Karl

Die ganze Woche über hatte sie an nichts anderes als an den kommenden Sonntag denken können.

Und dann war es Sonntag. Sie stieg die letzten Treppenstufen zur Kirche hinauf und hielt ihr Kleid krampfhaft fest. Der Wind versuchte es hochzuwehen und ihre Beine zu entblößen. Gustav lachte sie dabei aus. "Lach nicht!", rief sie ihrem Bruder zu.

Und dann sah sie ihn. "Weiter gehen!", befahl sie sich und ging durch das Kirchentor den Gang zur ersten Bank links. Sie setzte sich. "Tief durchatmen!", sie schaute sich um. Da waren die Geschwister. Anna eilte voraus und winkte ihr fröhlich zu. Karl folgte ihr schnellen Schrittes.

Karl.

Jeden seiner Briefe hatte Anna ihr vorgelesen. Jedes seiner Fotos hatte Anna ihr gezeigt und jetzt war er da. Groß und breitschultrig ging er den Kirchengang hinunter. Ihr Herz klopfte. Schnell schaute sie wieder Richtung Altar. Ihr war vor Nervosität schlecht.

Anna setzte sich neben sie und nahm ihre Hand und legte sie in seine, nachdem auch er sich gesetzt hatte. Seine Hand fühlte sich groß und rauh an.

"Martha, das ist Karl..." als wenn sie das nicht wüsste. Sie brachte es gerade noch fertig "Hi!" zu sagen und zu lächeln, bevor der Pastor den Gottesdienst begann. Vor Aufregung hatte sie nur einen kurzen Blick auf Karl werfen können. Seine Gesichtszüge eleganter und markanter, als sie es von Fotos in Erinnerung hatte. Sie konzentrierte sich nun auf den Pastor. Sie versuchte zuzuhören. Aber sie konnte der Predigt nicht folgen. Sie spürte seinen Blick auf ihr ruhen und schaute ihn an. Er lächelte und wendete seinen Blick schnell auf seine Schuhe.

"Er hat blaue Augen.", dachte sie.

Der Gottesdienst fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Nachdem Anna vorgeschlagen hatte noch schnell gemeinsam einen Kaffee im Gemeindehaus zu trinken, war sie in der Menge verschwunden, um Lina zu suchen. Martha hatte die starke Vermutung, dass Anna das vorher geplant hatte. Sie standen nun allein zusammen. Martha spürte wie Lotte und Rita zu ihnen rüber schauten.

"Hi!", sagte er erneut. "Ich habe das Gefühl als würden wir uns schon ewig kennen." Was meinte er bloß damit? "Wegen Annas Briefen." Achso, natürlich ging es ihm wie ihr "Ich weiß, was du meinst.", sagte sie, "Es ist seltsam, dass du Dinge von mir weißt, die ich nur Anna erzähle.", fügte sie leise hinzu. Sie hatte vergessen, dass er alles wusste. Ihr wurde ganz schlecht bei dem Gedanken daran. Zwar hatte Anna ihr jeden Brief vorgelesen und sie gefragt, ob es okay wäre ihrem Bruder dies zu berichten und Martha hatte immer genickt. Aber nur, weil sie nicht daran geglaubt hatte, dass Karl jemals zurückkommen würde. Aber jetzt stand er vor ihr. Sie wollte am Liebsten gehen. Er nahm ihre Hand, aber ließ sie schnell wieder los. "Entschuldige bitte." Sie wollte schon antworten, dass er ihre Hand halten könnte, wann immer er wollte. Aber da war Anna schon wieder da und die beiden verabschiedeten sich schnell. So konnte sie nur noch "Bis bald." sagen.

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