Blindes Vertrauen

Harbek räusperte sich vernehmlich, „Was geschieht nun mit ihm?‟ Er deutete auf Neverember.
„Ich kam nach oben, um den Lord darüber zu informieren, dass die Untoten ohne vorherige Anzeichen, zu Staub und Knochen zerfallen sind‟, entgegnete Knox und trat an das Fenster.
„Durch Valindras Vernichtung, fielen auch ihre Sklaven. Der Schleier zwischen Leben und Tod ist wieder lückenlos‟, erklärte Harbek mit gerunzelter Stirn, „Doch das beantwortet nicht meine Frage, das Volk wird sich nach dem Verbleib seines Anführers erkundigen.‟
„Dennoch hat die Schlacht viele Opfer gefordert‟, sprach Knox unbeeindruckt weiter und deutete zu der Stadtmauer, „Als ich im Thronsaal ankam, lag Neverember bereits von der schwarzen Hexe besiegt am Boden. Ich versuchte ihn zu retten, doch der Zauber der Nekromantin hat ihm alles Leben aus dem Leib gesaugt. Ihr, die Helden Neverwinters, habt den Tod unseres geliebten Lords tapfer gerächt und die Nekromatenkönigin zum Wohle aller vernichtet.‟ Knox drehte sich zu ihnen um und sah sie streng an, „Lord Neverember wird für alle Zeiten in unseren Herzen als Held weiter leben.‟

Keeda lachte freudlos auf, „Ihr erwartet nicht wirklich, dass ich diese Geschichte, die von der Wahrheit nicht weiter entfernt sein könnte, als solche schildere?‟
„Doch das tue ich‟, entgegnete Knox schroff und baute sich drohend vor ihr auf, „Wenn das Volk von Neverembers Vergangenheit erfährt, wird es niemals wieder Vertrauen in seine Regierung fassen.‟
„Aber es soll auf Grund einer Lüge weiterhin blind an seine zukünftigen Anführer glauben?‟, hakte Harbek skeptisch nach und verschränkte die Arme vor der breiten Brust. „Ich stimme Keeda zu, die Menschen verdienen die Wahrheit.‟
„Das Volk verdient vor allem Frieden!‟, knurrte Knox aufgebracht und fuhr sich durch den dichten Bart, „Versteht ihr denn nicht, wie schwierig diese Situation ist?‟
„Ich verstehe sie‟, murmelte Alice und wandte sich zu Keeda und Harbek, „Und ich weiß, wie kompliziert sie auch für uns ist. Die letzten Wochen wollten wir Neverembers Geheimnis lüften, doch nun, da wir alle Antworten haben, dürfen wir sie mit niemandem teilen. Vor allem für dich Keeda muss es schwer sein, die Vorstellung, das Neverember weiterhin als Volksheld gefeiert wird, zu ertragen, obwohl er für so viel Leid verantwortlich ist. Dieses Mal jedoch musst du über deine Rache hinweg sehen, er ist tot, mehr kannst du ihm nicht nehmen, aber wenn du den Menschen von seinen Missetaten berichtest, wird es nicht ihm, sondern uns allen schaden. Revolten, Misstrauen und Aufstände werden die Folge sein.
Wir haben geschworen den Menschen von Neverwinter zu helfen, und das werden wir auch weiterhin tun, selbst wenn man sie dafür zu ihrem eigenen Wohl belügen muss.
Uns bietet sich die fantastische Möglichkeit den Verlauf der Zukunft zu beeinflussen, indem wir für einen würdigen König sorgen.‟ Sie sah ihre Freunde eindringlich an und deutete zum Fenster, „Dort draußen sind Menschen die seit Jahrzehnten in Angst und Schrecken leben. Ihre einzige Hoffnung war Neverember, nur ihr Glaube, dass er diesen Krieg beenden wird, hat sie weiter kämpfen lassen, aber wenn wir ihnen dieses Vertrauen nehmen, werden sie niemals wieder welches fassen.
Die Menschen brauchen einen Helden, sie brauchen uns und eine starke Führung, die nach Frieden und Harmonie strebt.‟
Harbek sah nachdenklich zu Boden und seufzte schließlich genervt auf, „Meinetwegen, aber mein Schweigen soll gut belohnt werden.‟
„Mit einer Lüge das Volk ruhig und biegsam halten? Das klingt nach einer fantastischen Grundlage für eine neue Regierung‟, fauchte Keeda, doch auch sie zuckte letztlich mit den Schulter, „Doch es soll die einzige bleiben. Ich werde eure absurde Geschichte niemals verbreiten, aber ich sichere euch mein Schweigen zu.‟
Knox atmete erleichtert auf, „Ich danke euch. Nun wird ein ein neues Zeitalter anbrechen.‟


„Lord Neverember!‟, lautes Rufen drang aus dem Thronsaal zu ihnen und kurz darauf stolperte ein Soldat mit bleichem Gesicht und dunklen Augenringen in den Raum. Er blieb abrupt auf der Schwelle stehen und starrte mich offenem Mund zu dem Leichnam an der Wand. Seine Augen weiten sich schreckerfüllt und Tränen traten in seine rehbraunen Augen. Er hauchte den Namen des Lord und blickte hilflos zu Knox.
„Der Lord ist tot‟, bestätigte der Feldwebel und Keeda musste sich ein spöttisches Auflachen verkneifen, „Berichte.‟ Der Blick des Soldaten wanderte wieder zu Neverember und er schluckte schwer bei dessen zerfurchtem Anblick. Er musste sich mehrmals räuspern, bevor er mit erstickter Stimme antworten konnte.
„Nachdem die Bestien in sich zusammen gefallen sind, und ihr in den Palast gegangen seid, haben wir uns Sorgen gemacht. Ihr kamt nicht wieder und die Männer wurden unruhig, selbst die Orks schienen … verblüfft, soweit man das bei ihren grobschlächtigen Gesichtern sagen kann.
Ich kam her, um nach euch und dem Lord zu sehen und zu bestätigen, dass tatsächlich alle Untoten unschädlich gemacht wurden. Wir haben die Schlacht gewonnen, auch wenn unsere Verluste rapide sind. Es wird Tage dauern alle Toten zu bergen und die Verwundeten zu versorgen.
Dennoch beginnen die von uns, die die Nacht überlebt haben, bereits mit dem Feiern, aber ich werde sofort alle Gelage unterbinden.‟ Er sah traurig zu seinem toten Lord und eine Träne bahnte sich ihren Weg über seine bleiche Wange.
Knox schüttelte entschieden den Kopf, „Lasst sie bis zum Morgengrauen feiern und weiht nur die Generäle in die Nachricht von Neverembers Tod ein. Sie sollen sie erst bei Tagesanbruch verbreiten und mit der Versorgung der Verwundeten beginnen. Wenn es hell ist, können wir auch mit der Bergung der Toten und dem Ausheben der Gräber beginnen.
Schickt Nachricht zum Neverdeath-Friedhof, auch diese Gegend war von Valindras Untoten besetzt, fragt nach, ob dort ebenfalls Frieden herrscht und veranlasst, dass sie morgen mit den Vorbereitungen für zahlreiche Beisetzungen beginnen sollen.‟ Er sah den Soldaten auffordernd an, der unsicher nickte und Knox Worte leise murmelnd wiederholte, er wollte sich bereits zum gehen abwenden, als die Stimme des Feldwebels ihn inne halten ließ.
„Soldat!‟, rief Knox und lächelte ihn aufmunternd an, „Bewahrt auch nach dem Kampf euren Mut und verbreitet eine Nachricht unter den Kämpfern. Valindra wurde besiegt und nach langer Zeit wird wieder Frieden in Neverwinter einkehren.‟
Der Soldat seufzte erleichtert und nickte dem Feldwebel dankbar zu. „Ich werde es alle wissen lassen.‟ Er verließ sie eilig und mit einem befreiten Lächeln auf den Zügen.

Feldwebel Knox wandte sich wieder Alice, Harbek und Keeda zu und das Lächeln verschwand aus seiner nun wieder ernsten Miene. „Valindra ist gefallen, doch der Kampf ist noch nicht vorbei. Die Untoten mögen besiegt und mit ihnen werden auch die roten Magier an Macht verlieren, aber noch immer stiften vereinzelte Gruppen Unruhe.
Die Waidmänner kämpfen aus unbekannten Gründen gegen unsere Soldaten, Teufel besetzten Helms Hold, auch wenn es möglich ist, dass sie mit den Untoten verschwunden sind. Neben diesen offenen Konflikten, gibt es zahlreiche Probleme, denen man bis heute ausgewichen ist.
Über euren Friedensvertrag mit den Orks muss verhandelt werden, ihr Bild in unserer Gesellschaft dementsprechend angepasst und Kompromisse müssen geschlossen werden. Es gibt zahlreiche Gruppierungen in den Faerûn mit denen Neverwinter zu lange keinen Kontakt mehr pflegte, darunter auch die Zwergenorden und die Elfenreiche. Selbst die Dunkelelfen müssen wieder in unsere Gesellschaft eingegliedert werden, wenn wir einen neuen Krieg verhindern wollen.‟ Er sah zu Keeda, die ihm mit einem Nicken beipflichtete, „Es scheint, die eigentliche Arbeit stünde uns noch bevor. Ganz zu schweigen von der Wahl des neuen Königs. Die Adelshäuser werden sich gegenseitig in Fetzen reißen, sobald sie von Neverembers Tod erfahren und erstmals haben wir niemanden von königlichem Blut, um den Thron erneut zu besetzten.‟
Knox seufzte erschöpft auf, „Doch all diese Dinge sollen euch nicht beschäftigen. Dank euch ist die schwarze Hexe besiegt, die Korruption beendet und wir haben die Möglichkeit zu einem Neunanfang. Geht hinaus, feiert, lacht und trinkt in dieser Nacht des Sieges.
Ab hier seid ihr von euren Verpflichtungen befreit, ich übernehme diese Bürde und verspreche euch, dass ich beim nächsten König nicht mehr so blind sein werde.‟

„Unsere Dienste stehen euch immer zur Verfügung‟, versicherte Alice lächelnd und half Harbk auf die zittrigen Beine. Der Zwerg musste sein gesamtes Gewicht auf die Assassine verlagern, um einigermaßen aufrecht stehen zu können.
„Ich stimme ihr zu‟, bestätigte Keeda überraschend freundlich, „Ihr seid immer der gewesen, zu dem alle kamen, wenn sie Fragen hatten. Ihr habt für Ordnung gesorgt, nicht Neverember und wenn ihr jemals unsere Hilfe benötigen solltet, werden wir für euch kämpfen.‟
„Für den richtigen Preis versteht sich‟, wandte Harbek schmunzelnd ein, aber fügte auf Alice vorwurfsvollen Blick hinzu, „Oder auch aus reiner Nächstenliebe‟
Knox nickte ihnen dankbar zu, „Mit einem hatte Neverember schon immer Recht, ihr seid tatsächlich die wahren Helden von Neverwinter.‟

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