Bedenkenträger

„Gut gemacht‟, zwinkerte Dorian seinem Cousin zu und nahm eines der Gläser in die Hand. Mit schief gelegtem Kopf betrachtete er das dicke Glas und runzelte die Stirn. „Ich werde die Kisten zu mir nach Hause bringen und die Gasflaschen mit ihnen füllen. „Das sollte zumindest für den nächsten Monat ausreichen und wenn nicht, können wir unseren Kunden eine der normalen Erinnerungen als Entschuldigung schenken. Eine paar schöne, glückliche Emotionen sollten sie besänftigen bis mein Freund neue Ware für uns bereit hält.‟
Josh zuckte mit den Achseln und lehnte den Kopf mit geschlossenen Augen an die Wand, noch immer fühlte er sich geplättet. „Wie du meinst‟, stimmte er Dorian zu, der daraufhin genervt den Kopf schüttelte.
„Ich verstehe deine Negativität einfach nicht‟, murmelte er missmutig und sah Josh warnend an, „Heute Abend hast du uns beiden einen Haufen Kohl sicher gestellt, ohne nur einen Finger dafür zu krümmen. Im Gegenteil, du hattest sogar eine Menge Spaß und das kannst du nicht bestreiten. Deine Gelassenheit ist wie ein Virus auf mich übergesprungen, ich konnte mich kaum konzentrieren.‟
„Du verstehst mich nicht‟, entgegnete Josh zerknirscht und öffnete entmutigt die Augen. Dorian sah in verständnislos an und rang mit den Händen.
„Was verstehe ich jetzt schon wieder nicht? Die ach so schwere Bürde deiner Superkraft? Ich würde alles tun, um deine Fähigkeiten zu besitzen und du beschwerst dich am laufenden Band über sie‟; knurrte er verärgert und wandte sich aufgebracht von seinem Cousin ab.
„Nur weil du nicht weißt wie es ist‟, antwortet Josh und setzte sich trotz seiner Kopfschmerzen aufrecht hin, „Klar, es ist cool und ja, ich fände es schade sie zu verlieren, aber in letzter Zeit habe ich zunehmend Bedenken über das was wir tun.‟
„Du hast doch über alles deine Bedenken. Du bist ein Bedenkenträger, mein Freund. Finde sich damit ab und hör auf aus einer Mücke einen Elefanten zu machen!‟

Josh seufzte und rieb sich die müden Augen. Er musste Dorian endlich über seine Sorgen aufklären, ihm das nagende Gefühl beschreiben, dass sich in seiner Brust breit machte, sobald er nur an ihre Kunden dachte. „Du musst doch zugeben, dass der Anstieg der Nachfrage bedenklich ist.‟
„Keine Sorge, ich habe ebenfalls Bedenken darüber, was wir uns von dem Geld als erstes kaufen sollen.‟
„Nein, das meine ich nicht. Ich denke, dass du mit deiner Einstellung, dass meine Erinnerungen keinen Schaden verursachen, womöglich falsch liegst. Immerhin verkaufen wir die Gefühle eines Drogentrips, wodurch unterscheiden sich meine Erinnerungen von echten Drogen? Sie berauschen, lassen die Sorgen dahin schmelzen und ich befürchte sie machen auch abhängig.‟ Er atmete erleichtert aus, es schien eine gewaltige Last von seinen Schulter verschwunden zu sein, „Außerdem‟, fügte er hinzu, als Dorian ihn stumm anstarrte, „Fühle ich mich gerade miserabel. Ich brauche nur die Kisten dort drüben anzuschauen und schon juckt es mich in den Fingern mir noch eines von den Gläser reinzuziehen.‟

Die Cousins sahen sich eine Weile schweigend an, bis Dorian sich räusperte und sich stirnrunzelnd die Haare raufte. Nachdenklich erwiderte er: „Liege ich mit der Annahme, dass du ernsthaft vorschlägst aufzuhören richtig?‟ Er sah ihn fassungslos und mit großen Augen an. „Und wenn ja, beichtest du mir deinen Gedenken erst nachdem wir einen ganzen Monatsvorrat hergestellt haben? Wie blöd bist du eigentlich?‟
„Ich sage nicht das wir sofort aufhören sollen‟; versuchte Josh ihm zu erklären und dachte angestrengt nach. „Wenn ich Recht habe und meine Erinnerungen tatsächlich süchtig machen, sollten wir uns langsam zur Ruhe setzten. In einer Entziehungsklinik macht man auch keinen kalten Entzug, oder? Wie wäre es, wenn wie die heutigen Gläser verkaufen, aber danach keine weiteren herstellen. Dann müssen wir auch keine neuen Pillen kaufen, uns nicht mehr an zwielichtigen Orten die Beine in den Bauch stehen und können die Ersparnisse der letzten Monate genießen.‟
Dorian schnaubte zornig. „Du willst, dass wir ein gut gehendes Geschäft beenden, nur weil es womöglich sein könnte, dass unsere Kunden süchtig werden?‟, wiederholte er aufgebracht, „Woher kommen diese Gedanken? Du hattest doch bisher keine solchen Bedenken.‟
Josh zuckte ahnungslos mit den Schultern, „Ich habe bis jetzt nicht gewusst, wie man sich nach dem Erlebnis fühlt. Jetzt, da ich es erfahren habe, kann ich es nicht glauben, was wir den Menschen angetan haben.‟
„Und du willst für sie alle entscheiden? Vielleicht bist du der einzige, der mit dem ganzen Scheiß nicht zurecht kommt, womöglich sind unsere Kunden überglücklich endlich einen Ausweg aus ihrem ansonsten beschissenen Leben gefunden zu haben. Du willst ihnen, ohne dass sie auch nur die Möglichkeit haben selbst eine Entscheidung zu treffen, diese Möglichkeit nehmen? Und was dann? Zu was greifen sie, wenn sie nicht mehr zu uns kommen können? Zu härteren Mitteln? Wenigstens schaden ihnen unsere Flaschen nichts. Oder glaubst du, sie zucken mit den Achseln und nehmen es hin?‟ Dorian sprang verärgert auf. „Vielleicht solltest du von deinem hohen Ross runter kommen und dich nur ein einziges Mal mit ihnen unterhalten, bevor du über sie richtest.‟
„Und vielleicht solltest du ein einziges Mal nicht nur an dich und dein Einkommen denken‟, zischte Josh, aber seine Stimme wirkte gegenüber Dorians wütendem Knurren schwach. „Ich möchte nur das Richtige tun‟, flüsterte er leise.

„Dafür ist es wenig zu spät‟, fauchte Dorian und ließ sich entkräftet auf den Schreibtischstuhl sinken. Er schloss einen Moment die Augen und atmete tief durch. Als er sie wieder öffnete schüttelte er den Kopf und ein schiefes Lächeln stahl sich auf seine Züge, „Okay, das war nicht fair. Es tut mir Leid‟, gab er bei Joshs entsetzter Mine zu, „Ich weiß, dass du ein guter Mensch bist, aber das solltest du endlich selbst begreifen. Wir tun niemandem weh, versteh mich bitte. Die Menschen mit denen wir beide zu tun haben, sollten allerdings selbst die Möglichkeit haben, über die Auswirkungen unserer Ware zu entscheiden. Es ist ihr Leben, nicht deines, aber wenn du dennoch eine kleine Pause einlegen möchtest, stimme ich dem zu. Wir können uns eine Weile zurück ziehen, allerdings unter der Bedingung, dass wir zuvor all unsere Flaschen verkaufen und du wenigstens ein Mal nicht in deinem Zimmer sitzen bleibst, während ich die Drecksarbeit erledige, in Ordnung?‟

Josh biss sich nachdenklich auf die Lippe. Einerseits war es erleichtert, dass Dorian der Pause zugestimmt und sich beruhigt hatte. Allerdings konnte er seinem Cousin noch immer nicht glauben, wenn er behauptete, sie täten niemandem ein Leid. Er hatte sie schließlich nicht gefühlt, das Verlangen und die bedrückende Last, die ihn nach dem Erleben der Erinnerungen befallen hatten. Allmählich klangen diese Emotionen ab, aber weiterhin huschten seine Augen sehnsüchtig zu den bunt schimmernden Gläsern und der Freiheit, die sie versprachen.
Entschlossen schüttelte er den Kopf, um ihn von den verwirrenden Gedanken zu befreien und richtete den Blick auf seinen erwartungsvollen Cousin. Eine Pause klang fantastisch, womöglich würde Dorian irgendwann einsehen, wie wichtig sie tatsächlich war und vielleicht würde er nach ihr erkennen, wie sehr ihn das Geschäft belastet und verändert hatte.

Er nickte ihm zu und auf Dorian Gesicht erschien ein breites Grinsen. Auffordernd streckte er ihm seine Hand entgegen und Josh schlug bereitwillig ein.
„Erst die Arbeit, danach das Vergnügen‟, zwinkerte Dorian ihm zu und griff nach seinem Telefon. Flink tippte er eine Nachricht und Josh verbog sich beinah den Hals bei dem Versuch einen Blick auf das leuchtende Display zu werfen, vergeblich.
Sein Cousin sah auf und schmunzelte bei seiner Neugier. „Ich habe meinem Freund eine Nachricht geschickt, dass wir seine Hilfe doch nicht benötigen.‟
Josh lächelte ihn dankbar an und lehnte sich wieder zurück, „Danke‟, murmelte er.
„Dank mir erst wenn der Monat vorbei ist und vergiss nicht: Deine Pause bekommst du nur, wenn du mir bei dem Verkauf hilfst.‟
„Das bekomme ich hin‟; grinste er und Dorian lachte spöttisch auf.
„Wo ist dein Pessimismus geblieben?‟
„Der macht Pause.‟
Dorian schüttelte den Kopf und fuhr sich durch das ebenfalls müde Gesicht, „Selten einen solch schlechten Witz gehört‟, schmunzelte er und wandte sich zu den gefüllte Kisten an der Wand. Josh folgte seinem Blick und schüttelte energisch den Kopf als ihn erneut dieses unergründliche Verlangen befiel. Noch nie hatte er das Ende eines Monats so sehr herbei gesehnt.

Kommentare

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    Die Idee ist echt genial und wie du das ganze beschreibst macht es wirklich glaubwürdig! Absolut verdiente 5/5

  • Author Portrait

    Diese Geschichte geht immer mehr in die Tiefe... Joshs Zwiespalt, seine Erlebnisse während des Trips und sein Cousin sind sehr gut beschrieben. Ich bin gespannt, wie sie weitergeht!

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