Part 1

Nachdem er die anonyme Botschaft erhalten hatte, öffnete er sein Schreibpult, entnahm einen Bogen Pergament, Schreibgerät, Siegelwachs und Siegel, entzündete eine neue Kerze und setzte sein Testament auf. Wie sich später anhand der Datumsangabe feststellen ließ, geschah dies am Abend des 28. März 1254.
Bevor er aus seiner sizilianischen Villa verschwand – auch dies ließ sich später mit Hilfe von Zeugen rekonstruieren – vergingen jedoch noch weitere fünf Tage, die er nutzte, um eine Reihe von Täuschungsmanövern in Gang zu setzen.
Methodisch und gründlich verwischte er jede Spur, die über sein Ziel hätte Aufschluss geben können. Er wollte nicht riskieren, dass jemand von seinen Plänen erfuhr, und versuchte, ihn aufzuhalten. Das durfte nicht geschehen.
Trotz sorgfältiger Planung unterlief Gandar von Rodéna, Herzog von Rodi jedoch ein Fehler. Eine Unaufmerksamkeit, die das Misstrauen zweier Männer und einer Frau erregte und sie veranlasste, sich auf die Suche nach ihm zu machen.
Was viel zu spät war, um die Ereignisse noch aufzuhalten.
Man schrieb Mitte Juli, als Gandar zum ersten Mal das Gefühl hatte, verfolgt zu werden. Er hatte gelernt, seinen Instinkten zu trauen, doch nachdem er beinahe vier Monate unbehelligt geblieben war, erschien es ihm unwahrscheinlich, so kurz vor dem Ziel noch Schwierigkeiten zu bekommen.
Umso größer war sein Schock, als er erkannte, dass sein Freund Ahmad ibn Ascher Halewi ihn trotz aller Vorsicht ausfindig gemacht hatte. Die Anwesenheit des Sarazenen war wie etwas Dunkles, das sich zwischen ihn und das Licht am Ende seines Weges schob. Er wollte niemand in die Sache hineinziehen. Schon gar nicht den Mann, den er wie einen Bruder liebte. Er versuchte jede Finte, die ihm einfiel, doch Ahmad ließ sich nicht abschütteln.
Wie kann er nur so anhänglich sein, dachte Gandar. Anhänglich? Zum Wächter ist er mir geworden. Seine Blicke – o Gott! Bei ihm könnte ich mir alles von der Seele reden. Ich möchte mir alles von der Seele reden. Es drängt mich, ihm meine Gründe zu erklären, damit er mir, dem treulosen Bruder, vergibt …
Gandar saß im Sattel seines Pferdes, schüttelte den dunklen Schopf und versuchte, sich zu besinnen. Vergebung zu erlangen war unmöglich, das wusste er. Ahmad in seine Pläne einzuweihen ebenso. Der Sarazene konnte ihm das, was er zu tun hatte, sehr schwer machen. Deshalb musste er klug vorgehen, musste Ahmad in Sicherheit wiegen, bis…
Ahmads braune Stute schnaubte und riss ihn jäh aus seinen Gedanken. Gandar warf seinem Freund einen schnellen Seitenblick zu. Der Sarazene starrte mit unbewegter Miene vor sich hin.
Was für eine elende Zwickmühle, schoß es Gandar durch den Kopf und er biss sich nachdenklich auf die Unterlippe, während er überlegte, was er sagen sollte.
»Ahmad--«, setzte er an.
»Ja?«, fragte Ahmad. »Ja, Gandar?«
Aber Gandar konnte nicht weitersprechen. Was er ausdrücken wollte, ließ sich nicht so leicht in Worte fassen, wie er gedacht hatte. Alles, was er vorbringen konnte, klang irgendwie – falsch. Lächerlich. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob es wirklich klug war, an seinem Entschluss festzuhalten. Vielleicht ritt er geradewegs in eine Falle. Vielleicht lockte man ihn hierher, nur um ihm zu sagen, dass sie tot war. Doch was immer die Gründe waren - er brauchte Gewissheit.
Gandar griff seiner Stute in die Zügel, bis sie langsamer wurde. Seite an Seite lenkten die Männer ihre Rösser einen Hang hinab, bis sie sich nicht mehr als Silhouetten gegen den Himmel abzeichneten, und blieben dann stehen.
Vom Pferderücken aus hatten sie einen weiten Blick über die östliche Wetterau. Umgeben von brachliegenden Feldern schliefen zwei, drei einsame Weiler im Schutz schweigend zusammengesunkener Eichen. Es war die Zeit des Sonnenaufgangs; aber noch zeigte sich nichts, noch lagen Himmel und Erde nah aneinandergerückt in der Dämmerung.
Ahmad stieß hörbar die Luft aus, drehte den Kopf hierhin und dahin und sah sich um. »Es ist an der Zeit. Wenn du erlaubst, möchte ich hier mein Morgengebet sprechen. Oder besteht Anlass, uns mehr als üblich vorzusehen?«
Gandar zuckte die Schultern. In seinem Kopf jagten sich die Gedanken: Ahmad redet wie immer. Ahnt er tatsächlich nicht, wohin wir reiten? Oder ahnt er es doch? Vielleicht weiß er es schon längst und dies hier stellt eine Probe, eine Überprüfung dar? Ahmad ist klug. Bestimmt hat er diesen Ort wiedererkannt. Oder doch nicht? Immerhin waren wir seit beinahe zehn Jahren nicht mehr hier …Eine Ewigkeit ohne Gwenfrewi. Ein halbes Leben ohne Nachrichten von ihr…
»Niemand folgt uns«, sagte er. »Demnach sollte es sicher sein, hier zu beten.«
Ahmad glitt aus dem Sattel, breitete seine Decke aus, kniete nieder und sprach die vorgeschriebenen Worte des Morgengebetes.
Nachdem er fertig war, bestieg er wortlos sein Pferd, wendete es und trieb es an.
»Wo willst du hin?«, fragte Gandar. »Das ist nicht die Richtung, die wir einschlagen müssen!«
»Oh weiser Gott! Warum muss ich ertragen, dass du mich behandelst wie ein unmündiges Kind, mein Bruder? Ich habe Augen im Kopf! Glaubst du, ich wüsste nicht, dass wir zu jener verfluchten Burg des Todes unterwegs sind?«
»Ahmad ...«
»Schön. Du willst nicht darüber sprechen. Nur ändert das nichts an der Tatsache, dass dein Bruder tot ist und du besser daran tätest, dich auf der Glouburg nicht sehen zu lassen.«
Gandar schloss kurz die müden Augen. Er lebte seit Wochen in einem Zustand abgrundtiefer Verzweiflung, doch es gab auch noch kurze, jähe Momente des Aufbegehrens. Eben jetzt durchzuckte ihn wieder Hoffnung: und wenn ich zu schwarz sehe? Wenn dieser Brief, den ich erhalten habe, doch genau die wohlmeinende Warnung ist, die er vorgibt zu sein? Dann würde, dann könnte es mir am Ende doch noch gelingen, das Unheil abzuwenden …
»Was willst du auf der Glouburg?«, fragte Ahmad.
»Auf diese Frage habe ich noch keine Antwort gefunden«, musste Gandar einräumen.
»Du entäuschst mich, Bruder. Du warst immer ein Mann, dessen Wort etwas galt. Doch jetzt bist du bereit, deinen heiligen Eid zu brechen, und kannst mir nicht einmal einen Grund dafür nennen. Das begreife ich nicht. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie ehrenhaft du bist.«
»Das war nach außen hin.«
»Nein, Gandar. Das kam von ganz tief innen.«
Mit einem leisen Seufzen schüttelte Gandar den Kopf. Ahmad ahnt nichts vom Inhalt des Briefes. Ahnt er wirklich nichts?
»Du und ich waren immer eng miteinander verbunden«, sagte Ahmad. »Wie Brüder. Mehr noch. Enger als die meisten Brüder es je sind. Da weiß man solche Dinge.«
Gandar öffnete den Mund zu einer Erwiderung, aber dann ließ er es sein.
»Auf einmal bist du so – fern«, fuhr Ahmad fort. »Unnahbar. Verschlossen wie eine Auster. Du tust Dinge, die mich mit Schrecken erfüllen. Du lügst und betrügst, du lässt dein Land und deine Bauern im Stich, ohne ein Wort der Erklärung. Ich möchte den Grund begreifen – aber ich finde ihn nicht… Wofür bist du bereit, so tief zu sinken, Bruder Löwe?«
Für Gwenfrewi, dachte Gandar. Er fühlte sein Herz klopfen im schnellen Rhythmus des Hoffens entgegen jeder Logik, jeder Tatsache. Vielleicht würde er sie wiedersehen. Nur einen Herzschlag lang in ihr geliebtes Antlitz blicken, wissen, dass es ihr gut ging. Das war alles, was er sich wünschte…
»Antworte mir, Gandar.«
»Jetzt nicht, Ahmad – bitte. Ich … will jetzt nicht denken.« Jählings war wieder die Verzweiflung da, die grauenvolle Verzweiflung der letzten Zeit. Vorbei der wilde Herzschlag des Hoffens. Es ist zu spät, dachte er. Am Ende meines Lebens werde ich auch diesen Freund belogen und getäuscht haben. Es gibt keinen Ausweg.
Aber für ein paar Augenblicke wenigstens wollte er so tun, als hätte sich an dem bedingungslosen Vertrauen zwischen ihnen nichts geändert.
»Ich muss es wissen, Bruder«, beharrte Ahmad. »Mein Herz will schier zerspringen vor Kummer, weil du keine Pläne für die Heimkehr machst.«
Gandar antwortete nicht darauf. Sie führten diese Unterhaltung in der einen oder anderen Form seit Wochen, seit Ahmad ihn in Bolzano aufgespürt hatte. Alle Argumente waren längst gesagt und unzählige Male wiederholt worden, ohne dadurch besser oder schlechter zu werden. Er zuckte mit den Achseln und wich Ahmads Blick aus. »Ich kann die Zukunft nicht voraussagen. Ich weiß nicht, was morgen oder übermorgen sein wird.«
Ahmad starrte ihn an, und Gandar spürte nur zu deutlich, dass er ihm nicht glaubte. Er weiß es. Oh ja, dachte Gandar bitter, Ahmad weiß, warum es nicht nötig ist, Pläne für eine Rückkehr nach Sizilien zu machen. Darum wird er bis zum letzten Augenblick nicht von meiner Seite weichen…
Ahmad schnalzte und die Stuten fielen in einen flotten Trab. Der feuchte Atem der Tiere hinterließ weiße Wolken in der klaren Luft.
Hohes, von Reif gebeugtes Gras wischte an den Beinen der Pferde entlang. Dort, wo die Bäume bis an den Rand der Wiese standen, hielt sich in ihrem Schatten noch der Schnee, Überbleibsel des ersten Wintersturmes dieses Jahres. Mit einer Bewegung seiner Handgelenke dirigierte Gandar sein Pferd auf den Waldrand zu.
Hintereinander drangen sie zwischen die Bäume vor. Ein schwacher Geruch nach Erde und faulenden Blättern, nach Moos und Feuchtigkeit empfing Gandar. Die Luft kam ihm noch kälter vor, als draußen auf dem freien Feld. Inzwischen fror er ganz erbärmlich. Er vergrub die Hände im dichten Fell seiner Stute, in dem Versuch sie zu wärmen, aber er wusste, dass es genauso wenig helfen würde, wie die gefütterten Handschuhe die er trug.
Wie der Schmerz kam auch die Kälte tief aus seinem Inneren. Aus seiner Seele. Für einen kurzen, schmerzlichen, gramerfüllten Moment gestattete er sich, an Gwenfrewi zu denken.
Mein Engel. Der einzig wahrhaft gute, unverdorbene, makellos reine Mensch, der mir je begegnet ist. Sie kennt keinen Hass. Sie hasst nicht einmal mich, der ich…
Abrupt zügelte Ahmad sein Pferd und hob warnend die Hand. Er lauschte. Irgendwo jenseits des Waldes ertönte das dünne Gebimmel einer Glocke.
»Hörst du das?«, fragte der Sarazene überrascht. »Das muss die Kapelle der Glouburg sein.«
»Unmöglich«, murmelte Gandar. »Die Entfernung stimmt nicht… die Glouburger Glocke müsste viel lauter zu hören sein.«
»Du bist also tatsächlich fest entschlossen, zur Burg zu reiten? Was tun wir, wenn man uns nicht einlassen will?«
»Es gibt - einen Geheimgang, durch den ich ungesehen in die Burg gelangen kann. Allein.«
»Ein Bruder verlässt seinen Bruder nicht.«
Gandar seufzte. »Ich habe befürchtet, dass du das sagst. Aber dieses letzte Stück des Weges werde ich allein gehen. Es nutzt keinem, wenn du dich opferst.«
Ahmad schüttelte nur schweigend den Kopf.
»Glaub mir Freund, deine Worte bedeuten mir viel, andererseits … vermag ich sie kaum zu ertragen«, fuhr Gandar fort. »Ich würde mich wohler fühlen, wenn du nach Sizilien zurückkehrst und in Rodéna nach dem Rechten siehst.«
»Bin ich denn so verächtlich geworden«, flüsterte der Sarazene, »dass du mich davonjagst wie einen Hund?«
»Bitte«, sagte Gandar. »Ich möchte, nein ich befehle dir, dass du--«
»Genug«, unterbrach Ahmad. »Ich weiß, was du sagen willst. Aber ich will es nicht hören. Es schmerzt, dass du versuchst, mich fortzuschicken. Ich hoffe, du hast einen wirklich triftigen Grund überhaupt hier zu sein …«
»Den habe ich«, sagte Gandar.


  II

Gandar griff in seine Gürteltasche und zog ein zerknittertes Stück Pergament hervor. Ahmad sah erschrocken, wie sich sein Gesicht dabei veränderte; sein Mund wurde hart, seine Augen eisig grün; die Knöchel am Handrücken traten weiß aus den geballten Fäusten heraus. Mit einer abgehackten Bewegung streckte er ihm das Pergament entgegen. »Lies selbst …«
Ahmad nahm das Pergament und entfaltete es.

-------------- WENN DU Dame Gwenfrewi schlimmes Ungemach ersparen willst SO KOMM an SIMON JUDAE ZUR GLOUBURG _____________
Ein Freund

»Bismillah!«, murmelte er. »Wann ist das gekommen?«
»Vor drei Monaten, zwei Wochen und nunmehr vier Tagen.«
»Du weißt nicht, wer dir diesen Unsinn geschickt hat, oder?»
Gandar warf dem Sarazenen einen kurzen Seitenblick zu. »Es ist kein Unsinn, sei versichert. Es gibt nur wenige Menschen, die von meiner Verbindung zu Dame Gwenfrewi wissen. Keiner von ihnen würde sich einen derart geschmacklosen Scherz erlauben.«
Ahmad dachte einen Moment darüber nach und nickte schließlich. Auch wenn ihm Gandars Argumente nicht gefielen, waren sie doch schwer zu entkräften. Er rollte das Pergament wieder zusammen und gab es zurück. Dann nahm er die Zügel seiner Stute auf und trieb sie an.
Langsam wich das Unterholz zurück und die Bäume standen weiter auseinander. Gandars Stute schlug mit dem Kopf und drängte vorwärts.
Bald erreichten sie den Waldrand. Vor ihren Augen erstreckte sich ein sanft abfallendes Tal, welches wiederum in einen von Wallanlagen geschützten Hügel überging. Ahmad sah sich erstaunt um. Wenn ihn seine Erinnerung nicht trog, hätte man von Osten her, über der Ebene, die Türme und Zinnen der Glouburg erkennen müssen. Nichts davon zeigte sich. Alles wirkte mit einem Mal milchig - es gab keine Wolken und keinen Himmel, auch keinen Nebel und keine Sicht.
Und keine Geräusche. Nicht ein einziger Laut drang zu ihnen herüber, keine Hammerschläge von Zimmerleuten, kein Klimpern und Klingeln von Blechschmieden und kein Geschrei spielender Kinder. Sämtliche Kochfeuer schienen gelöscht zu sein, denn es hing auch kein Rauchgeruch in der Luft.
Gandar an seiner Seite war erschreckend blass geworden. »Das gefällt mir nicht«, sagte er und stieg aus dem Sattel. »Wir haben die Glocke gehört, aber plötzlich ist es totenstill? Da stimmt etwas nicht.« Er warf Ahmad die Zügel seines Pferdes zu. »Warte hier.«
Geschickt jede Deckung nutzend eilte er davon.
Ahmad blickte ihm unschlüssig nach, bis ein schmaler Gürtel aus Buschwerk ihn seinen Blicken entzog. Um sich zu beschäftigen, trat Ahmad zu den Pferden, prüfte die Hufe der Stuten, jede Schnalle, jeden Riemen des Zaumzeuges. Immer wieder hob er lauschend den Kopf, versuchte, die Geräusche von Gandars Schritten auszumachen. Schließlich bekam Ahmad es mit der Angst zu tun.
Schnell schlang er die Zügel der Pferde um einen Zweig und folgte dem Pfad, der sich am Waldrand entlang in dürrem Gestrüpp und spärlichem Gras dahin schlängelte. Vor seinen Schuhen rollten die trockenen Kotkügelchen von Kaninchen auseinander, deren Menge verriet, dass die Tiere hier schon seit längerer Zeit nicht mehr gejagt wurden.
Gandar stand mitten auf der Wiese, die Augen auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, und presste den Handrücken gegen die Lippen. So reglos verharrte er, als sei er das Werk eines Bildhauers, ein großer schlanker Mann, das dunkle Haar verwirrt, das Gesicht von Sonne und Wind dunkel gegerbt. Er trug einen Mantel von dunkler Farbe, darunter ein Kettenhemd, dunkle Beinlinge, denen man die langen Wochen im Sattel ansah und fellverbrämte, wadenhohe Stiefel.
So stand er, bis Ahmad ihm die Hand auf den Arm legte. »Bruder? Beim allmächtigen Gott, was ist geschehen?«
Gandar versuchte zu sprechen. Seine Lippen bewegten sich, formten Worte. Doch kein Laut drang hervor. Ahmad starrte ihn einen Herzschlag lang an, bevor er erschrocken die Augen aufriss und Gandar grob an der Schulter packte und ihn schüttelte.
Gandar schreckte auf, als erwache er aus einem Traum. »Da ...«, flüsterte er, »schau hin… schau genau hin… siehst du es?«
»Nein«, sagte Ahmad. »Ich sehe nichts.«
»Das«, sagte Gandar mit ausdrucksloser Stimme, »ist es ja gerade. Du siehst nichts. Weil da nichts mehr ist. Aber es müsste etwas dort sein. Nämlich die Mauern der Glouburg. Man konnte sie immer von hier aus sehen…«
Und dann begriff auch Ahmad, was Gandar meinte. Auf der Kuppe des Hügels über ihnen erhob sich eine Ruine, ein Haufen geborstener Steine, aus dem noch die Reste des Wachturms, die schlanken Säulen halb eingestürzter Fensterarkaden, die Trümmer des Wehrganges herausragten, als seien sie der Faust des Riesen, der hier gewütet hatte, entgangen.
Der krächzende Schrei eines im blassen Himmel kreisenden Raben riss Ahmad aus der Betäubung, in die ihn der Anblick der zerstörten Burg versetzt hatte. Er sah Gandar wie einen Schlafwandler den Hügel hinauf eilen. Hastig rannte er zu den Pferden zurück, löste die Zügel und galoppierte hinter ihm her.


III
Gandar lief sehr schnell. Er stolperte über Unebenheiten, riss sich die Hände an wilden Brombeerranken blutig, kletterte über Mauerreste und Treppenstufen, die vom Raureif gefährlich glatt waren. All das bemerkte er nicht. Überall züngelten schwarze Rußspuren am Mauerwerk empor, ebenso Zeichen eines Brandes, wie die zum Himmel starrenden verkohlten Balken.
Mit einem rauen Klagelaut sank Gandar schließlich zu Boden. Eine solche Vielzahl von Empfindungen stürzte auf ihn ein, dass es ihm im wahrsten Sinne des Wortes den Atem verschlug. Er versuchte, Luft zu holen, aber es vergingen ein paar Augenblicke, ehe es gelang. Seine Hände wurden feucht, seine Gesichtshaut schien sich zusammenzuziehen, und seine Eingeweide verkrampften sich. Er wusste nicht, wie er all der Bilder und Erinnerungen Herr werden sollte, die auf ihn einstürzten: Richard, sein toter Zwillingsbruder. Gwenfrewi und verstohlene Berührungen im Mondschein…
Fortuna war wankelmütig und voller Tücke, das wusste er. Hatte sie ihm die Aussicht auf ein Wiedersehen mit der geliebten Frau vielleicht nur beschert, damit sein Schmerz umso größer war, wenn sie ihm am Ende jede Hoffnung nahm?
Bei dem Ausmaß der Zerstörung waren alle, die er einmal gekannt hatte, nicht mehr am Leben.
Nur ich bin übrig, dachte er - nur ich.
Für eine kleine Weile.
Als Gandar seine Umgebung wieder bewusst wahrzunehmen begann, sah er, dass er in der ehemaligen Kapelle vor dem Altar niedergesunken war. Schwerfällig hob er den Kopf und warf einen Blick nach oben. Das Dach war verschwunden und durch die leeren Fensteröffnungen drängte Gestrüpp herein.
Er richtete sich auf, bis er kniete und versuchte ein Gebet zu sprechen. Aber er konnte es nicht. Dies alles hier ließ keinen Raum für Gebete ...
Ahmad räusperte sich leise und Gandar schreckte auf. Erstaunt blinzelnd sah er sich um. Nur wenige Herzschläge waren vergangen, seit er die Kapelle betreten hatte. Nur wenige Minuten hatte er sich der Vergangenheit erinnert, während er sich umsah und doch nichts sah, weil seine Gedanken und Blicke gewandert waren, durch das unendliche Meer der Zeit, die hinter ihm lag.
»Gandar, hört mir zu. Du musst eine Entscheidung treffen.«
Gandar erhob sich abrupt. Seine Knie fühlten sich butterweich an und er wankte beinah, als er an eines der halben Fenster trat. Er stützte die Hände auf die eiskalten Steine und starrte blicklos auf das reifverkrustete Gestrüpp.
Unerwartet fiel ein eisiger Wind über die Burg her, heulte angriffslustig durch die Ruine, hob Laub und Zweige vom Boden auf und jagte sie in einem wilden Tanz vor sich her. Die Bö zerrte an seinen Haaren, doch Gandar merkte es kaum. Tiefer und tiefer versinke ich in Erinnerungen, dachte er. Ein heißer Sommertag fiel ihm wieder ein - der Johannistag des Jahres 1246..



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