Teil 2 - Grabungsstätte 1/4

Den Blick dorthin gerichtet, wo sich das Massiv des Berghanges hinter dichtem schlierenden Nebel verbarg. Er stand hoch oben auf der obersten Plattform des Turmes und sah in jene Richtung, in welcher er wusste, die verschollene Stadt Aardale zu finden.
Es schien ihm so lange her und all dies bereits als Vergessen geglaubt. Seine linke Wange zuckte und das Kin folgte derer Aufwärtsbewegung, als er sich all dem wieder gewahr wurde.
Es war nicht der Wald, der damals zu ihm sprach und auch nicht jene, die sich in ihm verbargen. Er sah, nein er verfolgte Vergangenes aus einer Entfernung heraus und einer Höhe, die diese Sicht nicht einmal ansatzweise zulassen dürfte. Etwas in ihm riet ihm der Erinnerung, zwang sie ihm sprichwörtlich auf. Ein irrtümlicher Gedanke, ein Fehltritt, ein vertanes Bündnis oder eine vergorene Vorgehensweise? Ein wichtiger Aspekt musste ihm entglitten sein, sonst würde er nicht ausgerechnet hier und nicht unbedingt an dieser Stelle mit dieser Frau in seinem Rücken an seinen schmerzlichen Weg erinnert werden.
Sie würden ihm nichts anhaben können. Es waren Erinnerungen, Bilder aus seinem früheren Leben, auch wenn diese ungewollt real wirkten, bloß dass er das Geschehen als Außenstehender betrachtete. Bei näherer Betrachtung konnte es sich sogar um die Sichtweise eines Vogels handeln, was die Entfernung und die Höhe erklären mochten. Seine Lippen hoben sich seicht. Agbar.
Mit jeder verstreichenden Sekunde verblassten die Bilder der Vergangenheit mehr und mehr. Nur schemenhaft vermochte er zwei junge Burschen verfolgen, die mit den Schatten uralter Bäume verschmolzen. Die Erinnerungen an ihr früheres Sein, dass seines Bruders und seines Selbst, entglitten ihm.
Unter den zerfaserten Bildern glaubte er erkennen zu können, wie der kleinere von beiden sich an den Kopf fasste und von Lauten erzählte. Wie war das noch ...
Tretet ein in meine schützende Umarmung.
Dieser Satz hatte nichts gemein mit leerem Gerede oder falschen Versprechungen. Die vermeintliche Stimme meinte, was sie einst sagte und versicherte.
Ungeachtet der umschlungenen Arme auf seiner Brust und dem ruhenden Kopf auf seiner Schulter musste er nicken. All die Dinge, die er die Jahre hinweg vermutete, bestätigten sich hier und jetzt. Die unzähligen Geschichten, das unvermeidbar gespenstische Gerede. Sie stimmten, alle samt, und zwar jedes einzelne Wort. Der Wald. Der Wald selbst, er lebte ... irgendwie.
Die beiden flüchtenden Knaben befanden sich kaum auf Armeslänge zu den ersten Bäumen, als er glaubte, derer Schatten wachsen zu sehen. So wie eine Mutter oder ein Vater begann seine Liebsten zu umarmen, so umschlossen Schemen ihn und seinen Bruder.

Er wollte seine Augen nicht öffnen - noch nicht. Es gab so vieles zu sehen, zu verstehen. So manches, was er vor etlichen Jahren als nicht erachtenswert empfand.
Alric, sein Onkel, hatte ihm damals gelehrt, dass wenn die Sinne des Sehens nicht ausreichten, sich voll und ganz auf die des Hörens und Fühlens zu verlassen. Er war gut darin Dinge wahrzunehmen, die den meisten zu Lebzeiten verwehrt blieben. So auch jene, auf die er selbst gern hätte verzichtet.
Er sah was viele nicht oder erst deutlich später erblickten, ebenso vermochte er Klängen zu lauschen, derer sich anderer Ohren nicht erschlossen. Seine Sehkraft, sein Gehör und sein Instinkt waren von klein auf bedeutend ausgeprägt.
»An dir geht ein Wachhund verloren«, hatte sein Bruder einst scherzhaft gemeint. Er hatte recht damit.
Seine Hände ruhten weiterhin flach aufgelegt auf der vollends wieder errichteten Brüstung einer der äußeren Türme Aardales. Es war ihnen bisweilen jedoch nicht möglich mit Gewissheit zu bestimmen, um welchen der Sechs es sich tatsächlich handeln mochte. Gegenstimmen hingegen sprachen von einem Überbleibsel einer vormals bestehenden Feste, um den Heeresverband an der Grenze zu versorgen. Egal was so mancher behauptete oder zu wissen glaubte. Auch wenn die Grabungen bislang weder die eine noch die andere Annahme untermauerten, er spürte den Ort. Auf Grundlage lückenhafter Niederschriften und überlieferten Erzählungen vermutete er, dass es sich bei diesem Bauwerk nur um den rechten Westturm handeln könne.

Selbst mit geschlossenen Liedern fand er sich in Dunkelheit und in Unbekannten zurecht. Er verließ sich voll und ganz auf sein Gehör und seinem ... wie pflegte Alric stets zu sagen ... seinem Gespür zu verlassen.
Wo war nur die Zeit geblieben?
Es war ihm, als vergingen nur wenige Tage, als er mit einer kleinen Gruppe Mutiger in Damerel einritt. Allein des Hinweises wegen musste er diesem Nachgehen. Engste Vertraute, wagemutige Waffenbrüder und furchtlose Siedler und Arbeiter folgten ihm auf seinem vorbezeichneten Weg. Skepsis und Unglauben waren ihre steten Begleiter, bis zu jenem Tag, als sie ihr Weg zu eben diesem frei stehenden Turm führte.
Ihm war bewusst, dass viele Helfer und nicht minder wenige Soldaten zu ihrem Schutz nahe der Grabungsstätte lebten, arbeiteten und Wachgänge leisteten. Entschieden war auch, dass die meisten derer, die hier ihre Arbeitskraft darboten, in zählbaren Tagen abrückten. Auf den heimatlichen Feldern standen die Ähren in voller Reife und den befriedeten Ländereien verlangte es nach Wiederaufbau.
Weiler, Höfe und einzelne Siedlungen sollten repariert und wieder aufgebaut werden. Auf engstem Raum lebten zahlreiche Menschen, denen es bisweilen nicht gebot, sich Freiraum zu schaffen. All jene, die außerhalb der schützenden Stadtmauern verweilten, waren ein beliebtes Ziel für marodierende Banden. Sie schatzten, mordeten und nahmen, wonach es ihnen gelüstete. Oftmals Mädchen, die nicht einmal die Reife zur Frau erreichten und sich nicht zu wehren wussten.
Jetzt wo die Herrschaft Thules gebrochen und bekannte Werte wieder auflebten, wagten sich viele hinaus, um altes Heim und Land neu zu besiedeln und zu bestellen. Angst und Schrecken saßen tief und so dünnten sich die überfüllten Straßen der Städte nur allmählich aus. Nicht jeder traute dem vermeintlichen Frieden und wartete ab.
Seine Sinne rührten sich und er spürte nicht nur seine eigene Anwesenheit auf oder unmittelbar in der Nähe des Turmes. Ebenso hielt seine Reise in die Vergangenheit nicht so lange an wie angenommen. Wäre dem so, würde er die sacht warmen Strahlen der Sonne bereits auf der Wange spüren und nicht im Nacken.
Sie war nicht mehr bei ihm. Er war allein hoch oben und sah in die Tiefe, doch würde es sich vermessen schimpfen, zu behaupten er sei der Einzige hier. Ein schwerer fester Schritt auf starren Sohlen mühte sich den steinernen Stufen des Turmes empor. Unter ihm befand sich das oberste Wachtzimmer, in welchem sich einst die Diensthabenden wärmten und aufhielten, waren sie nicht auf der Plattform zur Aussicht bestellt. Darunter führte in breiter sich windender Treppe der Aufstieg bis hinab zur mittleren Ebene, über welche seinerzeit der Wehrgang der äußeren Mauer betreten werden konnte. Der Zugang zum unteren Teil befand sich jeweils am Fuße der einzelnen Türme. In jenem sollten sich nebst Torwachen auch die damaligen Stadtwachen aufhalten, die angeblich über zellenartige Räumlichkeiten verfügten, um Unliebsame kurzfristig unter Verschluss zu halten. Sollte es sich bei diesem Bauwerk wahrhaftig um einen Teil Aardales handeln, würde es noch ungezählte Monate dauern, bis die hiesigen Leute die Stadt halbwegs freizulegen vermochten - sofern dies überhaupt zu schaffen sei.
Großflächig wurde das Umland um den Turm herum, Fuß für Fuß, abgetragen. Stellenweise fanden Helfer und Arbeiter nebst gebrochenen Steinen aus womöglich einstmaligen Mauern auch beständige Strukturen. So unter anderem gemauerten Grund rechts wie links am hiesigen Gemäuer.
Es gab nur zwei Erklärungen, die eine niederschmetternd und der Moral des Volkes nicht dienlich oder dessen war er zuversichtlicher auf der richtigen Spur. Wäre dem zweifelsfrei so, so würde es sich nicht nur um eine terrassenartige Struktur handeln, sondern um den Kamm der früheren Wehrmauer. Bisweilen wurde jedoch nur ein kleiner Teil dessen freigelegt und gab keinerlei Aufschluss über seine damalige Bestimmung. Zu ihren Fundstellen gehörten ebenso Gebilde, die unstrittig einer Dachkonstruktion glichen. Wenn schon nicht Aardale, so befand sich an jenem Ort vor vielen Jahren wohlweislich eine äußerst wehrhafte Siedlung. Nicht herkömmlich gebaut aus Holz, Lehm und handlichen Steinen, sondern aus steinernen Blöcken, wie man sie für solide Festungen und Vorposten einzusetzen pflegte. Innig hoffte er, dass sich sein Traum von Aardale nicht als ein Fantasiegebilde entpuppte und sie nur ein altes vorgeschobenes Bollwerk ausbuddelten.
Viele helfende Hände beschäftigten sich derer Tage mit der Verladung mitgeführten Hab und Guts, um sich von den eingetroffenen Truppen heimwärts geleiten zu lassen. Obwohl die meisten der Anwesenden an den Grabungen beteiligt waren, lag das Hauptaugenmerk der Arbeiten jedoch an der Befestigung und Befriedung des Umlands. Sie bauten Hütten und Gewerke westlich des Turmes.
Es galt unliebsamen und etwaigen Beobachtern zu vermitteln hier in einem Land voller Hirngespinste, Geister und seelenloser eine Neubesiedelung vorzunehmen.

Kommentare

  • Author Portrait

    So Rongard, ich habe mich entschlossen, mal wieder in Veyeds und Kaydens Abenteuer einzutauchen und bin immer noch begeistert von deinem Schreibstil. Diese Bildhaftigkeit, die du mit einem umfassenden Wortschatz verknüpft, ist bei dir wahrlich einzigartig. Sie erfordert Konzentration, das ist unbestreitbar, doch wenn man sich einmal auf deine Sprache eingelassen hat, kann man nur begeistert von deinem Schreibstil sein. Das Einzige, was mich hier gestört hat, war, das man teilweise nicht wusste, wer gerade erzählte. Es wäre also hilfreich, wenn du zwischendrin mal den Namen fallen lässt, damit man die Situation besser einordnen kann und noch besser in deine Welt eintauchen kann. Ich freue mich schon darauf, weiter zu lesen und bin gespannt, wohin das Abenteuer die beiden Jungen noch führt. Liebe Grüße, Limayeel

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