelesen?“
„Oh ja, ich war allerdings gut fünf Jahre älter als deine Schwester, als ich sie gelesen habe. Es sind wirklich schöne Bücher und das Buch das Lilly mir heute gezeigt hat, kannte ich tatsächlich noch nicht. Es ist auch von einer anderen Autorin. Ich glaube, ich werde, wenn wir wieder in New York sind, in der Buchhandlung danach fragen … Ach ja und Jesse? Du kannst echt toll mit Kindern umgehen …“

„Ach was. Und du erst. Du wirst irgendwann eine fantastische Mutter, ich weiß das.“

Am nächsten Morgen frühstücken sie alle – bis auf Jesses Vater der bereits wieder arbeitet – gemeinsam und Jesse teilt seiner Mum mit, dass er und Cassie Lilly in den Semesterferien gerne mal zu sich nach New York einladen würden. Sie könnten am Rockefallercenter Schlittschuh laufen gehen und im Central Park Schneemänner bauen – auch wenn sie in der Lower East Side wohnen, die praktisch am anderen Ende Manhattans liegt -, sollte das Wetter mitspielen. Und danach sieht es dieses Jahr eindeutig aus. Catherine findet diese Idee gar nicht schlecht und Jesse kann mit einem Blick erkennen, dass seine kleine Schwester sich bereits die Semesterferien herbei wünscht. Außerdem planen Cassie und er an Thanksgiving vorbeizukommen. Sie müssen nur auch noch mit Cassandras Eltern sprechen.

Dann verabschieden sie sich voneinander, aber dieses Mal weiß Jesse genau, wann er wiederkommt und er freut sich bereits darauf.

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